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… und jeden Tag entspannter


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Donna - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 06.04.2022

Gesundheit

An mein erstes Mal erinnere ich mich nur dunkel, ich war vielleicht 19, schloss die Augen und dachte 20 Minuten darüber nach, wann ich endlich wieder eine Kippe rauchen kann. Meditation war in den 90ern nicht das, was es heute ist: ein Trend und selbst bei den Berliner Hipstern cool. Ich saß in Jetset-Leggings in einem Sportstudio auf der Kaiserstraße in Frankfurt in meiner ersten Yogastunde, weil ein DJ mein Herz gebrochen hatte. Auf der Suche nach Erleuchtung war ich nicht, bloß nach ein bisschen weniger Bass in meinem Hirn. Es half. Vielleicht lag es auch nur daran, dass dort kein Techno gespielt wurde. Die Lehrerin hauchte: „Stellt euch vor, eure Gedanken sind wie die aufgebrachte See, aber tief auf dem Meeresgrund ist es ruhig.“ Von da an ließ mich das Abtauchen in die Abgründe meiner Seele nicht mehr los. In den Jahren darauf hockte ich in Indien so lange auf meinen ...

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Kinderleicht ist Meditieren nicht ? es braucht eine Weile, bis man gelernt hat, seine Gedanken zu beobachten und vorbeiziehen zu lassen
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... Sitzbeinhöckern, bis ich wusste, warum sie so heißen, saß im „Sivananda Ashram“ auf den Bahamas so ausdauernd im Lotussitz, bis ich nicht mehr wusste, wie ich heiße, ich verbrachte meine Ferien mit Meditieren in New York bei Guru Jagat – und suchte doch immer nur eins: mich.

„Augen zu, Klappe halten und sich selbst beobachten”

Listen, die man im Kopf macht, die Unruhe, die auftaucht, die Dialoge durchspielen, die man später führen wird, und jene, die man bereits vergeigt hat, die Dinge, die man in der Zukunft alle noch kaufen muss, und jene, die man, Shit, in der Vergangenheit vergessen hat. All das, was sich da im Geist abspielt, sobald der Körper zur Ruhe kommt, nennt sich Monkey Mind: wild gewordene Äffchen, die sich im Oberstübchen von einem Ast zum nächsten schwingen. Man meditiert nicht, um seine Gedanken zu stoppen, das klappt nicht. Wir meditieren, um den Geist zu beruhigen. Das ist alles. Und dann stellt er sich irgendwann ein, dieser Zustand des Ruhens, als sei man auf einer Lichtung gelandet und säße auf Moos. Bis dahin ist es kein harter Weg, aber einer, für den man Geduld, Beständigkeit und Regelmäßigkeit braucht. Ich vergesse das auch immer wieder, dummerweise immer dann, wenn ich das Ausruhen am nötigsten hätte. Was mir in Phasen, in denen ich mir selbst weismache, zu beschäftigt zu sein für so einen spirituellen Firlefanz, hilft: Unterstützung holen von außen in Form einer App wie zum Beispiel „Insight Timer“. Das ist eine Art Tracking-App, die Anreiz schafft, eine regelmäßige Meditationspraxis zu etablieren. Besser täglich fünf Minuten als täglich nichts. Geistiges Training braucht Wiederholung, damit der Friedensmuskel wachsen kann. Was es in der App auch gibt, sind geführte Meditationen von unzähligen Lehrern weltweit, zum Beispiel mag ich jene von der Kanadierin Sarah Blondin aus der Reihe „Live Awake“. Immer dann, wenn ich es nicht schaffe, mich aus meinem Loch zu bewegen, das durch zwei Jahre Pandemie an manchen Tagen zur Grube wurde. Ihre sanfte Stimme und weisen Worte helfen mir dabei, weich zu werden, dort, wo es hart ist, und zuversichtlich, wenn die Hoffnung ausgeht. Schwere Zeiten wie diese, in denen Krieg und Unsicherheit herrschen, schreien nach mentalen Maßnahmen: Äußerer Frieden beginnt mit innerem Frieden. Das ist nicht von mir, sondern von dem kürzlich verstorbenen buddhistischen Lehrer Thich Nhat Hanh. Er sagte: „Meditation bedeutet, darauf zu achten, was geschieht: in deinem Körper, in deinen Gefühlen, in deinem Geist und in der Welt.“

Silent in the City

In Berlin-Mitte gibt es neuerdings einen ziemlich ruhigen Ort: In der Torstraße lädt das „Ohia“ auf 400 Quadratmetern zur Drop-in-Meditation ein. Die Räume der „Meditationsboutique“ heißen The Garden oder The Temple und haben so gar nichts vom Yogastudio nebenan. Wer sich hier auf die schicken cremefarbenen Kissen plumpsen lässt, kann sich kurz oder einen ganzen Tag lang in Meditations-, Tiefenatmungs-oder Selbsthypnosegruppen fokussieren. Für Einsteiger lohnt sich der Workshop „The Art of Meditation“ (jeden Monat). Man bekommt einen Überblick über die verschiedenen Techniken der geführten Meditationen. Danach hat man zumindest eine Ahnung davon, was Mantra-, Metta-und Achtsamkeits-oder Kundalini-Meditation bedeuten. Standorte in München und Hamburg sind geplant. Info über ohiameditation.com

Vor diesem Hintergrund sind es gute Nachrichten, dass neuerdings sogar Peloton Meditationskurse auf Deutsch anbietet und in Berlin das „Ohia“ eröffnet hat: eine Meditationsboutique für geistigeGymnastik. Zwischen Shopping und Job kann man dort, ähnlich wie im „MNDFL“ in New York, für eine Session einchecken. Die beiden Gründerinnen Elisa und Maggy sagen, dass sie „Inner Peace“ für die mächtigste Kraft im Universum halten. Wenn unsere Gesellschaft etwas bitternötig hat, dann das. Präsent, Atemzug für Atemzug im jetzigen Moment und an diesem Ort zu sein erfordert Hingabe. Man muss das wollen. Oft geschieht Meditation genau aus dem Grund nicht: Man will woanders sein, träumt sich weg, lenkt sich ab, hält das Hier und Jetzt nicht aus. So ging es mir an dem tiefsten Punkt in meinem Leben auch mal. Die Wirklichkeit war so hässlich, dass ich alles wollte, bloß nicht still sitzen. Es war nicht so schlimm wie bei Carrie, als sie wochenlang und meilenweit nach Bigs Tod durch die City lief, aber die Trennung von meinem Mann kam dem Tod gefühlt verflucht nahe. Als mir damals nichts mehr half, ich alle Tränen vergossen und alle Tassen zerdeppert hatte, erinnerte ich mich an mein gebrochenes Herz in den 90ern und meine erste Meditationserfahrung. Ich kniete mich in unserer plötzlich viel zu groß gewordenen Wohnung aufs Parkett vor einen Prada-Schuhkarton, stellte eine Kerze und Blumen darauf, zündete ein Räucherstäbchen an und flüsterte: „Gegenwärtiger Moment, einziger Moment. Gegenwärtiger Moment, einziger Moment. Gegenwärtiger Moment, einziger Moment.“ Jeden Morgen saß ich dort, so lange, bis ich eines Tages wieder wusste, wer ich trotz allem und ohne alles war: die aufgebrachte See, aber tief auf meinem Meeresgrund war ich seelenruhig.

Gelassenheit trainieren

Diplom-Psychologe und Meditationsforscher Dr. Ulrich Ott vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg über Meditation

Wird man durchs Meditieren tatsächlich gelassener?

In der Regel schon. Beim Meditieren beobachtet man zunächst, was im Körper passiert, wie sich die Atmung verlangsamt, die Muskelspannung abnimmt. Das ist ein Zeichen dafür, dass im vegetativen Nervensystem der Vagusnerv aktiver wird. Er hat eine, ausgleichenden Einfluss auf verschiedene Körperfunktionen – man entspannt. Das ist messbar: Die elektrische Aktivität des Gehirns zeigt dann langsamere und stärker synchronisierte Wellen.

Funktioniert aber nicht immer.

Beim Meditieren lernt man mit der Zeit, seine Anspannung wahrzunehmen. Je stärker dieses Körperbewusstsein, desto besser kann man abschalten bzw. in einen Ruhemodus umschalten. Wenn es still ist, man weder Reize von außen bekommt noch Zeitdruck hat, spürt man sich besser.

Was, wenn die Gedanken abschweifen und man nicht mehr bei der Atmung, sondern bei der Steuererklärung ist?

Völlig normal, die Gedanken oszillieren beim Meditieren ständig zwischen Tagträumen und dem gesetzten Fokus. Aber wer geübt ist, kann sich länger fokussieren und bemerkt das Abschweifen früher. Man bekommt sozusagen ein Metabewusstsein für das, was im Kopf passiert.

… und was passiert da?

Bei Menschen, die über Jahre meditieren, verändert sich nicht nur die Aktivität, sondern auch die Struktur des Gehirns, es ist formbar: Nutzt man es beispielsweise zum Meditieren, zum Erlernen einer Sprache oder eines Musikinstruments, wird die graue Substanz in bestimmten Regionen messbar dicker, weil das Gehirn versucht, diese Tätigkeit besonders gut auszuführen. Das sieht man bereits nach einigen Wochen des Übens.

Also lässt sich Gelassenheit trainieren.

Ja, denn durchs Meditieren entstehen stärkere Vernetzungen in Hirnregionen, die für Körperwahrnehmung und Selbstregulation zuständig sind. Studien lassen vermuten, dass diese Veränderungen im Gehirn die Grundlage dafür sind, dass Meditation fokussierter, ruhiger und gelassener macht.