Lesezeit ca. 7 Min.

Und dann diese Stille


Logo von Donna
Donna - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 02.02.2022

Liebe

Artikelbild für den Artikel "Und dann diese Stille" aus der Ausgabe 3/2022 von Donna. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bonne nuit, chérie. Bis heute wusste ich nicht, dass es Dich gibt. Wahnsinn, wie schön das ist. Kuss.“ Es ist Frühjahr 2021, als er mir diese Nachricht schreibt, mitten im Lockdown. Er: Joe, Anfang 50, über 1,90 Meter, geschieden, Nichtraucher mit Hündin, ein Koch-Künstler in der Sterne-Gastronomie. Ich – etliche Zentimeter kleiner und Nichtraucherin – lerne ihn über ein Partnerportal kennen. Sein Profiltext überzeugt mich. Seine Fotos sind charmant, ebenso die Telefonate mit ihm. Schon nach kürzester Zeit ruft er im Stunden-Takt an, was mich verwundert, irritiert, aber auch freut. In der Gourmet- Küche herrscht ein rauer Umgangston, heißt es immer, aber Joes Stimme ist sanft, wenn er von einer gemeinsamen Zukunft spricht, was er bald tut – es sind Sätze, prall gefüllt mit Worten wie Liebe, Vertrauen, Verantwortung und mit Vorhaben wie gemeinsamen Reisen und Zielen. Sätze wie: „Ich möchte ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Donna. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Liebe Leserin, lieber Leser. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserin, lieber Leser
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Für immer Achterbahn. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Für immer Achterbahn
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Früüüühling!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Früüüühling!
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Lucinde ist 50. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lucinde ist 50
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Ein Fall für zwei
Vorheriger Artikel
Ein Fall für zwei
SCHWAMM DRÜBER
Nächster Artikel
SCHWAMM DRÜBER
Mehr Lesetipps

... Dich glücklich machen. Lass es zu, bitte. Kuss.“

Mein Kopf ist ein Irrenhaus, mein Verstand verschollen. Klar denken: unmöglich. Zu groß ist meine Sehnsucht nach einer Beziehung, zu verlockend die Aussicht auf unbeschwerte Zeiten – trotz Corona. Jemanden kennenzulernen ist damals, ein Jahr nach Beginn der Pandemie, noch schwerer als sowieso schon. Dass Datingportale in dieser Zeit Rekordzuwächse verzeichnen, kann nicht überraschen. 18 Millionen Single-Haushalte gibt es in Deutschland. Covid macht es all diesen Menschen schwer, jemand Neues offline kennenzulernen. Die Möglichkeiten für die Magie des ersten Augenblicks sind extrem reduziert – Bars und Restaurants sind im Frühjahr 2021 geschlossen. Statt offener Gesichter sind überall nur Masken, Masken, Masken. Statt Lachen bleierne Müdigkeit. „Wohl dem, der in einer Beziehung lebt“, denke ich damals oft, denn ich selbst fühle mich allein, einfach nur allein. Es geht mir an die Substanz. Ich will Wären die Umstände anders, wäre ich vielleicht vorsichtiger. Aber es geht alles sehr schnell, und wie immer bei hohen Geschwindigkeiten wird mir auch schwindelig von dem Tempo, das Joe vorlegt: „Unser Gespräch gestern war traumhaft tiefgründig und schön. Kuss, Kuss überall, hoffentlich bald in echt.“ Ich fühle mich, als würden wir zusammen in einem Formel-1-Flitzer sitzen und mit 300 Kilometer die Stunde bergauf rasen. Der Sonne, dem Gipfel entgegen.

Aus der Ahnung von einem Wir wird ein konkretes Bild, aber es ist ein Trugbild raus aus dem Solo-Dasein, gehe ins Internet und begegne dort schließlich Joe.

Experten sagen, man verliebe sich in Krisenzeiten schneller. Sexualforscher warnen vor den Folgen von Einsamkeit und fehlendem Körperkontakt. Das sei eine Form von Stress, die krank mache. Mein Durst nach Wärme, mein Hunger nach Nähe und nach Umarmungen ist nach Jahren ohne Beziehung riesig. Wie soll ich damit umgehen, frage ich mich, während Joe und ich uns näherkommen.

Wir treffen uns schließlich zu einem Spaziergang mit Hund, sind beide dick eingemummelt. Er fasst nach meiner Hand, hält sie fest, und ich fühle: Es ist schön, wie es ist. Unsere Unterhaltungen verstärken das Gefühl von Vertrautheit. Mach’s gut, digitales Leben. Willkommen, Wirklichkeit. Es folgt der Pretty-Woman- Klassiker mit Erdbeeren, Champagner und Rosen, anfangs rosa, dann tiefrot und im Überfluss. „Habe von Dir geträumt und würde jetzt gerne neben Dir die Augen öffnen, Dich wach küssen“, schreibt Joe. „Ich wünschte, ich könnte Deinen Geruch wie Fotos auf meinem Handy speichern“, antworte ich. Aus der Hoffnung, etwas Besonderes gefunden zu haben, aus der Ahnung von einem Wir wird in meiner Vorstellung allmählich ein konkretes Bild. Ein Trugbild, wie sich bald zeigen wird.

Neuneinhalb Wochen verfliegen. Unsere Kalender sind synchronisiert und voller Pläne trotz Pandemie, die weit weg scheint. Wenn wir uns nicht sehen, telefonieren wir stundenlang. Schmetterlinge in Höchstform, Joe auch. Er kommt immer mit diesem Strahlen, immer mit langstieligen Blumen, immer mit neuen Ideen für uns. Hand in Hand spazieren wir durch die Stadt, er bekocht mich, tanzt mit mir durch die Wohnung. Wir lachen und weinen zusammen, als wir unsere Lebensgeschichten austauschen.

Zwischendurch steigen Zweifel in mir auf, mal lauter, mal leiser. Kann das alles sein? Ist es zu viel, oder kommt es mir nur so vor? Ist das, was ich als zu schnell empfinde, wirklich zu schnell? Aber Joes Augen leuchten. Ich beruhige mich: Alles ist gut, alles wird gut. Bitte, bitte keine Spielchen, denke ich und schreibe es ihm. „Ich weiß nicht, warum Du so pessimistisch bist. Ich bin es nicht! Bis morgen“, schreibt er zurück. „Kiss & Miss You, sehr sehr sehr. Lege mich jetzt hin.“ Und dann plötzlich: Funkstille. Ich höre nichts mehr von ihm, weder am nächsten Tag noch an den folgenden. Wenn ich versuche, ihn zu erreichen, geht er nicht ran, blockiert kurz darauf meine Nummer. Sein Profil und unser Chat – gelöscht. Joe verschwindet aus meinem Leben, als hätte ich ihn nie getroffen.

Ghosting nennen Experten so einen unerwarteten, einseitigen und stummen Kontaktabbruch, weil der andere zum Geist wird. Als hätte es ihn nie gegeben. Die Statistik sagt, ein Viertel der Deutschen hat diese Erfahrung schon gemacht. Ich erlebe es zum ersten Mal, und die Stille betäubt meine Ohren, mein Herz und mein Hirn. Man dürfe die Schuld nicht bei sich suchen, lese ich, als ich begreife, was passiert ist. Man solle nicht ständig über den anderen und das Geschehene grübeln, nicht immer wieder alles in Gedanken durchgehen.

Anstatt einen Punkt hinter alles setzen zu können, bleiben nur lauter Fragezeichen

Theoretisch leuchtet das ein, praktisch fällt es mir schwer. Anstatt einen Punkt hinter alles setzen zu können, bleiben nur Fragezeichen. Ist etwas vorgefallen? Wie konnte ich mich so täuschen? Hätte ich auf seine letzte Nachricht nicht antworten sollen, dass ich ihm tolle Träume wünsche, von uns, und „Liebe bis zum Umfallen, auch weil ich mir das so wahnsinnig wünsche. Für uns“? Den Fehler bei sich selbst zu suchen, auch das ist eine typische Reaktion auf Ghosting, lese ich. Eine Anti-Ohnmachts-Strategie nennt eine Paartherapeutin dieses Verhalten von Ghosting-Betroffenen: Der andere ist weg und man selbst hilflos, aber wenn man lange genug nachdenkt, den Grund erkennt, eine Erklärung findet, den Fehler rückgängig macht …

Auch wenn sie wie ein Ausweg wirken, am Ende führen diese Gedanken immer weiter in die Vergangenheit. Was ich in den Wochen nach Joes Verschwinden brauche, ist Ablenkung. Ich finde sie draußen, wo der Frühling in den Sommer übergeht. Die Gedanken an Joe werden weniger, aber ich würde ihn gerne noch manches fragen. Warum er von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, ohne etwas zu sagen. Ob das alles nur ein Spiel war und ihn jetzt wenigstens das schlechte Gewissen plagt. Ob stimmt, was Tina Soliman sagt, die das Buch „Ghosting – Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter“ geschrieben hat: „Für viele Menschen ist es das einfachste Tool, sich aus Beziehungen zu ziehen, die sie nicht mehr weiterbringen.“ Verschwinden aus Angst vor Nähe, Angst vor Verbindlichkeit, vor einer falschen Entscheidung.

Die Wahrheit werde ich wohl nie erfahren, was wehtut, auch weil es sich mit Joe richtig anfühlte. Was bleibt, ist ein übervoller Aschenbecher von einem Mann, der zunächst gesagt hat, er sei Nichtraucher. Ein Paar vom Hund zerbissener Lieblings-Flip- Flops. Und eine quälende Erfahrung, die ich nicht verdient habe. Niemand hat das.

Meine Mutter möchte alles verkaufen und in Spanien neu anfangen. Ist das mit Anfang 70 eine gute Idee?

Als meine Mutter alles aufgab, um einen Neuanfang zu wagen, war sie gerade Rentnerin. Ob ihre Tochter es für eine gute Idee hielt, mit Mitte 60 alles aufzugeben, um noch mal von vorne anzufangen, war ihr ehrlich gesagt ziemlich egal. Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als sie mir von ihren Plänen vorschwärmte. Wir machten einen Sonntagsspaziergang an der Elbe, schauten über das Wasser, und sie sagte: „Meine Zeit in Hamburg ist um. Ich habe mich für einen Neuanfang entschieden. Und der Horizont hier an der Elbe ist mir zuklein. Ich möchte ans Meer und dahin, wo es warm ist!“ Sie fragte weder nach meinem Rat noch nach meiner Meinung – sie hatte ihre Entscheidung längst in die Tat umgesetzt und bereits eine Wohnung im ägyptischen Alexandrien gemietet. Die Stadt liegt am Meer und ihre Wohnung gegenüber dem langen Sandstrand mit einem herrlichen Blick über das Wasser bis ans Ende des weiten Horizonts. Da sie schon alles in die Wege geleitet hatte, blieben mir nur noch zwei Fragen: „Hast du dir das auch ganz genau überlegt?“ Ihre Antwort war klipp und klar: „Ja!“, sagte sie und strahlte mich an. „Und was machst du, wenn du feststellst, dass es doch nicht die richtige Entscheidung war?“ Auch ihre zweite Antwort kam prompt: „Dann treffe ich eine neue Entscheidung!“

Und das tat sie dann auch. Drei Jahre später kehrte sie zurück nach Deutschland. Diesmal hatte sie sich ein Häuschen an der Ostsee ausgeguckt. Wieder in der Nähe des Meeres. Und auch diesmal wollte sie nicht, dass ich ihr mit Rat und Tat zur Seite stehe. Sie organisierte alles selbst: das Einpacken, das Verschiffen der Möbel, das Auspacken, das Einrichten – und war glücklich über ihren Neuanfang. Ein paar Wochen nach ihrem Umzug besuchte sie mich in München. Wir machten einen langen Spaziergang durch den Englischen Garten, und irgendwann traute ich mich, sie zu fragen, warum sie Alexandrien aufgegeben hatte. „Ich hatte gedacht, dass ich sowohl Stadt als auch Meer wollte, musste mir aber eingestehen, dass mir am Ende die große Stadt doch viel zu anstrengend ist.“ Ich hakte nach: „Aber dann hattest du das Ganze ja vorher vielleicht doch nicht so gründlich durchdacht, oder?“ – „Doch“, antwortete sie. „Aber es gibt Dinge, die muss man einfach ausprobieren, um zu wissen, ob sie richtig sind. So gesehen war meine Alexandrien-Entscheidung damals völlig richtig.“

Mir gefällt dieser „Damals war es richtig“-Gedanke meiner Mutter bis heute. Er drückt viel klüger das aus, was andere oft leicht abwertend mit den Worten „Hinterher ist man immer schlauer“ sagen wollen.

Meine Mutter ist übrigens bis an ihr Lebensende in ihrem kleinen Häuschen an der Ostsee geblieben. Auch diesmal hatte sie die richtige Entscheidung getroffen.

*In „Die Kraft liegt in mir“ (btb) schrieb sie unter anderem über den Tod ihres Mannes, den Regisseur Helmut Dietl