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Unsichere Zeiten


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 28.12.2018

Prognosen Die deutsche Wirtschaft nimmt Abschied: von der Hochkonjunktur, vom Immobilienboom, vom Dieselantrieb, von den Briten. Und was folgt? Neun Thesen zur ökonomischen Entwicklung im Jahr 2019.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 1/2019

Alles schwankt. Der Ölpreis sackt an einem Tag um fünf Prozent ab, tags darauf legt er sieben Prozent zu. Der Aktienmarkt bewegt sich seit Oktober im Zickzack. Die Zeiten, sie sind volatil. Das Auf und Ab erschwert es einzuschätzen, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelt. Vieles ist vager als sonst, diffuser, unberechenbarer. Es beginnt ein Jahr der Verunsicherung.

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Brexit: You say Goodbye, I say Hello!

Am 29. März ist Brexit-Tag. Glaubt man den Doom-Propheten, droht dann der Niedergang Europas, mindestens jedoch Großbritanniens. Aber was, wenn sie alle irren?

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine angekündigte Katastrophe ausbleibt. Weder die Computerumstellung auf das Jahr 2000 noch die Euroeinführung haben die Welt ins Chaos gestürzt. Drei Szenarien könnten zu einem überraschend guten Ende führen.

Erstens: Es kommt zu einem neuen Referendum und dem Exit vom Brexit.

Zweitens: Das britische Parlament macht doch den Weg zu einem Abkommen mit der EU inklusive Übergangsfristen frei, und die Verwerfungen halten sich in Grenzen.

Doch selbst wenn, drittens, der ungeordnete Austritt kommt, könnten sich die Briten als Meister der Improvisation erweisen und vielleicht sogar die aufwendigere Zollabfertigung am Ärmelkanal spielend bewältigen. Vielleicht beschäftigt das so viele Zöllner, Fish-&-Chips-Shop- und Stripklub-Betreiber, dass allein dies die Konjunktur ankurbelt. Vielleicht löst die Pfundschwäche trotz neuer Zölle einen Exportboom aus. Wenn die Regierung Großbritannien dann noch in eine Steueroase verwandelt und die Unternehmen ein Investitionsfeuerwerk zünden, dann könnte der Brexit ein Erfolg werden, der ganz nebenbei die EU aus ihrer Lethargie erweckt.

Nicht zu glauben? Na gut. Dann eben Szenario zwei.

Welthandel: Eine Show, kein Krieg

Im November befragte die Auslandshandelskammer deutsche Unternehmen, die in Mexiko produzieren, nach ihrem Befinden. Ergebnis: Die Geschäfte laufen, die Firmen investieren, sie stellen ein.

Wer hätte das vor zwei Jahren gedacht? Als US-Präsident Donald Trump antrat, drohte er den Mexikanern mit Strafzöllen und Mauerbau; Daimler, BMW oder VW fürchteten das Schlimmste für ihre Standorte. Es blieb bei der Drohung. Und es spricht einiges dafür, dass die Kraft der Globalisierung auch 2019 stärker sein wird als alle Attacken aus dem Weißen Haus.

Der Welthandel zeigt sich robust. Insgesamt werde die globale Wirtschaft um 3,6 Prozent zulegen, prognostizieren die Volkswirte des Kreditversicherers Euler Hermes. Der Ausbruch eines offenen Handelskriegs stehe nicht zu befürchten; sie beobachten vielmehr »eine gewisse Protektionismus-Müdigkeit« auf allen Seiten, auch in den USA. Allerdings werde Trump seine »Protektionismus-Show« fortsetzen.

Typischer Ablauf: Erst wird gedroht, dann verhandelt, und schließlich verkauft der US-Präsident den Kompromiss als Sieg. Seinen Sieg.
AJU

Autoindustrie: Die große Transformation

Es war eine kleine Runde von Bundestagsabgeordneten, die VW-Chef Herbert Diess eingeladen hatte. Ahnungslos waren sie Ende November in die Konzernrepräsentanz in Berlin gekommen, keiner hatte damit gerechnet, ausgerechnet hier vom Tod des Diesels zu erfahren.

Diess eröffnete ihnen, der Verbrennungsmotor werde spätestens bis 2040 aus seinem Unternehmen verschwunden sein. Manche glaubten an ein PR-Manöver, doch VW macht Ernst: Die Produktion von Verbrennungsmotoren will der Konzern allmählich nach Osteuropa verlagern, Elektroautos in deutschen Werken bauen.

3, 6%Wachstum werden der Weltwirtschaft für 2019 prognostiziert.

Set Design: Eva Jauss; Foto: Ragnar Schmuck für den SPIEGEL

45 Mio.

Beschäftigte in Deutschland werden 2019 einen neuen Rekord darstellen.

Die Weichen für die große Transformation in der Autoindustrie werden 2019 gestellt, getrieben von der Panik, die Elektromodelle wie der Tesla S und die staatsfinanzierte Offensive in China auslösen. »Die Entscheidung über die Elektrifizierung fällt der Bürgermeister von Peking«, lautet die Parole in den Chefetagen der deutschen Autokonzerne.

Vertreter der Bundesregierung reden zwar noch davon, wie sehr man den Diesel für den Übergang benötige. Doch auch sie haben sich längst festgelegt. Die Abkehr vom Selbstzünder wird durch eine wirtschaftspolitische Entscheidung beschleunigt, die im kommenden Jahr ihre Wirkung entfaltet: Dienstwagen mit Elektroantrieb werden steuerlich begünstigt.
GT

Konjunktur: Auf mit weniger Schwung

Im kommenden Jahr wird sich der Aufschwung in Deutschland abschwächen, aber nicht zu Ende gehen. Wachstums - raten von 2 Prozent oder mehr, wie zuvor, wird es nicht geben. Die Deutschen können von Glück reden, wenn sie ein Plus von 1,5 Prozent erwirtschaften.

Vor allem die weiter schwelenden Handelskonflikte, der ungeklärte Brexit und die wirtschaftspolitische Amokfahrt der italienischen Regierung bremsen die Entwicklung. Als Folge der langsameren Gangart werden die Steuereinnahmen weiter steigen, aber nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit.

Für neue Rekordeinnahmen des Staates wird es dennoch reichen. Das Steueraufkommen wird erstmals die Schwelle von

800 Milliarden Euro überschreiten. Und die Staatsschulden werden erstmals seit 2002 wieder unter die im Stabilitätspakt vorgesehene Obergrenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken. Der Bundeshaushalt wird das sechste Jahr in Folge ohne neue Schulden auskommen. Die schwarze Null steht.

Auch der Aufschwung am Arbeitsmarkt setzt sich fort. Die Zahl der Erwerbstätigen wird mit mehr als 45 Millionen einen Rekord erreichen. Und die Zahl der Arbeitslosen könnte im Jahresverlauf unter 2 Millionen sinken.
REI

Immobilien: Superzyklus am Ende

Jetzt doch noch eine Wohnung kaufen? Die Frage stellen sich viele, jedes Jahr aufs Neue. Zu teuer, denken sie sich dann – um später zerknirscht festzustellen, dass die Preise weiter gestiegen sind. So geht das seit ungefähr zehn Jahren.

Damals startete der Immobilienhype in Deutschland, jetzt erreicht der Super - zyklus die finale Phase. Der Boom gehe nun wahrscheinlich zu Ende, sagt Marcus Lemli, Deutschlandchef des Maklerhauses Savills. Aber er schränkt ein: »Das heißt nicht, dass es ab jetzt talwärts geht.«

Seitwärts ist die grobe Richtung, in die sich die Immobilienmärkte bewegen, manche Sektoren legen noch etwas zu, andere verlieren an Schwung, das Geschäft mit Handelsobjekten zum Beispiel: Verbraucher kaufen im Netz statt im Laden. Deshalb stagnieren die Mieten, die Laufzeiten werden kürzer, der Leerstand wächst. Büro - flächen dagegen bleiben gesucht. Coworking-Spaces, in denen Schreibtische flexibel zu buchen sind, beleben den Markt.

Und was ist nun mit Wohnungen? Vieles spricht zwar dafür, dass der Markt angespannt bleibt, zumindest in den Metro - polen: Es werden nach wie vor viel weniger Wohnungen fertiggestellt als nötig. Dennoch kann die Dynamik nachlassen. Verliert die Volkswirtschaft an Fahrt, scheut mancher davor zurück, sich auf Jahrzehnte finanziell festzulegen. Eine Konjunkturwende sei für die Immobilienmärkte das größere Risiko als eine Zinswende, sagt Savills-Mann Lemli: »Auf Letztere sind die Marktakteure vorbereitet, auf eine Rezession wahrscheinlich nicht.«
AJU

Leitzinsen: Trumps härtester Gegner

Als Jerome Powell US-Notenbankchef wurde, galt er vielen als Lakai des Präsidenten. Powell entspricht nun mal Donald Trumps Beuteschema: als Republikaner, als Millionär, als Mitglied der Ostküsten - elite. Inzwischen ist klar, dass der 65-jährige Jurist keineswegs ein treuer Bündnisgenosse des Twitterers-in-Chief ist.

Stattdessen hat Powell das Potenzial, 2019 zu Trumps größtem Widersacher zu werden, abgesehen von Sonderermittler Robert Mueller. Denn Powell macht, was man von einem Zentralbankchef erwartet: unabhängig von politischen Weisungen zinspolitische Entscheidungen treffen, die auf makroökonomischen Daten fußen.

Viermal hat die Federal Reserve, kurz »Fed«, die Zinsen 2018 angehoben. Da die US-Konjunktur dank Trumps Steuersenkungen brummt und die Inflationsgefahr steigt, dürfte es 2019 so weitergehen. Das verheißt nichts Gutes für Aktionäre, die bereits fallende Kurse hinnehmen mussten, für Hauskäufer, deren Hypothekenzinsen weiter steigen. Und für Trump, dessen Wiederwahlchancen vor allem davon abhängen, wie zufrieden die Amerikaner mit seiner Wirtschaftspolitik sind. Mit meh - reren Twittersalven gegen Powell hat Trump bereits kundgetan, dass ihn Powells Entscheidungen nerven. Mehr Lob geht kaum für einen Fed-Chef.
BAZ

Karriere: Frauen an der Spitze

Würden die Frauen, die vor 100 Jahren für ihr Wahlrecht kämpften, heute durch Deutschland reisen, sie würden es nicht wiedererkennen: Die Regierung wird von einer Frau angeführt, ebenso zwei von drei Parteien der Großen Koalition. Verfassungsrichterinnen, Nobelpreisträgerinnen und Chefredakteurinnen prägen das Land. Nur beim Blick auf die Wirtschaftswelt: kein Fortschritt zu sehen.

Zwar haben 50 der 160 größten börsennotierten Konzerne hierzulande mindestens eine Frau im Vorstand, der Anteil der Vorständinnen liegt bei acht Prozent. Doch bislang hat es keine Frau an die Spitze eines Dax-30-Konzern geschafft. 2019 wird sich das ändern. Hoffentlich.

Es wäre ein wichtiges Zeichen, eine der letzten gläsernen Decken, die eine Frau auf dem Weg nach oben durchbrechen würde. Vorstandswechsel im Dax erfolgen meist überraschend, wenn Aufsichtsrat und Aktionäre verärgert sind. Deshalb ist eine Prognose schwierig, wo genau im kommenden Jahr ein Chefsessel frei wird. Kandidatinnen, die keine Angst vor einem solch symbolträchtigen Mandat haben, gäbe es genügend: etwa die ehemalige Lufthansa-Managerin Simone Menne, Douglas-Chefin Tina Müller oder Dorothee Blessing von J.P. Morgan.
AKN

Luftfahrt: Fliegen wird teurer

Für 4,99 Euro von Memmingen nach Mallorca: Mit diesem Angebot warb Ryanair Ende November um Passagiere für Trips auf die Lieblingsinsel der Deutschen bei Abflug Anfang Dezember. Von Berlin-Schönefeld aus war ein Ticket für Januar sogar schon für 1,99 Euro buchbar. Da kostet eine U-Bahn-Karte oft mehr.

Doch die Angebote sind Ausreißer. Fliegen wird 2019 teurer, um gut sieben Prozent im Schnitt, schätzen Fachleute. Das hat mehrere Gründe. Nach den chaotischen Verhältnissen an den Flughäfen im Sommer haben Fluglinien wie die Lufthansa ihr Angebot vorsorglich ausgedünnt. Knappheit treibt die Preise. Zugleich sind ein halbes Dutzend kleinere Fluglinien vom Markt verschwunden. Auf vielen Strecken gibt es nur noch einen Anbieter, und der diktiert, was ein Ticket kostet.

Piloten und Flugbegleiter von Ryanair und SunExpress sollen zudem erstmals einen Betriebsrat bekommen und Tarif - verträge vereinbaren. Das war überfällig, schlägt sich aber auf die Kalkulation nieder. So verringert sich das Angebot an Flügen, dennoch ist nicht zu erwarten, dass sie wieder pünktlicher werden. In Deutschland und Europa fehlen Fluglotsen, bei der Berechnung des Personalbedarfs lagen Manager und EU-Beamte gründlich daneben. Bis genug Personal für Tower und Kontrollzentren vorhanden ist, dürften drei bis vier Jahre vergehen.
DID

8Prozent der Vorstandsmitglieder börsennotierter deutscher Unternehmen sind Frauen.

7Prozent wird durchschnittlich ein Ticket 2019 teurer.

Facebook: Zuckerberg kämpft um die Firma

Die Facebook-Krise wird sich 2019 verschärfen. Seit der Wahl Donald Trumps kämpft das soziale Netzwerk mit Skandalen, Vertrauensverlust und rückläufiger Nutzung. Es ist Mark Zuckerberg und seiner Vertrauten Sheryl Sandberg nicht gelungen, die Abwärtsspirale zu stoppen. Immer wieder tauchen neue Beispiele und Details auf, die die Schattenseite des Netzwerks illustrieren: Die Probleme mit Datenskandalen und Manipulationsversuchen von politischen Agenten sind längst nicht aufgearbeitet und gelöst.

Zuckerberg gelobte stets Besserung, aber das wird nicht reichen, um die Ero - sion des Ansehens seiner Firma zu stoppen. Der Ruf nach personellen Konsequenzen wird lauter, aber Zuckerberg scheint selbst vielen Kritikern als unersetzlich.

Das sind schlechte Nachrichten für Sandberg. Sie kommt aus der Politik und hätte vor allem die politische Bedeutung der Probleme erkennen und beheben sollen. Das gelang ihr nicht. Es zeigen sich bereits Absetzbewegungen: Sogar die Führungsebene der von ihr gegründeten Bewegung Lean In, die Frauen im Berufsleben fördert, distanziert sich von Sandberg.

Wenn Zuckerberg gezwungen wäre, einen deutlichen Neuanfang zu signalisieren, um sich zugleich selbst Luft zu verschaffen, wäre Sandberg wohl das erste Ziel.
TS