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Ungebetene Gäste


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Lebensart - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 24.03.2022

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Im vergangenen Jahr haben viele Gärtnerinnen und Gärtner im Osten Österreichs unbekannte Tiere auf ihrem Gemüse entdeckt: kleine schwarze „Käfer“ mit hübsch angeordneten weißen Punkten, die in Gruppen beisammensitzen. Innerhalb von zwei bis drei Wochen werden sie mehr und mehr grün und bis zu eineinhalb Zentimeter groß – Grüne Reiswanzen (Nezara viridula). Die Wanzen wurden vermutlich durch den Gemüsehandel aus Ostafrika verschleppt und wandern nun aufgrund milder werdender Winter weiter nach Norden. Vor allem im Raum Wien und Graz tauchen sie vermehrt in Gärten und im geschützten Anbau auf, berichtet die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES).

Die Tiere stechen Früchte, Samen, Blätter und Triebe von Gemüse, Obst, Bohnen, Kartoffeln oder Zierpflanzen an, es entstehen Flecken, Verkorkungen und ein unangenehmer Geruch. Die Grüne Reiswanze verursacht großen Schaden und hat bei uns noch ...

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... kaum natürliche Feinde. Sie steht deshalb auf der internationalen Liste der invasiven Arten.

ABSICHTLICH ODER UNABSICHTLICH EINGEFÜHRT

Als invasiv werden Tiere und Pflanzen bezeichnet, die sich sehr stark ausbreiten und dadurch einheimische Arten verdrängen oder zu wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Problemen führen. Üblicherweise sind invasive Arten „Neobiota“, das sind Pflanzen, Pilze, Mikroorganismen und Tiere, die vom Menschen absichtlich oder unabsichtlich in ein Gebiet gebracht wurden, in dem sie nicht heimisch sind. Viele Neobiota wurden bewusst eingeführt, weil sie schön aussehen oder man sie jagen oder anderweitig nutzen wollte. Zahlreiche Pflanzen und Tiere reisen aber auch unbemerkt in Reifenprofilen, Transportcontainern, dem Ballastwasser von Schiffen, in Tierfutter, Saatgut oder Holzverpackungen.

Als Neobiota gelten Arten, die nach 1492, also nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, nach Europa gelangt sind – denn damit hat der transkontinentale Warenverkehr begonnen. Davor konnten Organismen solch weite Strecken nur innerhalb sehr langer Zeiträume überwinden – die Art und die Umwelt hatten Zeit, sich aneinander anzupassen. Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der wir Menschen Arten in weit entfernte Lebensräume einführen, kommt es zu Ungleichgewichten.

GESTÖRTES GLEICHGEWICHT

Der Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) beispielsweise stammt aus Nordamerika und wurde in Österreich um 1970 ausgesetzt, um die Krebsfischerei wiederzubeleben. Die Population heimischer Edelkrebse (Astacus astacus) war aufgrund der grassierenden Krebspest eingebrochen, vermutlich waren sie g eschwächt durch die Begradigung der Flüsse und schlechte Wasserqualität. Der Signalkrebs ist gegen die Krebspest immun und konkurrenzstark. Er verdrängt dadurch den Edelkrebs und den Steinkrebs (Austropotamobius torrentium), beide sind in Mitteleuropa stark gefährdet.

Invasive Neophyten, die viele Menschen in Österreich kennen, sind die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) und der Japanische Staudenknöterich (Fallopia japonica).

Das Drüsige Springkraut wurde aus dem Himalaya, die Goldrute aus Nordamerika als Zierpflanze eingeführt und als Bienentrachtpflanze im Freiland ausgesät. Beide Arten haben sich stark verbreitet, wachsen schnell und bilden entlang von Straßen und Bächen, in Wäldern und auf Wiesen dichte, bis zu drei Meter hohe Bestände, die keine anderen Pflanzen aufkommen lassen. Die Kanadische Goldrute bildet chemische Stoffe, die das Wachstum anderer Pflanzen unterbinden oder behindern, wodurch sie schnell dominant wird. Das Drüsige Springkraut schleudert die reifen Samen, die bis zu sechs Jahre keimfähig bleiben, mehrere Meter weit aus der Kapsel. Beide Arten liefern viel Nektar für Bienen, aber es ist eine einseitige Kost und sie hält die Bienen davon ab, auch andere Pflanzen zu bestäuben. Sehr schnell-und hochwüchsig sind auch der Japanische Staudenknöterich und der Sachalinknöterich, die aus Ostasien stammen und als Zierpflanzen nach Europa kamen. Der Knöterich vermehrt sich in Europa durch Ausläufer und Sprossteile, kann bis zu 30 Zentimeter pro Tag wachsen und hat tiefreichende Wurzeln, die sich nur schwer entfernen lassen.

NACH DER ENTDECKUNG AMERIKAS

1492

BEGANN DER TRANSKONTINENTALE WARENVERKEHR

NEOBIOTA NEHMEN ZU

Im Jahr 2002 haben die Biodiversitätsforscher Franz Essl und Wolfgang Rabitsch, damals beide am Umweltbundesamt tätig, erstmals die gebietsfremden Arten in Österreich inventarisiert. Die laufende Beobachtung zeige, dass Anzahl und Häufigkeit der Neobiota stark zunehme, sagt Franz Essl, der jetzt an der Universität Wien forscht und Mitglied des Österreichischen Biodiversitätsrats ist.

13% DER BIODIVERSITÄT GING 2020 LAUT WWF DURCH INVASIVE ARTEN VERLOREN

Einige Neobiota sind bereits weithin bekannt, was gut ist, denn invasive Neophyten wie der Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum) oder das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia L.), auch Ragweed genannt, können für Menschen sogar gesundheitsschädlich sein: Der Riesenbärenklau verursacht auf der Haut schmerzhafte Blasen, das Ragweed ist stark allergen. Der Klimawandel und die intensive Landnutzung begünstigen teilweise die Etablierung und Ausbreitung invasiver Arten, weil viele von ihnen aus wärmeren Klimazonen stammen oder toleranter gegenüber Störungen des Lebensraums sind.

Foto: istock/knape

RECHTLICHE REGELUNG NÜTZT NUR BEDINGT

Die Ausbreitung invasiver Neobiota ist neben der Lebensraumzerstörung, der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel einer der Hauptgründe für den Verlust an Biodiversität. Schon 1992 wurde deshalb bei der UN-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro eine Kontrolle und Bekämpfung invasiver Arten beschlossen. Regelwerke dafür sind das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt, die Berner Konvention, die Europäische Artenschutzverordnung oder die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

2014 ist die EU-Verordnung Nr. 1143/2014 in Kraft getreten, die die vorsätzliche und nicht vorsätzliche Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten in der Europäischen Union verhindern soll. In allen Mitgliedsstaaten muss ihr Auftreten überwacht und gemeldet werden und die Arten müssen beseitigt werden – außer die Beseitigung ist technisch nicht machbar, hat gravierende nachteilige Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, die Umwelt oder andere Arten oder die Kosten sind zu hoch im Verhältnis zum Nutzen. In der Praxis bedeutet das, dass invasive Arten oft nicht beseitigt werden. Dabei seien die finanziellen Schäden durch invasive Arten mindestens zehnmal höher als die Ausgaben, die zu ihrer präventiven Bekämpfung nötig wären, sagt Franz Essl.

In Österreich kommt erschwerend hinzu, dass invasive Arten in die Bereiche Naturschutz, Jagd und Fischerei (und teils auch Gesundheit) fallen, die Ländersache sind, und es somit keine einheitliche Vorgangsweise gibt. Außerdem fehlt es an Geld und vielleicht auch am Willen. Am ehesten unternehmen Naturschutzgebiete und Nationalparks etwas gegen Arten, die ihre Schutzgüter bedrohen. Im Nationalpark Donau-Auen z. B. wird seit Jahren versucht, Götterbaum und Robinie zurückzudrängen. Alle Neobiota zu bekämpfen ist jedoch nicht möglich.

Die Ausbreitung invasiver Neobiota ist neben der Lebensraumzerstörung, der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel einer der Hauptgründe für den Verlust an Biodiversität.

In der Schweiz wurde früher auf die Verbreitung invasiver Arten reagiert: Dort ist bereits seit 2008 eine Freisetzungsverordnung in Kraft, in der die gebietsfremden Organismen definiert werden und der Umgang mit ihnen geregelt wird. Seit 2016 gibt es eine bundesweite Strategie gegen invasive gebietsfremde Arten.

WAS WIR TUN KÖNNEN

Invasive Arten und eingeschleppte Krankheiten sind laut Living Planet Report 2020 des WWF zu rund 13 Prozent für den Verlust an Biodiversität verantwortlich. Auch wenn es nicht möglich sein wird, Neobiota komplett zu unterbinden, kann man dazu beitragen, den Prozentsatz nicht noch größer werden zu lassen.

Listen von invasiven Pflanzen und Tieren sind im Internet auf der Neobiota-Website des Umweltbundesamtes, bei Naturschutzvereinen und den Ländern zu finden. Sehr ausführlich ist die Neobiota-Seite der Steiermark. Auf all diesen Seiten findet man Tipps, ob, zu welcher Jahreszeit und wie die jeweilige Art entfernt werden kann. Manche Arten könnten mit heimischen verwechselt werden, deshalb sollte man sich genau erkundigen, bevor man handelt. Man braucht jedenfalls Ausdauer, denn oft müssen die Maßnahmen über mehrere Jahre gesetzt werden. Wichtig ist auch, frühzeitig zu beginnen, solange die Pflanzen oder Vorkommen noch klein sind. Neobiota, die man auf fremden Grundstücken entdeckt, vor allem wenn es gesundheitsgefährdende sind, sollte man den Besitzer*innen, der Gemeinde oder dem Land melden.

Besondere Achtsamkeit ist bei Erdarbeiten nötig, damit Samen oder Wurzeln von invasiven Arten nicht verschleppt werden. Pflanzen Sie in Ihrem Garten keine Neophyten, sondern heimische Arten, werfen Sie Gartenabfälle nicht in die freie Natur und „entsorgen“ Sie unerwünschte Goldfische, Zuchtschildkröten und andere Tiere auf keinen Fall in ein Gewässer oder in die Landschaft. ←

LINKS

www.neobiota-austria.at

www.neobiota.steiermark.at