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UMWELTSCHÜTZER: DIE GRÜNEN WARLORDS


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 25.01.2019

UMWELTSCHÜTZER Diesel, Kohle, Glyphosat – die Ökokrieger treiben Politiker und Manager unbarmherzig vor sich her. Eine neue Macht etabliert sich im Staat.


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Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 2/2019

34 STÄDTE
werden vonJürgen Reschs Umwelthilfe verklagt. 2019 wird das Jahr der Diesel - fahrverbote.


Das Misstrauen ist immer da bei Dirk Jansen (55). Der Geschäftsleiter des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Nordrhein-Westfalen will an diesem Vormittag mit Lasergerät und Drohne nachmessen, wie nah der Schaufelradbagger von RWE dem Hambacher Forst schon gekommen ist.

Im Auto zieht er sich Wanderschuhe an, für die schlammigen Wege. Jansen ...

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... organisiert den Protest in jenem Areal, das sich als Großkonfliktzone ins Bewusstsein eingebrannt hat wie einst Wackersdorf oder Gorleben. Per Gerichtsurteil hat der BUND einen vorläufigen Rodungsstopp für den Wald erreicht, ein spektakulärer Coup, der RWE rund zwei Milliarden Euro Börsenwert gekostet hat, der Schaden im operativen Geschäft ist da noch gar nicht eingerechnet. Routinier Jansen tut das als Normalität ab, man kämpfe schließlich schon 40 Jahre gegen den Konzern und den Tagebau. Und er weiß, das Ringen geht weiter.

In diesen Wochen und Monaten ist die hohe Zeit der Klimakrieger, der Jansens dieser Republik. Anfang 2019 will SPD-Bundesumweltministerin Svenja Schulze (50) einen ersten Entwurf für ein neues Klimaschutzgesetz vorlegen. Bis Februar wird der Abschlussbericht der Kohlekommission erwartet. Ein rundes Dutzend gerichtlich verfügter Dieselfahrverbote werden umgesetzt. Und die Bundesregierung muss sich zu einer Position durchringen, wie sie den Unkrautvernichter Glyphosat eindämmen will. Alles Anlässe für Aufruhr.

Wie nie zuvor treiben die grünen Vorkämpfer Wirtschaft und Politik vor sich her. Bei RWE scheint man die Ökokrieger als neue Macht im Staate an - zusehen. Sie agierten juristisch und kommunikativ wie professionelle Unternehmen.

„Unübersichtlich“ sei die Szene geworden, konstatiert auch Thilo Bode (72), lange Zeit Greenpeace-Chef und Gründer der auf Ernährung spezialisierten Gruppierung Foodwatch. Die gesellschaftliche Akzeptanz und die Spendenbereitschaft sei mit der Zeit gestiegen. „Der Kuchen ist größer geworden, aber auch die Zahl der Esser.“

Immer mehr Nichtregierungsorganisationen (NGOs) buhlen um Aufmerksamkeit und Geld. Die Spanne reicht vom Quasi-Einmannbetrieb Jürgen Resch (58), dem Gesicht der Deutschen Umwelthilfe, bis zu Greenpeace (600.000 Unterstützer).

Dank richterlicher Assistenz können sie Einfluss entfalten, von dem die Ökoveteranen der 80er und 90er Jahre nur träumen konnten. Auch die Schärfe der Auseinandersetzung nimmt zu. Die NGOs dringen oft nur noch mit krassen Botschaften durch. Nicht selten operieren sie dabei in Grauzonen, am Rande der Gemeinnützigkeit, ohne deren Steuervorteile sie kaum überleben können. Gelegentlich zieht der bürgerliche Widerstand auch Militante an, vermummte Demonomaden, die mit Zwillen schießen und Brandsätze deponieren. Wer also sind die grünen Vorkämpfer? Und was sind ihre Geschäftsmodelle?

Die grüne Klagearmee
Diese Wiese erklärt schon viel. 500 Quadratmeter nur, direkt am Hambacher Tagebau, Löwenzahn und Zufallskräuter, im Graben eine leere Wodkaflasche. BUND-Mann Jansen hat ein großes gelbes Andreaskreuz einbetonieren lassen, das aus der Anti-AKW-Bewegung stammende Symbol des Widerstands. Den fragileren Vorläufer hatte ein Truck zerstört – versehentlich oder nicht. Jedenfalls gab es eine Strafanzeige. Ein Schild warnt: „Absolutes Betretungsverbot für RWE-Mitarbeiter“.

987 VERFAHREN beackerte der BUND 2017 allein in Nordrhein- West falen. FrontmannDirk Jansen bündelt den Protest am Hambacher Forst.

Die Miniflache, seit 1997 im BUND-Besitz, dient einzig der Juristerei. Als RWE das Gelande brauchte, um den Tagebau zu erweitern, lies der BUND sich zwangsenteignen – um dagegen zu klagen. Zur Not geht die Sache nun bis zum Bundesverfassungsgericht.

Solche Auseinandersetzungen sind die scharfste Waffe der Umweltschutzer. Per Gericht zwingen sie Konzerne und Politik auf Linie. Jansen sagt, das sei „ein Instrument unter vielen“, allerdings ein „eminent wichtiges“. Als anerkannter Naturschutzverein muss der BUND an Planverfahren beteiligt werden. Passt ihm etwas nicht, klagt er.

Wie keine zweite Umweltorganisa - tion hat der Verein seine Starke im Lokalen. In Nordrhein-Westfalen (zehn Hauptamtliche) leisten Ehrenamtliche in 180 Orts-, Kreis- und Regionalgruppen „die Karrnerarbeit“ (Jansen). „Die wuhlen sich durch Aktenordner, schreiben Stellungnahmen.“ Zur ortlichen Umgehungsstrase, dem neuen Gewerbegebiet, dem Holzeinschlag im Stadtwald. Oft finden sie ein beklagenswertes Detail. In Hambach war es die schutzenswerte Bechsteinfledermaus.

Allein in NRW kamen 2017 so knapp 1000 Verfahren zusammen. Das kostet viel Geld, fur externe Gutachter oder fur Spezialanwalte, die im Bergrecht bewandert sind. Ein groser Teil des Jahresbudgets geht fur die Prozesse drauf.

Mit Unterstutzung der lokalen Helfer ist es Jansen zudem gelungen, Massenprotestzuge zu organisieren. Nach dem Rodungsstopp im Oktober pilgerten 50.000 zur Siegesfeier am Hambacher Forst. Anfang Dezember hat er rund 20.000 Leute zur Demo in Koln motiviert, trotz Kalte und Weihnachtsmarkten. Ein groser Erfolg.

Jansen sagt, der BUND bundele den burgerlichen, gewaltfreien Widerstand, „Oma, Opa, Kind und Kegel“. Da musse man halt mit der Kritik leben, man sei nicht radikal genug. Die kommt von der Abteilung Sabotage, von denen, die Steine werfen, Bagger lahmlegen, Tagebaumitarbeiter angreifen. Rund 500 Straftaten hat RWE seit 2017 angezeigt.

Ob er die Hooligans separieren konne? Schwierig, sagt Jansen. Das Spektrum des Braunkohlewiderstands sei in den letzten Jahren „deutlich breiter“ geworden: „Es ist ja nicht so, dass hier jeder jeden kennt.“ Geschweige denn steuern oder bremsen kann.

Der Dieselkiller
Zu bremsen ist auch er nicht: Jurgen Resch, in den vergangenen Monaten emporgestiegen zur Hassfigur der deutschen Autoindustrie. Manchmal wunscht er sich, er sei weniger bekannt und die Lage weniger turbulent. Er hat Ringe unter den Augen, die seine Brille mit dickem schwarzen Rand nicht verdecken kann. Und dann legt er doch wieder los. Ein Schnelldenker und Vielredner, der der Autobranche „Zuge organisierter Kriminalitat“ vorhalt.

Resch agiert aus der Abgeschiedenheit eines Gewerbegebiets am Stadtrand der Bodenseekommune Radolfzell. In einer fruheren Franzosenkaserne ist er untergekommen. Seine Strategie ist die eines Ersatzgesetzgebers: Seine Deutsche Umwelthilfe (DUH) kampft vor allem vor Gericht, meist unterstutzt vom Berliner Verwaltungsrechtler Remo Klinger. Resch will, dass bestehende Regeln eingehalten und Politiker gezwungen werden, rechtsfreie Raume zu schliesen. Sein groster Erfolg: die Fahrverbote in deutschen Stadten.

Uber den Sinn des Stickoxidgrenzwerts lasst sich streiten, aber er gilt nun mal EU-weit, und die Kommunen halten ihn nicht ein. Daher gibt Resch kein Mikrogrammchen nach. „Stoisch“, sagt er, arbeite er die Falle ab. Und zwar topdown. Erst die Metropolen mit dem dicksten Qualm, nun steuert er in die Provinz. Klagen in 34 Stadten sind anhangig. Mit der A 40 wird streckenweise sogar eine Autobahn fur Schmutzdiesel gesperrt, die Lebensader des Ruhrgebiets. Resch feierte das Urteil als „historisch“.

Langst ist der Provokateur selbst zum Politikum geworden: Manche halten Resch fur Vater Courage, andere sehen in ihm einen unverbesserlichen Pedanten und Agitator. Stort ihn wenig. Resch ringt mit immer neuen Vorstosen um Aufmerksamkeit. Zu Nikolaus fragt er regelmasig Bischofe und die Chefs von Wohlfahrtsverbanden, welche Dienstwagen sie fahren. Anschliesend wird nach Spritverbrauch und CO₂-Ausstos gerankt. Groster Dieselsunder vor dem Herrn: der Landesbischof von Hannover. Je populistischer, desto besser.

„STARK, ZÄH, STUR UND SEXY“

Wer auf internationaler Bühne Politiker und Unternehmen peinigt

CAREY GILLAM Die Investigativjournalistin ist Research Director von U.S. Right to Know. Die Organisation sorgt für Transparenz im US-Nahrungsmittelsystem. Gillam brandmarkt Wissenschaftler und Behörden, die zu eng mit der Industrie zusammenarbeiten, führt Konzerne wie Monsanto vor. Bei Bayer sehen Manager sie als „Staatsfeindin Nummer eins“.

JAMES THORNTON Der US-Anwalt gründete 2007 die Umweltbewegung ClientEarth. Als deren CEO hat er ein internationales Netz aus Advokaten und Wissenschaftlern gespannt, auch zur Deutschen Umwelthilfe. Thornton hat Prozesse in etlichen europäischen Ländern angestrengt. Sein neuestes Geschäftsfeld: Er bringt chinesischen Richtern die Grundzüge des Umweltrechts bei – globaler geht’s kaum.

ERIN BROCKOVICH Sie ist die Warlady schlechthin. Ihre Lebensgeschichte als kämpferische Rechtsanwaltsgehilfin wurde 2000 verfilmt. Heu te hat die Amerikanerin, die auf ihrer Webseite mit den Adjektiven „stark, zäh, stur und sexy“ wirbt, eine Beratungsfirma. Sie hilft dem Pawnee-Stamm ge - gen Fracking und kämpft gegen ein Verhütungsmittel. Produzent: Bayer.

Die DUH verfügt über einen Jahresetat von rund acht Millionen Euro, provoziert mit ihrem Finanzgebaren aber Streit. Ein gutes Drittel des Budgets kommt aus Abmahngebühren und von Großspendern, deren Namen Resch nur preisgibt, sobald sie mehr als ein Prozent zum Gesamtertrag beisteuern.

Einer davon, der japanische Autokonzern Toyota, hat sich Anfang Dezember zurückgezogen, weil er sich offenbar sorgte, in den Sog der Anti-Diesel- Kampagne zu geraten. Die Deutsche Telekom und Krombacher lassen ebenfalls ihr Sponsoring auslaufen. Resch sagt, er wolle die Lücke mit privaten Förderern schließen. Eine schwarze Null, mehr sei fürs Erste allerdings nicht drin: „Die Abgänge treffen uns.“

Ruhe geben wird er trotzdem nicht. Gerade hat er einen Aufreger aufgewärmt, der garantiert Schlagzeilen bringt: Tempo 120 auf deutschen Autobahnen. Zur Not will er das juristisch durchfechten. Genauso wie ein Verbot für Silvesterböller. Bumm!

Die Cybersöldner
Gerald Neubauer (43), ein Brillenträger mit wuscheligem Haar, lila T-Shirt unter der Strickjacke, hat ein Biocafé in Hamburg- Altona für ein Treffen vorgeschlagen. Schon in früher Jugend engagierte er sich beim BUND für den Umweltschutz, seine Doktorarbeit als Politikwissenschaftler behandelte den zivilen Ungehorsam. Heute ist das, gesetzestreu, sein Job. Neubauer ist einer der 60 Netzkrieger, die bei Campact – der ersten und bekanntesten deutschen Onlineplattform für Aktivisten – für eine „progressive Politik“ streiten. Gegen Bienengift, gegen Freihandel, gegen Kohle, gegen Dieselbetrüger.

Die Plattform existiert seit 2004, ist verglichen mit dem Ökoestablishment also noch jung. Das wichtigste Kapital bilden mehr als zwei Millionen E-Mail- Adressen – Sympathisanten, an die ein Newsletter verschickt wird und die sich jederzeit mit nur einem Klick ergrimmen können. Im Kampagnenzeitalter 4.0 kommt es auf Effizienz an.

Wie man ein Thema weiterdreht, es süffig macht, in Slogans und Filmchen optimiert für die sozialen Medien, diese Marketingkunst beherrschen sie. Neubauer führt die Anti-Glyphosat-Kampagne gegen Bayer und Monsanto an, die erfolgreichste des vergangenen Jahres. EU-weit sammelten Bürgerinitiativen 2017 rund 1,3 Millionen Unterschriften gegen den Wirkstoff, binnen vier Mo - naten. „So schnell war zuvor keiner“, sagt der Chefcampaigner. Das Resultat jedoch: mäßig. Das Unkrautgift darf immer noch auf die Äcker gespritzt werden.


“ WIR MÜSSEN WÄHLER ANSPRECHEN, DER HEBEL AKTIONÄRE IST VIEL ZU KLEIN.”
Gerald Neubauer, Chefcampaigner Campact


Jetzt will Neubauer die Empörung hochhalten. Für ein Glyphosat-Verbot hat er schon wieder 200.000 neue Unterschriften zusammen, für ein Verbot weiterer „Bienen-Killer“ von Bayer- Monsanto 400.000.

Die Campact-Arbeitsweise ähnelt der einer Redaktion oder Pressestelle. Um 7 Uhr kursiert der Pressespiegel, in der Morgenlage (8.30 Uhr) werden die Themen sortiert, von Protesten gegen Waffenexporte nach Saudi-Arabien bis zum Vertreibungsstopp für rumänische Braunbären. Was aufgegriffen wird, muss der Theory of Change standhalten: Das Problem muss sich in einem aktuellen politischen Prozess befinden und in ein Freund-Feind-Schema passen. Der Syrien-Krieg fällt leider raus, kein solitärer Adressat.

Bevor eine Kampagne losgeht, wird sie getestet, von 30.000 bis 50.000 repräsentativ ausgewählten Anhängern. Wollt ihr, dass Campact das Thema angeht? Würdet ihr unterschreiben? Lieferung nur bei Nachfrage, klare Zielgruppenstrategie. Versuche, sich an Investoren oder gar einzelne Topmanager wie Bayer-Chef Werner Baumann (56) zu wenden, haben nicht funktioniert. „Wir müssen Wähler ansprechen“, so Neubauer. „Der Hebel Aktionäre ist viel zu klein.“

2,08 MILLIONEN Mailadressaten zählen zum Sympathi - santenkreis von Campact.Gerald Neubauer führt die wichtigen Kampagnen der Netzkrieger, unter den Zuhörern Niedersachsens MinisterpräsidentStephan Weil.

Was zieht, bringt Klicks und Kohle. Campact operiert mit einem ähnlich hohen Jahresbudget (8,4 Millionen Euro) wie die DUH, allerdings kommt das Geld von vielen Kleinspendern, die durchschnittlich 30 Euro geben. Partizipative Schwarmfinanzierung nennt das die Bewegung. 60.000 Stammanhanger geben per Dauerauftrag; der Rest ist quasi erfolgsabhangig.

Als sie 2016 gegen das Freihandelsabkommen TTIP loszogen, kletterten die Einnahmen um 27 Prozent; 2017 ging es um 5 Prozent bergab. Auch Campact sei ein Opfer „der langen Phase der Regierungsbildung“ geworden. War halt lange kein Politiker angreifbar. 2019 mussen neue Topseller her.

Die globale Supermacht
Ein guter Boser ist wichtig fur alle Okokrieger. Das weis niemand besser als Christian Bussau (56), Campaigner der Sturm-und-Drang-Zeit bei Greenpeace, wo der offentlichkeitswirksame, gut geplante Protest erfunden wurde. Heute leitet der Doktor der Biologie und Sohn eines Tankerkapitans in der Hamburger Zentrale ein Ressort mit 20 Leuten: Walder, Meere und Sonderprojekte.

Fur Bussau war der Kampf um die Bohrinsel „Brent Spar“, die der Olkonzern Shell 1995 im Meer versenken wollte, das Schlusselerlebnis. Als sie mit Schlauchbooten die Plattform besetzten. Als Sicherheitsleute mit Messern bewaffnet auf sie zukamen. Als der Umsatz an deutschen Shell-Tankstellen teilweise um mehr als 50 Prozent einbrach, der Multi das Vorhaben aufgab und man bei Greenpeace dachte: „Wir konnen alles erreichen.“

War dann nicht so. Greenpeace hat sich selbst zu einem Tanker entwickelt: schwergangig, burokratisch, mit geringer Schlagkraft – vor allem im Vergleich zu den kleineren Okokampfverbanden.

Greenpeace setzt sich die –meist glo - balen – Grosthemen selbst: Klimawandel, Atomkraft, Plastik im Meer. Bei „Brent Spar“ war die Sache eindeutig: dort bose (Shell), hier gut (Greenpeace). Klima- und Energiefragen sind komplexer, Schwarz-Weis-Schablonen passen nicht. Die neuen Zeiten erfordern dif - ferenzierte Masnahmen: Studien, Gutachten, wissenschaftliche Fundierung.

Die Stromtochter Greenpeace Energy hat Ende November ein Ubernahmeangebot fur die RWE-Braunkohlesparte vorgelegt, mit Wirtschaftlichkeitsberechnungen, CO₂-Einsparungen und neu zu errichtenden Windkraft- und Fotovoltaikanlagen, auf die Gigawattkommastelle genau. Viel Detailarbeit fur ein PR-Projekt, das nie Realitat wird.

62 MILLIONEN EURO Jahresetat hat Greenpeace Deutschland. Ein Teil fließt in Expeditionen, die VeteranChristian Bussau (Mitte) organisiert.

Weil Umweltschutz Mainstream geworden sei, werde es immer schwieriger, „ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln“, sagt Bussau. Greenpeace steckt in der Wachstumsfalle.

Die Zahl der Forderer steigt kaum noch. Finanziell ist das noch nicht spurbar. „Wir konnen es uns leisten, auf Hilfen von Politik und Wirtschaft zu verzichten“, sagt Bussau. „Das sichert unsere Unabhangigkeit.“ Greenpeace lebt von Spenden unter 100 Euro. Die kleinen Gaben summierten sich 2017 auf 61 Millionen Euro – uber so viel verfugt keine andere Umweltorganisation.

Fur dieses Jahr plant Bussau eine grose Schiffsreise, die beispielhaft fur die aktuelle Arbeitsweise der Grosorganisation ist. Vom Nord- zum Sudpol, einmal durch die globale Themenhemisphare. In der Arktis wollen sie die Olforderung geiseln, vor der Westkuste Afrikas die illegale Fischerei, auf den Kapverden geht es um Mikroplastik, in der Antarktis um den Klimawandel.

Ein Jahr Zeit braucht die Planung einer solchen Groskampagne. Rund eine Million Euro wird sie kosten, zu einem Viertel von den Deutschen getragen, den Greenpeace-Hauptfinanziers. Bussau ist bei der Detailarbeit ein bis zwei Monate in Verzug, viel Zeit ging fur basisdemokratische Abstimmungs- und Diskussionsprozesse drauf.

Und es fallt ihm immer schwerer, den Nachwuchs fur solche Abenteuer zu begeistern. „Fur die Jungen ist die gewaltfreie Aktion nicht mehr so wichtig“, sagt er. Sie werfen sich lieber auf die sozialen Medien. Fruher sei der Laden „spontaner“ gewesen. Von der Grun derzeit der Regenbogenkrieger sei Greenpeace „weit weg“. Sagt der Regenbogen krieger.

Das Undercover-Kommando
Edmund Haferbeck (61) hat sein Buro im ersten Stock eines Gewerbehauses in Stuttgart-Weilimdorf. Jeder darf seinen Hund mitbringen, die Korbchen sind gut gefullt. Haferbeck ist der wichtigste Mann des Tierschutzvereins Peta in Deutschland. Er leitet seit 15 Jahren die Abteilung Wissenschaft und Recht. Den Arger, den die Tierliebhaber anrichten, bekommt er auf den Tisch. Man durfe sich nichts gefallen lassen „vom agro - industriellen Komplex“. Lieblingsfeind von Peta ist die Fleischbranche und da derzeit vor allem Clemens Tonnies. Gegen dessen Milliardenkonzern zieht Peta zu Felde. Juristisch und mit Ekelbildern leidender Tiere.

Angst vor Tonnies hat Haferbeck nicht, er hat schlieslich schon den Geflugelmulti Wiesenhof bezwungen. Drei Jahre nachdem Peta 2009 damit begonnen hatte, Schreckensfotos aus dessen Ställen zu veröffentlichen, knickten die Manager ein. Wiesenhof versprach unter anderem vermehrte Kontrollen und eine vegane Produktpalette. Fortan gab Peta Ruhe.

2013 wurde die eigene Truppe, die in Ställe einbrach und filmte, aufgelöst, um die Gemeinnützigkeit nicht zu gefährden. Seitdem werden Undercover-Aktionen von außen zugeliefert und mithilfe der Markenstärke von Peta verbreitet – eine Arbeitsteilung, in der die Drecksarbeit Subunternehmer übernehmen.

Auch inhaltlich hat sich Peta neu positioniert. Man stellt nicht mehr nur das Grauen bloß – sondern lobt auch das Gute. Wer artgerecht wirtschaftet, darf mit dem Gütesiegel „Peta-Approved Vegan“ werben. 200 Firmen sind in Deutschland dabei. Zalando, Gerry Weber, den Einrichter Höffner haben sie zu einer veganen Polstermöbelkollektion animiert.

Zum Clevermarketing gehört auch der Einsatz von Prominenten. Starlet Ann-Kathrin Götze, seit Mai 2018 Gattin von Fußballprofi Mario, prangert Pelzträger an; Desirée Nosbusch mimt eine Schlangenfrau; Schauspielerin Katja Riemann hüllt sich in grünen Salat. Models und Fotografen arbeiten pro bono, Peta muss nur Raummiete und Nebenkosten zahlen, rund 600 Euro pro Shooting. Eine dreistellige Zahl A-, Bund C-Stars hat die Promibeauftragte in der Kartei.

Organisatorisch ist Peta weniger durchschaubar. Es gibt 75.000 Fördermitglieder, aber nur 9 ordentliche Mitglieder bestimmen den Kurs der Gruppe. „Wir sind nun mal ein Familienunternehmen“, sagt Haferbeck. Zwei umfangreiche Finanzamtsprüfungen hätten keinerlei Beanstandungen ergeben, alles sauber.

Haferbeck hält die Struktur für eine Stärke: kurze Wege, schnelle Entscheidungen, blendende Zah- len. Nach der Wiesenhof-Affäre ging es katapultartig nach oben. Man habe 20 bis 25 Prozent pro anno zugelegt, schwärmt er – ein solches Wachstum gibt es sonst nur bei Start-ups.

25 MILLIONEN Mal wurden Videos von Peta 2018 geklickt. Die PR von TierschützerEdmund Haferbeck scheint aufzugehen.

PROMIALARM

ModelAnn- Kathrin Götze setzt sich gegen Fellträger in Szene. Peta freut’s.

Die fünfte Gewalt?
Die neue Macht der NGOs provoziert mittlerweile einen harschen Revanchismus. Als Greenpeace im Juni gelbe Farbe auf den Kreisverkehr um die Berliner Siegessäule auftragen ließ, kostete das nicht nur 14.000 Euro für die Straßenreinigung – Staatsanwälte durchsuchten anschließend bundesweit 5 Büros und 22 Privatwohnungen.

Und in Nordwürttemberg, wo der schwäbische Auto- und Zuliefereradel sitzt, ist der CDU-Bezirksverband (Ehrenvorsitzender: Ex-VDA-Chef Matthias Wissmann) von Reschs Umwelthilfe so genervt, dass er ihr die Gemeinnützigkeit und staatliche Fördermittel entziehen lassen will; der Prüfantrag ging auf dem jüngsten Bundesparteitag durch.

Für Pionier Bode kommen die Attacken so regelmäßig „wie Weihnachten und Ostern“. NGOs würden nur dann geduldet, „wenn sie ein bisschen bewegen – aber nicht zu viel“.

Künftig dürfte deren Einfluss sogar noch weiter steigen. Nach und nach hat die Politik die ju - ristische Durchschlagskraft der Protestler erhöht. Die naturschutzrechtliche Verbandsklage ermöglicht es BUND oder Nabu, gegen Planungsentscheidungen vorzugehen, ohne direkt betroffen zu sein, als „Anwalt der Natur“. Reschs DUH steht seit 2004 das Recht zu, als „qualifizierte Einrichtung“ Unternehmen stellvertretend für Konsumenten abzumahnen und zu verklagen. Und seit Neuestem ist es leichter, bei Verstößen Schadensersatz durchzusetzen; der ersten Musterfeststellungsklage gegen den Dieselbetrüger VW haben sich bis Mitte Januar 370.000 Stinkwütende angeschlossen.

Manche sehen gar schon die Gewaltenteilung bedroht. Die Politik verschiebt komplizierte und unliebsame Entscheidungen zur Zwischenlagerung in Debattiergremien. An ihrer Stelle werden dann faktisch die Richter zum Gesetzgeber – gezielt aktiviert von den Aktivisten. „Man tut so, als ob alles Volkes Wille sei“, sagt Ludger Weß, Autor und Ex-Greenpeace- Mann. „In Wahrheit ist es ein Projekt bürgerlicher Eliten.“

Am Hambacher Forst hat derweil BUND-Vormann Jansen seine Drohne vom Tagebauhimmel geholt. Keine großen Auffälligkeiten. Das Kräftemessen mit RWE wird noch eine Zeit lang weitergehen. Selbst wenn hier bald Schluss sein sollte: Die Grabestelle Garzweiler ist keine 20 Kilometer entfernt.


Foto: Sonja Och / Der Spiegel

Foto: Christian Bauer / Action Press

Fotos: youtube/OCdshA9oRvQ, Pako Mera / Rex Features / Shutterstock, Getty Images

Foto: Sabine Lewandowski / Campact

Foto: Greenpeace

Fotos: Marcel Schlegelmilch, Marc Rehbeck / PETA Deutschland