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Unsere Nächsten: die Nachbarn


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 08.05.2019

Die Menschen von nebenan leihen uns Eier, Schraubenschlüssel oder nehmen die Post an. Sie können uns das Leben aber auch ziemlich verleiden. Über eine Beziehung zwischen Unterstützung und sozialer Kontrolle


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 6/2019

Wenn Sarah Balthes nach einem Urlaub ihren Koffer von der Bahn zu ihrer Altstadtwohnung rollt, kann es passieren, dass der Kneipenbesitzer von gegenüber kurz vor die Tür tritt, um ihr Hallo zu sagen und ein Pläuschchen zu halten. „Dann weiß ich: Hier bin ich zu Hause, hier fühle ich mich wohl”, sagt die 50-Jährige. „Dieses Heimatgefühl ist für mich in den letzten Jahren immer wichtiger geworden.” ...

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Seit fast zwei Jahrzehnten lebt sie hier. Mit den Bewohnern ihres Mietshauses ist sie per du, die von nebenan und vis-à-vis kennt sie zum Teil mit Namen, manchen bringt sie in der Weihnachtszeit selbstgebackene Plätzchen vorbei. Mit anderen hat sie sich zwar noch nie unterhalten, so wie mit dem Mann, der fast jeden Samstagabend biertrinkend vor der Eckkneipe sitzt, aber ihre Gesichter gehören trotzdem zum Viertel. „Ich mag es, wenn man sich kennt, vielleicht auch mal ein paar Worte miteinander wechselt oder einen Kaffee zusammen trinkt”, sagt sie. Ihr gefällt die Nähe, die sie zum Beispiel spürt, wenn sie mitbekommt, dass die Nachbarin krank ist – einfach weil sie sie ein paar Tage nicht gesehen hat.

Sie ist aber auch schon einmal mit einem ihrer Nachbarn heftig aneinandergeraten, fast bis zum Rechtsstreit. Ein Bäcker in ihrem Wohnblock hatte seine Belüftungsanlage umgestellt. Mit der Folge, dass nun Nacht für Nacht ein niederfrequentes Brummen Balthes um ihren Schlaf brachte. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Doch der Frieden ist fragil. Die Rheinländerin möchte nicht mit ihrem echten Namen im Artikel auftauchen, um nicht zu riskieren, dass der Konflikt wieder aufbricht.

Nachbarschaft hat zwei Seiten: Sie bietet Raum für zwischenmenschliche Kontakte, und sei es nur der rasche soziale Schnack für zwischendurch. Nachbarn können aber auch nerven, uns den Schlaf und den inneren Frieden rauben.

Nachbarschaft ist unentrinnbar
Meist suchen wir uns gut aus, mit wem wir engeren Umgang pflegen. Und Menschen, die wir nicht mögen, gehen wir einfach aus dem Weg. Bei Nachbarn ist das schwierig. Oder, wie es der Soziologe und Stadtforscher Walter Siebel von der Universität Oldenburg ausdrückt: „Nachbarschaft ist unentrinnbar.” Das sei auch ein Grund, warum Konflikte im Wohnumfeld so gerne eskalierten. „Wenn Sie mit Richtern sprechen, werden Sie hören, dass die erbittertsten Streitereien neben Erbschafts- und Scheidungsangelegenheiten die zwischen Nachbarn sind.”


Es ist eine Grundregel von Urbanität, höflich-vorsichtige Distanz zu halten


Daraus folgt jedoch nicht, dass Nachbarschaftskonflikte häufig wären. Der Münsteraner Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach etwa geht davon aus, dass nicht einmal zehn Prozent aller Deutschen schon einmal ernsthaft mit ihren Nachbarn im Clinch lagen (siehe den Kasten rechts). Die Statistik gibt ihm recht: 2017 wurden in der Bundesrepublik fast eine Million Zivilprozesse abgeschlossen. Darunter waren nicht einmal 8000 Nachbarschaftsstreits – eine Quote von 0,8 Prozent.

Die Bedeutung von Nachbarschaft hat sich in den letzten hundert Jahren radikal verändert. Die vormoderne Nachbarschaft sei eine Schicksalsgemeinschaft gewesen, erklärt Stadtforscher Walter Siebel. Die Menschen hätten nicht nur nebeneinander gewohnt, sondern auch zusammen gearbeitet; sie seien aufeinander angewiesen gewesen. Das ist heute ganz anders. „Man hilft sich gelegentlich, vermeidet aber zu große Nähe”, erklärt er. Als Grund nennt er die zunehmende Urbanisierung: „Nachbarschaft bedeutet auch immer soziale Kontrolle. Und eines der großen Versprechen von Städten ist, dieser Beobachtung zu entgehen.” Ein Punkt, der auch Sarah Balthes wichtig ist. „Ich komme vom Dorf. Mein Großvater wusste am Sonntagmorgen immer schon, mit wem ich am Samstagabend unterwegs gewesen war”, erinnert sie sich. „Heute reagiere ich auf alles, was nach sozialer Kontrolle riecht, ausgesprochen allergisch.”

Dieser hohe Stellenwert von Privatsphäre sei inzwischen kein Monopol der Stadt mehr, sagt Siebel. Auch auf dem Land gebe es eine zunehmende Urbanisierung der Lebensstile. Die schwäche die Bedeutung von Nachbarschaft. „Eine Grundregel von Urbanität ist, höflich-vorsichtige Distanz zu halten.” Freundlich grüßen, die Post annehmen und ansonsten in Ruhe gelassen werden: Viele Menschen wünschen sich von ihrer Nachbarschaft nicht mehr. Anderen ist das zu oberflächlich, sie suchen nach Gemeinschaft. So wie die Bewohner der Wohnanlage im Brockwinkler Weg 72 in Lüneburg.

Nachbarn selbst auswählen
Die Abendsonne fällt über einen knorrigen alten Baum auf die Sandgrube, in der noch ein paar Kinderspielzeuge liegen. Auf dem großen Grundstück stehen drei Gebäudekomplexe. Dort leben auf drei Geschossen 36 Parteien, insgesamt 53 Erwachsene und 23 Kinder. Das Besondere daran: Sie haben die Anlage gemeinschaftlich geplant und gebaut. „Wir haben nach einer verbindlicheren Form der Nachbarschaft gesucht”, erklärt Ulrich Thomsen. Der 73-Jährige hat das Projekt von Anfang an mit vorangetrieben. „Wir unterstützen uns gegenseitig; einige teilen sich zum Beispiel zu mehreren ein Auto. Die Kinder finden hier viele Spielkameraden, und wenn sie aus der Schule kommen und niemand bei ihnen zu Hause ist, können sie problemlos zu einer der anderen Familien gehen.”

Das Herz der Anlage ist das quadratische Zentralgebäude. Hier befindet sich unter anderem der große Gemeinschaftsraum, in dem die Bewohner an manchen Tagen gemeinsam frühstücken oder Filme schauen. Außerdem finden alle drei bis vier Wochen gemeinsame Treffen statt – vor allem zu den organisatorischen Fragen des alltäglichen Zusammenlebens. „Wir diskutieren aber auch existenzielle Themen: Wie ist es, wenn jemand stirbt? Wie können wir uns besser helfen, etwa bei Krankheit oder im Alter?”, sagt Thomsen.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass im Brockwinkler Weg 72 vor allem junge Familien und Senioren wohnen. Denn die sind auf eine gut funktionierende Nachbarschaft viel stärker angewiesen als der Single in der Lebensmitte. Wer kleine Kinder hat, ist froh, wenn es in der Umgebung Spielgefährten gibt – und Paare in derselben Situation, mit denen sich bei Bedarf Fahrgemeinschaften oder Babysitterdienste organisieren lassen. Punkte, die nur bei räumlicher Nähe vernünftig funktionieren.

Gerade im Alter schränkt sich der Aktionsradius häufig drastisch ein, und wir werden auf unser Wohnumfeld zurückgeworfen. In einer Studie der Universität Frankfurt gaben fast 20 Prozent der befragten 70- bis 89-Jährigen an, in der Woche zuvor ihre Wohnung kaum verlassen zu haben. Studien aus Chile und England zeigen, dass es Älteren, die auf ihre Nachbarn zählen können, allgemein besser geht.

Daher ist es gut, wenn das Umfeld Kontakte erleichtert. Die Forscher der Universität Frankfurt empfehlen etwa, bei der Stadtplanung vermehrt auf das Angebot gut erreichbarer Treffpunkte zu achten – eine Rolle, wie sie früher der Dorfbrunnen übernahm. Die Künstlerin Janni Feuser schickte 2016 im Wohngebiet Rheinbach-Irlenbusch in der Voreifel eine blumenverzierte Sitzgelegenheit auf Reisen, die jetzt so etwas wie der neue Dorfmittelpunkt ist: die „Bänk for better anderständing”. Jede Woche wird die Bank von einem Haushalt zum nächsten weitergegeben – als Einladung an alle, sich dort zu treffen und die Nachbarn besser kennenzulernen.

Die Politik hat das Potenzial eines guten Wohnumfeldes ebenfalls erkannt: Das Bundesfamilienministerium ist Partner dernebenan.de Stiftung , die mit verschiedenen Projekten lebendige Nachbarschaften fördern möchte. Ähnliche Ziele hat sich das Bundesinnenministerium mit seinem Programm „Soziale Stadt” auf die Fahnen geschrieben.

Um sie zu erreichen, kann schon allein eine überlegte Bauplanung helfen. Nicht umsonst stehen im Wohnkomplex am Brockwinkler Weg die Gebäude über Eck: So entsteht ein Innenhof, auf den sämtliche Wohnungen blicken und in dem sich ein großer Teil des Lebens abspielt. „Solche Raumstrukturen befördern die nachbarschaftliche Kommunikation”, erklärt Ruth Rohr-Zänker, die bis 2013 an der Universität Oldenburg eine Professur für Raumplanung innehatte. Zumal sie auch den störenden Straßenlärm aussperren – ein Punkt, der vor allem in Großstädten wichtig ist: Es ist viel beschwerlicher, sich zu unterhalten, wenn nebenan der Verkehr dröhnt.

Heutzutage werde bei Bauprojekten meist auch die Kommunikationsfreundlichkeit mitgeplant, sagt Rohr-Zänker, zum Beispiel indem man in dichtbesiedelten Gebieten öffentliche Plätze als Begegnungsräume schaffe. Sie war kürzlich im Hamburger Stadtteil Barmbek, wo man genau diese Strategie verfolgt, allerdings etwas halbherzig, meint sie: „An dem Platz hat nun ein Nagelstudio aufgemacht. Ich hätte dort lieber einen Kiosk gesehen – das wäre vermutlich ein besserer Nachbarschaftstreffpunkt.” Allerdings weiß Rohr-Zänker auch um die Grenzen bewusst gelenkter Architektur: „Nachbarschaft lässt sich nicht planen. Nachbarschaft muss entstehen!” Auch in Vierteln, in denen man es aufgrund ihrer Anlage nicht erwarten würde, können gute Nachbarschaftsverhältnisse herrschen.

Konflikte haben meist psychische Ursachen
Ebenso wenig gibt es einfache bauliche Regeln, mit denen sich Streitereien vermeiden lassen. So ist genügend Platz laut Rohr-Zänker kein Garant für einen konfliktfreien Umgang. Die Anlässe für Konflikte seien sehr unterschiedlich, sagt Sozialwissenschaftler Kurtenbach. Bei Hausbesitzern sorgt vielleicht die wild wuchernde Hecke zwischen den Grundstücken für Zoff, im Mehrfamilienhaus sind dagegen eher Lärm oder Küchendünste häufige Streitthemen.

Wenn solche Konflikte eskalieren, hat das jedoch vor allem psychische Gründe. „Konflikte bedeuten Stress, und Stress beeinträchtigt unser Wahrnehmungsvermögen”, erklärt der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl. „Wir neigen dann dazu, uns stärker auf das Negative zu konzentrieren und nur noch Dinge zu sehen, die unser Urteil bestätigen. Gleichzeitig extrapolieren wir dieses störende Verhalten in die Zukunft: Der Nachbar führt doch bestimmt schon wieder etwas Böses im Schilde, gegen das ich mich wehren muss.”

Plötzlich fallen uns noch viele andere Eigenarten ein, die uns auf die Nerven gehen: Der Konflikt weitet sich auf immer mehr Punkte aus. Wenn wir dann noch nach Verbündeten suchen, ist plötzlich die gesamte Nachbarschaft gespalten.


Wir extrapolieren störendes Verhalten in die Zukunft: Bestimmt führt der Nachbar wieder etwas Böses im Schilde


Glasl empfiehlt, in solchen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren: „Bleiben Sie auf den eigentlichen Konf liktanlass fokussiert. Schlafen Sie zunächst einmal drüber, bevor Sie reagieren. Und überlegen Sie sich, welche Folgen Ihr Verhalten für den Konflikt haben kann. In einem Satz: Versuchen Sie, die Ich-Steuerung zurückzugewinnen.” Mediation setzt genau an diesem Punkt an, weil sie den Perspektivwechsel befördert: Wenn ich höre, wie unterschiedlich der andere den Konfliktverlauf schildert und warum er so reagiert hat, wie er es tat, dann kann ich seine Motive besser verstehen. „Und dann gewinnen Sie auch Ihre Empathie zurück – eine Fähigkeit, die bei Konf likten oft verlorengeht”, sagt Glasl.

Streit gedeiht besonders dann, wenn Menschen mit sich im Unreinen sind. „Personen, die ohnehin etwas mit sich herumtragen, sind oft besonders schnell von ihren Nachbarn genervt”, erklärt Kurtenbach. Ein Punkt, dem auch die Mediatorin Julia Fischer vom Hamburger Mieterverein „Mieter helfen Mietern” zustimmt: „Wer unzufrieden ist und um sich selbst kreist, reagiert häufig auf Störungen empfindlicher.” Das eigene Heim sei für viele ein wichtiges Rückzugsgebiet, sagt sie. „In unseren eigenen vier Wänden wollen wir unsere Ruhe haben. Das ist vor allem dann schwierig, wenn Menschen unterschiedliche Lebensweisen haben – wenn die eine Partei beispielsweise gerne laut Musik hört.”

Studien belegen, dass unterschiedliche Lebensstile ein wichtiger Reibungspunkt sein können. Die australische Soziologin und Nachbarschaftsforscherin Lynda Cheshire hat dazu unlängst eine breitangelegte Untersuchung durchgeführt. Als Basis diente ihr ein Datensatz der Stadtverwaltung von Brisbane mit mehr als 450000 Beschwerden von Bürgern aus den Jahren 2007 bis 2014. In rund 100000 Fällen ging es darin um Streitigkeiten unter Nachbarn. Besonders oft kam es in gentrifizierten Gebieten zu Beschwerden, also in Gegenden, in denen in den Jahren zuvor viele zahlungskräftige Eigentümer oder Mieter zugezogen waren und dadurch die Preise in die Höhe getrieben hatten. Augenscheinlich birgt das Nebeneinander verschiedener Milieus Konfliktpotenzial. Ergebnisse aus Polen stützen diese These: Demnach fühlen sich Bewohner umso weniger mit ihrem Viertel verbunden, je größer dort die Einkommensunterschiede sind.

Gleich und Gleich gesellt sich gern: Das gilt nicht nur für Freundschaften, sondern auch fürs Wohnen. Wer es beeinflussen kann (und das nötige Geld hat), der schlägt sein Zelt am liebsten unter Gleichgesinnten auf. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben nachbarschaftliche Wohnprojekte wie das im Brockwinkler Weg momentan Konjunktur. „Wer zusammen baut, der erhofft sich davon auch, mit seinen zukünftigen Nachbarn mehr Gemeinsamkeiten zu haben als normalerweise”, erklärt der Raumplaner Micha Fedrowitz. „Bei der Planung merkt man, wie die Leute ticken und ob man zueinander passt. Dieser Prozess ist daher immer auch eine Homogenisierungsphase.”

Auch Thomas Vagedes und Monika Mersch könnten sich eine solche Form des Zusammenlebens vorstellen. Noch bewohnt das Paar ein Einfamilienhaus in einem kleinen Dorf bei Lüneburg. Spannungen mit den Nachbarn haben aber dazu geführt, dass die beiden sich dort nicht mehr richtig wohlfühlen. Inzwischen haben sie sich ein kleines Wochenendhaus im Wald gekauft, vor allem wegen der Natur, aber auch weil sie es genießen, dort niemanden sonst in direkter Nähe zu haben. Eine Lösung für jeden Tag ist das aber nicht.

Kürzlich haben sie sich ein ehemaliges Herrenhaus angesehen, in Alleinlage, liebevoll saniert, aber leider viel zu groß. „Wir haben das Freunden erzählt, und da kam bei einigen die Rückmeldung: Mensch, da will ich mich beteiligen, da möchte ich auch investieren”, sagt Vagedes. „Plötzlich stand die Idee im Raum, dort vielleicht gemeinsam zu wohnen – nicht im Haupthaus, das wäre mir zu nah, sondern in den entsprechend umgebauten Nebengebäuden. Das wäre dann eine andere Form von Nachbarschaft: eine mit Leuten aus meinem Umfeld, an denen mir etwas gelegen ist.”

DER DEUTSCHE UND SEINE NACHBARN

Psychoterror, Säureattacken, Morddrohungen: Schlagzeilen wie diese suggerieren, dass die Bundesbürger ein angespanntes Verhältnis zu ihren Nachbarn pflegen. Doch stimmt das? Hier einige aktuelle Zahlen

• Laut AOK fühlen sich 86 Prozent aller Deutschen in ihrem Wohnumfeld gut aufgehoben. Der WDR ermittelte 2017 für Nordrhein-Westfalen ähnliche Werte: Dort waren 90 Prozent der Befragten mit ihren Nachbarn zufrieden. Mit gutem Grund – 94 Prozent der NRW-Bürger nehmen für ihre Nachbarn gelegentlich Pakete an oder leihen ihnen Sachen.

• Fast jeder Zweite hält laut der StudieFreizeit-Monitor der Stiftung für Zukunftsfragen regelmäßig ein kurzes Pläuschchen mit den Nachbarn. Früher unterhielt man sich allerdings noch mehr: 1975 kamen nachbarschaftliche Gespräche bei den häufigsten Freizeitbeschäftigungen auf Rang 5; inzwischen schaffen sie es nicht einmal mehr in die Top Ten.

• Jeder dritte Deutsche würde zumindest eine Person aus seiner Nachbarschaft als guten Freund bezeichnen. Bei den Briten ist es dagegen nur jeder Vierte, hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov festgestellt.

• Kommt es zu Streit, ist meist Lärm der Auslöser. Jeder Fünfte hat deshalb schon einmal Ärger gehabt, zeigt die WDR-Umfrage. Auf Platz 2 landeten falsch geparkte Autos. Erstaunlich: Hunde befördern nachbarschaftliche Beziehungen eher, als dass sie sie stören.

• Fast 40 Prozent aller Deutschen fühlen sich laut YouGov von ihren Nachbarn zumindest hin und wieder beobachtet. Am häufigsten klagen Menschen auf dem Land darüber.

NACHBARSCHAFT SCHAFFT FREUNDE

Nachbarschaften sind Zwangsgemeinschaften – schließlich kann man seine Nachbarn in aller Regel nicht frei wählen. Doch wie steht es mit der Wahrscheinlichkeit, dass aus zwei Fremden, die vom Zufall zusammengewürfelt wurden, Freunde werden?

Die Chance, unter Nachbarn Freunde zu finden, ist gar nicht einmal so schlecht, wie bereits vor 70 Jahren die US-Wissenschaftler Leon Festinger, Stanley Schachter und Kurt Back zeigen konnten. Die Sozialpsychologen hatten untersucht, wie sich in einer Wohnanlage für verheiratete Studierende die sozialen Bande der Mietparteien entwickelten. Der Komplex bestand aus 17 Gebäuden mit jeweils 10 Apartments. Ein Jahr, nachdem die Bewohner eingezogen waren, fanden die Forscher heraus, dass die Beziehungen der Paare zueinander umso enger waren, je näher sie beieinander wohnten.
Und das ist erklärbar: Mit jemand, den wir regelmäßig sehen, kommen wir öfter ins Gespräch, also freunden wir uns auch eher mit ihm an. Dass die Menschen positiver bewerten, wen oder was sie öfter sehen, nennen Psychologen „Mere-Exposure-Effekt”.
Allerdings befördert Nähe nicht nur Freund-, sondern auch Feindschaften: Forscher derUniversity of California bestätigten in einer Neuauflage des Experiments nicht nur, dass Freunde auffällig nah beieinander wohnten. Sie fragten die Teilnehmer auch, welche Personen in ihrer Wohnsiedlung sie besonders wenig mochten. Hier war das Ergebnis noch deutlicher: Mehr als 70 Prozent der Unsympathen lebten maximal eine Straßenecke entfernt.


FOTOS: ANDREAS HERZAU