Lesezeit ca. 10 Min.
arrow_back

UNSER KLEINES LEBEN


Logo von Weltkunst
Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 191/2021 vom 10.10.2021

Artikelbild für den Artikel "UNSER KLEINES LEBEN" aus der Ausgabe 191/2021 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 191/2021

Wilhelm von Kobells »Reiter vor München«, 1830, bei Ketterer 2017 mit Aufgeld für 40 000 Euro versteigert

Es ist erstaunlich, dass die Kunst der Biedermeierzeit am großartigsten in den europäischen Residenzstädten Kopenhagen, Wien oder München gedieh und nicht in Handelsmetropolen wie Frankfurt, Leipzig, Augsburg. In München hatten die kunstsinnigen Wittelsbacher Herrscher entscheidenden Anteil daran. Denn die Blüte der Malerei erlebte dank zugezogener Künstler einen enormen Aufschwung. Im rund 2500 Mann starken Gefolge des pfälzischen Kurfürsten Karl Theodor, der 1777 die Erbfolge in München antrat, kamen der Hofgärtner Ludwig von Sckell, Schöpfer des Englischen Gartens, der Architekt Carl von Fischer oder die Malerfamilie Kobell aus Mannheim. Mit Max Joseph aus der Pfalz-Zweibrücker-Linie der Wittelsbacher, seit 1806 als Maximilian I. der erste bayerische König, folgte nach dem Verlust der linksrheinischen Gebiete an Napoleon eine weitere Künstlerschar aus Düsseldorf.

Spätestens Anfang der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Weltkunst. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 191/2021 von UNSER TITELBILD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UNSER TITELBILD
Titelbild der Ausgabe 191/2021 von Café Größenwahn. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Café Größenwahn
Titelbild der Ausgabe 191/2021 von Kühne Kontraste. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kühne Kontraste
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Kühne Kontraste
Vorheriger Artikel
Kühne Kontraste
Schaut auf mich!
Nächster Artikel
Schaut auf mich!
Mehr Lesetipps

... 1820er-Jahre bahnte sich eine realistische, auf Naturstudien gegründete Landschaftsmalerei in München an. Wie eng Ludwig I., der kunstsinnige Sohn Maximilians, sich seit seiner Jugend den Künstlern verbunden fühlte, zeigt Franz Ludwig Catels berühmtes Bild »Kronprinz Ludwig in der Spanischen Weinschenke zu Rom«. In fröhlicher Runde feierte er hier 1824 mit dem Bildhauer Thorvaldsen, dem Architekten Klenze, den Malern Philipp Veit, Julius Schnorr von Carolsfeld und anderen.

Fast zwanzig Jahre später, 1843, porträtierte Wilhelm Kaulbach den König volksnah in bürgerlicher Kleidung. Denn die Epoche zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Revolution von 1848 war von der konservativen Restauration geprägt und vermittelte das Wunschbild einer ungestörten Friedenszeit mit Wohlstand, Geborgenheit und privater Idylle, die auch der Adel für sich in Anspruch nahm. In den 1850er-Jahren kam in satirischen Gedichten der Münchner Zeitschrift Fliegende Blätter der Begriff »Biedermeier« auf und setzte sich für eine Lebensform in »gemüthlicher Biederkeit«, für den Rückzug ins Unpolitisch-Private durch. Beides schlug sich auch in der Malerei nieder.

Das allgemeine Erstarken des Bürgerlichen hielt Ludwig I. nicht davon ab, selbstbewusst zu tönen: »Ich, ich der König bin die Kunst von München.« Tatsächlich hat er seine Residenzstadt entscheidend mitgeprägt.

Er förderte die besten Künstler unabhängig von ihrer nationalen Herkunft oder Konfession. Viele davon lernten oder wirkten an der 1808 gegründeten Königlichen Akademie der Bildenden Künste. Hier wurden die hehren Werte der Kunst als Bildungsinstrument vermittelt. Ludwigs Liebe galt Italien, auch viele Münchner Maler zog es dorthin. In Rom, in der Campagna und auf Sizilien studierten, zeichneten und skizzierten sie die Landschaften, die sie später im Atelier zu idealisierten »Erinnerungsbildern« komponierten.

Johann Georg Dillis wurde bereits 1814 vom Kronprinzen zu Kunstankäufen nach Italien geschickt, 1822 stieg der Maler zum königlichen »Central-Galerie-Direktor« auf, lange bevor die von Ludwig ins Leben gerufene Pinakothek 1836 eingeweiht wurde. Unabhängig von diesen hohen beruflichen Weihen ließ Dillis in Vorgebirgslandschaften die Natur in flüssigem Farbauftrag erstrahlen. Als wahrer Naturfreund fing er das bayerische Oberland ohne Requisiten in ebenso schlichten wie grandiosen Licht- und Wolkenstimmungen ein. Wie Dillis begründeten damals Simon Warnberger, Johann Jakob Dorner, Max Joseph Wagenbauer und Wilhelm von Kobell mit ihrem unmittelbaren Verhältnis zur Außenwelt den Ruhm der Münchner Landschaftsmalerei. Oft wandten sie sich auch unspektakulären Motiven wie einem Steinbruch in der Isarlandschaft unter hohem, düsterem Himmel zu.

Wilhelm von Kobell, 1766 in Mannheim geboren, seit 1793 in München und anfangs wie viele der holländischen Malerei zugewandt, schuf im Auftrag Ludwigs zwischen 1808 und 1815 eine Serie von zwölf Schlachtenbildern für den Bankettsaal der Residenz zu Ehren der bayerischen Soldaten in den napoleonischen Kriegen. Doch vollzog Kobell mit Nonchalance den Umschwung zur bürgerlichen Kunst. Seine in helles Licht getauchten »Begegnungsbilder« zeigen schier regungslose Paare oder Figurengruppen in schaubühnenartiger Landschaft. Lange Schatten werfend, bevölkern sie die Umgebung am Tegern- oder Starnberger See, oft vor der Silhouette Münchens am fernen Horizont. Die Trachten und Uniformen gab Kobell so akribisch und detailliert wieder, dass seine Bilder später als Quelle der Volksund Kostümkunde dienten.

Auch Johann Heinrich von Bürkel war zwischen 1827 und 1837 mehrfach in Italien. Seine Zeichnungen und Ölstudien vor Ort kompilierte er wie die meisten seiner Kollegen im Atelier zu oft kargen Landschaften mit tiefem Horizont und weitem Himmel, darin Schäfer und andere Landbewohner als Staffagefiguren. Wie viele Maler damals von den Niederländern des 17. Jahrhunderts beeinflusst, entwickelte sich Bürkel zum Meister idyllischer, warmtoniger Genredarstellungen von biedermeierlicher Genauigkeit. Bis heute gesucht sind seine fein empfundenen Almbilder mit dunstigen Fernblicken. So wie die meisten Bilder der Münchner Malerei der ersten Jahrhunderthälfte kommen sie ohne falsche Sentimentalität oder humoristische Überspitzungen daher. Dies gilt auch für seinen berühmten, in mehreren Varianten gemalten »Italienischen Wanderzirkus« auf dem Weg aus Bayern nach Italien mit Kamel, Bären, Wasserbüffel und Affe.

Singulär steht Carl Rottmann in der Riege der Münchner Landschaftsmaler. Ähnlich den Deutschrömern, verlieh er der Natur eine entrückte Erhabenheit. Für seine Fresken der Hofgartenarkaden schickte Ludwig den gebürtigen Heidelberger nach Italien und Griechenland. Denn mit Hellas war Bay-ern seit den Freiheitskriegen und der dortigen Thronbesteigung von Ludwigs zweitem Sohn Otto eng verbunden. Dafür komponierte Rottmann Ideallandschaften aus Einzelstudien und zitathaften Versatzstücken. Im Jahr 1841 stieg Rottmann zum Hofmaler auf. Ob Italien oder Griechenland, ob die bayerischen Alpen, der Kochel- oder der Alpsee: Stets sind seine einsam-heroischen Fernblick-Landschaften von grandiosen Lichtund Wolkenstimmungen überwölbt.

Die Maler beschrieben mit idyllischen Landschaften und Genrebildern die neue bürgerliche Gesellschaft, auch wenn manches nur erträumt war.

Aus der Landschaftsmalerei entwickelte sich bald die ebenso bedeutende Sittenmalerei. Peter von Hess ging 1832 im Gefolge Ottos nach Griechenland. Geschickt kombinierte er typische Landschaftsmotive mit Figurenszenen zu Ereignisbildern oder verflocht die Natur mit Kostümstudien zu attraktiven Genreszenen. Er zeigte griechische Landleute am Meer oder Bauern mit Packtieren, bevor er, zurück in München, mit heimischen Szenen in biedermeierlichem Realismus Erfolg hatte. Dabei wurde er nie sentimental oder schnurrig. Typische bayerische Feste wie den Leonhardiritt schilderte er unbefangen und ohne Belehrung.

Erfüllt von der Begeisterung für die Ideale der griechischen Antike und die italienische Renaissance, hatte Ludwig schon als Kronprinz verkündet: »Ich will aus München eine Stadt machen, die Teutschland so zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er nicht München gesehen hat.« Bis heute prägen die von Ludwig beauftragten Plätze, Straßenzüge, Kirchen und Prachtbauten das architektonische Bild der Stadt.

Was Gottfried Semper 1834 in Berlin mit den Worten »unsere Hauptstädte blühen in allen möglichen Stilarten« konstatierte, gilt auch für die bayerische Kapitale und die hier entstandene Malerei. Im November 1823 wurde der Münchner Kunstverein gegründet. Eifersüchtig von der Kunstakademie beäugt, wo die Historienmalerei gepflegt wurde, gedieh hier eine bürgerliche Malerei mit naturalistischen Schilderungen der heimischen Landschaft, aber auch städtischen wie bäuerlichen Genredarstellungen und Bildnissen. Zu den Gründungsmitgliedern des Kunstvereins zählten Friedrich Gärtner, Peter von Hess, Josepf Stieler und Domenico Quaglio. Zwar erfuhr der Kunstverein mit seiner »Wirklichkeitskunst« im Gegensatz zur Akademie keine Unterstützung von Staat und Thron, doch soll der kunstbegeisterte Ludwig I. die dortigen Ausstellungen fast allwöchentlich besucht haben.

Allen echten Münchnern schlägt das Herz höher, wenn sie im Stadtmuseum Heinrich Adams wunderbare Veduten mit ihrer Figurenstaffage aus dem alltäglichen Straßenleben vor Augen haben. Ein zentrales Ge-mälde wird jeweils von kleineren Bildern mit weiteren Stadtmotiven umrahmt, alle in hellen und klaren Farben. Oft sind zwei Kompositionen als Pendants aufeinander bezogen. Seit 1835 stellte Adam diesen beliebten Bildtypus im Kunstverein aus. 1839 verewigte er »Das Alte München« mit dem Marienplatz in der Mitte, umgeben von Ansichten der Michaels-, Theatiner- und Frauenkirche sowie der Residenz. »Das Neue München« stellt den Max-Josephs-Platz mit dem Opernhaus ins Zentrum, umgeben von der Glyptothek, dem Odeonsplatz, St. Bonifaz und dem Karolinenplatz mit Obelisk. Im Jahr 1843 malte Adam »Das Alte München« mit Karlstor, Maxburg, Viktualienmarkt oder dem Tal. Als Pendant dazu konzipierte er »München und Umgebung« mit einem Blick auf die Isar, umgeben von beliebten Ausflugszielen wie Schloss Biederstein, Ismaning, Possenhofen, Starnberg oder Nymphenburg.

Solche idealisierten Ansichten verkörperten Wunschvorstellungen nach der »guten alten Zeit«, wie sie in der Biedermeierzeit gerne verklärt wurden. Auch öffentliche Ereignisse wurden zum Thema. Etwa das von Kobell festgehaltene Pferderennen auf der Theresienwiese 1810 anlässlich der Hochzeit von Ludwig und Therese von Sachsen- Hildburghausen. Es war der Ursprung des Oktoberfests. Oder »Die Präsentation der Bavaria in der königlichen Erzgießerei«, 1844 von Wilhelm Gail gemalt. Typisch münchnerisch nahm sich Moritz von Schwind der kolossalen Bronzestatue an, indem er voller Humor zwergenhafte »Gnomen am Zeh der Bavaria« ins Bild setzte. In den 1840ern war die beseelte Natur Schwinds Hauptthema. Er verwob sie mit Märchenmotiven wie Nixen, dem Riesen Rübezahl, der durch das Waldesdickicht stapft, oder mit »Des Knaben Wunderhorn«, angeregt durch Lieder und Gedichte der Brüder Brentano. Schwind selbst bezeichnete seine romantisch verklärten Bilder als »Gelegenheitsgedichte« und »lyrische Arbeiten«. Wie breit sich die Münchner Malerei dieses Jahrzehnts auffächerte, sei mit Leo von Klenzes strahlender »Akropolis von Athen« von 1846 angedeutet.

Unsere Vorstellung vom biedermeierlichen München hat wohl kein Maler so nachhaltig geprägt wie Domenico Quaglio. Auch seine Familie war mit Karl Theodor aus Mannheim gekommen. Seit den 1820er-Jahren eroberte er sich mit seinen detailgenauen, stimmungsvollen Stadtprospekten, erfüllt mit geschäftigem Treiben, einen ersten Rang in der Münchner Kunstgeschichte. Seine akribisch getreuen Veduten vom Viktualienmarkt oder vom Fischmarkt bezaubern bis heute. Domenicos Bruder Lorenzo II Quaglio verdanken wir liebevolle, typisch biedermeierliche Schilderungen des kleinbürgerlichen und ländlichen Milieus. Den Blick aufs volkstümliche Treiben der Münchner richtete Ferdinand Jodl mit Momentaufnahmen aus Weinschenken oder dem beliebten Maderbräu. Denn in der Bierstadt München kamen auch derbe Wirtshausszenen nicht zu kurz. Franz Xaver Nachtmann schildert uns das feuchtfröhliche Beisammensein während des vierwöchigen Maibockausschanks in seinem Bild »Im Münchner Bockkeller«.

Dass das beliebte Bockbier zur Medizin erklärt wurde und mit Rettich als Frühstücksersatz diente, veranschaulicht ein ganz auf feste und flüssige Nahrung konzentriertes Stillleben von Sebastian Franz von Waxenberger. Der süffige »Nettare Monaco« wurde damals übrigens bis nach Kairo versandt. Johann Wilhelm Preyer, einer der bedeutendsten Stilllebenmaler des Biedermeiers, malte 1839 ein »Münchner Bockstillleben«. Diese Sonderform erfreute sich sogar in den USA als »Munich Still Life« großer Beliebtheit. Wie facettenreich ein Maler sein Spektrum auffächern konnte, zeigt Johann Georg Christian Perlberg. Wir kennen ihn als Maler folkloristischer Darstellungen etwa der stadtbekannten »Radi-Weiber« oder der »Fliegenden Händler im Pschorrbräu«, bevor er König Otto nach Griechenland folgte und sich dort ganz anderen Themen zuwandte.

In München setzten sich die Künstler gern auch selbst in Szene, am liebsten in fröhlicher Gesellschaft etwa in ihrem Stamm- lokal Stubbenvoll, an dessen Wänden Statuetten der großen Vorgänger Holbein, Dürer und Rubens zu entdecken sind. Unter den rund 40 Dargestellten lassen sich die Genremaler Karl von Enhuber und Heinrich Marr, der Bildhauer Franz Xaver Schwanthaler und der Historienmaler Theodor Dietz, der auf dem Stuhl stehend einen Trinkspruch ausruft, identifizieren.

Kein zweiter Maler wird so sehr mit dem Münchner Biedermeier in Verbindung gebracht wie Carl Spitzweg. Der ausgebildete Apotheker wandte sich erst nach einer Typhuserkrankung als Autodidakt der Malerei zu. Seine meist kleinformatigen Gemälde sind in ihrer »epigrammatischen Knappheit«, wie es ein Kunsthistoriker formuliert hat, in der Sittenmalerei singulär. Zugespitzt aufs Anekdotisch-Humoristische, gipfeln die hintergründigen Charakterstudien im »Armen Poeten«, den er 1837 malte und 1839 noch einmal wiederholte. Voller Humor und psychologischer Durchdringung erfasste Spitzweg eine unheroische Welt von Sonderlingen wie dem »Kaktusfreund« oder dem »Bücherwurm«. Kleine Juwelen sind die idyllischheiteren Szenen in durchsonnter Landschaft.

Auch die Porträtmalerei wurde im biedermeierlichen München gepflegt. Drei ganz unterschiedliche Beispiele von Heinrich Maria Hess seien genannt: Typisch für die Epoche erscheint das keusche Brustbild der Fanny Gail mit weißem Kragen und einer Näharbeit in den Händen. Als fast lebensgroßes Ganzfigurenbildnis zeigt Hess die Marchesa Marianna Florenzi in einem römischen Garten sitzend, im Hintergrund Kronprinz Ludwig. Den berühmten Bildhauer Bertel Thorvaldsen stellte er dagegen in altmeisterlicher Dürer-Manier dar; auch hier eröffnet sich ein Ausblick auf Rom.

Als bekanntester Porträtist der Münchner Biedermeierzeit ist Joseph Karl Stieler in die Kunstgeschichte eingegangen. In Mainz gebürtig, kam er 1820 nach Bayern. In Wien bei Füger und in Paris bei Gérard ausgebildet, widmete er sich ausschließlich der Bildnismalerei. Wir kennen König Maximilian I. aus Stielers höfischem Porträt am Schreibtisch: prägnant erfasst im Stil des poetischen Klassizismus und in dekorativem Kolorit.

Bis heute prägt Stielers Goethe-Bildnis unsere Vorstellung des großen Dichters und Denkers. 1828 im Auftrag König Ludwigs I. in Weimar gemalt, hält Goethe einen Brief des Monarchen mit dessen Gedicht in der Hand. Wie groß der Einfluss von Goethes »Italienischer Reise« übrigens damals in gebildeten Kreisen war, veranschaulicht die Äußerung, dass nur wer das klassische Land betreten habe, auch Goethe ganz verstehe. Im Jahr 1835 verewigte Stieler den Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling in einem Brustbild. Schelling war von 1827 bis 1841 Generalsekretär der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Erzieher der Wittelsbacher. Der Kunst gestand er eine eigene autonome Wirklichkeit zu, die Stieler in seinen Bildnissen zum Ausdruck brachte. Unsterblich wurde Stieler mit seiner »Schönheitengalerie« für König Ludwig. In diesem »Kunstserail«, zwischen 1827 und 1850 entstanden, vereinte er das damals gültige Schönheitsideal anhand von anmutigen bürgerlichen Mädchen über glamouröse Adelige bis hin zu schillernden Damen zweifelhaften Rufes. Denn unabhängig von Stand und Rang wollte Ludwig I. mit der Porträtgalerie, die heute noch in Schloss Nymphenburg zu bewundern ist, der weiblichen Schönheit in Bayern ein Denkmal setzen.

Das Biedermeier, so problematisch und schwer einzugrenzen der Begriff als Epochenbezeichnung ist, huldigte standesübergreifend dem Privatleben. Wer den »Silberarbeiter Joseph Westermayer im Kreis seiner Familie« mit Ehefrau und sechs Kindern 1847 gemalt hat, ist unbekannt. Der Hausherr, der ein Silbergeschäft bei der Frauenkirche führte, präsentiert sich anlässlich seines 50. Geburtstags stolz inmitten seines Haushalts im pelzverbrämten Rock. Er war einer der 4230 Münchner mit Bürgerrecht, bei insgesamt rund 95 000 Einwohnern. Westermayers Loyalität zum König spiegelt sich in dessen Bildnis, das neben einer Madonnendarstellung an der Wand hängt. 1848, im letzten Regierungsjahr Ludwigs, das gleichzeitig das Ende der Biedermeier-Ära markiert, malte Wilhelm von Kaulbach das programmatische Gemälde »Ludwig I. umgeben von Künstlern und Gelehrten, steigt vom Thron, um die ihm dargebrachten Werke der Plastik und Malerei zu betrachten«. Welch weitreichende Wertschätzung Kunst und Künstler auch künftig in München genossen, veranschaulicht die Tatsache, dass spätere Maler wie Kaulbach, Piloty, Lenbach und Stuck gar als »Malerfürsten« in die Münchner Kunstgeschichte eingegangen sind.

Was für ein Epochenbild hat uns die Münchner Malerei der Restaurationszeit hinterlassen? Die Maler der Akademie setzten historisch-heroische Themen ins Bild. Die im Kunstverein vertretenen »Fächler« wandten sich einer bürgerlichen Welt zu, auch wenn manches nur erträumt war. Sie schilderten bieder-idyllische Landschaften oder humoristische Genreszenen. Oft sind die Grenzen fließend. Schattenseiten wie Krieg, Tod, Elend und Armut wurden ausgespart. Es war der Schein einer heilen Welt. ×