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Unter Drachenbäumen


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Wanderlust - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 24.08.2022

Auf der Wanderinsel La Palma

Artikelbild für den Artikel "Unter Drachenbäumen" aus der Ausgabe 6/2022 von Wanderlust. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Wanderlust, Ausgabe 6/2022

Ein Hain aus beeindruckenden Drachenbäumen säumt den Wanderweg bei Las Tricias.

Die Bergwiesen haben sich heute für einen Look in Lila entschieden: Milchdisteln wuchern hüfthoch, daneben rankt Altheenwinde. Die Wegränder sind gesprenkelt mit Natternköpfen, Asphaltklee und Exemplaren der Rauen Spreeblume. Nur hin und wieder mogelt sich frech ein knallroter Klatschmohn dazwischen und stört das einheitliche Landschaftsgemälde aus purem Violett. Die Natur an der Nordspitze der Insel La Palma könnte kaum wilder und üppiger sein: Immer wieder müssen die Wanderer ihre Arme heben, um sich durch das hohe Gras zu kämpfen, das am Rande des Hohlwegs zwischen morschen Feldsteinmauern wuchert. Es geht durch halb verwilderte Terrassen mit Feigen- und Mandelbäumen, Agaven und Kandelaberkakteen. Eidechsen huschen, in der Tiefe schimmert die Wasserfläche des Atlantiks.

Über dem Wolkenmeer

Die zweitkleinste Kanareninsel, westlich von El Hierro gelegen, ist die wohl ...

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... vielfältigste des Archipels. Nicht umsonst gilt sie, auch wegen fehlender Sandstrände, vor allem als Wanderinsel. Die Palette der Touren reicht von Spaziergängen im Urwald über Küstenwanderungen und Schluchtendurchquerungen bis hin zu herausfordernden Gipfelbesteigungen auf 2.400 Metern Höhe.

Das Wetter kann man sich meist selbst aussuchen: Wenn die Passatwolken den Inselwesten verhüllen, fährt man am besten durch den Tunnel unter der Wetterscheide hindurch in den sonnigeren Osten. Und wenn der Nebel auch dort herrscht, hilft es meist, in die Berge des Nationalparks Caldera de Taburiente vorzustoßen, wo man sich ab spätestens 1.000 Höhenmetern über dem Wolkenmeer wiederfindet.

Ein Highlight des Nordens sind die urwüchsigen Drachenbäume, weit verästelte Monolithen mit dicken, grauen Stämmen, die in diesem Inselteil Haine und Alleen bilden. Auf Spanisch heißen sie nur „Drachen“ – und sind eigentlich keine Bäume, sondern Spargelgewächse. Ihr Harz, das „Drachenblut“, war schon im Mittelalter wegen seiner angeblich heilsamen Wirkung begehrt. Besonders beeindruckende Exemplare entdeckt man beim Abstieg vom Dörfchen Las Tricias zur Höhlensiedlung Buracas. Zunächst säumen noch bunte kanarische Häuser und blühende Gärten den historischen Pflasterweg und die Dorfkatzen streichen um die Beine der Wanderer, dann geht es immer tiefer in Richtung Atlantik, wo die Ureinwohner in ihren Höhlen Felsritzungen hinterließen.

Weil dieser Weg so beliebt ist, bieten Einheimische am Wegesrand selbst Gebasteltes oder Geerntetes an: mit Engeln bemalte Steine, eine Kiste mit saftigen Bio-Grapefruits oder gebrauchte Bücher – von der Bibel bis zum Liebesroman – in einem kleinen Outdoor-Regal samt „Kasse des Vertrauens“. Und wer drei Euro investiert, darf sogar einen Drachenbaumsetzling in seinen Rucksack packen. Angesichts der wilden Vegetation würde man kaum vermuten, dass man sich auf einer Vulkaninsel befindet. Die Caldera dieses mehr als zwei Millionen Jahre alten Urvulkans erhebt sich bis auf 2.426 Meter Höhe – und eine besonders faszinierende Wanderung führt mitten in ihr Herz. Doch zunächst muss man sich einem der Shuttlefahrer anvertrauen, die Wanderer über steile Kurven zum Startpunkt bringen. Jedes Mal, wenn der Chauffeur nahe an den Abgrund steuert oder einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweicht, geht ein Seufzen durch die Passagiere.

Blick nach El Hierro

Am Mirador Los Brecitos stehen schon hölzerne Wanderstöcke bereit für den langen Abstieg in den Barranco de las Angustias, die „Schlucht der Ängste“, in der sich das Wasser von den umliegenden Gipfeln sammelt. Ein feiner Dunst liegt über dem Wald im Vulkankessel, darüber ragen dunkle Felsspitzen und senkrechte Wände auf. Ein Teppich aus Kiefernnadeln dämpft die Schritte auf dem Pfad, der gemächlich abwärts führt, bis zur Unhörbarkeit. Einmal öffnet sich ein Fenster zum Meer mit Fernblick zu einer Insel. „Das ist El Hierro“, sagt Jadwiga Mech. „Der Legende nach regnet es nach drei Tagen, wenn man abends die Lichter der Insel erkennen kann.“ Die junge Wanderfüh- rerin berichtet, dass sie sich während der Pandemie als Kellnerin durchschlug: „Die Stammgäste waren knorrige alte Landwirte – sie haben mir viel Neues über die Natur und das Wetter beigebracht.“

Immer wieder bleibt Jadwiga stehen, um Pflanzen zu identifizieren oder Hintergründe zu erklären. „Warum sieht man so wenig Wasser auf der Insel?“, will ein Wanderer wissen. Die Führerin erläutert das Jahrhunderte alte Verteilungssystem auf Basis von „Wasseraktien“, durch das jeder verfügbare Tropfen genutzt wird – vor allem für die intensive Landwirtschaft. Ein Prinzip, von dem nur eine Minderheit der Inselbewohner profitiere. Jadwiga weist auch auf die Brandwunden an vielen der Kanarischen Kiefern hin, die hier bis zu 25 Meter hoch werden. „Sie sind Überlebenskünstler: Ihre dicke Rinde schützt sie bei Waldbränden, nur einige Äste und die Nadeln verbrennen.“ Doch die besonders langen Kiefernnadeln können noch mehr: Sie fischen förmlich die Feuchtigkeit aus den Passatwolken. Das Wasser verfängt sich darin und tropft dann zu Boden. Dann ist die Playa de Taburiente erreicht – kein Badestrand, sondern das Ufer des Wildbachs, in dem sich das Wasser vieler unterirdischer Ströme sammelt. Die Füße zur Abkühlung im kalten Wasser, das Picknick auf großen Flusssteinen angerichtet, genießen alle den Blick auf das umliegende Amphitheater aus Vulkanwänden.

SCHMECKEN

Die kanarischen Spezialitäten wie Papas arrugadas (Runzelkartoffeln mit Salzkruste und scharfer Mojo-Soße) oder mariniertes Zicklein schmecken am besten direkt nach dem Wandern. Nach einer Tour im Lorbeerwald von Los Tilos kann man im „Casa Demetrio“ direkt am Besucherzentrum unter schattigen Bäumen einkehren. Es gibt viel Typisches wie Kaninchen in deftiger Soße oder gegrillten Käse mit Palmhonig (tägl. 10–18 Uhr).

Unterricht in Vulkanologie

Bald darauf geht es in die immer enger zusammenrückende Schluchtenlandschaft. Der üppige Regen der letzten Tage hat die Bergbäche anschwellen lassen, manche Überquerung wird so zum kleinen Abenteuer: Hin und wieder platscht es laut, wenn sich jemand nasse Füße holt. Vom Niederschlag profitiert auch die Cascada de Colores, ein Wasserfall, der über eine vom Eisenoxid rot gefärbte Wand sprudelt. Das Wasser bleibt der kühlende Wegbegleiter im letzten Abschnitt Richtung Talausgang.

Mal strömt es breit dahin, dann bildet es Rinnsale, vereint sich wieder, tost über Felsen und durch Schlamm, verschwindet plötzlich unter der Erde, um 100 Meter weiter wieder fröhlich vor sich hinzuplätschern.

Die Schlucht der Ängste ist ein Klassenzimmer in Vulkanologie mit ihren Basaltbrocken, Gesteinsbändern und den runden Formen der Kissenlava, die bei der Abkühlung im Meerwasser entstanden – ein Phänomen, das auch bei der jüngsten Eruption im September 2021 zu beobachten war. Damals hielt ein neu entstandener Vulkan die Inselbewohner 85 Tage lang in Atem, zerstörte Häuser, Plantagen, Straßen. Ende Dezember gab die Regierung offiziell Entwarnung. Nun ist die Insel um eine Attraktion reicher: Die Palmeros haben beschlossen, den schwefelumkränzten neuen Berg, der seit Kurzem den Namen „Tajogaite“ trägt, nicht als Feind, sondern als „Verbündeten“ zu behandeln. So legte die Verwaltung kurz entschlossen in der einstigen Feuerzone einen Wanderweg an und Gäste können eine ganztägige Exkursion voller Fakten und Hintergründe buchen. „Wir sind extra für diese Aufgabe ausgebildet worden“, sagt Romeo Weber, ein deutschsprachiger Spani-

er, der nun regelmäßig zu den Schauplätzen des Vulkanausbruchs führt, zum Beispiel auf den Lavastrom, der die einstige Landstraße unter sich begrub – nach wie vor steigen heiße Dämpfe aus dem Untergrund. Oder ins Dörfchen La Laguna, vor dem die Lava wie durch ein Wunder haltmachte.

Frisches Grün in der Asche

Doch am meisten freuen sich die Teilnehmer über die Wanderung zum Fuß des neuen Vulkans. Nur drei Gruppen mit jeweils maximal 15 Teilnehmern inklusive Guide sind pro Tag zugelassen. Ein Nationalparkwärter räumt eine Barrikade beiseite, dann geht es ins Sperrgebiet. Asche staubt unter den Füßen auf, die Nadeln der Kiefern sind braun und trocken. „Sie sind nicht verbrannt, sondern verdorrt“, erklärt Romeo. Die Eruptionen haben so viel Sauerstoff geschluckt, dass die Feuer immer wieder ausgingen.

Und wo es dennoch brannte, schützte sie auch hier ihre Rinde vor dem Absterben: In den Asten ist schon wieder frisches Grün zu sehen und am Boden wachsen saftige Jungbäume. In der nebelverhangenen Landschaft in Schwarz-weiß-Optik spüren alle schnell die Fragilität dieses Geisterwaldes: Die Asche türmt sich wie feinpudriger Schnee zu Hügeln und Wellen, an manchen Stellen hat sie geometrische Formen wie in einem Zen-Garten angenommen. Jeder Schritt abseits des Weges würde ein Stück Urzustand zerstören. Dann ist der Aussichtspunkt über dem Vulkan erreicht: Die schweflig gelben Wolken, die vom Krater herübertreiben, vermischen sich mit den Nebelschwaden und hüllen die Landschaft langsam ein. Ein riesiger schwarzer Rabe flattert neben der Gruppe von Ast zu Ast und lässt sich geduldig fotografieren – kein düsterer Bote, sondern ein weiteres Zeichen neuen Lebens. In den kommenden Jahren wird man beim Wandern beobachten können, wie sich Pflanzen und Tiere nach und nach ihr Revier aus der Asche zurückerobern.

WANDERN

Die Insel wandernd entdecken

Ideal für Einsteiger sind die Wanderungen im Lorbeerwald von Los Tilos (Parkplatz und Besucherzentrum), entweder zum Aussichtspunkt Espigón Atravesado (4 km) oder zum Wasserfall im Barranco del Agua (2 km).

Drei Orte sind besonders geeignet zum Entdecken der Drachenbäume: Neben der Wanderung in Las Tricias (ca. 6 km, Parkplatz an der Kirche) startet eine Rundtour in Santo Domingo zu den Dragos Salvatierra (knapp 5 km). Weitere Haine stehen

unterhalb des Aussichtspunktes La Tosca, z. B. bei einer Wanderung nach Gallegos (ca. 5 km/ einfache Strecke).

Ein Inselhighlight ist der beschriebene Abstieg in die „Schlucht der Ängste“ (13 km, 800 Hm). Der Startpunkt Los Brecitos ist mit einem Shuttle erreichbar (nur vormittags ab Parkplatz Barranco de las Angustias). Um den Wanderurlaub rundzumachen, darf auch eine Tour auf dem Dach der Insel nicht fehlen, z. B. auf den Pico de la Nieve. Viel Kondition erfordert die spektakuläre Vulkanroute (18 km),

die seit wenigen Wochen wieder geöffnet ist.

Die geführte Wanderung zum neuen Vulkan (ca. 5 km) ist nur im Rahmen einer ganztägigen Exkursion zu mehreren Schauplätzen des Vulkanausbruchs buchbar, z. B. bei Isla Bonita Tours, die auch weitere geführte Wanderungen anbieten (www.islabonitatours.com).

Alle offiziellen Wege mit GPS-Tracks und eventuellen Einschränkungen findet man unter www.senderosdelapalma.es, allgemeine Infos zu La Palma unter www.visitlapalma.es