Lesezeit ca. 8 Min.

„Und wägt mit der richtigen Waage“


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 22.10.2021

Artikelbild für den Artikel "„Und wägt mit der richtigen Waage“" aus der Ausgabe 4/2021 von Welt und Umwelt der Bibel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 4/2021

Prof.in Dr. Rana Alsoufi ist Juniorprofessorin am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt a. M.Forschungsschwerpunkte sind u. a. Islamisches Recht und Vergleichende Theologie (insbesondere vergleichende Studien der religiösen Rechtstheorien).

Die Zehn Gebote (’aseret ha-devārīm) der Hebräischen Bibel bilden einen wichtigen Teil der jüdischen Tradition, die auf der theologischen Prämisse des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel beruht (Yehezkel Landau, „God as Multiple Covenanter”, in Cross Currents, Bd. 65, Nr. 1 (2015), 60). Christentum und Islam haben sich als jüngere Geschwisterreligionen in unterschiedlichen Weisen darauf bezogen. Insbesondere die Frage, inwiefern der biblische Dekalog im Koran genau aufgegriffen und bearbeitet wird, wird in der Koranforschung diskutiert (K. Lewinstein, „Commandments”, in Encyclopaedia of the Qur’ān I, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Welt und Umwelt der Bibel. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2021 von VIP-Lounge unter der Stadt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VIP-Lounge unter der Stadt
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von Schwein gehabt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schwein gehabt
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von Jerusalems alte Stadtmauer steht noch!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jerusalems alte Stadtmauer steht noch!
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von Mode der Steinzeit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mode der Steinzeit
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von DIE ZEHN GEBOTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE ZEHN GEBOTE
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von Was können wir über die Gebotstafeln wissen? Ein Faktencheck. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was können wir über die Gebotstafeln wissen? Ein Faktencheck
Vorheriger Artikel
Büchertipps
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Gebote oder Rechte?
aus dieser Ausgabe

... 365–367; S. Günter, „O People of the Scripture! Come to a Word Common to You and Us (Q. 3: 64): The Ten Commandments and the Qur’ān”, in Journal of Qur’ānic Studies, 2007, Bd. 9, Nr. 1). Die koranische Offenbarung (alwaḥy) an den Propheten Mu.hammad zwischen den Jahren 610 und 632 unserer Zeitrechnung verkündete eine Reihe von theologischen Ideen, eschatologischen Darstellungen, moralischen Ermahnungen und Rechtsnormen. Im Zentrum der Botschaft steht das kompromisslose Gebot des Glaubens an den einen Gott und die klare Ablehnung der lang verwurzelten Tradition des Polytheismus (al-širk) und der Götzenanbetung auf der Arabischen Halbinsel (W. Montgomery Watt, Kurze Geschichte des Islam, 2002, 16–19).

Das Stammessystem als Hintergrund der Suren

Um die verschiedenen im Koran auftauchenden Gebote zu untersuchen, ist es wichtig, sowohl den historischen Kontext als auch die Chronologie der Suren zu berücksichtigen. Dadurch lässt sich die innere Entwicklung und Dynamik des koranischen Kommunikationsstils ebenso nachvollziehen wie der Geist, der seinen Geboten zugrunde liegt (Literatur am Textende). In Mekka, der Heimatstadt des Propheten Muḥammad, war das Stammessystem das Rückgrat der Gesellschaft. Ärmere Menschen und alle diejenigen, die keine starken Stammesverbände hinter sich hatten, wurden häufig unterdrückt und waren so der harten Realität des Stammeswesens im 7. Jh. schutzlos ausgesetzt (A. Noth, „Früher Islam“, in Geschichte der arabischen Welt, Hrsg. Ulrich Haarmann, 1987, 12–17). Es ist genau dieser Hintergrund, vor dem die ältesten, dem Propheten offenbarten Suren verstanden werden müssen: Sie rufen zur Besinnung auf und ermutigen zu tugendhaftem Handeln und guten Sitten (z. B. Sure 107:2–7; 104:1–2).

Die mittelmekkanischen Gebote gehen über die Zehn Gebote der Bibel hinaus

Die koranischen Bearbeitungen der Zehn Gebote bilden eine wichtige Grundlage für zentrale Bereiche des islamischen Rechts

Koranforschende unterschieden vier Entstehungsphasen des Textes, nämlich die früh-, mittel- und spätmekkanische Periode sowie die medinensische Periode (622–632 nC). Die frühmekkanischen Suren beschäftigten sich mit Themen, die sich auf den Schöpfer (al-ḫāliq) und seine Erschaffung des Menschen (96:1–8) beziehen, die Schöpfung der Erde (88:17–20) und der Wesen, die für die Menschen geschaffen wurden, um ihnen ein dauerhaftes Leben zu ermöglichen (80:24–31). Die früh-und mittelmekkanischen Suren haben bereits eine moralische Stoßrichtung: Sie bestehen auf der Forderung nach Gerechtigkeit (’adl; 16:76/90) und Barmherzigkeit (raḥma; Q 38:43) im Diesseits (fī d-dunyā) und Jenseits (fī l-āḫirā), die in dieser Welt für die Menschen durch die Einhaltung der Gebote Gottes erreicht werden können (84:7–12). In der mittelmekkanischen Periode ändert der Koran jedoch seine Haltung und offenbart eine mehr auf die Gemeinschaft und die Figur des Propheten ausgerichtete Position: Er bezieht sich sowohl auf Mose als auch auf Mu.hammad, die beide göttliche Gesetze an ihre Gemeinschaften überbrachten (20:47–48). Es ist dieser Zusammenhang, in dem auch die früheste koranische Version der Zehn Gebote erscheint, nämlich in Sure 17 („Die Nachtfahrt“, sūrat alisrā’), und zwar in folgenden Versen:

Sure 17 - mit Anklängen aus dem Dekalog

01. Setze Gott keinen anderen Gott zur Seite, sonst wirst du dasitzen, gescholten und im Stich gelassen. (V. 22)

02. Und dein Herr hat bestimmt, dass ihr nur Ihm dienen sollt, und dass man die Eltern gut behandeln soll. Wenn eines von ihnen oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sag nicht zu ihnen: „Pfui!“, und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen ehrerbietige Worte. Und senke für sie aus Barmherzigkeit den Flügel der Untergebenheit und sag: „Mein Herr, erbarme dich ihrer, wie sie mich aufgezogen haben, als ich klein war.“(V. 23)

03. Und lass dem Verwandten sein Recht zukommen, ebenso dem Bedürftigen und dem Reisenden, aber handle nicht ganz verschwenderisch. (V. 26)

04. Und lass deine Hand nicht an deinem Hals gefesselt sein, aber strecke sie auch nicht vollständig aus. Sonst würdest du getadelt und verarmt dasitzen. (V. 28)

05. Und tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor Verarmung. Ihnen und euch bescheren Wir doch den Lebensunterhalt. Sie töten ist eine große Sünde. (V. 30)

06. Und nähert euch nicht der Unzucht. Sie ist etwas Schändliches, und sie ist ein übler Weg. (V. 32)

07. Und tötet nicht den Menschen, den Gott für unantastbar erklärt hat, es sei denn bei vorliegender Berechtigung. Wird jemand ungerechterweise getötet, so geben Wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht (ihn zu rächen). Nur soll er nicht maßlos im Töten sein; siehe, er wird Beistand finden. (V. 33)

08. Und nähert euch nicht dem Vermögen des Waisenkindes, es sei denn auf die beste Art, bis es seine Vollkraft erreicht hat. Und erfüllt eingegangene Verpflichtungen. Über die Verpflichtungen wird Rechenschaft gefordert. (V. 34)

09. Und gebt volles Maß, wenn ihr messt. Und wägt mit der richtigen Waage. Das ist besser und führt zu einem schöneren Ergebnis. (V. 35)

10. Und verfolge nicht das, wovon du kein Wissen hast. Über Gehör, Augenlicht und Herz, über all das wird Rechenschaft gefordert. (V. 36)

11. Und schreite nicht unbekümmert auf der Erde einher. Du wirst ja die Erde nicht durchbohren und die Berge an Höhe nicht erreichen können. Das schlechte Verhalten in alledem ist bei deinem Herrn verpönt. (V. 37–38)

12. Das ist etwas von dem, was dir dein Herr an Weisheit offenbart hat. Und setze Gott keinen anderen Gott zur Seite, sonst wirst du in die Hölle geworfen, getadelt und verstoßen. (V. 39)

Sure 17 des Koran heißt al-isrāʾ „Die nächtliche Reise“ oder „Die Kinder Israels“ (Banī Isrā‘īl). Neben Texten zum Jüngsten Tag und zur gesellschaftlichen Ordnung enthält sie Texte zu den Propheten Adam, David,Muḥammad, Mose und Noach und die Verbannung des Teufels aus dem Himmel. In der Sure wird über eine nächtliche Reise des Propheten Muḥammad von Mekka zu der „fernen Kultstätte“ (al-aqṣā) erzählt, die teils mit Jerusalem (bait almaqdis) identifiziert wird. In den Versen 23 bis 39 findet sich eine Rechtssammlung, deren Normen den Zehn Geboten entsprechen.

Widerschein des Dekalogs im Koran

Bereits auf den ersten Blick spiegeln diese koranischen Gebote den bekannten Dekalog der Tora wider. Auch die prominente Koran-Expertin Angelika Neuwirth erkennt diesen Zusammenhang zwischen den mekkanischen Geboten und den Zehn Geboten der Hebräischen Bibel. In ihrer Untersuchung des koranischen Befunds argumentiert Neuwirth, dass die mittelmekkanische Version (17:32–9) als „Metadiskurs“ bezeichnet werden kann, der eine als Gottesrede bezeichnete Typologie bildet (A. Neuwirth, Die Koranische Verzauberung der Welt und Ihre Entzauberung in der Geschichte, 2017, 153). In dieser Rede verordnet Gott seine Gebote und fordert explizit deren Anwendung im Hier und Jetzt.

Bereits auf den ersten Blick spiegeln diese koranischen Gebote den bekannten Dekalog der Tora wider

Neuwirth sieht die mekkanischen Gebote im Zusammenhang der Gemeindeentwicklung und argumentiert, dass der Dekalog im Kontext einer Konkurrenz zwischen dem Erbe des Propheten Mose und dem Gesandten Muḥammad entstanden sind (20:98–99): Die Vorstellung des Erbes des Mose, der die Zehn Gebote auf Steintafeln von Gott erhalten hatte, war in der Spätantike weitverbreitet. Zwar verweist der Koran auf dieses Vermächtnis, indem nicht nur der Name Mose insgesamt 136-mal erscheint, sondern auch der Hinweis auf die ihm gegebenen Tafeln (ṣuḥuf Mūsā): „Wir schrieben für ihn auf die Tafeln die Grundlagen von allem, Gebote und Erklärungen zu allen Dingen. Wir befahlen: „Halte dich fest daran und fordere dein Volk auf, das Beste davon zu nehmen. Ich werde euch allen bald das Haus der Aufrührer zeigen“ (7:144–145). Trotzdem steht die mittelmekkanische Version des Dekalogs in Sure 17 ohne einen expliziten Bezug zum Propheten Mose und den Kindern Israels. Darüber hinaus gehen die mittelmekkanischen Gebote über die Zehn Gebote der Bibel hinaus und spiegeln genau die ungerechten sozialen Praktiken des mekkanischen Kontextes wider. Zu diesen Praktiken gehören: die Tötung von Kleinkindern aus Angst vor Armut (81:8–9, 6:151), das Gebot der Fairness im Handel (17:35, 6:152), die Fürsorge für Waisen (17:34, 6:162), die Lex Talionis (Vergeltung nach dem Wert der Verletzung, 17:33) und das Verbot unerlaubter sexueller Beziehungen (17:32).

Neudeutung des Dekalogs

Eine grundlegend neue Situation entsteht durch die Auswanderung des Propheten und seiner Anhängerinnen und Anhänger: Sobald sich die entstehende muslimische Gemeinschaft (umma) in Medina etabliert hatte (622 u. Z.), wurde die mittelmekkanische Version der Zehn Gebote in zwei Suren wiederholt, in 2:83–4 und 6:151–3. Hier findet sich nun auch ein expliziter Bezug auf das Volk Israel, allerdings in einem polemischen Kontext, der die Nichtbefolgung von Gottes Geboten anklagt (2:85–91). Der neue Kontext in Medina, der auch durch die Präsenz von jüdischen Stämmen geprägt war, hinterlässt nun deutliche Spuren im Koran; im Rahmen einer zunehmenden Auseinandersetzung mit der älteren Geschwisterreligion wird das biblische Erbe neu gedeutet.

Wenn wir uns dem Koran nähern, indem wir versuchen, die historische und chronologische Reihenfolge seiner Verse zu berücksichtigen, können wir die innere Entwicklung des Korans nachzeichnen. Dabei ist zu erkennen, wie sich das kollektive Selbstbild des Individuums in den frühen mekkanischen Versen vom stammesorientierten Selbstverständnis hin zu einem der kollektiven Verantwortung der Gemein-schaft (umma) gewandelt hat. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter den vielen Geboten im Koran der Glaube an den einen Gott das Kerngebot bleibt – dies entspricht bereits dem biblischen ersten Gebot. Darüber hinaus gibt es drei verschiedene Auflistungen von Geboten (in Sure 2, 6 und 17), die klar den Dekalog aufgreifen, sich auf den arabischen Kontext beziehen und durch den Koran für weiterhin verbindlich erklärt werden. In der späteren Tradition des islamischen Rechts bilden diese koranischen Bearbeitungen der Zehn Gebote auch eine wichtige Grundlage für zentrale Bereiche des islamischen Rechts, so zum Beispiel im Kontext des strikten Verbots, zu morden (qatl). Die Zehn Gebote stellen in diesem Sinne ein verbindendes Element zwischen den drei abrahamitischen Religionen dar, die einen geteilten Grundbestand an moralischen Standards festschreiben und einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Traditionen hatten.

Literaturtipps

• The Qurʾān in Context: Historical and Literary Investigations into the Qurʾānic Milieu. Hrsg. Angelika Neuwirth, Nicolai Sinai, Michael Mark. Leiden: Brill, 2010.

• Kontextualität der literarischen und kommunikativen Entwicklung des Qurʾān siehe Neuwirths „Form and Structure of the Qurʾān“, in Encyclopaedia of the Qurʾān: https://referenceworks-brillonline-com.proxy.ub.uni-frankfurt. de/entries/encyclopaedia-of-the-quran/form-and-structure-of-the-quran- EQCOM_00070?s.num=13&s.f.s2_parent=s.f.book.encyclopaedia-of-thequran&s.q=Angelika+Neuwirth

• Eschatologie im Koran: Fazlur Rahman, Major Themes of the Qurʾan. Chicago University Press, 2009, 74-84

• Literarkritik: Chronologisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar zum Koran https://corpuscoranicum.de/kommentar/index/sure/17/vers/23. https://corpuscoranicum.de/kommentar/index/sure/20/vers/98.

• Mohammed H. Kamali, Crime and Punishment in Islamic Criminal Law: A Fresh Interpretation. New York: Oxford University Press, 2019.