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Uefa-Chef verrät die Zukunft des Fußballs


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 41/2022 vom 12.10.2022

INTERNATIONAL

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 41/2022

Der Slowene Aleksander Ceferin ist seit 2016 Präsident der Uefa. Auf dem Kongress im April 2023 in Lissabon stellt sich der Jurist und Vater dreier Töchter zur Wiederwahl. Auch der DFB hat Ceferin seine Stimme zugesagt

Als Aleksander Ceferin (54) zum SPORT BILD-Termin in der Uefa-Zentrale in Nyon den spartanisch mit zwei Stühlen und einem kleinen Tisch ausgestatteten Raum mit Blick Genfer See betritt, stutzt er kurz: Ob er für die Fotos besser sein Sakko überstreifen solle? Nicht nötig, Präsident Lässig, und wenn wir schon dabei sind: Etwas dagegen, wenn wir ein paar Kunst-Fotos mit Blaulicht schießen? Kein Problem für Ceferin. Seine Frau Barbara sei Fotografin, habe eine Galerie in der Heimatstadt Ljubljana/Slowenien. So hemdsärmelig kommt er auch im Interview rüber.

SPORT BILD: Herr Ceferin, in sechs Wochen beginnt die WM in Katar. Wer ist Ihr Titel-Favorit?

ALEKSANDER CEFERIN: 2006, 2010, 2014 und 2018 haben Mannschaften aus Europa gewonnen (Italien, Spanien, Deutschland, Frankreich; d. Red.). Mit Europa können meiner Meinung nach nur Argentinien und Brasilien mithalten. Die Nations ...

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... League hilft den europäischen Teams, noch bereiter zu sein für harte Spiele wie bei der WM, das unterscheidet uns von anderen Kontinenten, und deshalb ist eine EM heutzutage wahrscheinlich stärker als die WM. Ich erwarte, dass zwei Europäer im WM-Endspiel stehen werden.

Frankreich und ... Frankreich ist stark, aber ich würde England trotz des Abstiegs in die B-Liga der Nations League nicht unterschätzen. Dazu kommen die Niederlande, Belgien, Spanien – und Deutschland. Ihr habt ein gutes Team, einen sehr guten Trainer und könnt eine Überraschung werden.

Zehn der 13 europäischen WM-Teilnehmer unterstützen eine Kampagne der Holländer und tragen bei der WM die „One Love“-Armbinde statt der Regenbogen-Farben, weil Homosexualität in Katar hart bestraft wird. In Deutschland hat die Entscheidung für große Kritik gesorgt. Wie stehen Sie dazu?

Die Position der Uefa ist sehr klar, und wir haben bereits kommuniziert, dass, wir die „One Love“-Kampagne unterstützen. Aber wir zwingen niemanden, die Armbinde zu tragen. Diese Entscheidung treffen die Teams. Die Uefa wird sich weiterhin für die Achtung der Menschenrechte einsetzen. Aus diesem Anlass haben wir 2021 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, um die Probleme im Zusammenhang mit Menschen- und Arbeitsrechten in Katar im Vorfeld der WM und darüber hinaus zu untersuchen.

Stehplätze bei EM in Deutschland doch möglich!

Ihre Zwischenbilanz?

Der jüngste Besuch hat das Verständnis verstärkt, dass Veränderungen stattfinden, und den Eindruck bestätigt, dass die WM den Wandel beschleunigt hat, insbesondere in den Bereichen Arbeitsrechte sowie Sicherheit und Inklusion von LGBTQIA+ (lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und alle anderen queeren Menschen; d. Red.). Fußball dient weiterhin als positiver Katalysator für Veränderungen.

Im Europapokal erlaubt die Uefa in dieser Saison erstmals seit dem Verbot 1998 wieder Stehplätze. Bei der EM 2024 in Deutschland soll es aber keine Stehplätze in den zehn Stadien geben. Warum sagt die Uefa hier Nein? Oder kann sich die Haltung noch ändern?

Es ist darüber noch keine finale Entscheidung im Uefa-Exko gefallen. Die Bestimmungen sind aktuell andere, aber wir testen in dieser Saison in vier Ländern Stehplätze in den europäischen Klub-Wettbewerben, darunter in Deutschland. Ich sage nicht, dass es bei der EM definitiv nicht möglich ist, weil wir noch nicht alle Informationen haben. Heißt also: Es ist doch möglich? Wenn Berichte bis 2023 belegen, dass es funktioniert und sicher ist, werde ich mich bei unseren Experten informieren, ob es auch bei der EM machbar ist. Ich bin optimistisch, dass es in den Klub-Wettbewerben funktionieren wird – und speziell bei den Bundesliga-Vereinen. Sie haben große Erfahrungen mit Stehplätzen.

An der Nations League nehmen ab 2024 auch die Top-Teams aus Südamerika teil. Ein Final 8 mit den besten vier Teams der Verbände Uefa und Conmebol, das im Wechsel in Europa und Südamerika ausgetragen wird – das klingt auch für die Fans gut …

Das klingt sehr gut und sehr interessant. Aber es gibt immer ein Problem mit dem internationalen Spielkalender und freien Terminen. Wir müssen viele Dinge vor einer Entscheidung beachten. Alles ist möglich, wir diskutieren das mit unseren Freunden von Conmebol, aber es gibt noch keinen konkreten Plan.

Real Madrids Präsident Florentino Pérez behauptet, die drei europäischen Klub-Wettbewerbe seien gerade für jüngere Fans unattraktiv. Seine Lösung ist bekannt: eine von einem Investor finanzierte Super-Liga mit Europas Top-Vereinen, nur 25 Prozent der Startplätze werden frei vergeben. Ihre Antwort?

Ich denke, ich habe einen besseren Durchblick als Pérez, was die jüngeren Fans betrifft. Sie lieben Fußball, gucken Fußball, und ihre Anzahl wird immer größer, weil die europäischen Klub-Wettbewerbe fantastisch sind. Es ist vor allem die komplette Offenheit für alle Vereine, die ihre große Attraktivität ausmacht. Es wird schon zu lange und zu viel über dieses Nicht-Projekt gesprochen. Pérez bestätigt doch, dass er eine geschlossene Liga für die Elite will, denn für mich bestätigen diese 25 Prozent, dass sie geschlossen ist. Diese drei Vereine (Real, Barça, Juve; d. Red.) denken, dass sie anderen Klubs Geld spenden können, damit diese nicht mitspielen, nennen das sogar Solidarität. Aber die Klubs wollen keine Almosen. Sie wollen international spielen und gewinnen. Den besten Slogan habe ich bei Leeds United gesehen: „Verdiene es auf dem Platz!“

Bedeutet: Ein Platz in Europa muss sportlich erkämpft werden und darf nicht mit Geld eingekauft werden …

Für mich ist die Situation sehr klar: Auf der einen Seite haben wir drei komplett offene Wettbewerbe der Uefa. Auf der anderen eine geschlossene Liga, in der die Elite unter sich spielt.

Neues Turnier mit Ländern nur aus Europa und Südamerika kommt!

Meiner Meinung nach ist DAS unattraktiv. Die Fans wollen das nicht, es würde den europäischen Fußball und das europäische Sport-Modell ruinieren. Warum ist der Fußball so stark im Vergleich zu anderen Sportarten? Weil er offen ist. Wir sehen jetzt einen Spieler aus Georgien, der langsam zum Superstar beim SSC Neapel wird: Khvicha Kvaratskhelia. Wäre das möglich ohne einen offenen Wettbewerb? Oder ohne dass die Uefa bis zu 97 Prozent ihrer gesamten Einnahmen an den Fußball zurückgibt? Niemals!

Können Sie den Fans versprechen, dass es unter Ihnen als Uefa-Präsident keine Super-Liga geben wird, auch wenn das abtrünnige Trio mit seiner Klage gegen die Uefa und Fifa Anfang 2023 vor dem Europäischen Gerichtshof gewinnt?

Solange ich Präsident bin, werde ich niemals eine geschlossene Liga unterstützen – die gerade ohne die Klubs aus England, Deutschland und Frankreich alles andere als super wäre.

Es wird spekuliert, dass die Uefa einen neuen Wettbewerb plant: einen Final-Four-Supercup in den USA mit den drei Siegern der Europacup-Wettbewerbe und dem Meister der US-Profiliga MLS. Trifft das zu?

Nein, wir haben nie über die Teilnahme eines MLS-Teams gesprochen. Wir diskutieren darüber, ob wir den Supercup vielleicht ein bisschen größer machen mit vier europäischen Teams, aber da gibt es noch das Problem, dass einige Ligen im August starten, andere im September.

Und die vier Europäer wären die beiden Champions-League-Finalisten und die Sieger der Europa League und der Conference League?

Wir haben das noch nicht besprochen. Wichtig ist wieder, dass man sich die Teilnahme auf dem Platz verdienen muss. Wir wählen keine Teams aus.

Ich fände eine „Week of Football“ am Saisonbeginn gut – vielleicht auch mit den Siegern und Finalisten aus dem Frauen- und Nachwuchsfußball. Aber es gibt dafür keinen konkreten Vorschlag oder Zeitplan.

Ab 2024 wird die Champions League mit 36 Klubs im Liga-Modus gespielt. Könnte auch hier ein Final-Four-Turnier an einem Spielort wie bislang einmalig 2020 in Lissabon statt des Halbfinals eingeführt werden?

Wir alle lieben, was wir in Lissabon geboten bekommen haben – obwohl wegen der Corona-Pandemie die Fans gefehlt haben. Man muss sich nur mal vorstellen, was für eine Atmosphäre herrschen würde, wenn vier Mannschaften mit ihren großen Fan-Gruppen dabei wären: Das wären echte Fußball-Feste! Aber wir haben nicht nur Terminprobleme. Bei einem Final Four würden die beiden Halbfinals nicht mehr mit Hinund Rückspiel ausgetragen werden, es gäbe nur noch ein Spiel. Das bedeutet nicht nur, dass Einnahmen aus einem großen Heimspiel für die Klubs wegfallen. Für weniger Spiele würden auch die TV-Sender weniger bezahlen.

Viele Klubs haben die Sorge, dass die Champions League zu einer Super League mit immer denselben Top-Klubs wird, wenn ab 2024 noch mehr Prämien an sie fließen. Wird es eine Umverteilung der Prämien aus den von aktuell 3,5 auf fünf Milliarden Euro anwachsenden TV-Einnahmen zugunsten der Euro-pa League, der Conference League und der Solidaritäts-Zahlungen geben?

Wir haben das noch nicht diskutiert. Die Champions League gibt schon viel Geld ab an die Europa League und die Conference League. Ich stimme zu, dass die Solidarität groß sein und das Geld geteilt werden muss. Andererseits muss es das Interesse der Klubs sein, einen Wettbewerb zu gewinnen und dafür finanziell belohnt zu werden. Wir müssen die richtige Balance finden. Die Uefa nimmt dieses Thema sehr ernst, die Solidaritätszahlungen in dieser Saison sind zum Beispiel auf 172 Mio. Euro gestiegen. Zusätzlich haben sich die Soli-Zahlungen für nicht teilnehmende Teams um das 6,5-Fache erhöht, von elf Mio. Euro in 2014 auf 72 Mio. in 2022. Das ist der richtige Ansatz.

Was erwarten Sie vom neuen DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf? Dass er den skandalgebeutelten DFB endlich in ruhiges Fahrwasser führt?

Ich mag Bernd Neuendorf, wir haben eine sehr gute Beziehung. Er kommt nicht aus dem Fußball, vielleicht ist das gerade gut in der Situation, in der sich der DFB befindet. Er ist ein Mann des Konsenses, eine ruhige Persönlichkeit, die den Fußball liebt. Und er hat in seinem Vizepräsidenten Hans-Joachim Watzke, der viel Erfahrung im Fußball hat, einen großen Unterstützer. Die beiden ergänzen sich sehr gut. Ich erwarte viel von Bernd – vor allem, dass er für lange Zeit DFB-Präsident bleibt. Es ist nicht gut für einen der größten, wenn nicht den größten Fußball-Verband der Welt, wenn alle paar Jahre der Präsident ausgetauscht wird.

Wie stehen die Chancen, dass Neuendorf auf dem Uefa-Kongress 2023 in den Fifa-Rat gewählt wird und Hans-Joachim Watzke ins Uefa-Exko?

Sie gehen sehr respektvoll mit den anderen Nationalverbänden um. Als ehemaliger Präsident eines kleinen Verbandes wie Slowenien mochte ich es sehr, wenn uns die Präsidenten der großen Verbände mit Respekt behandelt haben, uns besucht und versucht haben zu kooperieren. Und diese beiden reisen viel herum, und sie sprechen mit jedem. Als ich Präsident des slowenischen Verbandes war, hat mein damaliger DFB-Amtskollege (Wolfgang Niersbach; d. Red.) kaum mit mir gesprochen. Der DFB kann kleineren Ländern mit seinem Know-how helfen. Ich bin beeindruckt, wie Bernd und Aki die Dinge handeln, und sehe ihre Chancen sehr hoch. Aber als Uefa-Präsident kann ich niemanden vor der Wahl unterstützen.

Der 1. FC Köln hat die Uefa aufgefordert, Belarus als Unterstützer Russlands im Ukraine-Krieg vom Europacup auszuschließen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat die Uefa aufgefordert, Belarus von der Qualifikation zur EM 2024 auszuschließen. Beides verweigert die Uefa. Warum?

Wir beobachten die Situation jeden Tag sehr genau in sachlicher und rechtlicher Hinsicht. Keine Regierung oder kein Klub werden bestimmen, welche Entscheidung das Uefa-Exko – wenn nötig – treffen wird. Es ist ein bisschen populistisch zu fordern: „Schmeißt alle raus!“ Aktuell sehen wir keinen Grund, das zu tun. Wenn sich die Dinge ändern, werden wir sicherlich reagieren. Die Politik sollte unsere Entscheidungshoheit respektieren. Wir predigen Politikern und Regierungen auch nicht, was sie tun sollen.

Sie haben Faeser im Rahmen der Auslosung der EM-Quali in Frankfurt getroffen ...

Wenn ich von Frau Faeser spreche, muss ich betonen, dass wir eine außergewöhnlich gute Beziehung zur deutschen Regierung haben, insbesondere zur Innenministerin. Wir schätzen ihre Expertise und Unterstützung beim Projekt EURO 2024 und sind zuversichtlich, dass wir gemeinsam ein Turnier für die Ewigkeit organisieren werden.

Ein Champions-League-Final-Turnier würden alle lieben!