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„UNS IST DAS SCHEISSEGAL!”


Soundcheck - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 12.08.2019

Anlässlich von Slipknots erst sechstem Studioalbum in 20 Jahren, knapp vor dem tausendsten Auftritt des Oktetts, erzählt Drummer Jay Weinberg, wie es ist, als Aschenputtel aus Jersey seinen Traum zu leben.


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Bildquelle: Soundcheck, Ausgabe 9/2019

Die Biografie von Jay Weinberg liest sich wie ein Märchen. Als Sohn eines mit Bruce Springsteen wohlhabend gewordenen Drummers wächst er wohlbehütet auf, bis der Papa vom Job als Bandleader einer Talkshow – und völlig aus dem Häuschen – eines Tages der Familie mitteilt, was ihm zuteil geworden ist: Bei der Late Night with Conan O'Brien ist eine Band angerückt, wie er sie nie zuvor gehört oder gesehen ...

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... hat. Der pure Wahnsinn. Also marschiert die ganze Familie zum Ozzfest, und der kleine Jay erlebt, was zu einem der besten Momente seines Lebens wird: Slipknot. Songs wie aus der Hölle, der Sound bretthart, dargeboten von einem unübersichtlichen Ensemble wie aus der Irrenanstalt, abgefahren auch das Image. Nu Metal wie ein Rave von/für Kiss-Adepten aus Iowa/Hinterland, USA. Nur halt origineller. Und härter.

Jay wird Musiker. Drummer. Spielt mit Punkrock-Bands, tourt und tingelt und trägt seinen Kram selbst zum Van … und geht dann doch aufs College, um was Richtiges zu lernen. Da ruft der Manager einer Ex-Band an, schickt ihn nach L.A., wo er zwanzig Minuten Zeit hat (!), sich mental darauf vorzubereiten, für Slipknot (!!) vorzuspielen (!!!). Das ist der beste Moment im Leben von Jay Weinberg, zu dem Zeitpunkt ist er 20 Jahre alt. Und wenn Slipknots Bassist nicht kurz vorher gestorben wäre – medikamentöse Überdosis, vermeintlich aufgrund seines fahrlässigen Hausarztes – die trauernde und wütende Band auf der folgenden Gedenktournee nicht zu dem Schluss gekommen wäre, der fahrlässig toxische – und als Drummer nach wie vor legendäre – Joey Jordison befände sich auf einem ähnlichen Trip … würde die Geschichte hier anders enden. Oder weitergehen. Fest steht, dass Jay trommeln kann, auch wenn mancher Metalhead den Original-Drummer vermisst.

Jay weiß das, und er ist sich auch einer Menge anderer Sachen bewusst. Im Gespräch beeindruckt er als ausgeglichener Typ, immer noch zwölf bis zwanzig Jahre jünger als die anderen – aber souverän, smart, reflektiert. Nicht auf Autopilot, aber sehr flüssig und recht schnell beantwortet er alles. Nur ein Mal während des Interviews ist sein Sprechen nicht in diesem Fluss, gegen Ende, wo deshalb die Satzzeichen unkonventionell in den Text getackert sind wie die Masken auf die Musiker, denn da kommen Jays Ansichten wie hartes Stakkato, mit der hochgezogenen Oberlippe des Kids aus der Vorstadt, nachts in der Warteschlange bei irgendeinem Drive-in zwischen Iowa und New Jersey, Killpop im Ohr.

Slipknot: Der größte Metal-Horror-Zirkus der Welt!


Riesen Spektakel: Slipknot Live auf der Bühne.


Sc: Slipknot sind noch vor dem Release des neuen Albums auf Tour. Wie läuft‘s?
Jay: Super. Wir sind jetzt in Europa seit vier oder fünf Wochen aufgetreten, vor allem bei Festivals. Für uns sind das die ersten Shows seit sechs Jahren, mehr oder weniger. Mit dem neuen Album haben wir viel Zeit verbracht. Und während dieser Auszeit, als wir nicht auf Tour waren, haben wir wirklich keinen einzigen Gig gespielt. Aber jetzt mit "We Are Not Your Kind" im Gepäck werden wir bis lange nach Jahreswechsel auf Achse sein. Denn das ist im Moment nur der Anfang, wir werden noch sehr lange unterwegs sein, auch noch Monate nach Weihnachten.

Sc: Und, alle ein bisschen eingerostet, Blasen an den Händen?
Jay: Für uns alle ist das echt der totale Hammer. Insgesamt ist der Vibe auf der Tour unglaublich. Und die Shows, ihre Größe ist immens! Riesig, echt spektakulär, was irre Spaß macht. Und dabei ist das sozusagen erst der Vorgeschmack darauf, wieder raus in die Welt zu gehen und – so wie ich es sehe – einfach weiterzumachen, wo die letzte Tournee aufgehört hat. Genauso knüpfen wir mit dem Album dort an, wo wir mit ".5: The Gray Chapter" aufgehört haben. Wenn jetzt alles so weitergeht wie bei den ersten Auftritten, wird das eine richtig geile Tournee.

Sc: „We Are not Your Kind” ist das zweite Studioalbum, das du mit Slipknot aufgenommen hast…
Jay: Stimmt.

Sc: Wie sehr haben sich die Aufnahmen und der Songwriting-Prozess von "The Gray Chapter" unterschieden?
Jay: Nach ungefähr 200 Auftritten, die wir nach dem letzten Album gespielt haben, fühle ich mich jetzt noch mehr als Teil der Band. Integriert. Die Herangehensweise an das Album – „We Are Not Your Kind” verglichen mit "The Gray Chapter" – war in praktisch jeder Hinsicht anders. Was mich und die Band betrifft, könnte man sagen, noch mehr als zuvor sprechen wir jetzt dieselbe Sprache. Ich meine … verstanden haben wir uns auch vorher schon, logisch. Da hatten wir auch schon diese musikalische Verbundenheit, und die anderen in der Band waren sich ja auch im Klaren darüber, wie vertraut ich mit ihrer Musik war. Ich kenne sie ja seit mittlerweile zwanzig Jahren. Habe sie schon lange vorher geliebt und verfolgt. Auch als ich dazu gekommen bin wussten sie, dass ich weiß, worum es in der Band geht und wie das damals geplante Album werden sollte – nämlich wie eine Revolution für Slipknot. Aber letzten Endes gibt es dann eben doch nur den einen Weg, als Musiker in einer Gruppe zusammenzuwachsen: indem man zusammenspielt. Und als wir live für mehr als zwei Jahre unterwegs waren, kam irgendwann der Moment, wo ich ganz konkret erfasst habe, was es bedeutet, als Drummer aufzutreten mit Jim und Mick an den Gitarren, mit Corey als Sänger, mit zwei Percussionisten, einem DJ, einem Sampler und einem Bassisten: das alles…

Sc: …ist schon eine Ansage: An den Gitarren Jim Root alias #4 und Mick Thomson alias #7, Corey Taylor alias #8, Chris Fehn und Shawn Crahan (bzw. #3 und #6), the Dj Sid Wilson (die Nullnummer), Craig Jones alias #5 und Alex Venturella.
Jay: Der einzige Weg für mich zu lernen, was da abgeht, war, live zu spielen. Denn das alles erwacht ja auf der Bühne zu seinem ganzen krassen, einem wilden wirren Eigenleben. Und darauf konnten wir danach aufbauen, als es darum ging, für das nächste Album Sachen zu komponieren. Da hat es sich ganz natürlich angefühlt, zusammen an Songs und Ideen zu arbeiten, sich auseinanderzusetzen und Bälle zuzuspielen … also quasi das Unausgesprochene in der Musik: Das habe ich inzwischen eben wesentlich stärker verinnerlicht. Der ganze Prozess, wie das neue Album zustande gekommen ist, der war dann insofern anders, als wir das Album diesmal wirklich als komplette richtige Gruppe einspielen wollten. Wir fanden es wichtig, das Album aufzunehmen, als wären wir live auf der Bühne. Wir wollten unbedingt diese chaotische Energie einfangen, die ja das ausmacht, was Slipknot bestimmt. Es ist schließlich eine Band, die sich nicht mit dem Lasso einfangen lässt, und ich denke, das haben wir diesmal gut eingefangen.

So wie es klingt, kann man sich vorstellen, dass diese Energie nicht monatelang einstudiert wurde, dass nicht jeder jahrelang über seinem Part laboriert hat – sondern dass spätestens beim dritten Take alles aufs Band gebannt, in die Bits und Bytes gehämmert worden ist. Warum hat es so lange gedauert?
Jay: Aus mehrere Gründen. Generell fängt das Songwriting mit Jim [Root] an, der einen Haufen Riffs hat, darunter einige, die bereits gut zusammenpassen, und da setzen wir dann alle an; kucken, wie wir Fleisch auf die Knochen kriegen. Diese Resultate, wie grobe Skizzen, haben wir dann erst mal – jeder für sich – auf uns einwirken lassen. So an die drei Monate am Stück jeweils. Dann sind wir wieder zusammengekommen, nachdem sich jeder von uns eingehend angehört und damit beschäftigt hat, was für Material wir da überhaupt zur Verfügung haben. Dann haben wir uns wieder zusammengetan, jeder mit ein paar neuen Einfällen, wie er zu den Sachen spielt, und – mit dem Luxus, sich die Zeit zu nehmen – konnten wir es uns erlauben, zu reflektieren. Das haben wir mehrmals gemacht, immer mit diesen Pausen, etwas Abstand, zeitlich und voneinander. Und danach hatte praktisch jeder zehn Mal mehr Variationen, die wir durchspielen konnten. Das ging so lange, bis jeder happy war.

Sc: Ein beeindruckendes Privileg, sich die Zeit zu lassen…und sich die Zeit auch einfach zu nehmen.
Jay: Ja. Und das war der große Unterschied. Wir hatten die Zeit, einfach zu spielen und zu sehen, was eigentlich der Song will, und dem zu folgen. Als Band, beim Spiel zusammen, ohne Metronom, auch um diesen extra Fluss zu erhalten, der in der Musik nicht verloren gehen sollte. Ja? Wo man dann eben manchmal merkt, was der Song will: Vielleicht nicht strikt einem Tempo folgen, wie in eine Zwangsjacke geschnürt, sondern so lange zusammenspielen und mit Variationen experimentieren, bis es tight klingt, bis die Band richtig zusammenfindet zu einer Einheit. Ist uns gelungen, finde ich.

Sc: Also üben, reflektieren, mehr üben und ausprobieren, bis jeder Song ausgereift ist. Klingt sehr Oldschool.
Jay: Yeah. Das können sich nicht viele Bands leisten: wirklich rausfinden, was sie mit einem Stück machen wollen. Denn im Normalfall hat man ja immer diesen Zeitdruck oder auch finanzielle Rahmenbedingungen, die einem das Tempo, auch der Produktion diktieren. Wir hatten das Glück – oder eben Privileg – für die Proben und Demos in dem Studio zu arbeiten, in dem wir auch das Album aufgenommen haben. Da konnten wir uns also richtig einrichten, auch endlos lange rummachen, bis wir gewusst haben, in welchem Raum die Drums wie klingen. Wir haben mehrere Räume ausprobiert, was unglaublich cool ist – wenn man die Möglichkeit und die Zeit dafür hat. Das haben wir also mit Greg Fidelman [Producer] gemacht, bis wir uns einig waren, wo was am besten klingt.

Sc: Mit was für einem Set hast du aufgenommen?
Jay: Mit einem Großen. Alles in allem in etwa so wie das Set, das ich live spiele, manchmal war das im Studio größer. Vor allem habe ich im Studio mit mehr unterschiedlichen Cymbals experimentiert. Wir haben massig ausprobiert – bis ich mir sicher war, was für den jeweiligen Song das Richtige ist. Bei einem richtig großen und fetten Song, ein offen dreckiges Stück, da wollte ich ein schweres Becken – dick wie ein Ride – zum Crashen einsetzen. Dafür habe ich dann am Ende ein 23“ Ride als Crash eingesetzt. Das war das Geile: Wir konnten echt mit allem Möglichen experimentieren.

Sc: Auch verschiedene Räume?
Jay: Ja, wir haben und in den EastWest Studios in Hollywood, am Ende für zwei Räume entschieden. Einer davon sehr groß. In dem haben wir eine Art Shootout gemacht, wo ich den kompletten Song an einem Ende des Raums gespielt habe, dann an einer anderen Stelle. Schalltechnisch war das ein riesiger Unterschied. So gesehen haben wir vieles variiert: mit unterschiedlichen Becken, dann in zwei Räumen, wobei wir

We Are Not Your Kind ist in 20 Jahren Bandgeschichte das sechste Studio-Album der US-Horror-Metaller. Beim ersten Hören fällt auf, dass eine „echte Single” fehlt. Stattdessen setzen Slipknot auf die Kunstform Album – so macht das Werk nur Sinn, wenn man sich dem gesamten Album widmet

Sc: Und dein Equipment, jetzt konkret?
Jay: Mein Set im Studio war in etwa genauso groß, mit derselben Menge Trommeln. Die haben wir bei Drum Doctors – auch in Los Angeles, oben in Glendale – gemietet. Der Typ, der den Laden seit Jahrzehnten betreibt, Ross Garfield, ist wirklich klasse. Der hat eine unfassbar riesige Sammlung richtig historischer Trommeln: Gretsch-Bass-Drums, auch eine dieser Snaredrums aus Glockenbronze, eine Bell Brass von Tama. Manchmal haben wir Songs auch mehrmals aufgenommen, wobei wir jeden mit einer anderen Snaredrum, manchmal auch unterschiedlichen Hi-Hats aufgenommen haben. Summa summarum sind wir diesmal also echt tief eingetaucht bei unserer Suche nach der idealen Snare, Becken – und das war mehr als angebracht, wo wir ja auch beim Schreiben und Umschreiben der Kompositionen so viel Zeit verbracht haben, um am Ende sicherzugehen, dass wirklich alles so optimal wie möglich klingt. Also, das war auch ein ziemlicher Luxus.


»Die Größe der Show ist immens, riesig, spektakulär! «


Sc: Kam es auch vor, dass ihr Drum-Spuren am ende bearbeitet habt wie Dr. Frankenstein seine Kreation, also die Hi-Hats im kleinen Raum, Kickdrum in der einen ecke des Ballrooms, die snare und 8“ Splash in einer anderen aufgenommen habt?
Jay: Nein, das nicht. Zwei neue Kickdrums, aber die Toms vom Kit, das ich bei „Grey Chapter” benutzt habe, ich meine, generell die Becken, die ich auf der Tour dabei hatte.

Sc: Bevor du bei Slipknot eingestiegen bist, hast du meistens mit eher minimalistischen Sets gespielt. Womit macht es mehr Spaß, auch wenn du zuhause einfach mal loshämmerst?
Jay: Dafür ist für mich ein Four-Piece-Kit völlig in Ordnung. Wenn ich mich im Slipknot-Modus befinde, würde ich schon das große Set aufbauen. Häufig spiele ich aber auch mit meinem ddrum-Set, was eben auch klasse ist, speziell zuhause und wenn man schnell was aufnehmen möchte.

Sc: Auf tour, ohne eigenen Drumtec oder Roadie beim Verladen des Equipments hat ein kleines Set natürlich auch andere Vorteile…
Jay: Da sagst du was.

Sc: Wenn du deine Zeit mit Punkrock-bands oder der E Street Band mit Slipknot vergleichst – was sind da rein arbeitstechnisch die herausragenden Unterschiede?
Jay: Eigentlich ist das gar nicht so unterschiedlich, würde ich sagen, nachdem ich um die elf Jahre mit Bands auf Tour war. Und mit Slipknot, wo man dann mit der ganzen Crew und allen wie in einer Familie ist und reist, im Vergleich zur EStreet Band, die ja im wahrsten Sinne des Wortes meine Familie beinhaltet: Das ist im Grunde nicht so anders. Ich meine, wenn man mit einer großen Produktion weltweit auf Tournee geht, dann ist das Jacke wie Hose, mit was für einem Sound man abends auffährt, oder wie die Show im einzelnen aussieht. Letzten Endes sind Musiker bei solchen Unterfangen alle Teil von ein und derselben Großfamilie – inklusive den wiederkehrenden Charakteren und gelegentlich auch denselben alten Bekannten.

Sc: Viele Songs, die du live mit slipknot spielst, sind entstanden, bevor du bei der band warst. Versuchst du da, deinen eigenen stil zu integrieren, oder spielst du die so, wie sie aufgenommen wurden?
Jay: Ich kenne ja die Band seit langem, habe sie zum ersten Mal gesehen, als ich gerade mal neun Jahre alt war. Für das, was die Band gemacht hat, habe ich einen riesigen Respekt. Ich bin mir außerdem ihres "Stammbaums" bewusst, und kenne auch die Entstehungsgeschichte der Musik, und worauf sie sich ab dem ersten Album bezieht. Dieser Punkt war eindeutig etwas, worüber wir gesprochen haben, als sie mich zum Vorspielen eingeladen haben: Sie sind sich im Klaren darüber, wie groß mein Respekt für das alles ist, aber in Bezug auf den Backkatalog und das alles gilt: Slipknot ist schon immer eine Band, die nach vorne schaut. Das Interesse gilt der Zukunft, nicht dem, was mal war. Slipknot ist keine Band, die sich zurücklehnt oder faul wird und einfach die alten Hits runternudelt. Aus dem Grund hat die Musik ja immer noch diese Relevanz. Zwar spielen wir eine Menge der Sachen von früher, aber keiner in der Band wollte, dass ich da einfach das kopiere, was Joey Jordison gemacht hat. Wir fanden alle, das wäre für keinen Zuhörer interessant, auch nicht spannend für irgendwen in der Band oder für mich. Deshalb haben sie einfach gesagt: Sei du selbst, spiele, was du spielen willst. Ich denke, deshalb haben sie mich ja auch engagiert: weil sie keinen Bock hatten, jemandem erst mal beizubringen, worum es geht. Sondern direkt nach vorne, voll drauf und rein. Mit Blick auf die Zukunft.

Sc: Als du angefangen hast, Musik zu hören, hatte die CD gerade Vinylplatten ersetzt und MP3 hat online via Napster die Industrie fast gekillt – bis ein Computerhersteller mit iTunes ein neues Geschäftsmodell vorstellte: Abrechnung per Song. Jetzt wurde iTunes eingestellt, da die Einnahmen unter denen von Schallplatten lagen. Hat das Albumformat im Zeitalter von Streaming und Spotify noch eine Zukunft?
Jay: Eine gute Frage. Und, ohne dass ich jetzt die Leute abwatschen will, die Musik so konsumieren, wie du das darstellst, also weit weg vom Albumformat? Ich meine, man darf sagen, Slipknot scheren sich um sowas einen absolut totalen Scheißdreck. Das Album, die ganze Verpackung und das ganze Konzept sind für die Band wirklich wichtig. Das hat sich auch gezeigt, als wir ewig diskutiert haben, in welcher Reihenfolge wir die Songs auf dem Album unterbringen. Uns ist es sehr wichtig, dass dieser Flow, wie es von Song zu Song zu Song weitergeht, funktioniert. Ich meine, jetzt nicht nur aus der Sicht des Fans: „Iowa” von 2001 ist ein Album, das man total gerne von vorne bis hinten durchhört. Genauso „Vol. 3: (The Subliminal Verses)”, wo sich über das ganze Album ein ganzer Bogen entspannt. Und bei "We Are Not Your Kind" ist das auch so, wir hatten sogar eine ganze Menge kleiner Stücke, die wie Brücken zwischen den Songs alle Sachen verketten sollten … also, das ist schon ein Thema, über das wir uns endlos den Kopf zerbrechen. Abschließend: Die Art, wie Menschen Musik hören, ist fundamental für Slipknot. Was die Leute dann tatsächlich machen, ist außerhalb unserer Kontrolle – aber Alben so zu machen, wie wir das mit Slipknot machen, ist das Mindeste, wie wir da dagegenlenken können. So gesehen sind wir wahrscheinlich fast Oldschool, zuverlässig wie altes Handwerk.

Sc: So gesehen dann gar nicht so weit weg von Bruce Springsteen und der E Street Band.
Jay: Genau. Es geht darum, aus Musik so viel rauszuholen, wie man kann. Soundtechnisch gibt es Unterschiede, aber die Haltung und die Hingabe der beteiligten Musiker, auch die involvierte Arbeitsmoral, das alles ist dann doch ziemlich ähnlich.
Matthias Penzel


FOTO: SHUT TERSTOCK, WARNER MUSIC

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