Lesezeit ca. 12 Min.
arrow_back

„UND DANN ZIEHT ER WEG DER TOD“


Logo von musikexpress
musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 10.03.2022

PETER DOHERTY

I n Étretat schlägt die Uhr halb 12. Die französische Gemeinde wird von steilen Kreidefelsen umrahmt, unter denen Claude Monet einst auf seinen Bilder die Wellen spritzen und die Sonne untergehen ließ. Auch einen gewissen Peter Doherty hat es in das kleine Dorf in der Normandie gezogen. Da sitzt er nun in einem seidenen Morgenmantel mit Paisleymuster – sichtlich ergraut und ein wenig rundlich. Bevor das Interview losgeht, nimmt er seine Gitarre in die Hand und singt:

„Jack drinks and smokes his cares away His heart is in a lonely way Living in the ruins Of a castle built on sand“

Peter, für die englische Redewendung „There’s life in the old dog yet“ gibt es eine deutsche Entsprechung: „Totgeglaubte leben länger“.

Wie noch mal?

Totgeglaubte leben länger. (schreibt in sein Notizbuch und wiederholt das Sprichwort)

In der Vergangenheit hast du selbst davon gesprochen, dem Tod näher zu sein als ...

Artikelbild für den Artikel "„UND DANN ZIEHT ER WEG DER TOD“" aus der Ausgabe 4/2022 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von musikexpress. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Record-Shopping / Plattform-Hopping. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Record-Shopping / Plattform-Hopping
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von ROMANO. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ROMANO
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von DIE NÄCHSTE STUFE DER ESK AL ATION. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE NÄCHSTE STUFE DER ESK AL ATION
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Was der Flötenkrähenstar über die Menschheit erzählt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was der Flötenkrähenstar über die Menschheit erzählt
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
DIE MONSTER SIND NOCH UNTERM BETT
Vorheriger Artikel
DIE MONSTER SIND NOCH UNTERM BETT
HENDRIK BOLZ
Nächster Artikel
HENDRIK BOLZ
Mehr Lesetipps

... dem Leben. Nachdem ich die Platte gehört habe, scheint es mir jedoch, als hättest du dich so weit von ihm entfernt, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Wie geht es dir im Jahre 2022?

Welchen Einfluss hatte die Normandie, hatten die weißen Kreidefelsen von Étretat auf deine Heilung?

Sie sind nicht ganz weiß. Sie sind eher schlammig, kalkig, kieselig. Aber es wäre ein Fehler, zu behaupten, dass die Atmosphäre auf diesem Fleckchen Erde mich nicht beeinflusst hätte – die Klippen und die Steinstrände, aber auch die Wälder, die Felder und Kirchen.

Der Zeitpunkt deines Entzugs fällt fast haargenau mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammen. Hatte der Lockdown einen positiven Einfluss auf deinen Lebensstil?

Dafür gibt es eine einfache Antwort: Ja. Normalerweise bin ich überall herumgestreunt, führte ein Leben auf Achse. Und plötzlich konnte man nichts mehr tun. In Frankreich war es wirklich streng: Ohne ein entsprechendes Papier, auf dem man erklärt, wohin man geht und was man macht, konnte man nicht einmal das Haus verlassen. Alles war so ruhig und friedlich. Das ist es hier immer, aber zu dieser Zeit war es noch intensiver. Wir sind viel mit den Hunden spazieren gegangen, haben den Wald erkundet und versucht, wilde Tiere zu sehen. Ich hatte eine Vorliebe für Wildschweine, die auch das Symbol der Puta Madres sind (mit jener Band nahm Doherty sein bisher letztes Album PETER DOHERTY & THE PUTA MADRES auf – Anm. d. Red.) Es sind wirklich schnelle, starke Tiere, die ein unglaublich dickes Fell haben. Du siehst sie durch die Büsche und Dornen rennen – jedes andere Tier würde es zerreißen. Aber ihr Fell ist zäh.

In früheren Interviews habe ich die Worte eines völlig verzweifelten Peter Doherty gelesen. Ist das gerade die glücklichste Zeit deines Lebens?

Nun, ich weiß nicht. Ich denke, es wäre unfair, mein früheres Ich als völlig verzweifelt zu bezeichnen. Ich bin ein Mann mit Höhen und Tiefen. Es gibt heutzutage viele Begriffe für Persönlichkeitsstörungen, die mit Extremen zu tun haben. Ich bin nicht scharf auf diese Labels. Tripolar, das wäre vielleicht die vernünftigste Bezeichnung. Bipolar ist ein geläufiger Begriff, tripolar klingt eher nach mir – enorme Höhen und enorme Tiefen, die durch die Drogen gesteigert wurden. Wenn ich jetzt einen Glücksrausch erlebe, weiß ich, dass er natürlich ist und kann sicher sein, dass es nicht von den Drogen kommt, während früher … Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich glückliche, wirklich glückliche Momente hatte. Manche Leute denken, dass sie künstlich erzeugt wurden, was ich unfair finde. Ich habe das Leben wirklich genossen. Gleichzeitig war es die meiste Zeit ein unglaubliches, schädelzerberstendes Elend.

Wenn du dein heutiges Ich mit deinem Selbst vergleichst, als das Libertines-Debüt UP THE BRACKET erschienen ist – 20 Jahre sind seitdem vergangen. In welcher Hinsicht hast du dich verändert?

Fetter. Leider bin ich ein bisschen fetter geworden. Ich weiß nicht. (denkt nach) Diese verzweifelte Sehnsucht, die ich hatte, berühmt zu werden, kommt mir heute ein bisschen pervers vor. Ziemlich merkwürdig, jetzt darüber nachzudenken. Ich frage mich nur: Was, wenn es damals schon Twitter und solche Dinge gegeben hätte, wo man die Menschen mit der Musik erreichen kann? Denn das war alles, was wir wollten, als wir UP THE BRACKET geschrieben haben – dass die Leute unsere Musik hören. Ich denke, wir wären so etwas wie Internet-Monster gewesen, die jeden Tag Musik hochladen, kostenlos. Eigentlich klingt das gar nicht so monstermäßig, sondern ziemlich großzügig. Aber ja, ich habe einfach Musik rausgebracht und die ganze Zeit Konzerte gegeben. Überall. Und jetzt – ich habe seit zwei Jahren kein Telefon mehr, was für mich ziemlich seltsam ist. Ich mochte die direkte Verbindung in den sozialen Medien, kann aber

nichts riskieren. Weil ich weiß, wie ich bin. Es ist wie eine andere Form der Sucht, hängt aber auch direkt mit den Drogen zusammen: Du kannst einfach jemanden anrufen und so leicht etwas bekommen. Ich muss sehr vorsichtig sein. Ich vermisse auch alle meine Freunde. Weißt du, ich habe die Leute nicht nur geliebt, weil ich mit ihnen Drogen genommen habe. Ich habe sie geliebt, weil ich sie liebe. Aber ich bin noch nicht bereit dafür – vielleicht fast. Ich bin von deiner ursprünglichen Frage abgedriftet, einer wirklich interessanten Frage, um ehrlich zu sein. In Interviews auf CNN sagen Politiker immer: „Das ist eine wirklich interessante Frage“, und ich denke mir dann: „Halt die Klappe! Antworte einfach! Schmeichel dem Journalisten nicht!“ Aber das ist tatsächlich eine interessante Frage. Vor 20 Jahren … Mein 20-jähriges Ich war bereit, sich auf den Weg zu machen.

Mir gefällt das Klischee der Sänger mit den traurigen Augen und gebrochenen Seelen. Ist nur ein leidender Künstler ein guter Künstler?

Nein, ich glaube nicht, dass man leiden muss, um gut zu sein. Aber ich kann durchaus verstehen, dass die traurigen Augen und zerbrochenen Seelen für dich den Reiz ausmachen. Wenn bestimmte Menschen einen traurigen Song hören, dann hilft ihnen die Vorstellung, dass die Person, die ihn geschrieben hat oder singt, wirklich gebrochen war. Weil sie dann noch fester an ihn glauben. Weißt du, was ich meine? Das Gegenteil passiert, wenn Punkbands über die Revolution singen und man dann erfährt, dass ein Bandmitglied auf eine Privatschule gegangen ist. Es ist wichtig für die Leute – obwohl es viel besser wäre, wenn Kinder aus der Gosse und der Aristokratie zusammenarbeiten würden, um wirklich soziale Revolten anzuzetteln. Johnny Rotten hatte die Authentizität, er war ein Straßenjunge. Und Joe Strummer musste früher Kritik einstecken, weil er als Mittelklasse und Diplomatensohn galt. Aber was für eine großartige Kombination! Ich meine, wenn sie zusammengearbeitet hätten, um das System zu ändern – man hätte alles abgedeckt. Stattdessen hat Johnny Rotten gesagt: „Oh, er ist nur ein Mittelklasse-Kunststudent.“

Peter, ich liebe deine neue Platte.

Oh, du hast das ganze Album gehört? Ja. In meinen Augen ist THE FANTASY LIFE OF POETRY & CRIME deine beste Platte seit GRACE/WASTELANDS. Hat die Entgiftung deine Kreativität in neue Höhen gehoben?

Wir werden sehen. Als wir UP THE BRACKET aufgenommen haben, war ich nicht clean, aber auch nicht völlig in meiner Sucht versunken. In der GRACE/WASTELANDS-Zeit war ich sozusagen auf dem Höhepunkt – oder besser gesagt dem Tiefpunkt – meines Zerfalls.

Hier und da gab es Momente, in denen ich clean war. Nicht sehr viele. Was war die Frage?

Welchen Einfluss hat dein drogenfreies Leben auf dein kreatives Schaffen?

Die Drogen haben eine Menge zerstört. Eine Menge Zeit zuallererst. Und wahrscheinlich auch viel, viel Inspiration. Es ist fast so, als wäre die Kreativität trotz der Drogen entstanden. Definitiv nicht wegen ihnen. Aber gleichzeitig kamen viele der Katastrophen und emotionalen Verrücktheiten durch den Konsum. Und darüber habe ich die meiste Zeit geschrieben: Über den Versuch, ein Leben zu steuern, in dem ich berühmt war, aber aus den falschen Gründen. Man kann nicht leugnen, dass Drogen zerstörerisch sind. Aber gleichzeitig kann man nicht leugnen, dass sie eine … Manchmal sieht man die Welt durch einen Filter, durch halb geschlossene Augen, unter einer dünnen Decke. Sie eröffnen eine ganz neue Welt, weißt du? Aber während ich clean bin, würde ich gerne etwas schaffen, auf das ich stolz bin. Bei dieser Platte habe ich nur den Gesang und den Text beigesteuert. Deshalb verhält es sich ein klein wenig anders.

Eine Freundin von mir ist mit dem Babyshambles-Bassisten Drew McConnell befreundet. Er hat ihr gesagt, du seist so wundervoll wie noch nie.

Das kann nicht sein. (freut sich sichtlich) Wie haben die Drogen deine Beziehungen beeinflusst? Und inwiefern haben sich die Freundschaften verändert seit du clean bist?

Mir fällt es schwer, diese Frage zu beantworten, weil sie sehr, sehr persönlich ist – vielleicht zu persönlich. Das ist die Sache: Normalerweise, wenn ich auf Drogen wäre, würde ich dir auf jede Frage eine ehrliche Antwort geben. Aber das bin ich nicht und deswegen denke ich ein bisschen mehr darüber nach, ob ich so ehrlich sein sollte.

Bevor wir ganz konkret auf dein Album zu sprechen kommen, habe ich noch eine weitere persönliche Frage. Du hast im vergangenen Herbst geheiratet und es mag kitschig klingen, aber: Hat die Liebe dein Leben gerettet? (steht auf, um sich Zigaretten aus seiner Manteltasche zu holen) Ich würde sagen, dass ich sagen würde, dass die Liebe mir schon oft das Leben gerettet hat. Auf viele verschiedene Arten. Ich würde sagen, dass ich meine Frau liebe. Und sie liebt mich. Ich versuche, der Frage auszuweichen. Aber eigentlich brauche ich ihr nicht auszuweichen, denn ich habe die Antwort darauf: Ja. Die Liebe hat mir das Leben gerettet. Meine Frau hat es gemeistert, sie hat mir das Leben gerettet und das in vielerlei Hinsicht. Was für eine wundervolle Sache.

Eine große Inspiration für die neue Platte war der französische Meisterdieb, Dandy und Gentleman Arsène Lupin. Was fasziniert dich so sehr an dieser Figur?

Ich verrate dir etwas: Bevor ich die Bücher überhaupt gelesen hatte, wusste ich, dass sie hier in Étretat erschaffen wurden. Maurice Leblanc hat sie hier geschrieben und ich gehe oft an diesem Haus vorbei. Man hat versucht, es in eine Art Touristenfalle zu verwandeln. Aber das ist ihnen nicht gelungen, weil es so wunderschön ist – man kann es nicht ruinieren, es ist nicht Disneyland. Als jedenfalls die Großmutter meiner Frau noch ein Baby war und unten am Meer spazieren gefahren wurde, sah sie Leblanc und sagte: „La fille avec les yeux violets“ – das Mädchen mit den violetten Augen. Und so war ich einfach fasziniert von diesem Schriftsteller, der hier lebte und die Augen meiner Schwieger-Großmutter lila nannte. Und die Figur selbst: Sie erfüllt wirklich alle Kriterien. Sie ist urkomisch, ein bisschen gefährlich. Arsène Lupin verfügt auch über ein riesiges Netzwerk, mit dessen Hilfe er das Postsystem in Frankreich auf den Kopf stellen kann. Oder er gräbt einen Tunnel durch die Klippen und unter den Sand hindurch bis in die Felsnadel Aiguille, wo die Schätze der Franzosen lagern. Außerdem lebt er an der Schwelle zu den ersten Jahrzehnten der Moderne. Zur Fortbewegung gab es zwar Autos, Züge und Dampfschiffe, aber noch keine Satelliten oder GPS. Es ist also eher ein Ansatz der alten Schule. Und sein Stil ist tadellos, er ist häufig verkleidet oder trägt wunderbare Anzüge. Ein bisschen ist er wie Sherlock Holmes und Robin Hood in einem – manchmal ein guter, manchmal ein schlechter Kerl, aber nie ein richtiger Bösewicht.

Kerle. HipHop und Gangsta-Rap handeln von kriminellen Dingen. Aber wahrscheinlich würde ich mich nicht so wohl fühlen, wenn ich Rap-Musik machen würde. Etwas anderes sind Folk-Songs wie „Poncho & Lefty“. Diese Stücke über Gesetzlose spielen im Allgemeinen in der Vergangenheit, zur Zeit der Kriege zwischen amerikanischen Ureinwohnern und Cowboys – nicht in den modernen Straßen von L.A. oder New York. In einer Traumwelt könnte ich vielleicht Townes Van Zandt mit Biggie Smalls kombinieren. Aber ich bevorzuge einfach den Stil von Townes Van Zandt. Neben ihm habe ich in der ersten Zeit des Lockdowns viel Blaze Foley und Alan Wass gehört.

Die neue Platte klingt in Teilen beinahe orchestral, ist sehr präzise und fein arrangiert. Deine Stimme hört sich so sanft an wie die eines 16-jährigen Engels. Es ist also nicht mehr viel übrig von dem Gepolter vergangener Veröffentlichungen und ich denke ein Grund dafür war dein Partner Frédéric Lo.

Definitiv. Normalerweise hebe ich die scharfen Kanten auf und stecke sie bewusst in die Musik. Aber diesmal wurden die Ecken alle weggefegt. Es gab einen Song, die Ursprungsversion von „The Fantasy Life Of Poetry & Crime“, wo ich eine Zeile den ganzen Song immer und immer wiederholen wollte. Ich glaube, es ging so: „Dough and days like a taste, like a taste“.

„JA. DIE LIEBE HAT MIR DAS LEBEN GERETTET. WAS FÜR EINE WUNDER-VOLLE SACHE.“

Inwieweit beschreibt der Albumtitel auch dein eigenes Leben?

Nicht so sehr. Nein, wirklich nicht. Ich war ein sehr erfolgloser Krimineller, weil ich immer erwischt wurde. Ich habe einfach kein Gespür dafür. Außerdem ist es hier in Frankreich etwas anderes, weil ich in einer kleinen Gemeinde lebe. Hier kenne ich die Polizisten. Du siehst einen Metzger, trinkst ein Glas Cider mit ihm und dann siehst du ihn in Uniform und merkst: Oh, der Typ ist eigentlich ein Polizist. Es ist also nicht das gleiche Katz-und-Maus-Spiel wie in England, wo ich die Polizei vielleicht nicht kennen würde. Manchmal treffe ich sie bei Gigs und sie sind nette

Und Frédéric sagte: „Das ist ein bisschen lasch. Warum versuchst du nicht, ein paar schöne Texte zu schreiben?“ Und ich sagte: „Nein, das ist toll, ein bisschen experimenteller!“ (lacht) Also definitiv: Wenn du von Struktur sprichst, gibt es auf dieser Platte mehr davon, aber auf eine perfekte Art und Weise. Eigentlich sollten die Worte nicht unbedingt zur Musik passen. Aber wenn man es richtig macht, dann funktioniert es wie bei einigen der neuen Songs.

Die zwölf Lieder wurden in einem Herrenhaus namens Cateuil geboren. Möchtest du mehr über die Zeit an diesem Ort erzählen?

Es war essenziell, dass Fred nach Étretat kommt. Ich glaube nicht, dass diese Platte auch an einem anderen Ort entstanden wäre. Wir sind nur einen Kilometer vonei-nander entfernt und können uns mit dem Fernglas sehen. Es waren langsame, kalte Morgen in der Normandie. Mit den Hunden gingen wir durch den Regen zusammen spazieren, streiften ein bisschen umher. Hinter dem Haus geht es weiter auf sehr alte und kaputte Feldwege, hinein in die Wälder, auf entlegenen Straßen hin zu verlassenen Häusern. In manchen davon lebten einige der bekanntesten Familien der Gegend. Es gibt Gerüchte über seltsame Liaisons und Geheimnisse; man munkelt, in welchen Häusern die Deutschen während der Besatzung gelebt haben. Es sind magische Orte. Cateuil gehört einem Freund von Frédéric, steht aber die meiste Zeit des Jahres leer. Die Einheimischen ärgern sich immer über die Leute aus Paris, die sich diese stattlichen, alten Häuser lei-sten können und nur für einen Monat im Jahr bleiben. Aber Fred kam mit seiner Gitarre und überzeugte diesen reichen Typen Antoine, ihm die Schlüssel zu geben. Also wohnte er in diesem großen, leeren Haus, lebte aber ein ziemlich spartanisches Leben mit Kaffee, Brot und Einkäufen vom Fischmarkt. Dann saßen wir am Feuer und haben versucht, ein paar Lieder zu schreiben. Hin und wieder bin ich gegen Nachmittag gegangen, um Siesta zu machen. Am Abend sind wir manchmal nach Le Havre gefahren, um eine Band zu sehen. Aber eigentlich war das wegen der Pandemie so gut wie unmöglich. Seltsame Zeiten. Wo wohnst du gerade?

In Berlin. Hier ist es jeden Tag grau, ein hässlicher Ort.

Ich glaube, ich könnte in Berlin leben. In Sachen Drogen ist Berlin eine durchaus gefährliche Stadt.

Lass das meine Sorge sein. Es gibt wunderbare Wälder rund um Berlin. Die Gegend um Berlin herum...

Nennt man Brandenburg.

Die Natur ist toll, viele Wildschweine. Zurück in die Normandie: Eine wichtige lyrische Inspirationsquelle für die Platte war deren jahrhundertealte Fabelwelt. Was reizt dich so sehr an der Mythologie der französischen Nordküste?

Zunächst einmal die Besessenheit, Gott in ein Tier zu projizieren. Viele europäische Mythologien tun das. Auch die Ureinwohner Amerikas. Manche Vögel haben eine bestimmte Bedeutung, der Fuchs wurde von den Franzosen immer verehrt. Im Mittelalter haben die Menschen in Westeuropa den Goldenen Löwen auf ihren Fahnen herumgetragen, den sie wahrscheinlich noch nie gesehen haben. Es ist wie ein ungreifbarer Traum. Vor etwa anderthalb Jahren habe ich viele dieser Mythen gelesen. Unter anderem über drei Schwestern, die gefangen genommen und in dieses Schloss gesteckt wurden, genau hier, auf dem Felsen (zeigt aus dem Fenster). Statt sich von dem Kerl, der sie eingesperrt hat, vergewaltigen zu lassen, haben sie sich lieber von der Klippe gestürzt. Es kommen viele Leute in diese Stadt, um Selbstmord zu begehen. Wegen der Klippen ist Étretat für viele das Ende des Weges. Ich glaube, der Rekord liegt bei 50 Menschen in einem Jahr, die kamen, um sich umzubringen. Ich habe mich mit einem Hotelbesitzer unterhalten. Er hat gesagt, dass man immer weiß, wenn sich jemand am nächsten Morgen das Leben nehmen wird. Weil diese Leute nie Gepäck dabei haben.

Ich werde dir zum Ende hin eine Frage stellen, die du gewiss schon nicht mehr hören kannst: Wie steht es um die Libertines?

Oh, nein – das ist eine tolle Frage! Die Libertines sind so stark wie nie zuvor. Ich glaube, dass wir unser letztes Konzert in Berlin gegeben haben. Im November werden wir wieder nach Deutschland kommen und ich gebe dir jetzt ein Versprechen: Dass wir dann ein paar neue Songs spielen werden.

Ist Étretat das Ziel deiner persönlichen Reise nach Arcady? Ist das Schiff Albion im Hafen angekommen?

(lacht) Hier gibt es keinen Hafen. Der nächste Hafen liegt in Fécamp. Ich müsste den Anker draußen auf dem Meer werfen und hierher schwimmen... Ich weiß es nicht. Wer weiß das schon?