Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

Unklare Landschaft


Logo von Die Deutsche Bühne
Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 01.07.2022

NACHGESPRÄCH

Artikelbild für den Artikel "Unklare Landschaft" aus der Ausgabe 7/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Katja Haß hat einen nur wenige Meter tiefen, monumentalen weißen Raum entworfen, ein leeres Blatt sozusagen. Anja Rabes steuert grau-schwarze Hipster-Outfits bei. Und Max Mayer sieht als Ivar Kareno dem Autor Hamsun ziemlich ähnlich, inklusive des Schnauzbarts der späten Jahre. *

Max Mayer (l.) und Lukas Rüppel im ersten Teil „An des Reiches Pforten“

Die Dramaturgie hat den Text gezähmt und erlebbar gemacht, es gibt geradezu prophetische Stellen, das Publikum jubelt ausgiebig. Und doch mutet das Verfahren letztlich ein wenig synthetisch an. *

Oliver Stokowski, Patrick Bimazubute und Max Mayer (v. l. n. r.) im zweiten Teil „Spiel des Lebens“

Der zweite Teil, „Spiel des Lebens“, zehn Jahre nach dem ersten angesiedelt, findet in farbig beleuchteter Eleganz statt. Und alle tragen Weiß. Herr Otermann hat an einer nicht näher benannten Küste ein Wirtschaftsimperium errichtet und Kareno als ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Die Deutsche Bühne. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2022 von LERNPROZESSE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LERNPROZESSE
Titelbild der Ausgabe 7/2022 von THEATERFOTO. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
THEATERFOTO
Titelbild der Ausgabe 7/2022 von Schlüssel zum Publikum?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schlüssel zum Publikum?
Titelbild der Ausgabe 7/2022 von Neue Theaterpfade für Kassel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neue Theaterpfade für Kassel
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Theater durch die Hintertür
Vorheriger Artikel
Theater durch die Hintertür
AUF DEFASPURENSUCHE
Nächster Artikel
AUF DEFASPURENSUCHE
Mehr Lesetipps

... Hauslehrer für seine Söhne angestellt. *

Max Mayer im dritten Teil „Abendröte“

DAS STÜCK, DER HINTERGRUND

Als junger Mann will Ivar Kareno mit einer akademischen Streitschrift reich und berühmt werden, in der er behauptet, dass die einzig wahre Staatsform die Despotie ist.

Seine Ehe zerbricht, er wird Hauslehrer bei einem reichen Mann an einer entlegenen Meeresküste.

Schließlich versöhnt er sich mit seiner Ehefrau, gibt seine radikalen Ansichten auf und macht, zwanzig Jahre nach dem Beginn, noch eine Politikerkarriere. Die in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts als Trilogie konzipierten Stücke „An des Reiches Pforten“, „Spiel des Lebens“ und „Abendröte“ sind hierzulande unbekannt.

Wenn man sich durch diese mehr als 200 Seiten voller Klischees und Nebensächlichkeiten arbeitet, wundert einen das nicht. Zumal der Autor belastet ist: Knut Hamsun (1859–1952) war ein Pionier des modernen Erzählens, gewann 1920 den Literaturnobelpreis und wurde zum Sympathisanten der Nationalsozialisten. Er rief seine norwegischen Landsleute auf, diesen keinen Widerstand zu leisten, freundete sich mit Goebbels an, traf Hitler auf dem Obersalzberg.

* Auszüge aus der online im Ganzen zu lesenden Kritik von Andreas Falentin

ANDREAS FALENTIN Wie sind Sie ausgerechnet an diese Texte gekommen? Und wie konnte daraus eine derart fesselnde Aufführung entstehen?

STEPHAN KIMMIG Vor vier Jahren hat mir Intendant Andreas Beck verschiedene Projekte vorgestellt, die die Dramaturgie für seine ersten Spielzeiten in München interessant fand. In dieser Zeit kam die AfD sehr stark hoch, und ich habe mir darüber große Sorgen gemacht habe. Natürlich war es wirklich grauenhaft, diese drei Stücke zu lesen. Dem Dramaturgen Ewald Palmetshofer und mir war von Anfang an klar, dass wir mit der Axt da reingehen werden und unser eigenes Stück aus diesem Stoff machen. Ich finde gerade das Unzusammenhängende, das diese drei Texte haben, die so unterschiedlich sind, dass sich eine ganz unklare Landschaft ergibt, wahnsinnig spannend. Ratgeberstücke gegen rechts, die durchaus ihre Berechtigung haben, gibt es ja schon etliche.

Im ersten Teil ist die Bühne ganz weiß und nicht sehr tief, mit einem Tisch und sonst nichts. Das ist ein Gegenentwurf zu Hamsuns Stück, in dem es sehr viele realistische Regieanweisungen, auch viele Requisiten gibt. Wie ist das gemeint? Ist Ivar Kareno hier für Sie noch ein weißes Blatt?

STEPHAN KIMMIG Ja, es ist schon eine Projektionsfläche. In unserer Sichtweise spielt dieser Teil jetzt und hier, und zwar bei denen, die sich an den Rand gedrängt, nicht verstanden fühlen und daraus radikale Positionen entwickeln, ein „F… die Demokratie, f… den Staat, weil ich darin nicht vorkomme“. Aber eine weiße Fläche kann man vollmalen, neu beschreiben. Entwicklung ist möglich! Auch zu den Menschen hin. Auf der anderen Seite geht es um maximale Kargheit, auch um Armut. Alle Bilder sind abgehängt, es gibt nichts mehr zu pfänden.

Wir müssen über die Frauenfiguren sprechen. Sie haben ja in dem Text, gerade im ersten Teil, sehr viel „erotisches Gestrüpp“ ausgerissen, etwa die Dienstmädchen im ersten und dritten Teil gestrichen, die reine Männerprojektionen sind. Karenos Frau Elina ist in Hamsuns Text, wenn ich das so platt sagen darf, so blöde, dass es einem aufstößt. Sie kann sich nicht einmal Namen merken. Wie haben Sie es geschafft, aus diesem Entwurf eine interessante Frauenfigur zu entwickeln?

STEPHAN KIMMIG Ich lese Frauenfiguren ja schon seit längerer Zeit anders. Ich suche immer sofort nach einer Autonomie, ich will keinesfalls Abhängigkeitsverhältnisse auf der Bühne nachbeten. Elina Kareno ist am Anfang schon verstrickt in die Ideologie ihres Mannes. Es war uns wichtig, zu zeigen, dass sie einen Weg dahin geht, Stellung zu beziehen, für sich zu begreifen, was eigentlich geschieht, und selbst Entscheidungen zu treffen. Das mag vielleicht nicht mehr Hamsuns Figur sein, aber sie ist bewusst daraus entwickelt. Und wer sagt, dass der Weg, den Knut Hamsun im Alter mit seiner Devotion für die Nazis beschritten hat, in diesem frühen Text schon zwingend angelegt ist? Andererseits muss er schon ein Gespür gehabt haben, wie eine Weichenstellung für eine Pyramidenstruktur der Gesellschaft aussehen könnte, was ja immer Unterdrückung bedeutet. Weil das in diesem Text so spürbar ist, deswegen haben wir ihn ausgewählt, wegen dieser Hitze, diesem Um-sichselber-Drehen, woraus diese Giftblasen entstehen.

Der zweite Teil, „Spiel des Lebens“, führt zwar ein wenig vom Protago- nisten weg, hat aber eine unheimlich starke Aura.

STEPHAN KIMMIG Der spielt bei uns wie nach einer Katastrophe, mit grellem Licht, mit dieser hedonistischen und verzweifelten Teresita-Figur, die alles frisst – emotional – und nie befriedigt ist, bis sie platzt, praktisch in den Selbstmord läuft.

Und mit ihrem Vater Otermann, der nur immer reicher werden will, dieser völlig irrsinnige Kapitalist, der darunter leidet, dass er nicht noch reicher ist.

Eine Handlung an einem mehr oder weniger abgeschlossenen Ort, hier: einer einsamen Meeresküste, bei der sich alles um gesellschaftliche Statusunterschiede dreht – und am Ende ist ein junger Mensch tot. Das kennen wir aus Ibsens „Wildente“ und Strindbergs „Fräulein Julie“, die einige Jahre vorher uraufgeführt wurden. Andererseits ist hier schon der Expressionismus präsent, den es 1895 ja eigentlich noch gar nicht gibt, durch inhaltliche Motive wie das dominante Eltern-Kind-Verhältnis, durch den Einsatz von Feuer, besonders durch die sehr eindrucksvoll minimalistisch gespielte Figur Thy, die auch „Gerechtigkeit“ genannt wird.

STEPHAN KIMMIG Es liegt ja in diesem Fall ein extremes Fieber über allem. Da kann was nicht mehr gehalten werden und zerbricht. Wir haben Thy ja zusammengelegt mit dem Vogelausstopfer im ersten Teil, der bei uns einen aggressiven Unterton hat in dem Sinne: „Ihr Menschen, ihr sucht, ihr schwimmt, ihr macht nach, ihr habt keinen Zugang zu eurer Mitte. Meine Vögel stellen nur eure Leere dar.“ Und dann wird er fast zu einem biblischen Wanderer, der auf den Moment wartet, wo der Riss sichtbar wird. „Jetzt sehen ihn alle, nicht nur ich.“ Diese Gefahr einer überhitzten kapitalistischen Ordnung, die alles auffrisst und dann in sich zusammenbricht – wer kann das benutzen? Das kriegen wir ja mit, dass es da im eher östlichen Teil Deutschlands zum

Beispiel Politiker gibt, die genau auf diesen Ruinen tanzen und ihr Machwerk betreiben. Wer durchschaut das dann? Die Kinder, wie bei uns im dritten Teil Karenos Tochter, die „eine andere Geschichte“ fordert? Oder aktuell die jungen Leute der Fridays-for-Future-Bewegung?

Im dritten Teil gibt es diesen Hirsch und dieses Reh auf der Bühne. Erstmals Dekoration an diesem Abend – als Zeichen für Karenos Erfolg? Wenn er in Anzug und Krawatte auf die Bühne kommt, ist die Anpassung auf jeden Fall endgültig vollzogen, der „Weg des Ausgleichs“, von dem der Journalist Bondesen im ersten Teil sprach, ausgeschritten. Und die politische Karriere ereignet sich tatsächlich noch. Das Bühnenbild wird hier dominiert von sehr niedrig hängenden Vorhängen und Lampen. Deuten die auf Verfall hin?

STEPHAN KIMMIG Eigentlich schon, sie stehen aber auch auf Anfang: Es muss noch eingerichtet werden. Hirsch und Reh sind auch noch nicht fertig. Es beginnt also etwas und ist gleichzeitig schon wieder kaputt.

Ivar hat sich mit der rechtsextremen Organisation „Berg“ eine furchtbare Nachfolge herangezogen. Als deren Vertreter erleben wir den Kandidaten Tare. Warum bleibt diese Figur, dieser junge Mann in Jeans und Parka, an diesem Theaterabend so blass?

STEPHAN KIMMIG Durch den Text ist ja klar, wofür die Figur steht, und ich wollte es nicht in eine grob aggressive, leicht durchschaubare Richtung laufen lassen. Was wir darstellen wollen, ist, dass Tare den Kareno schon hinter sich gelassen hat, ihn verachtet in einer eisigen Bestimmtheit, die gar nichts mehr an sich heranlässt. Auf den Proben gelang es, dass der nervöse, hitzige Furor von Kareno nur durch Tares Gegenwart sozusagen zusammenbrach.

Sie haben für diese Produktion spürbar eng mit dem Dramaturgen Ewald Palmetshofer zusammengearbeitet. Wie wesentlich ist Ihnen grundsätzlich eine enge Zusammenarbeit mit der Dramaturgie?

STEPHAN KIMMIG Ich habe mit Ewald wunderbar gearbeitet und finde generell die Zusammenarbeit mit Dramaturg:innen sehr wichtig. Jetzt habe ich gerade den jungen Dramaturgen Mazlum Nergiz in Hannover kennengelernt. Und gleich gemerkt: Das ist ja irre, was wir zusammen für eine Fantasie entwickeln können. Und wenn das mal gesetzt ist in der Arbeit, dann geht es richtig weiter.

Wenn es in der Vorbereitung eher normal läuft, wird es auch „normal“. Das hat auch viel mit Vertrauen zu tun und mit gegenseitiger Fantasie. Wie auch mit dem Ensemble. Mir ist es immer wichtig, dass die Persönlichkeiten der Schauspieler:innen auch eine Rolle spielen, dass die nichts aufgepropft bekommen.

Mir ist aufgefallen, nicht nur bei „Spiel des Lebens“, sondern beispielsweise auch beim „Amphitryon“ in Hannover und bei den „Nibelungen“ in Düsseldorf, dass in Ihren Inszenierungen, durchaus gegen aktuelle Trends in der Theaterwelt, sehr differenziert gesprochen wird. Wie wichtig ist Ihnen die Sprache auf der Bühne, wie arbeiten Sie mit ihr?

STEPHAN KIMMIG Als ich selbst auf der Schauspielschule war, lief ich immer rum mit T-Shirts mit Aufdrucken wie „Sprache ist Lüge“ und habe mich in der Zeit auch einfach mal geweigert, zu sprechen. Ich war lange sehr sprachskeptisch.

Bei Leuten wie Ernst Jandl, die Sprache einfach verändern, geht mir das Herz auf.

Bilder interessieren mich auch extrem, aber ich komme heute tatsächlich zuerst übers Ohr. Brüche, Brüche, Brüche! Die sind wichtig. Jeden Moment: Was willst du sagen? Was wollen wir zusammen sagen? Und wie machen wir das? Das nervt mich schon oft an Aufführungen. Dass es eine Einflugschneise gibt beispielsweise für eine Szene. Da geht es um das und das, und darum wird sie soundso gemacht. Und dann wird durchgeredet und nicht mehr differenziert. Ich finde, die Ambivalenz und die Fluidität des Denkens muss man mitbekommen, damit auf der Bühne wirklich was passiert.

Wie viele Ihrer Kolleg:innen arbeiten Sie sehr viel. Wegen Corona verschobene Premiere in München am 8. Mai, Fortsetzung der Proben in Hannover am 9. Mai. Was bleibt da noch von einer Produktion? Denken Sie noch darüber nach? Hat diese Inszenierung Folgen für die nächsten? Oder ist sie einfach vorbei, und es kommt die nächste?

STEPHAN KIMMIG Ich habe mir schon zweimal Eindrücke zu „Spiel des Lebens“ aufgeschrieben. Und ich fahre auch immer wieder hin und sehe mir Vorstellungen meiner Inszenierungen an. Und natürlich ist wichtig, was geglückt ist. Du fragst dich ja auch immer: Wo kann ich, wo will ich weiterarbeiten? Meine Agenda ist ja sozusagen auch die permanente Weiterentwicklung von Schauspielerei. Ich gehe immer wieder in die Vorstellungen rein, guck mir das an, rede mit den Schauspieler:innen. Wo bleibt was stecken? Warum fällt das wieder zurück? Wo entwickelt sich wirklich was weiter? Wie gehen sie mit ihren Mitteln um? Es geht um ein mutiges, ambivalentes, unmittelbares Spielen. Nur das öffnet Bahnenfür ein Miteinander mit dem Publikum. Es gibt noch sehr viel weiterzudenken und zu entwickeln …

UNSER GESPRÄCHSPARTNER STEPHAN KIMMIG

,geboren 1959 in Stuttgart, hat an allen großen deutschen Sprechtheatern inszeniert. Seine Inszenierungen wurden mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. 2007 und 2011 wurde er als bester Schauspielregisseur mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet. Zurzeit verbinden ihn feste Arbeitsbeziehungen vor allem mit dem Schauspiel Hannover und dem Residenztheater München.