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Ungezügelte Menschentrauben


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 07.02.2020

Schloss Ahlden versteigert ein Gemälde von Gyula Batthyány - ein Marktwert


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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 2/2020

Gyula Batthyány (1887 - 1959), „Flamencotänzerinnen“, Öl / Karton, 98,5 x 70 cm


Ist der vielbelächelte Horror Vacui nun ein Stilmittel oder doch eher ein Gemütszustand? Bewundernswert ist es allemal, welche Detailfülle der ungarische Maler, Illustrator und Bühnenbildner Gyula Batthyány (Ikervár 1887 - 1959 Budapest) im stets zu engen Bildausschnitt unterzubringen wusste. Ordnendes sucht man in seinen überbordend fabulierenden Bildern daher meist vergebens: Scheinbar ungezügelt ergießen sich Menschentrauben über die Leinwand, die elegant überlängten Körper mal zu hübsch gewundenen watteauschen Wolkenbändern verbunden, mal in klaustrophobisch engen Kompartimenten zusammengepfercht. Selbst wenn nur kaum individualisierte Köpfe von Flamenco-Tänzerinnen, Gesellschaftsdamen oder anderen Exotinnen gegeben sind, werden sie doch so dicht an die Bildebene gerückt, dass sie buchstäblich den Rahmen zu sprengen scheinen - Hauptsache: bildfüllend! Rücksichten auf Perspektive oder Proportion werden fröhlich beiseitegeschoben; wie viel Prominenz ein motivisches Detail letztlich beanspruchen darf, ist von seiner Verankerung im Raum entkoppelt.

Dieses Kompositionsprinzip - wenn es denn eines ist - zieht sich durch alle Gattungen, die Batthyány bediente: Genre, Historie, Reise-Eindrücke, das gelegentliche Stillleben; lediglich bei Auftragsporträts durften Kunden ein gebotenes Mindestmaß an Realitätsnähe erwarten. Den eigentlichen Themenschwerpunkt des aus altem Adel stammenden Künstlers bildete freilich die Selbstinszenierung der eleganten Welt, der auch er angehörte: auf Bällen und Dinnerpartys, in Theaterlogen und Künstlergarderoben - oder auch mal in lockerer Herrenrunde beim entspannenden Bordellbesuch. Gerade in der Behandlung des Abseitigen offenbart sich Batthyánys ironischer Abstand zu seiner Klientel: In dem Gemälde „Bordell“ von 1920 ist ein zum Puff umfunktioniertes Puppenhaus in einem Interieur aufgestellt; während innen die Liebesdienerinnen den Katalog ihrer Fertigkeiten anpreisen, warten draußen bereits ihre Freier, die ihr Inkognito hinter Elefanten-, Stier- oder Krokodilsmasken wahren - hier bin ich Tier, hier darf ich’s sein!

Wo aber sind diese fantastischen Bildwelten stilistisch einzuordnen? Vorschläge dazu gibt es einige: Der floral anmutende Figurenstil und der sehr grafische, von dekorativer Linienführung bestimmte Vortrag memorieren den Jugendstil, typisierende Überzeichnung und schwankende Raumkoordinaten den Expressionismus, das verunsichernde Moment des Unwirklichen den Surrealismus - freilich ohne jeden literarischen Bezug zum Unterbewussten, denn für Introspektives ließ der geschäftige Erzählmodus keinen Raum. In diesem Sinne bildete der Maler wenigstens zu Teilen den Lebensstil seiner Klasse in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ab; wirkliche Sittenbilder schuf er damit aber wohl nicht. Seinen Kunden war dieser Ansatz gerade recht. Nach dem Studium bei János Vaszary in Budapest, bei Angelo Jank in München und an der Académie Julian in Paris stieg Batthyány nach einer ersten Einzelausstellung 1914 rasch zum begehrten Modemaler auf und war später auch als Illustrator und Bühnenbildner erfolgreich. Durch längere Aufenthalte in Italien, Spanien und den USA wurde er auch international bekannt, doch nach seinem Tod mochte man sich außerhalb Ungarns nicht mehr so recht an ihn besinnen.

Halbherzige Versuche, die Zugkraft seiner Signatur für den westeuropäischen Markt wiederzubeleben, schlugen fehl: In den späten Achtzigerjahren konnte Sotheby’s, London, zwei Gemälde trotz gewiss nicht überambitionierter Taxen (jeweils 2000 Pfund) nicht vermitteln, und noch 1996 realisierte Young Fine Arts Auctions im provinziellen North Berwick, Maine, nicht einmal die angesetzten 500 Dollar für eine „Figur mit schwarzem Hut“ und gab sich entmutigt mit 80 Dollar zufrieden. Ein informativer Blick auf Batthyánys Heimatmarkt hätte sich auch ohne bequeme Internet- Verbindung gelohnt, denn dort verhandelte man bereits damals ganz andere Größenordnungen: Kurz vor der Jahrtausendwende erzielte ein Frühwerk von 1914 mit „Rokoko- Damen in türkischem Stil“ bei Kieselbach, Budapest, umgerechnet rund 55 000 Euro (14 Millionen HUF); im Oktober 2006 wurde dort erstmals ein Wert über 100 000 Euro notiert. Seither konnten weitere Lose über diese Schwelle gehoben werden, doch der bisherige Spitzenwert ist hochaktuell: Mit der turbulenten Figurenkomposition „Karussell“, 1910 und damit vermutlich in Paris entstanden, erzielte erst im vergangenen Dezember - wiederum bei Kieselbach - erstmals ein Werk über 200 000 Euro.


Die in Budapest erzielten Preise blieben anderswo bislang außer Reichweite


Anderswo haben Käufer die kontinuierliche Verteuerung von Batthyánys Bildern noch nicht wirklich registriert. Zwar taucht wieder mehr auch auf internationalen Auktionen auf, doch blieben die in Budapest erzielten Preise bislang außer Reichweite. Das beste Resultat außerhalb Ungarns gelang im April 2016 auf Schloss Ahlden, wo der Titel „Junge Spanierinnen in Sevilla“ mühelos von geschätzten 18 500 auf 44 000 Euro hochgezogen wurde. Dort kommt nun am 29. Februar mit kastagnettenschwingenden „Flamencotänzerinnen“ (Abb.) abermals eines der typischen Spanien-Motive des Künstlers zum Aufruf. Seine Tendenz zur Stilisierung und Rhythmisierung seiner Kompositionen scheint hier auf die Spitze getrieben: Vor dichtem Formgeschehen sind die Tänzerinnen in dynamisch rotierender Bewegung gezeigt, wobei das exzentrische, synchrone Gebärdenspiel der Figuren eine formal bildbestimmende Rasterung simuliert. Angedacht sind 24 000 Euro, doch dürfte es dabei nach dem noch frischen Budapester Rekord kaum bleiben.

Auktion 29. Februar, Besichtigung 22. - 27. Februar www.schloss-ahlden.de


Abb.: Kunstauktionshaus Schloss Ahlden

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