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Und tschüss!


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 24.02.2022

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Bildquelle: Siegessäule, Ausgabe 3/2022

Der Begriff „Cancel Culture“ wurde in den 2010er-Jahren im US-amerikanischen Twitter-Diskurs zunehmend populär. Inzwischen ist er auch im deutschsprachigen Raum angekommen. Allgemein werden darunter Bestrebungen gezählt, Personen und Organisationen aufgrund streitbarer oder diskriminierender Handlungen und Aussagen auszuschließen oder ihren Inhalten die Plattform zu entziehen. Kritiker*innen der Cancel Culture sprechen von „Denkverboten“ und fürchten das Ende der Meinungsfreiheit. Für die Gegenseite ist der Begriff vor allem ein Ablenkungsmanöver, mit dem sich Personen, die sich z. B. öffentlich in diskriminierender Form geäußert haben, als Opfer einer vermeintlichen „Kampagne“ stilisieren. Gleichzeitig bemängeln Menschen, die sich in keines der beiden Lager einordnen lassen wollen, innerhalb bestimmter Kreise eine zu geringe Toleranz gegenüber Fehlern oder Meinungen, die nicht komplett der ...

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... eigenen Linie entsprechen. Wie passt all das zusammen? Und gibt es Cancel Culture in queeren Szenen wirklich?

Um diese Frage zu beantworten, ist es nötig zu klären, wie der Begriff Cancel Culture überhaupt verwendet wird. Dabei taucht bereits das erste Problem auf – denn wir begegnen dem Wort in sehr unterschiedlichen Kontexten: Zum Beispiel innerhalb der #Me- Too-Kampagne, die Betroffene ermutigt, sexuelle Übergriffe öffentlich zu machen. Etlichen Prominenten drohten nach den Anschuldigungen berufliche Konsequenzen. Diese Praxis hat wenig gemeinsam mit der Cancel-Culture-Diskussion um den Sammelband „Beißreflexe“, der in der queerfeministischen Community vor allem inhaltliche Kritik erntete, und einen Ausschluss der Herausgeberin Patsy l‘Amour laLove und einiger ihrer Autor*innen aus bestimmten Kreisen zur Folge hatte. Ebenso liegen Welten zwischen den Antisemitismus-Vorwürfen gegen Kabarettistin Lisa Eckhart, J. K. Rowlings transfeindlichen Statements und Social-Media-Aufrufen von Privatpersonen, bestimmte „problematische“ User*innen zu entfolgen. Doch in den Debatten um all diese Beispiele taucht der Begriff Cancel Culture auf.

Diffuses Bedrohungsszenario

„Cancel Culture als Buzzword für angebliche Probleme in Wissenschafts-, Kunstund Meinungsfreiheit ist ungeeignet, denn das ist eigentlich ein sehr heterogenes Feld“, findet Prof. Dr. Andrea Geier. Sie ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Genderforschung an der Universität Trier. Die unterschiedlichen Beispiele hätten allerdings gemeinsam, dass die Akteur*innen, die hier angeblich Cancel Culture betreiben würden, ausschließlich aus linken Kontexten kommen. Es entstehe außerdem das Narrativ von Minderheiten, die angeblich bestimmen würden, was (noch) gesagt werden dürfe. Forderungen danach, gewisse Inhalte oder Personen zu „canceln“, gebe es allerdings auch von konservativer Seite, merkt Geier an. Beispielsweise von „besorgten Eltern“, die sich dafür aussprechen, dass Aufklärung über queere Lebensweisen nicht an Schulen vermittelt wird. Dieses Vorgehen wird seltsamerweise jedoch so gut wie nie als Cancel Culture bezeichnet. Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, wie ausgerechnet marginalisierte Minderheiten es geschafft haben sollen, einen öffentlichen Diskurs an sich zu reißen.

Bei Cancel Culture handele es sich laut Geier um ein Phantasma, ein diffuses Bedrohungsszenario, das den Begriff „Political Correctness“ ablöse: „Political Correctness beschreibt eine Haltung. Der Begriff Cancel Culture legt nahe, es gäbe stets tatsächlich eine Bedrohung und reale Folgen.“ Dabei würden auch Kritik und Forderungen skandalisiert und nicht mehr von tatsächlichen Angriffen unterschieden. Bestrebungen für Awareness und Rücksichtnahme würden kurzerhand zu „Verboten“ umgedeutet.

Ein Beispiel dafür ist eine Praxis im SchwuZ, Künstler*innen und DJs als Teil des ersten Bookings einen Text über das Selbstverständnis des Clubs zu schicken, gemeinsam mit der Bitte, dieses bei der Songauswahl zu berücksichtigen. Konkret: Das SchwuZ regt DJs an, auf bestimmte problematische Musikacts, sexistische Songs wie „Blurred Lines“ von Robin Thicke, sowie auf Schlager, die rassistische Stereotype reproduzieren, zu verzichten. Die Aufzählung sei explizit als Bitte formuliert, nicht als Verbot. Der künstlerische Leiter des SchwuZ, LCavaliero Mann, fragt sich deshalb: „Wieso wird es als Verbot empfunden, auf einige Songtitel zu verzichten? Wieso gibt es den Wunsch, sich auf Kosten von marginalisierten Teilen der eigenen Community amüsieren zu wollen?“ Diese Form der Abwehrhaltung sei aber inzwischen seltener geworden. Der Dialog über die Beweggründe zwischen dem SchwuZ und den DJs habe dazu beigetragen, ein Verständnis zu entwickeln – auch bei den Fällen, wo die Bitte um Streichung von den Playlists vielleicht nicht so auf der Hand liegt wie bei Songs mit rassistischen Begriffen.

Kein Spielraum für Dialog

Einer der Hauptkritikpunkte im Zusammenhang mit Cancel Culture sind das Nicht- Aushalten unterschiedlicher Positionen und ein Umgang mit Kontroversen, in dem kein Spielraum mehr für Dialog sei. Auch Aktivist*innen mit den besten Absichten äußern hier ehrliche Überforderung. Ein Beispiel dafür ist die ehemalige, queere Neuköllner Bar Ludwig, die von 2016 bis 2019 von Maurus und Ceven geführt wurde. Das Ludwig verstand sich über eine Kiezkneipe hinaus auch als queerer Kunstraum und politisches Forum. Das Navigieren zwischen konträren queeren Positionen und Erwartungshaltungen beschreibt Maurus als Sisyphosarbeit, den Begriff Cancel Culture lehnt er aber ab: „Das ist Englisch für ‚Man wird ja wohl noch sagen dürfen‘.“ Das Ludwig wollte die queere Community dazu bewegen, sich mit komplexen Themen zu beschäftigen. Eine der am besten besuchten Veranstaltungen im Ludwig war „Patsys Salon“. Nachdem Patsy l’Amour laLove als Herausgeberin von „Beißreflexe“ im Kreuzfeuer der Kritik stand, wurden Forderungen an die Ludwig-Betreiber laut, „Patsys Salon“ aus dem Programm zu nehmen. Forderungen, die in einigen Fällen auch in Drohungen mündeten. Das Programm der Bar war schon allein wegen wirtschaftlicher Überlegungen breit aufgestellt. „Du kannst nicht nur Events für eine queere Nische machen, wenn deine Bar überleben soll“, erklärt Maurus. Als ein Teil der Community Druck ausübte, Veranstaltungsformate wie „Patsys Salon“ zu streichen, fürchteten Maurus und Ceven auch wirtschaftliche Konsequenzen. „Eine Bar zu betreiben ist wie ein Kind zu haben“, findet Ceven. „Alle wissen besser als du, was richtig ist.“

Der Sammelband „Beißreflexe“ wird in diesem Monat fünf Jahre alt. Einige der Autor*innen kritisierten darin eine queere Bewegung, in der vermeintliche Sprach-, Kleidungs- und Denkverbote wichtiger seien, als sich mit queerem Selbstbewusstsein gegen Heteronormativität zu richten. Das Buch wurde häufig als polemisch rezipiert oder für die Abwesenheit von BIPoC-Stimmen in der Auseinandersetzung mit Rassismus kritisiert. Die hitzige Diskussion schlug hohe Wellen und hatte auch Konsequenzen zur Folge. So entschied 2017 beispielsweise das Orga-Team der Messe „Queeres Verlegen“ das Buch nicht auszustellen. Nur einer von vielen Fällen im Kontext von „Beißreflexe“. Für einen der Autor*innen, Vojin Saša Vukadinović, ist die Rezeption des Buches exemplarisch dafür, wie Cancel Culture in der queeren Szene ablaufe: „An den Reaktionen zeigte sich, dass sich selbst für machtkritisch haltende deutsche Akademikerinnen zu exakt den autoritären Tendenzen neigen und zu genau denjenigen Mitteln greifen, die im Sammelband beschrieben worden sind.“ Die Mechanismen von Cancel Culture seien in der queeren Community ähnlich wie auch überall sonst: „Es bilden sich Gruppen aus, die zur eigenen Statuswahrung dazu neigen, diejenigen moralisch anzuschmieren, die ihnen nicht ins Weltbild passen.“

Maurus sieht hier hingegen eher eine niedrige Ambivalenztoleranz, nicht nur bei marginalisierteren Teilen der Community: „Das Aushalten des anderen, den andere Erfahrungen geprägt haben, ist für einige so schwer, da ist sofort verbal der Knüppel in der Hand.“ Obwohl die Idee vom Ludwig war, einen Raum für Diskussionen zu schaffen, und die Bar auch offen für potenzielle Gegenveranstaltungen zu „Beißreflexe“ gewesen war, versuchten viele Menschen anhand des Programms eine klare Positionierung abzulesen und die Bar in ein Lager einzuordnen. So kursierten z. B. auch Gerüchte in Online-Diskussionen, das Ludwig vertrete Positionen gegen Sexarbeiter*innen. Für Ceven war das nicht nachvollziehbar: „Ich bin selbst ehemaliger Sexarbeiter und habe mich bei einer Diskussionsveranstaltung im Ludwig zu Wort gemeldet, als ein Gast sexworkfeindlichen Bullshit verbreitete.“ Maurus vermutet, dass bei einigen Szenekonflikten die inhaltliche Kritik nur vorgeschoben war: „Da ging‘s dann eigentlich eher darum: Der mag den nicht, die hat den bei Facebook geblockt, deshalb komm ich nicht, wenn der kommt ...“ Hier werden Dynamiken sichtbar, in denen mit Unterstellungen und Drohungen gearbeitet wird, was als Praxis im Umgang mit Kontroversen natürlich kritikwürdig ist. Ähnliche Erfahrungen hat auch die kanadische Bloggerin Clementine Morrigan gemacht. Sie veröffentlicht Zines über Trauma und Polyamorie oder gibt Empowerment-Workshops für bisexuelle Frauen. In ihrem Podcast „Fucking Cancelled“ sowie auf Instagram tritt sie als lautstarke Kritikerin der Cancel Culture auf, seitdem eine Social-Media-Kampagne mit vagen Anschuldigungen gegen sie gerichtet wurde. Darin hieß es unter anderem, sie schütze Täter*innen sexueller Gewalt, allerdings ohne konkrete Belege. Eines von Morrigans Argumenten ist, dass in queeren und linken (Online-) Communitys der Druck herrsche, Kritik und „Call-Outs“ nicht zu hinterfragen. Das führe dazu, dass Menschen vorschnell den Forderungen nachkämen und beispielsweise als „problematisch“ kritisierte Social-Media-Accounts entfolgten – allerdings nicht aufgrund von Integrität oder Reflexion, sondern aus Angst, als Kompliz*in zu gelten und selbst gecancelt zu werden. Sie ermutigt Communitys dazu, ihre politischen Ideale zu stärken und einen Umgang mit Kritik zu entwickeln, der nicht auf Angst vor Strafe, sondern auf Solidarität beruht. Obwohl es nicht zu leugnen ist, dass in queeren Communitys Bestrebungen existieren, streitbare Personen und Organisationen auszuschließen, ist die Frage dennoch, ob es nicht irreführend ist, hier von Cancel Culture zu sprechen. Ob im queeren Mikrokosmos oder auch im Mainstream, bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass z. B. eine Person wie Lisa Eckhart auch weiterhin Auftritte hat und in Interviews darüber spricht, worüber sie angeblich nicht sprechen darf. „Gecancelt“ oder „mundtot“ ist sie also offenbar nicht, sonst könnte sie schließlich nirgendwo auftreten oder öffentlich sprechen.

Wie also zukünftig umgehen mit diesem Diskurs, vor allem innerhalb unserer LGBTIQ*-Szenen? Die Antwort kann nur lauten: An einem tatsächlichen Austausch interessierte Dialoge führen! Über Szenedynamiken, politische Ideale, den Umgang mit kontroversen Inhalten, die geringe Toleranz bei Fehlern, die Verantwortung von Veranstaltungsorten und privilegierteren Teilen der Community. Cancel Culture als Begriff ist jedoch zu vage und der Diskurs darüber zu sehr von rechten Argumentationslinien durchzogen, um bei diesem Unterfangen hilfreich zu sein.

Paula Balov