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UMFRAGE


Schwulissimo Das Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 30.10.2020

WAS WÄRE, WENN…


BERND aus Stuttgart

Artikelbild für den Artikel "UMFRAGE" aus der Ausgabe 11/2020 von Schwulissimo Das Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Schwulissimo Das Magazin, Ausgabe 11/2020

… ich plötzlich Corona bekäme?

Das wäre schrecklich, denn in meinem Bekanntenkreis gibt es schon Einige, die sich infiziert haben. Ich würde meine Familie informieren, mich in Quarantäne begeben, professionell die Vorschriften beachten und mich zwei Wochen lang vergraben.

Corona verläuft ja in der ersten Woche der Infektion noch relativ harmlos. Erst in der zweiten Woche entscheidet sich, ob es ernst wird oder nicht. Ich würde mich aber trotzdem zurückhalten und mein gewohntes Programm runterfahren. Wahrscheinlich würde ich endlich dazu kommen, meine ganzen Schallplatten ...

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... anzuhören, bei denen ich schon dachte, dass ich das im Leben nicht mehr schaffen würde. Außerdem würde ich mir immer gutes Essen bestellen und sehr viel mit meinen Freunden chatten.

Ich lebe in einer festen Beziehung und wir haben uns schon mit diesem Thema beschäftigt und uns Gedanken dazu gemacht. Aber Angst habe ich eher um andere. Meine Mutter zum Beispiel ist 88 Jahre alt und gehört daher zur Risikogruppe. Ich habe in den 80ern das Thema „Aids“ bereits miterlebt - da musste ich auch „einfach“ mit dieser Tatsache umgehen.

Ich gehe auch mal aus, halte aber die Kontaktmöglichkeiten sehr gering. Ich denke man geht nicht mehr so frei und offen durchs Leben wie vorher.

Zurzeit erlebe ich auch noch ganz andere Sachen: Mein Ex ist mit seinen 43 Jahren vor ein paar Tagen mit einem Gehirnschlag auf der Intensivstation gelandet. Man sollte also jeden Tag bewusst leben, denn es kann jederzeit jeden treffen.

VOLKER aus Hennef

… ich 20 Jahre jünger wäre?

Du lieber Himmel! Ich würde natürlich – so wie es auch die meisten vermuten – alles komplett anders machen, weil es rückblickend ja doch in den eigenen Augen „so schrecklich“ war, kurz vor der „Verjüngung“. Ich würde zuerst einmal rebellieren und selbstverständlich einen ganz anderen Beruf wählen. Dann wäre ich nämlich Privatier und müsste nichts mehr selber machen. Die Villa mit den 20 Schlafzimmern, 14 Bädern, einem Kinosaal und eigener Diskothek wären natürlich obligatorisch. Ebenso könnte ich mir dann mein ganzes soziales Umfeld so „einkaufen“ wie es mir persönlich in den entsprechenden Momenten gefallen würde wie und wie viel Lust ich auf die entsprechende Gesellschaft hätte. Richtige Freunde hätte ich natürlich auch, weil ich ja alles hätte. Und wenn was fehlen würde, könnte ich es mir ja leisten…

Soviel zu den tollen Gedanken und Träumen. Was wäre tatsächlich, wenn ich 20 Jahre jünger wäre? Da ist zunächst die Frage: „20 Jahre jünger sein mit dem Wissenstand von heute oder 20 Jahre jünger ohne den Wissenstand von heute?“ Egal welches Szenario, ich würde mein Leben definitiv noch einmal so leben wie bis jetzt. Allerdings mit ein paar kleinen Ausnahmen: Mein Coming-out würde ich viel früher machen und mich mehr im Sozialen und Gesellschaftlichen einbringen. Was man bei diesem doch recht netten Gedankenspiel nicht vergessen darf: Wenn ich mein Leben jetzt noch einmal leben könnte (bzw. dann ja müsste), hätte ich ganz viele wundervolle, interessante und liebe Menschen gar nicht kennengelernt. Und ich hätte auch noch die 90er verpasst! (vvg)

DENNIS aus Berlin

… die Menschen, und insbesondere die der LGBTI*-Community, alle „gleich“ wären?

Ich bin ein Mensch mit Migrationshintergrund: Meine Mutter ist Philippinin, mein Vater Spanier. Ich fühle mich als Deutscher, da ich hier auch aufgewachsen bin. Trotzdem wurde ich besonders in Online-Portalen immer wieder aufgrund meines Aussehens diskriminiert und musste mir einiges gefallen lassen. Viele denken, dass ich aus Latein-Amerika komme. Wenn sie allerdings erfahren, dass ich zur „Asiatenfraktion“ gehöre, bin ich raus. Einige, die hier geboren sind, schreiben mit großer Selbstverständlichkeit in ihren Portalen, dass sich „schwarze, dicke, asiatische oder transsexuelle Menschen gar nicht erst melden brauchen“. Ich finde es heftig, dass die, die sowas für alle ersichtlich öffentlich machen, voll dahinterstehen und das auch noch für legitim und richtig halten. Diese öffentliche Verurteilung schmerzt viele Menschen sehr. Das ist traurig, denn ich kenne viele Gleichgesinnte, die weniger gut damit umgehen können, weil sie nicht die Stärke haben, die ich mir inzwischen angeeignet habe. Sie haben nicht den Mut, erhobenen Hauptes durch die Community zu gehen.

Man denke auch nur an die Menschen, die aus Ländern flüchten, in denen sie ihr Schwulsein nicht ausleben können. Sie kommen traumatisiert in das freie und bunte Deutschland, in dem angeblich alle tolerant sind und erfahren hier auch in der Schwulenszene Rassismus und Ausgrenzung. Wären wir da alle gleich, gäbe es mit Sicherheit weniger Feindschaften und Diskriminierungen. Das ist wirklich ein Thema, über welches in der Szene offen gesprochen werden sollte.

FRANK aus Bonn

… Tattoos verboten würden oder ich wegen meiner Tattoos diskriminiert werden würde?

Das fände ich sehr schlecht! Denn was einmal in der Haut ist, lässt sich auch mittels Laseroperation nicht hundertprozentig wieder entfernen. Es wäre fatal, denn das wäre eine Einschränkung der Freiheit zu entscheiden, was ich mit meinem Körper selber machen will. Diese Freiheit muss genauso erhalten bleiben wie die Frage der Sexualität. Denn ob man sich bewusst oder determiniert biologisch für eine Sache festlegt, gehört auch zur persönlichen Freiheit. Mein Körper gehört mir und ich verbinde mit den Blackworks-Tattos (Schwarz-Weiß-Tattoos) meine Individualität. Tattoos sind für mich eine Kunst und ich möchte meinen Körper bis zu 80 % tätowieren lassen, derzeit sind es etwa 20-30 %. Allerdings verstehe ich auch, dass einige Motive als Tattoos verboten sind, weil sie anstößig sind.

Darüber hinaus gibt es auch Berufe, bei denen sichtbare Tattoos unerwünscht sind. In meinem ersten Beruf als Verkäufer war mein nächster Vorgesetzter auch tätowiert, allerdings hatte der übergeordnete Chef Probleme damit, als ich meine Hände und mein Gesicht tätowieren ließ. Für mich spielt ein gepflegtes Äußeres und soziale Kompetenz eine viel größere Rolle im Umgang mit Menschen. Vielleicht gibt es Leute, die sich durch Tattoos eingeschüchtert fühlen oder ältere Menschen, die mit Tattoos eher Seefahrt oder Knast verbinden. Aber das wird sich in den nächsten Jahren hoffentlich ändern. In meinem jetzigen Beruf als selbstständiger Friseur bestehen wegen meiner Tätowierungen keine Einschränkungen. In der Liebe warte ich noch auf den Einen, der mich mit meinen Tattoos so liebt, wie ich bin.

MARIO aus Wiehl (oberberg. Kreis)

… ich meinen jetzigen Mann nicht kennengelernt hätte?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit jemand anderem eine Beziehung eingegangen wäre. Oliver und ich haben uns auf einer heterosexuellen Geburtstagsfeier kennengelernt, danach hat er sich sehr um mich bemüht. Ich wollte zuerst keine feste Beziehung, wollte mich einfach nicht binden. Für Nähe und Gespräche hatte ich meinen Freundeskreis, dafür brauchte man keine Beziehung. Ich wollte mich nicht zu Etwas verpflichten, was ich nicht auch erfüllen konnte. Ich war da sehr gradlinig und singulär. Mehrere Sachen gleichzeitig waren kein Thema, ich hatte ja mein Studium. Dinge, die man nicht kennt, vermisst man auch nicht.

Oliver ließ aber nicht locker und sorgte dafür, dass eine Beziehung für mich doch zum Thema wurde. Zunächst führte sein Drängen und Werben um mich allerdings zu einer Sendepause zwischen uns. Erst da bemerkte ich, dass das die schlimmste Zeit meines Lebens war. Ich war bis dato immer ein Kopf-Mensch – durch ihn habe ich auch mein Bauch- und Herzgefühl kennengelernt.

Oliver hat Dinge in mir hervorgerufen, die vielleicht in mir schlummerten, welche ich aber nicht raus ließ. Zum Beispiel wäre ich früher nicht wirklich auf Reisen gegangen, das fand ich einfach nicht notwendig. Mir hatte tatsächlich die theoretische Kenntnis der Welt ausgereicht, das Lesen über andere Länder und Dokumentationen darüber. Erst durch Oliver habe ich solche Dinge entdeckt. Ohne ihn wären mir viele schöne Momente entgangen. Außerdem hat man viel mehr Spaß am Leben, wenn man etwas mit jemandem erlebt, den man liebt.

CLAUDIA ROTH Vizepräsidentin des Bundestages

… endlich der Artikel eins unseres Grundgesetzes nicht nur in Sonntagsreden vorkommen würde, sondern jeden Tag tatsächlich mit großer Leidenschaft praktiziert würde?

Darin steht nämlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, und nicht: „Die Würde des männlichen, christlichen, heterosexuellen, nicht behinderten oder weißhäutigen Menschen…“.

Wenn alle kapieren würden, dass dieser wunderbare Satz bedeutet, dass wir alle gleiche Werte besitzen und dass der Wert eines Menschen weder von seiner Religion noch von seiner Hautfarbe, seiner Nichtbehinderung oder seiner sexuellen Orientierung abhängt, dann wäre unser Zusammenleben friedlicher. Es wäre respektvoller und wir hätten endlich das Gefühl, dass das bunte, gemeinsame Wir-Gefühl auch tatsächlich ein „wir“ ist. Dann wären wir nicht spaltbar von denen, die Hass und Hetze betreiben oder jenen, die bestimmen wollen, wer dazu gehört und wer nicht.


Fotos: VVG