Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 8 Min.

»Und dann haben wir halt getanzt, einfach so, mit geschlossenen Augen«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 44/2019 vom 25.10.2019

SPIEGEL-Gespräch NBA-Legende Dirk Nowitzki, 41, blickt sechs Monate nach Karriereende auf 21 Jahre als Basketballprofi zurück: warum Freiheit ihn so erfolgreich gemacht hat, wie er nun sein Leben gestaltet und was ihm bei der Erziehung seiner drei Kinder wichtig ist.


Artikelbild für den Artikel "»Und dann haben wir halt getanzt, einfach so, mit geschlossenen Augen«" aus der Ausgabe 44/2019 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 44/2019

Sportidol Nowitzki
Auf Auswärtsfahrten »Uno« gespielt


Das Gespräch führte die Redakteurin Antje Windmann in Frankfurt am Main.

SPIEGEL: Herr Nowitzki, wir würden gern mit Ihnen über das Thema Freiheit reden. Sie durften sich als Kind in vielen Sportarten ausprobieren. Inwiefern hat das dazu beigetragen, dass Sie so ein herausragender ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 44/2019 von DER SPEIEGEL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER SPEIEGEL
Titelbild der Ausgabe 44/2019 von Zu naiv für die Weltbühne. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zu naiv für die Weltbühne
Titelbild der Ausgabe 44/2019 von Meinung: Apokalypse 2020. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung: Apokalypse 2020
Titelbild der Ausgabe 44/2019 von Motorschaden. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Motorschaden
Titelbild der Ausgabe 44/2019 von »Ein bisschen weniger Pessimismus täte gut«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Ein bisschen weniger Pessimismus täte gut«
Titelbild der Ausgabe 44/2019 von Uno rügt Antisemitismus-Resolution. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Uno rügt Antisemitismus-Resolution
Vorheriger Artikel
Magische Momente »Duftmarke auf der großen Bühne…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Schwache Stelle
aus dieser Ausgabe

SPIEGEL: Herr Nowitzki, wir würden gern mit Ihnen über das Thema Freiheit reden. Sie durften sich als Kind in vielen Sportarten ausprobieren. Inwiefern hat das dazu beigetragen, dass Sie so ein herausragender Basketballer wurden?
Nowitzki: Das ist in Amerika gerade eine Riesendiskussion, wann sich die Kids spezialisieren sollen. Ich meine: nicht zu früh! Ich habe zum Beispiel lange Kinderturnen gemacht für die Koordination. Und ab fünf Jahren kam dann Tennis dazu, das war wichtig für die Fußbewegungen, die Hand-Auge-Koordination. Alles, was ich da gelernt habe, war natürlich später im Basketball wertvoll. Im Handball habe ich Durchsetzungsvermögen gelernt. Da wird beim Körperkontakt weniger gepfiffen, da musst du eins gegen eins deinen Gegenspieler nehmen. Also: Lasst die Kinder erst mal alles ausprobieren, spezialisieren können sie sich in den Teenagerjahren.
SPIEGEL: So war es auch bei Ihnen. Sie haben erst mit 13 mit Basketball angefangen. Wie kam es dazu?
Nowitzki: Meine Schwester und meine Mutter haben Basketball gespielt. Das war für mich ein absoluter Frauensport(lacht). Handball dagegen war physisch und aggressiv, das mochte ich. Aber dann habe ich mit Basketball angefangen. Und obwohl ich erst nicht wirklich gut war, hat es mich gefesselt, dass ich jeden Tag etwas Neues lernen konnte. Basketball ist ja so endlos. Und dann bin ich heim und habe ein NBA-Spiel gesehen und gedacht: Wow, das war eine unglaubliche Bewegung, die will ich jetzt auch mal probieren. Und dann habe ich das geübt und gesehen: Es geht weiter, du verbesserst dich. Deshalb war Basketball für mich total interessant.
SPIEGEL: Warum ist es nicht Tennis geworden?
Nowitzki: So jeder für sich, wie beim Tennis, das war nicht mein Ding. Ich bin ein Mannschaftssportler. Siege und Niederlagen mit einer Mannschaft zu durchleben, das war mir immer wichtig. Und Spaß zu haben, auf Auswärtsfahrten »Uno« zu spielen oder weiß der Geier, was.
SPIEGEL: Mit 16 haben Sie dann Ihren Trainer und Mentor Holger Geschwindner kennengelernt, der Sie bis zu Ihrem Karriereende begleitet hat. Er hat Ihnen vor allem am Anfang viele Freiheiten gelassen. Wie blicken Sie darauf zurück?
Nowitzki: Der Hodge hat einfach einen guten Mittelweg gefunden, damit wir Jungs nicht den Spaß verlieren und abspringen. War das Wetter schön, hat er gefragt: Wollt ihr heute in die Halle oder ins Schwimmbad? Er hat uns auch nur ein paarmal die Woche trainiert. Und wir haben gesehen: Das bringt was, was der Typ da erzählt(lacht). Das ist zwar komisch und abgefahren, aber es macht auch Spaß, und man sieht Resultate.
SPIEGEL: Geschwindner hat das Training nicht auf Basketball begrenzt, sondern Mathematik und Musik mit in den Unterricht eingebaut.
Nowitzki: Ja, er hatte einfach schon immer einen schrägen Ansatz. Er ist anders als alle anderen Coaches, die ich über 20 Jahre gesehen habe. Er hat immer versucht, es interessant zu halten. Einmal kam ein Freund von ihm, Ernie Butler, mit dem Saxofon in die Halle, und wir dachten, der spielt jetzt ein bisschen, und dann trainieren wir. Doch da sagt der Hodge: Jetzt tanzt mal zu dem Saxofonspiel. Und wir so: nee, ehrlich jetzt? Da hatte er mal wieder in einem Buch gelesen, dass mithilfe von Musik das Gehirn besser und schneller lernt. Und dann haben wir halt getanzt, einfach so, mit geschlossenen Augen. Du denkst dann gar nicht mehr an die Bewegung, sondern lässt dich einfach tragen vom Rhythmus. Das war spielerisch, hilft aber, wenn der Gegner etwas Unerwartetes macht und man mit einer ungeplanten Bewegung reagieren muss.
SPIEGEL: Sie spielen auch Saxofon. Hat Sie diese Nummer dazu inspiriert?
Nowitzki: Ja, ich bin über Ernie dazu gekommen. Ich habe gespielt, bis mir bei einem Sommertraining zwei Schneidezähne eingeschlagen wurden. Um die Zähne zu sichern, haben sie mir von hinten eine Schiene darangebaut. Danach konnte ich das Mundstück nicht mehr richtig anlegen. Ich dachte, wenn das okay ist, fange ich wieder an, aber da hatte ich dann schon mit Gitarre begonnen. Mein Schwager hatte mir ein paar Songs beigebracht, dazu habe ich ein bisschen gesungen.
SPIEGEL: Mathematik oder Musik – was davon hat Ihnen im Basketball am meisten geholfen?
Nowitzki: Wir haben immer viel darüber philosophiert, wie ich Druck standhalte. Druck, den ich mir selber mache, Druck, der von außen kommt. Und in diesen Situationen trotzdem Leistung zu bringen. Wir haben viele unterschiedliche Ansätze ausprobiert, Hodge hat mir Bücher hingelegt. Aber es war klar, ich muss da meinen eigenen Weg finden, und das war über die Musik. In den Play-offs habe ich angefangen, bei wichtigen Freiwürfen zu singen, um nicht im Moment zu erstarren, festzufrieren, sondern locker zu bleiben, nicht an das große Ganze und die Würfe zu denken, die ich gerade vergeigt hatte, sondern nur an den nächsten Wurf.
SPIEGEL: Das Lied war damals »Mr. Jones« von den Counting Crows.
Nowitzki: Ja, und ich weiß gar nicht, warum. Auf alle Fälle haben wir San Antonio in dem Jahr in sieben Spielen geschlagen. Den großen Bruder, der sonst auf uns draufgehauen hat. Da haben sie mich alle gefragt, was ich mache, wie ich in Drucksituationen so locker bleibe. Und dann habe ich erzählt, ich singe so ein Liedchen. Die Amerikaner wussten, dass David Hasselhoff damals in Deutschland sehr bekannt war. Und dann hat einer gesagt: Du singst David Hasselhoff, oder? Und dann habe ich gesagt: genau, »Looking for Freedom«. Was natürlich nicht stimmte, sondern nur ein Gag war.
SPIEGEL: Was für ein Imageschaden. Und dann auch noch selbst kreiert.
Nowitzki: Der Witz ging ja noch weiter. Daraufhin kam David Hasselhoff in der nächsten Runde zu uns. Und als wir inMiami in dem Jahr die Finals gespielt haben, saßen die Miami-Fans beim Freiwurf mit David-Hasselhoff-Gesichtern aus Pappe da und haben versucht, mich aus dem Konzept zu bringen.
SPIEGEL: Um den Kopf freizubekommen, haben Sie auch mit dem Mentaltrainer Ihres Teams gearbeitet?
Nowitzki: Mit Don Kalkstein, ja, das ist ein supernetter Kerl. Der ist für alles ansprechbar gewesen und hatte Schweigepflicht gegenüber dem Coach. Wenn ich mal zu ihm bin und gesagt habe, puh, mit den Kids zu Hause ist es gerade anstrengend, da ist der nicht gleich zum Coach und hat gesagt: Ich weiß, warum der Dirk nicht gut spielt. Der hatte immer ein gutes Feeling. Wenn ich mal zwei, drei schlechte Spiele hatte, hat er einfach gefragt, ob wir mal essen gehen wollen.
SPIEGEL: Wie haben Sie versucht, vor Spielbeginn den Kopf freizukriegen, damit Sie sich darauf fokussieren können?
Nowitzki: Die Erfahrung hilft. In der Routine zu sein, das zu tun, was man kann und liebt. Eine meiner besten Play-off-Serien war die, als der ganze Tumult in meinem Privatleben war(Nowitzkis damalige Verlobte hatte sich als Betrügerin entpuppt, die mehrere Namen trug und mit Haftbefehlen gesucht wurde –Red.) Da war ich alles andere als frei im Kopf. Jede Sekunde vor dem Spiel und jede Sekunde danach habe ich daran gedacht. Und trotzdem habe ich es verstanden, mich voll zu fokussieren. Zwei Stunden auf dem Spielfeld nicht daran zu denken, das war für mich in dem Moment Freiheit.
SPIEGEL: In Ihrer Biografie »The Great Nowitzki« heißt es, Sie hätten immer versucht, sich Freiräume zu schaffen.
Nowitzki: Wir haben das immer Freiheitsgrade genannt. Es ging darum, zum Beispiel Interviews und Werbeauftritte in ein paar Tage zu bündeln, die dann vollgepackt waren, aber danach war auch wieder ein paar Wochen Ruhe, damit ich mich aufs Training konzentrieren oder in den Urlaub fahren konnte.
SPIEGEL: Wie viel Freiheit hat Ihnen der Alltag als Basketballprofi gelassen?
Nowitzki: Nicht so viel. Aber ich hätte es nicht so lange gemacht, wenn mir das keinen Spaß gemacht hätte. Klar, vor allem am Schluss, als mir alles mehr wehgetan hat, da musste ich mich schon antreiben. Aber so zwischen 20 und 30, da wollte ich selbst bei gefühlten 38 Grad in der Halle drei, vier Stunden trainieren. Da habe ich nur geölt, mich weiter verbessert, auf die großen Turniere, die EM, WM, die Olympischen Spiele vorbereitet. Das war für mich Freiheit. Das war genau das, was ich wollte.
SPIEGEL: Wie sieht Ihr Alltag nun aus?
Nowitzki: Ich genieße es gerade, mal Zeit für meine Familie zu haben. Die Kids stehen im Vordergrund. Wenn sie in der Früh alle im Kindergarten sind, gehe ich meist rüber ins Büro meiner Stiftung. Neulich hatten wir zum Beispiel ein Tennisevent, ein Turnier, das wir in vier Wochen organisiert haben. Da war ich in jedem Meeting dabei. Das hat mir total Spaß gemacht. Früher habe ich immer gesagt, ich muss trainieren.
SPIEGEL: Diese Ausrede entfällt jetzt.
Nowitzki: Damit komme ich auch zu Hause bei meiner Frau und meinen Kindern nicht mehr weiter.
SPIEGEL: Sie haben drei Kinder im Alter von sechs, vier und zwei Jahren. Was wollen Sie denen vermitteln?
Nowitzki: Meine Eltern sind da ein super Vorbild. Sie hatten eine gute Mischung aus Strenge und Spaß. Ich konnte mit meinem Vater jeden Blödsinn machen, aber wenn er gesagt hat, jetzt langt es, jetzt machen wir das, dann war das so. Mal schauen, ob wir das hinkriegen.
SPIEGEL: Und darüber hinaus?
Nowitzki: Jetzt gerade sind wir mit ihnen zwei Monate durch Europa gereist. Wir wollen ihnen noch viel ermöglichen, bevor die Schule losgeht. Wir wollen sie bei allem unterstützen, auch sportlich. Sie können gerne alles ausprobieren, nur bei American Football würde ich sagen: Das machen wir jetzt nicht. Zu allem anderen fahre ich sie hin.
SPIEGEL: Wie es scheint, haben Sie den Übergang ins Rentenalter perfekt gemeistert. Sind Sie wirklich noch nie in ein Loch gefallen?
Nowitzki: Damit hatte ich eigentlich direkt nach meinem Karriereende gerechnet. Aber es war echt viel los. Ich bin viel geehrt worden von unterschiedlichen Organisationen, dann war ich in China bei der Basketball-WM. All das wird aber natürlich ru higer werden. In zwei, drei Jahren wird keiner mehr sagen: Komm, jetzt laden wir den Dirk noch mal ein.
SPIEGEL: Wie oft hatten Sie seit Ihrem letzten Spiel noch einen Basketball in der Hand?
Nowitzki: Ich glaube, einmal. Ich hatte im Sommer für einen Sponsor ein Fotoshooting. Sie wollten, dass ich Basketball spiele, drei gegen drei, mit 20-Jährigen! Die habe ich angeguckt und gesagt: vergesst es. Erstens hatte ich mir ordentlich was angegessen und zweitens monatelang keinen Ball in der Hand. Das letzte Jahr war echt schwer mit den Schmerzen im Fuß, da hab ich echt damit abgehakt.
SPIEGEL: Sie hatten eine Knöchelverletzung. Wie akut sind die Schmerzen noch?
Nowitzki: Ich habe Arthrose in dem Fuß. Deshalb kann ich auch nicht so aktiv sein, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das macht mir ein bisschen Sorgen.
SPIEGEL: Kann man da was machen?
Nowitzki: Ich höre mich gerade um, was ich für Optionen habe, werde aber nichts schnell entscheiden. In der Zwischenzeit versuche ich mithilfe von regelmäßigen Behandlungen, dass ich das Leben genießen, wandern, Ski fahren, Tennis spielen kann. Ein Basketballfeld werde ich nie mehr hoch- und runterrennen. Die Zeiten sind vorbei. Und das will ich auch gar nicht mehr. Ich bin über Basketball hinweg.
SPIEGEL: Herr Nowitzki, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mentor Geschwindner, NBA-Profi Nowitzki 2004
»Wollt ihr heute in die Halle oder ins Schwimmbad?«


FRANK ZAURITZ

MATTHIAS ZIEGLER