Lesezeit ca. 6 Min.

Unsere ZEUGEN des Jahrhunderts


Logo von Gong
Gong - epaper ⋅ Ausgabe 52/2021 vom 24.12.2021

Artikelbild für den Artikel "Unsere ZEUGEN des Jahrhunderts" aus der Ausgabe 52/2021 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 52/2021

Eine Zeitreise in Bildern: altes privates Fotoalbum

Als sie vom Himmel stürzten, herrschte tiefschwarze Nacht. Der Jagdbomber von Wilhelm Simonsohn, eine Junkers 88, war abgeschossen worden. Von einer Mosquito, einem Flugzeug der Briten. In 5000 bis 6000 Metern Höhe, im Luftraum bei Brüssel. Pilot Simonsohn und die anderen Besatzungsmitglieder sprangen aus dem brennenden Sarg in die Tiefe. Dann kam die rettende Landung. „Ich wusste gar nicht, wo ich war, es war ja stockdunkel“, erinnert sich Simonsohn. Er unterstreicht seine Worte mit großen Gesten, schildert lebendig. „Dass ich also am Schirm hing, das war ein Glücksgefühl. Ich hätte ‚Hurra!‘ schreien können.“

Simonsohn, Jahrgang 1919, war im Zweiten Weltkrieg Pilot der Luftwaffe (siehe rechts oben). Ein Nazi war er nicht. Die hatten seinen Vater abgeholt, weil er Jude war. Als Kind wusste Wilhelm gar nichts von der Religion seines Vaters, eines Kohlehändlers aus Hamburg- Altona. „Meine Kindheit ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gong. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 52/2021 von Silvester in Australien FEUERZAUBER ÜBER SYDNEY. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Silvester in Australien FEUERZAUBER ÜBER SYDNEY
Titelbild der Ausgabe 52/2021 von Heilkraft aus der NATUR. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Heilkraft aus der NATUR
Titelbild der Ausgabe 52/2021 von Im Reich der RENTIERE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Im Reich der RENTIERE
Titelbild der Ausgabe 52/2021 von Doppeltes Spiel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Doppeltes Spiel
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Doppeltes Spiel
Vorheriger Artikel
Doppeltes Spiel
Zwei schräge Vögel
Nächster Artikel
Zwei schräge Vögel
Mehr Lesetipps

... war frei von Sorgen“, so Simonsohn. Als er 15 war, riefen ihm die anderen in der Marinehitlerjugend „Judenlümmel“ zu. Das sei damals ja „ehrenrührig“ gewesen. Erst danach erfuhr er, dass sein Vater Jude war – und er selbst adoptiert. Wilhelm ging nicht mehr zur Hitlerjugend. Sein Vater wähnte sich wegen seiner nationalen Gesinnung sicher. „Das war ja das Paradoxe, er war Jude und Deutschnationaler.“ Der Vater kam dennoch ins KZ, starb 1939 an den Haftfolgen.

Anna Möschter († 97)

Geboren in Saarbrücken. Die Bergmannstochter baute mit ihrem Mann in Hamburg ein Haus aus selbst gesammelten Kriegstrümmern. Als die Familie bei der Sturmflut 1976 alles verlor, zog sie an den Michel. Sie starb im Dezember 2021

Die Geschichte Simonsohns zeigt: Das Leben lässt sich nicht in Schwarz und Weiß trennen, es kennt so viele Nuancen. Die Zwischentöne nimmt nur wahr, wer genau hinschaut, Schicksale wertfrei beleuchtet, Fragen stellt und, sofern möglich, Augenzeugen sprechen lässt. Das macht der NDR mit dem groß angelegten Projekt „Jahrhundertleben“, an dem vier Landesfunkhäuser beteiligt sind. Vorgestellt werden dabei Männer und Frauen, die um die 100 Jahre alt sind. Manche der Hochbetagten haben bereits Ururenkel, wie etwa Helga Klüver aus Eckernförde und Hermine Trimde aus Rostock. Neun Protagonisten schildern ihre wichtigsten Lebensstationen, ihre emotionalsten Momente und öffnen ihre Fotoalben. So entstand eine zweiteilige Doku (s. TV- Tipp Seite 18), die der NDR am Neujahrswochenende zeigt. Zudem gibt es im Internet ein interaktives Online-Dossier (siehe Kasten Seite 19).

" Ich hing am Fallschirm und lebte. Ich hätte ‚Hurra!‘ schreien können vor Glück.“

Wilhelm Simonsohn

Aus dieser eindringlichen Reise in die Vergangenheit lässt sich für die Gegenwart lernen. „Unsere 100-Jährigen haben politische und gesellschaftliche Umbrüche in einem Ausmaß miterlebt, wie sie für viele heute kaum vorstellbar sind“, erklärt Filmautorin Heike Schieder. Von ihr stammt die Idee zu dem Projekt. „Hineingeboren in die Goldenen Zwanziger, verlebten die meisten unserer Porträtierten eine glückliche Kindheit, dann kam der Umbruch mit Weltwirtschaftskrise, Nazizeit und Zweitem Weltkrieg. Nach dem Kriegsende sind Not und Neuanfang, gefolgt von Wirtschaftswunder, Mauerbau und Wiedervereinigung, die historischen Wegmarken.“ Zum Beispiel bei Anna Möschter (u. l.). Die Bergmannstochter aus Saarbrücken hatte acht Geschwister. Die Kinder arbeiteten mit, verstanden sich gut. Familie war für sie immer das Wichtigste. Für die Liebe zog sie als junge Frau nach Hamburg.

Wilhelm Simonsohn (102)

Hamburg. Sein Adoptivvater ist Jude, stirbt 1939 an Folgen der KZ-Haft. Er selbst überlebt 1944 als Pilot der Luftwaffe einen Abschuss über Belgien. Er wird Verwaltungsleiter im Krankenhaus, bereist mit seiner Frau im VW- Bulli die Welt, engagiert sich als Zeitzeuge

Hochzeitsmantel aus Wehrmachtsdecke

Bei der Hochzeit 1945 trug sie einen Mantel, genäht aus einer Wehrmachtsdecke. „Es gab ja nichts.“ Das Paar improvisierte. Die Steine für ihr Haus sammelte Anna Möschter aus Kriegstrümmern selbst: „500 Steine habe ich geklopft.“ Die Möschters bauten an einem Elbarm, bekamen fünf Kinder. Im Haus unterhielt sie eine Post- filiale. Vor Weihnachten stapelten sich die Pakete bis auf die Terrasse. Bei der Sturmflut 1976 wurde das Haus überschwemmt, die Familie verlor alles. Sie zog an die Hauptkirche St. Michaelis, den „Michel“. Möschter setzte alle Kraft in den Neuanfang, mochte die neue Gegend, arbeitete bei der Post im Fernsehturm.

Diese aktive Haltung fiel Heike Schieder auch bei anderen Interviewpartnern auf: „Mein Eindruck: Sie haben immer nach vorn gewandt gelebt, keiner hat mit Entbehrungen lange gehadert. Motto: Es hilft ja nichts, wir müssen weitermachen.“ Anna Möschter starb nach Ende der Dreharbeiten. Der Beitrag läuft wie geplant, so wünschen es die Angehörigen.

Helga Klüver (100)

Eckernförde. Mit ihrer 1944 geborenen ersten Tochter im Arm erlebt sie die Bombennächte. Als ihr Mann aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, ist das Kind fast vier. Sie spielt Klavier, singt. Fünf Enkel, acht Urenkel, ein Ururenkel

Es liegt in der Natur des Projekts: Interviews mit 100-Jährigen sind ein Vermächtnis. Ein bleibender Schatz. Interessant: „Die historischen Krisen werden nicht so groß wahrgenommen wie private Tragödien“, erklärt Heike Schieder. „Der Tod des Ehemanns oder der Ehefrau ist viel einschneidender als so mancher politische Wandel.“

Erstaunlich sind Kraft, Wille und Durchhaltevermögen dieser Generation. So hat Hermine Trimde (unten) für ihre Zeit sehr selbstbestimmt gelebt. Gegen den väterlichen Willen machte sie eine Schauspielausbildung, doch dann beendete eine Schwangerschaft ihren Traum von der Bühnenkarriere. 1941 zog sie mit ihrem deutschen Mann und dem Baby vom lettischen Riga nach Deutschland. Die Ehe scheiterte. Alleinerziehend zog sie sechs Kinder groß, heiratete dreimal. Sie machte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, unterrichtete, nähte: „Meine Nächte waren sehr kurz“, sagt Trimde, die seit 1952 in Rostock lebt. „Es war damals wie heute: Alleinstehende Frauen kommen schlecht mit ihrem Geld durchs Leben.“ Sie freut sich, dass sie eine intakte Familie hinterlässt und schwärmt vom Mauerfall: „Wir sind sofort nach Hamburg gefahren.“

Eine Baroness im Schweinestall

Einen ungewöhnlichen Weg ging auch Irmgard Rosenkranz (o. r.). Ihre Familie gehört zum märkischen Uradel, einem der ältesten Adelsgeschlechter der Prignitz. Geboren als Irmgard Gans Edle Herrin zu Putlitz wuchs die Baroness in Pommern auf. Sie liebte das bäuerliche Leben, konnte melken und kannte sich mit Schweinen aus: „Eine feine Dame war ich nie.“ Die Familie war adlig, aber nicht reich. Irmgard lauschte mit ihren Schwestern begeistert der NS-Propaganda im Radio, marschierte im „Bund Deutscher Mädel“. Ihr Vater war entsetzt, er kannte die Gräuel des Ersten Weltkriegs. „Wir haben erst viel später kapiert, was Adolf Hitler eigentlich war.“ 1945 floh sie vor den Russen, hatte nur ihren Tauf becher und Zeugnisse dabei.

In der DDR wurde sie landwirtschaftliche Berufsschullehrerin, zog mit ihrem Mann Max nach Mecklenburg-Vorpommern. Das Paar betreute zeitweilig 600 Sauen für eine landwirtschaftliche Produktionsgenossen- schaft. „Rübermachen“ kam ihr nicht in den Sinn. Sie hatte ja ihren Max und die Schweine. Ihren Siegelring hat sie zweimal durchgearbeitet. Das Jungrezept der Preußin: immer arbeiten, viel lesen, Gedichte auswendig lernen. Viel Gemüse, wenig Fleisch, kein Alkohol, keine Zigaretten.

Irmgard Rosenkranz (99)

Stammt aus dem märkischen Uradel, liebt als Kind das bäuerliche Leben. Mitglied im „Bund Deutscher Mädel“. 1945 Flucht aus Pommern. Landwirtschaftliche Berufsschullehrerin und Schweinezüchterin in der DDR: „25 Jahre LPG Schweinestall“

So unterschiedlich die Charaktere sein mögen, es gibt verbindende Leitmotive. Alle ziehen positiv Bilanz, sind zufrieden und schöpfen Kraft aus der Familie. Irmgard Rosenkranz lebt mit mehreren Generationen zusammen. Wilhelm Simonsohn diskutiert Umweltthemen mit der Enkelin. Sein Wissensdrang ist ungebrochen. Als das Filmteam ihm eine Pause anbietet, macht er weiter. Vier Stunden lang.

Was hat Filmemacherin Heike Schieder angesichts von 900 Jahren Lebenserfahrung am meisten beeindruckt? „Die Neugierde, die Wachheit und die positive Einstellung bei allen.“

DAGO WEYCHARDT

SA 1.1. TV-TIPP

17.45 NDR

EIN JAHRHUNDERTLEBEN DOKU Von Heike Schieder, Anne Gänsicke, Ole Lerch, Kathrin Klein. Teil 2: 2.1., 15.45

Hermine Trimde (102)

Als sie mit 19 schwanger wird, endet ihre Schauspielkarriere. Sie kommt 1941 nach Deutschland, lebt ab 1952 in Rostock. Sechs Kinder, alleinerziehend und berufstätig, drei Ehen. Legt viel Wert auf Selbstbestimmung. Zur Wende sagt sie: „Ein wunderbares Gefühl!“

" Eine feine Dame war ich nie.“

Irmgard Rosenkranz, geborene Irmgard Gans Edle Herrin zu Putlitz

IM NETZ Zeitzeugen hautnah

Stöbern Sie mit: Neun Frauen und Männer, alle um die 100 Jahre alt, erzählen von ihren emotionalsten Momenten und einschneidenden Erlebnissen und haben ihre Fotoalben geöffnet. Das aufwendig gemachte Online-Angebot bietet Videos, Biografisches und Bildergalerien. Die Webvideos sind in Kapitel entlang der 100-jährigen Historie unterteilt, die sich per Mausklick einzeln ansteuern lassen ndr.de/jahrhundertleben