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Unsere dunkle Seite


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 05.08.2022
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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 9/2022

KARRIERE | Am Klischee des egomanen Topmanagers ist etwas dran. Bei Führungskräften sind die destruktiven Charakterzüge stärker ausgeprägt ? im Schnitt, versteht sich.

Glücklich, wer an das Gute im Menschen glaubt. Betrachtet man die gut 300 000 Jahre währende Geschichte von Homo sapiens, scheint es allerdings plausibler, auf das Schlechte in ihm zu wetten. Unsere Spezies täuscht und trickst, manipuliert und meuchelt seit der Steinzeit.

Und obwohl niemand Narzissten, Psychopathen und andere Fieslinge sonderlich schätzt, machen sie mitunter erstaunliche Karrieren. Wie lässt sich das erklären?

Gibt es wirklich böse Charaktere, die sich von den anderen, »normalen« Menschen klar unterscheiden, oder sind wir alle in verschiedenen Graden selbstverliebt und machthungrig? Aufschluss geben Antworten auf die fünf wichtigsten Fragen zur dunklen Seite unserer Persönlichkeit.

1. Wie erforscht man »dunkle« Persönlichkeitsmerkmale?

Beim Versuch, die düsteren Seiten des menschlichen Charakters dingfest zu machen, stießen die Psychologen Delroy Paulhus und Kevin Williams um die ...

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... Jahrtausendwende auf drei zentrale Facetten: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Sie fassten sie unter dem Namen »Dunkle Triade« zusammen. Damit lasse sich so gut wie alles Destruktive im Menschen erfassen, so die Forscher von der University of British Columbia in Vancouver. Viele psychologische Studien stützen sich bis heute auf dieses Konzept. Für eine kombinierte Testung kommt dabei häufig der »Short Dark Triad«-Fragebogen zum Einsatz, bei dem die Testpersonen einer Reihe von auf sie selbst bezogenen Aussagen mehr oder weniger zustimmen können.

Die zugespitzte Beschreibung der drei Eigenschaften erinnert an eine Bande von Hollywood-Schurken.Der Narzisst ist wohl der bekannteste Vertreter. Seinen Namen verdankt er einer Figur der griechischen Mythologie: Der junge Narziss wollte von seinen vielen Verehrerinnen und Verehrern nichts wissen und verguckte sich stattdessen in sein Spiegelbild. Folglich gelten Narzissten als selbstverliebte Egomanen, die es nach steter Bewunderung dürstet. Bleibt der Beifall aus, kann es für andere gefährlich werden. Im Short-Dark-Triad-Test lautet eine typische Aussage, der solche Menschen stärker beipflichten: »Ich weiß, dass ich etwas Besonderes bin, denn das bekomme ich oft gesagt.«

Der Machiavellist dagegen lebt frei nach dem Motto »Der Zweck heiligt die Mittel«. Er lügt und betrügt geschickt, sobald er sich einen Vorteil davon verspricht. Sein Namensvetter, der italienische Staatsphilosoph Niccolò Machiavelli (1469–1527), verfasste Anfang des 16. Jahrhunderts das politische Traktat »Der Fürst« und brach dafür mit zahlreichen christlichen Tugenden.Für ihn durfte ein Herrscher alles tun, um seine Macht zu erhalten. Der Machiavellist beherrscht sämtliche Techniken der Manipulation, ist ein Heuchler und geschickter Drahtzieher. Im Short-Dark-Triad-Fragebogen bejaht er beispielsweise das Statement: »Man sollte offene Konflikte mit anderen Menschen vermeiden, denn Letztere könnten sich eines Tages als nützlich erweisen.«

UNSERE AUTORIN

Corinna Hartmann ist Psychologin, Wissenschaftsjournalistin und lebt ihre dunklen Seiten in Saarbrücken aus.

Auf einen Blick: Düstere Dreifaltigkeit

1Die Abgründe der menschlichen Natur lassen sich mittels drei zentraler Persönlichkeitsmerkmale umreißen: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie – genannt »die Dunkle Triade«.

2Menschen mit mäßig ausgeprägten narzisstischen Zügen erscheinen oft führungsstark, zupackend und begeisterungsfähig Erst sehr hohe Werte gelten als krankhaft.

3In der Evolution profitierten Gruppen von berechnenden, gewalttätigen Mitgliedern Letztlich entscheidet die Gemeinschaft, welches Verhalten sie akzeptiert oder gar goutiert.

Der Psychopath wiederum – wohl der gefürchtetste der drei – ist abgebrüht, gefühlskalt und kennt keine Reue. Er sieht in anderen eher Objekte als Mitmenschen. Hat er Lust, jemandem weh zu tun, tut er das.

Weil er im Vorfeld kaum Angst empfindet und ihn nach seiner Tat keine Gewissensbisse plagen, ist die Schwelle zu Straftaten gering. Viele Psychopathen kommen schon als Jugendliche mit dem Gesetz in Konflikt. Der Short-Dark-Triad-Test erfasst Psychopathie unter anderen mit der Aussage: »Wer es sich mit mir verdirbt, wird es bereuen.«

2. Sind wir nicht alle ein bisschen narzisstisch?

Tatsächlich hatten Paulhus und Williams ihre Hypothese von der Dunklen Triade nicht an Gangstern oder Strafgefangenen getestet, sondern an einer Stichprobe von 245 Psychologiestudierenden. Mit Hilfe statistischer Methoden konnten die Forscher belegen, dass es sich wirklich um drei Komponenten handelt, die voneinander getrennt zu betrachten sind. Es ging ihnen nicht um klinische relevante Störungen, unter denen womöglich Serienkiller oder mörderische Diktatoren leiden. »Das ist das häufigste Missverständnis«, sagt Mitja Back, Professor für Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Neben extremen Formen, die als krankhaft gelten, sei Narzissmus einfach ein Persönlichkeitsmerkmal, in dem sich Menschen voneinander unterscheiden: »Der eine ist mehr, der andere weniger narzisstisch.«

Ein gewisses Maß an Egomanie ist im Leben sogar hilfreich. Wer viel von sich hält und weiß, was er will, tritt oft selbstsicher und gewinnend auf und kommt bei anderen entsprechend gut an. Erst wenn die Eigenliebe zu extrem wird, so dass die Betroffenen oder ihr Umfeld unter den Folgeerscheinungen wie etwa Fehlurteilen und der Herabwürdigung anderer leiden, sprechen Fachleute von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Auf etwa 6 von 100 Menschen trifft irgendwann in ihrem Leben diese Diagnose zu. Unter Männern sind es mit 7,7 Prozent etwas mehr als bei den Frauen mit 4,8 Prozent. Das zeigte eine Erhebung an knapp 35 000 erwachsenen US-Amerikanerinnern und -Amerikanern im Jahr 2008.

Menschen mit besonders hohen Narzissmus-Werten neigen auch häufig dazu, in Wut auszubrechen und andere abzuwerten. »Sie sind dabei nicht von Boshaftigkeit getrieben, sondern von ihrem starken Streben nach sozialem Status«, erklärt Mitja Back. Versperrt ihnen jemand den Weg zu Erfolg und Macht, kann das ihre feindselige Seite zum Vorschein bringen. Auch eine gewisse Skrupellosigkeit ist unter »Normalos« verbreitet.In extremer Ausprägung gipfelt sie in einer antisozialen Persönlichkeitsstörung und nahezu immer in kriminellem Verhalten. Dagegen gilt ausgeprägter Machiavellismus als ein Persönlichkeitsmerkmal, dem keine klinisch relevante Störung zugeordnet wird.

Die meisten Menschen sind relativ verträglich und nur zu einem gewissen Grad bereit, den eigenen Vorteil auf Kosten der Mitmenschen zu suchen. Das zeigen etwa Studien zur Verbreitung des »dark factors«, definiert als übertriebener Egoismus, kombiniert mit Überzeugungen, die keine Skrupel und Schuldgefühle aufkommen lassen. Das sei ein gemeinsamer Nenner verschiedenster dunkler Persönlichkeitsmerkmale, so Morten Moshagen, jetzt an der Universität Ulm, der das Konzept zusammen mit Benjamin Hilbig und Ingo Zettler 2018 vorstellte (siehe auch Gehirn&Geist 8/2019, S. 20). Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie, aber auch Egoismus, Gehässigkeit, moralische Enthemmung, Sadismus, Selbstbezogenheit und übertriebener Anspruch seien letztlich nur verschiedene Manifestationen des Dark-Faktors. Seit 2020 steht ein Fragebogen zur Verfügung, der die finstere Neigung misst: Bedenklich hohe Werte erreicht im Schnitt etwa jeder 20.

3. Sitzen Narzissten häufiger im Chefsessel?

Viele halten den Boss oder die Vorgesetzte insgeheim für narzisstisch. Auch wenn solche abwertenden Zuschreibungen problematisch sind, darin steckt ein wah- rer Kern. Das zeigt eine Metaanalyse von 42 Untersuchungen, die ein Team um Emily Grijalva von der State University of New York at Buffalo 2015 veröffentlichte. Demnach landen selbstverliebte Zeitgenossen tatsächlich eher in Führungspositionen. Das liegt aber offenbar weniger an ihrer Ellenbogenmentalität. Eine statistische Auswertung ergab, dass sich der Jobvorteil fast ausschließlich aus einem weiteren Merkmal speist, das solche Menschen häufig ebenfalls mitbringen: Extraversion. Wer extravertiert ist, geht nicht nur offen auf andere zu und hat kein Problem damit, im Mittelpunkt zu stehen – er gibt gerne auch den Ton an.

Eine Münsteraner Arbeitsgruppe um Tobias Härtel sah sich 2021 genauer an, wie es Narzissten gelingt, sich hohe Positionen zu sichern. Dafür analysierte das Team, wie diese Menschen bei anderen ankommen, wenn es darum geht, gemeinsam ein Problem zu lösen. Laut Beobachtungen werden sie häufiger als Anführer auserkoren, weil sie kontaktfreudig sind und dominant auftreten. Das wird von ihren Mitmenschen als Durchsetzungskraft interpretiert, was offenbar zum typischen Bild von einer Führungspersönlichkeit passt. Diese so genannten »agentischen« Facetten sind wahrscheinlich für die steilen Karrieren von eher selbstverliebten Personen verantwortlich. Wer dagegen vor allem »antagonistische« Narzissmus-Anteile in sich trägt, also andere runtermacht, um sich der eigenen Großartigkeit zu ver- gewissern, wird als wenig vertrauenswürdig erlebt. Solche Menschen haben laut der Studie keine höheren Aufstiegschancen, eher im Gegenteil.

Emily Grijalvas Team machte noch eine weitere Entdeckung: Zwar gelangen Zeitgenossen mit hohen Narzissmuswerten eher in Führungspositionen. Eine bessere Figur machen sie dort aber nicht. Ausgesprochen narzisstische Führungskräfte wurden von Vorgesetzten wie Mitarbeitern im Schnitt schlechter bewertet als weniger eitle. Möglicherweise gehen sie nicht so sensibel auf Kollegen ein und zeigen mit der Zeit öfter ihre feindselige Seite.

Der anfängliche Glanz von Narzissten, ihr Charisma, nutzt sich offenbar recht schnell ab. Das belegt ein Experiment einer Arbeitsgruppe um Marius Leckelt, ebenfalls an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 300 Studierende sollten mehrfach hintereinander in kleinen Teams Aufgaben lösen. Jedes Mal bewerteten sie sich danach gegenseitig hinsichtlich Durchhaltevermögen, Vertrauenswürdigkeit und Sympathie. Waren diejenigen mit hohen Narzissmus-Werten anfangs noch außergewöhnlich beliebt, verlor sich die Begeisterung ihrer Teammitglieder zunehmend.

Doch auch Führungskräfte mit ausgesprochen niedrigen Narzissmus-Werten kommen nicht so gut an, wie die Metaanalyse von Emily Grijalva nahelegt. So verpönt diese Charaktereigenschaft sein mag, in Maßen kann sie sich positiv auswirken. Denn moderat narzisstische Menschen setzen sich nicht nur eher durch, sie werden auch häufiger als begeisterungsfähig und zupackend erlebt. Um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu führen, scheint ein mittleres Maß dieser Persönlichkeitseigenschaft optimal zu sein.

4. Sind Psychopathen besonders intelligent?

Der wohl berühmteste Leinwand-Psychopath, Hannibal Lecter, ist zugleich ein Genie. Der Psychiater und kannibalistische Serienkiller hilft in »Das Schweigen der Lämmer« der FBI-Agentin Clarice Starling, den Frauenmörder Buffalo Bill zur Strecke zu bringen. Dabei hält Lecter jederzeit die Fäden in der Hand und ist allen einen Schritt voraus. Diese Figur prägte das Bild vom kaltblütigen Psychopathen mit fast übermenschlichen geistigen Gaben. Doch was hat das mit der Realität zu tun? Zunächst einmal wäre zu klären, wie stark antisoziale Neigungen ausgeprägt sein müssen, damit man jemanden mit diesem Etikett versehen kann. Nicht einmal Experten sind sich darin einig.

Einer der am meisten verwendeten Fragebogen ist die Psychopathie-Checkliste, die der kanadische Psychologe Robert D. Hare Anfang der 1980er Jahre entwickelte. Sie erfasst zwei Hauptmerkmale: das hemmungslose Ausnutzen anderer sowie einen unsozialen und ungewöhnlichen Lebensstil. Dazu gesellen sich als Hinweise notorisches Lügen, oft wechselnde Sexualpartner, fehlende Ziele im Leben sowie Mangel an Verantwortungsgefühl und Reue. Psychopathen nehmen Gefühle weniger stark wahr, sie langweilen sich schnell und gehen extreme Wege, um sich den nötigen Kick zu verschaffen. Gemeinsam mit ihrem Hang zu impulsiven Entscheidungen und ihrer weitgehenden Angstfreiheit ergibt das eine explosive Mischung.

Oft sind Psychopathen überzeugt von der eigenen Großartigkeit. Sie treten selbstsicher und furchtlos auf und versprühen zunächst einen gewissen Charme. »Viele Psychopathen sind auch Narzissten«, sagt Back. »Umgekehrt haben aber nur wenige extrem narzisstische Personen auch stark psychopathische Züge.« Laut der Fachliteratur kann man rund fünf Prozent der Menschen als Psychopathen bezeichnen.

Dass sich in jedem 20. von uns ein Hannibal Lecter steckt, ist jedoch unwahrscheinlich. Viele Fachleute bezweifeln mittlerweile, dass dieses diagnostische Schubladendenken überhaupt sinnvoll ist. »Der Wert, ab dem jemand als krankhafter Psychopath gilt, ist relativ willkürlich gewählt«, gibt Back zu bedenken. »Es handelt sich in Wahrheit um ein Kontinuum: Manche sind kaum psychopathisch, andere haben mittlere und wieder andere sehr ausgeprägt psychopathische Züge.«

Dabei sind längst nicht alle Menschen, die im oberen Bereich der Psychopathie-Skala rangieren, kriminelle Superhirne. Forscher um Ernest D. O’Boyle, heute an der Indiana University in Bloomington, fassten 2013 in einer Metaanalyse 48 Studien zum Thema zusammen. Sie fanden keinen Hinweis darauf, dass die Dunkle Triade mit besonders hoher oder auch verminderter Intelligenz einhergeht. Genau wie in der Gesamtbevölkerung tummelten sich die meisten psychopathischen,narzisstischen und machiavellistischen Menschen in der Mitte, auffallend hohe oder niedrige Intelligenzquotienten kamen seltener vor. Bei der Stichprobe handelte es sich allerdings um Berufstätige, also mehr oder weniger gut angepasste Zeitgenossen.

Eine Studie aus dem Jahr 2019, die Psychopathen in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten miteinbezog, kam zu einem abweichenden Ergebnis. Psychopathische Züge – insbesondere impulsive, angstfreie und antisoziale Komponenten – gingen hier im Schnitt mit schwächerer Denkleistung einher. Was weitere Merkmale angeht, ergab sich jedoch ein anderes Bild: Wer sehr selbstsicher-dominant, unverfroren und kühn auftrat, war im Schnitt auch etwas intelligenter als Menschen ohne diese Eigenschaften. Der statistische Effekt war allerdings nicht sehr groß.

Fazit: Das Klischee vom finsteren Genie lässt sich wissenschaftlich nicht bestätigen. Womöglich bleiben uns »schlaue« Bösewichte, die für raffiniert eingefädelte Verbrechen bekannt wurden, einfach besser in Erinnerung als nicht ganz so helle Fieslinge.

5. Sind dunkle Persönlichkeitsmerkmale angeboren?

Nicht erst seit dem Hype um True-Crime-Serien und -Podcasts wird darüber spekuliert, warum Menschen Schlimmes tun. Weshalb quälen und betrügen sie andere? Wie kann gar ein Vater oder eine Mutter die eigenen, wehrlosen Kinder töten? Fälle wie der des US-Amerikaners Christopher Watts, der im August 2018 seine schwangere Frau strangulierte und seine beiden Töchter erstickte, um mit einer Affäre ein neues Leben anzufangen, machen sprachlos. Oft kommen wir dann zu dem Schluss, es müsse eine psychische Krankheit dahinterstecken. Waren die Täter als Kind selbst Opfer von Gewalt und Grausamkeit? Schließlich kommt niemand »böse« zur Welt, oder?

Nach einer evolutionsbiologischen Betrachtung bietet sadistisches, eigennütziges und kaltblütiges Verhalten – kurz alles, was wir »böse« nennen – unter Umständen einen Überlebensvorteil. »Die längste Zeit haben Menschen in Kleingruppen gelebt und sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen«, erklärt der Psychologieprofessor Benjamin Hilbig von der Universität Koblenz-Landau. Eine gewisse Varianz dunkler Persönlichkeitsmerkmale innerhalb einer Spezies sei für deren Überleben vermutlich sinnvoll. Es musste auch diejenigen geben, die vor Gewalt nicht zurückschreckten, vielleicht sogar Gefallen an ihr fanden.

Männer sind »böser« als Frauen

Ein Team um Björn Persson analysierte 2019 die Ergebnisse von rund 1500 Männern und Frauen, die den Short-Dark-Triad-Fragebogen ausgefüllt hatten.Wie schon in etlichen Studien beobachtet, waren bei den Männern die destruktiven Eigenschaften im Schnitt etwas stärker ausgeprägt als bei den Frauen.Eine aktuell viel diskutierte Erklärung zum Ursprung von Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie bietet die »Life-History-Theorie«. Sie wurde von einem Team um die Psychologin Monica Koehn von der University of Canberra 2019 erstmals beschreiben. Ihrer Hypothese zufolge steht jedes Tier vor einem Dilemma:Wofür soll es seine begrenzte Zeit und Energie vor allem einsetzen – gut leben oder möglichst viel Nachwuchs zeugen?

Manche Individuen verfolgten eine Art »Lebeschnell-stirb-jung«-Strategie. Statt langfristig Beziehungen zu pflegen und sich im Zweifelsfall zurückzuhalten, nehmen sie sich einfach, was sie wollen – ohne Rücksicht auf andere. Dazu passt, dass Psychopathen häufig schnell wechselnde Sexualpartner und eine geringere Lebenserwartung haben, wie eine finnische Langzeitstudie 2018 belegte.

Männer mit sozial unerwünschten Persönlichkeitszügen schneiden auf dem Dating-Markt teils überraschend gut ab. Den verurteilten Frauen- und mehrfachen Kindermörder Christopher Watts erreichten im Gefängnis etliche Liebesbriefe und Bikinifotos von Verehrerinnen. »Hybristophilie« nennen Fachleute es, wenn sich Menschen von Mördern und Gewaltverbrechern sexuell angezogen fühlen. Wie solche Phänomene zu Stande kommen und auf welche Weise sich unmoralisches Verhalten im Lauf der Evolution durchgesetzt hat, ist wissenschaftlich jedoch noch nicht geklärt.

Die Ausprägung unserer dunklen Seite hängt – wie die meisten Persönlichkeitsmerkmale – offenbar mit der individuellen Genausstattung zusammen. Besonders stark machen sich die Erbanlagen bei der Neigung zur Psychopathie bemerkbar: Bis zu 50 Prozent der Unterschiede zwischen den Menschen sollen sich darauf zurückführen lassen. Das bedeutet allerdings umgekehrt, dass auch die Lebensbedingungen und Erfahrungen bestimmen, ob und auf welche Weise jemand sein finsteres Potenzial ausschöpft.

Die Frühförderung fieser Charakterzüge besteht nach allem, was wir bisher wissen, eher nicht darin, dass Menschen als Kind selbst geschlagen, gemobbt oder schikaniert werden. Eine Entwicklungsgeschichte wie die des Batman-Gegenspielers Joker, der aus Frust über erlittene Grausamkeit vom sensiblen Außenseiter zum nihilistischen Horror-Clown mutierte, ist alles andere als typisch. »Wie Menschen auf Gewalterfahrungen reagieren, lässt sich schwer vorhersagen. Zwischenmenschliche Traumata wirken sich langfristig sehr unterschiedlich aus und können sich auch in nicht gewaltnahen psychischen Auffälligkeiten wie Depressionen äußern. Für die These, dass Menschen oft selbst böse werden, weil man ihnen Böses angetan hat, gibt es insofern keine stichhaltigen Belege«, sagt Benjamin Hilbig.

Vermutlich entspringt diese Idee vor allem dem Wunsch, das Unerklärliche irgendwie begreiflich zu machen. Zwar gibt es Fälle von Straftätern, die als Kind immer wieder Gewalt erfahren haben und die Tradition später fortsetzen. Hilbig verweist allerdings auf eine andere Erklärung, die häufig übersehen werde: die soziale Norm. »Entscheidend ist oft, ob ein Verhalten in der

Gesellschaft oder im näheren Umfeld salonfähig ist – auch unabhängig davon, ob man selbst Opfer dieses Verhaltens wurde.« Wer in einer Welt aufwächst, in der gewissenloses Handeln an der Tagesordnung ist, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit zum Verbrecher. Dass diese Idee nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt sich schon bei weniger schlimmen Vergehen, die der Gemeinschaft gleichwohl schaden. So glauben manche sich mit fragwürdigen Argumenten rechtfertigen zu können: »Alle hinterziehen doch Steuern, warum sollte ich der einzige Ehrliche sein?« H

WIE DUNKEL IST IHR CHARAKTER?

Auf openpsychometrics.org/tests/SD3 können Sie eine Kurzversion des »Short Dark Triad«-Fragebogens beantworten. Das Ergebnis liefert einen Hinweis darauf, wie stark die Merkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie bei Ihnen im Vergleich zu anderen ausgeprägt sind.

QUELLEN

Härtel, T. M. et al.: Pathways from narcissism to leadership emergence in social groups.

European Journal of Personality 35, 2021

Koehn, M. A. et al: A primer on the Dark Triad traits. Australian Journal of Psychology 71, 2019

Sánchez de Ribera, O. et al.: Untangling intelligence, psychopathy, antisocial personality disorder, and conduct problems: A meta-analytic review. European Journal of Personality 33, 2019

Zettler, I. et al.: Stability and change: The dark factor of personality shapes dark traits.

Social Psychological and Personality Science 12, 2021

Weiter Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/2037247