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Unter eigener Flagge Thiele


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 02.02.2022

HIFI EXKLUSIV PLATTENSPIELER

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 3/2022

Dass bei diesem nicht alles wie üblich funktioniert, wird bereits beim ersten Kontakt mit dem Plattenspieler klar, den der Duisburger „Industrialdesigner“ Helmut Thiele im großen STEREO-Hörraum aufgebaut hat. Führt man den Arm aus der Ruheposition über die drehende Platte, verschwenkt sich dessen raffiniert an vier exakt berechneten Punkten aufgehängte Basis in der Art, dass das Rohr samt des vorne gerade angesetzten Tonabnehmers beim Weg über die Vinyl-Scheibe stets exakt längs zur Rille steht und diese quasi genauso abtastet, wie deren Ausgangsmatrize geschnitten wurde.

Der bei Drehtonarmen normalerweise unvermeidliche Spurfehlwinkel, der auf dem Kreisbogen des Abtasters nur zweimal die Nullmarke durchläuft und außerhalb dieser bis auf knapp zwei Grad wächst, soll hier nie den Wert von 0,036 Grad übersteigen.

Somit eifert der TA01, so der Name des in rund einem ...

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... Jahrzehnt gereiften und auch solo erhältlichen Tonarms, den in dieser Hinsicht äußerst präzisen Tangentialtypen nach, soll aber zugleich deren mechanische Eigenheiten und Anfälligkeiten zuverlässig vermeiden.

Helmut Thiele, der für einige vielbeachtete Komponenten der letzten drei Jahrzehnte verantwortlich zeichnet und für renommierte Marken wie Acapella, Tannoy, Marantz, Pioneer, Vincent und manch andere entwickelte (siehe Kasten), unter den HiFi-Fans jedoch allenfalls einigen Insidern bekannt ist, gab ihm ein ultrastabiles doppelwandiges Carbonrohr, das zusätzlich mittels eines Zwei-Komponenten-Gels bedämpft wird.

Samt der ebenfalls aus resonanztechnischem Kalkül mit Ebenholz belegten Head shell ergibt sich eine effektive Masse von rund 14 Gramm, zu der praktisch alle modernen Tonabnehmer passen. Und dank der Hebelwirkung der Nadelspitze auf die ohnehin extrem leichtgängigen Lager gerät die Abtastung in jeder Situation zuverlässig.

Erster Eindruck: großartig!

So beeindruckend wie die erste oberflächliche technische Betrachtung fällt auch das audiophile Kennenlernen aus: Auf dem dreiteiligen Teller, bei dem sich Aluminium und Acryl in ihren unterschiedlichen stofflichen Eigenschaften ideal ergänzen sollen, rotiert das atmosphärisch dichte, musikalisch wundervolle Album „Not On The Map“ des belgischen Colorist Orchestra, das wir gerade eben noch über einen anderen Spitzendreher genossen hatten.

Mit dem wohlig unter die Haut kriechenden „Gentle On My Mind“, das räumlich groß, zugleich federleicht und transparent wie sonor und farbig aus der Anlage strömt, liefert Thieles Gespann aus TT 01 und TA01 auf Anhieb einen starken Nachweis seines beträchtlichen Potenzials. In Form von abgeklärter Raffinesse und traumwandlerisch sicherer Geschlossenheit, die ein gerütteltes Maß highendigen Fluidums erzeugen, erhebt und unterstreicht der Dreher einen ultimativen Anspruch.

Nun schauen wir näher hin und entdecken, dass das mit 51 Zentimetern ungewöhnlich breite, auf drei in der Höhe verstellbare Spikes gelagerte Laufwerk nach dem „Constrained Layer Damping“-Verfahren dreischichtig aufgebaut ist, wobei unterschiedliche, miteinander verklebte Holzplatten zum Einsatz kommen, die die Funktionsteile mechanisch voneinander trennen und deren optimale Kombination Thiele in langwierigen Versuchen ausgetüftelt hat.

Die unterste Ebene hält den nach Laufruhe selektierten Synchronmotor, der so keine unmittelbare Verbindung zum Tellerlager hat, das in die obere Lage eingelassen ist, während sich die Armbasis auf die mittlere Platte stützt. Für diesen Aufbau verspricht Thiele größtmögliche Störarmut. Zur Demonstration der Wirksamkeit seines Ansatzes senkt der Entwickler die Sonde eines hochempfindlichen Stethophons auf die Mitte des drehenden Tellers ab, wobei eventuelle Geräusche üppig verstärkt auf einen zum System gehörigen Kopf hörer gegeben werden. Doch in diesem blieb es bis auf das Rauschen des internen Amps praktisch mucksmäuschenstill, woran nicht zuletzt die aus einem dämpfenden PVC-Schaum gefertigte Tellerauflage ihren Anteil haben soll.

In der Hörpraxis sind derlei Effekte beziehungsweise deren Abwesenheit freilich schwieriger zu detektieren, weil sie sich mehr oder weniger unterschwellig dem Musiksignal beimischen. In diesem Punkt ist zu bemerken, dass der „Zero Tracking Error Turntable“ explizit sauber, geradlinig und aufgeräumt klingt, ohne dabei jedoch auch nur den Anflug von Sterilität zu entwickeln.

Dafür gelingt die Performance einfach zu duftig, atmend und in den Farben schillernd.

Den Limits enthoben?

Tatsächlich stellt sich mit dem Gespann aus TT 01 und TA01 unmittelbar der Eindruck ein, von den gewöhnlichen Untiefen und Fährnissen selbst anspruchsvoller Schallplattenwiedergabe ein gutes Stück entfernt zu sein. Die Klangbilder sind entschlackt, wohlproportioniert und bestens organisiert, was Souveränität ausstrahlt. So löst sich der Thiele-Dreher gekonnt aus den gewohnten begrenzenden Verflechtungen und Gegebenheiten des Vinylmediums in der Art, wie es Top-Komponenten gelingt, die den Kreis der technischen Limitierungen zu überschreiten scheinen, indem sie in einer eigenen, vermeintlich davon abgehobenen Qualitätssphäre aufspielen.

Klar, dass solch engagierte Auftritte die Lust wecken, sofort sämtliche Hörtestplatten aufzulegen. Einmal mehr entpuppte sich dabei Diana Kralls inspiriertes Live-Album aus dem Pariser Olympia als ebenso harter Prüfstein wie verlässlicher Indikator für außerordentliche Leistungen.

Diese lieferte der rund 19 Kilogramm schwere Plattenspieler, indem er im quirligen Opener nicht nur dessen mitreißenden Drive und die hitzig-konzentrierte Konzertatmosphäre rüberbrachte, sondern das gesamte Event mit in jeder Richtung üppiger Ausdehnung darbot sowie im Zusammenhang mit Top-Abtastern von Ortofon wie einem Windfeld Ti Heritage beziehungsweise dem just zur Referenz gekürten Verismo hinsichtlich feinster Nachhallfahnen oder winzigster tonaler Raffinessen die klanglichen Strukturen dieses bei aller Rasanz ungemein differenziert eingefangenen Titels besonders tief ausleuchtete – und dies mit der stoischen Selbstverständlichkeit des Könners.

Während das solide Aluminiumprofil 1 des Tonarms tragende Funktionen hat, steuern die beiden Hebel aus Ebenholz 2 den Winkel des Rohrs über der Schallplatte. Das gesamte System läuft über vier hochpräzise sowie extrem leichtgängige Kugellager japanischer Provenienz 3 . Mittels einer „VTA“-Schraube 4 plus Fixierung ist der TA01 sogar während des Spielens feinfühlig in der Höhe einstellbar. Das Signalkabel kontaktiert über eine Steckkupplung 5 mit der Armbasis. Nach dem Lösen dieser Befestigung 6 kann man – etwa um einen weiteren vorjustierten Arm mit Alternativabtaster zu montieren – den gesamten Aufsatz von der mit dem Laufwerkchassis verbundenen Grundplatte einfach abheben.

Nicht nur mit den mal eruptiven, mal eleganten Darbietungen der Krall, sondern auch bei den subtilen, feingesponnenen Kompositionen der unlängst bei der Deutschen Grammophon erschienenen „Inner Symphonies“ der Polinnen Hania Rani und Dobrawa Czocher, die einen Plattenspieler mit Instinkt für Timing erfordern, um ihre Spannung aufzubauen und nicht zu Belanglosigkeit zu zerfallen, offenbarte der Thiele sein ausgeprägtes rhythmisches Feingefühl.

Dessen Balance zwischen ruhigem Vorwärtsstreben und anregendem Gleichmut erzielte der Duisburger unter anderem durch den Trick, in die Mitte des selbstzentrierenden Lagerspiegels eine 2,5-mm-Bohrung zu setzen, auf der die sieben Millimeter durchmessende Keramikkugel läuft. Dies erzeugt ein winziges, gleichmäßiges Bremsmoment, das den Motor ruhiger laufen lässt sowie Taumeleffekte rund um die mittlere Drehzehl vermeidet. Ein sämiges Spezialfett anstelle von Öl für die Zehn-Millimeter-Achse unterstützt diese Strategie, die als weiteres Indiz für das hier eingebrachte Know-how sowie die geübte Sorgfalt gelten darf.

„Analoger“ Kraftspender

Im Groben lassen sich die beiden mittels beleuchteter Tasten aufrufbaren Geschwindigkeiten im Bereich von rund plus/minus fünf Prozent feinregulieren, sodass das Tempo und damit die Tonhöhe stets optimal stimmt. Dafür sind zwei Minipotentiometer vorgesehen, die rückseitig neben dem Anschluss des externen Netzteils sitzen, aus dem der Dreher seinen Saft bezieht – ein „analoges“ Modell, das der Elektronikspezi Walter Fuchs zum TT 01 beisteuerte, und keins der heute aufgrund ihrer Effizienz durchaus beliebten, wegen ihres Streuverhaltens jedoch zugleich kritisch beäugten Schaltnetzteile. Für beste Raumabbildung und Gelöstheit ist unbedingt auf die korrekte Netzphase zu achten (s. Schema).

UMTRIEBIGER TAUSENDSASSA

Die Liste der HiFi-Hersteller und -Marken, für die Helmut Thiele im Laufe seiner gut 40-jährigen Karriere als „Industrialdesigner“ gearbeitet hat, liest sich wie ein Who‘s Who der Branche. Thiele, der früh die Vorzüge der Computer-gestützten 3D-CAD-Technik für die Entwicklung erkannte, entwarf Konsum- wie Investitionsgüter, Möbel, Werkzeuge oder Messgeräte.

Doch den Beleg seiner HiFi-Affinität lieferte der in Duisburg ansässige Tausendsassa bereits mit seiner Diplomarbeit 1978: ein Plattenspieler mit einpunktgelagertem Tonarm.

Seit rund 25 Jahren ist Thiele hauptverantwortlicher Designer wie Entwickler für alles von Magnat und Heco sowie seit etwa einem Jahrzehnt in gleicher Funktion für Thorens tätig. Die beliebten Modelle TD203 oder TD209 stammen ebenso aus seiner Feder wie die hochaktuellen Dreher TD1600 und TD1500. Auch der Arm für den EISAprämierten TD124 DD sowie Thorens‘ in Zusammenarbeit mit dem Nippon-Spezi Audio-Technica vorgestellte MC-Abtaster TAS1600 und TAS1500 stammen von Thiele, der zudem die von einem anderen asiatischen Hersteller gefertigten „Excalibur“-Tonabnehmer projektierte.

Die Aufzählung, zu der auch das „Drive“-Laufwerk nebst „Point“-Arm von Genuin Audio zählen, ließe sich beliebig fortführen, und wir haben nur einige der Analog-Highlights aus Thieles Schaffen erwähnt. Kein Wunder, dass nun die Zeit reif war für seine eigene „T“-Serie ...

PASSGENAU!

Die Innenverkabelung des TA01 besteht aus dem „Solid Pure Silver 34 AWG“ des kanadischen Spezialisten Zav fino. Für eine harmonische Weiterleitung wählten wir dessen symmetrisches Phonokabel „The Fusion Hybrid“ für knapp 350 Euro (konfektionierter Stereometer), das Top-Ergebnisse lieferte.

TEST-GERÄTE

Plattenspieler: Acoustic Signature Hurricane Neo/TA-2000 Neo/ Vertere Mystic, Clearaudio Reference Jubilee, Transrotor Rondino Nero/ TRA9/2.1/Figaro,

Tonabnehmer: Ortofon Verismo und Windfeld Ti Heritage

Phono-Vorverstärker: Brinkmann Edison MKII

Vor-/Endverstärker: Accustic Arts Preamp III/ Amp II-MK 4

Lautsprecher: B&W 801 D4, Dynaudio Confidence 50

Kabel: HMS Suprema (NF+LS), In-Akustik LS-2404

In die gegenüberliegende Seite der Rückwand ist das Anschlussterminal eingelassen, das XLR-Kontakte bietet.

Helmut Thiele, der so die Abtasterwahl auf MC-Typen beschränkt, was angesichts des Preises und Niveaus von Laufwerk und Arm naheliegt, schwört auf die Vorzüge der symmetrischen Signalverarbeitung, die MCs vorbehalten ist, aber natürlich einen entsprechend bestückten Phono-Pre voraussetzt. Kein Problem für unseren Brinkmann Edison MKII, der neben Cinch- auch XLR-Eingänge bietet. Andernfalls muss adaptiert werden – oder Thiele setzt alternativ Cinch-Buchsen ein. Damit sollte der Duisburger Dreher wohl kaum weniger exakt auf dem Punkt spielen.

Performance auf dem Punkt

Apropos: Für die in jedem Frequenzbereich explizit definierte Performance mag ein weiterer konstruktiver Kniff als Beispiel gelten. So ist der Tonarm auf einer Stahlkugel gelagert, die unter seiner trapezförmigen, von vier Schrauben fixierten Basisplatte liegt und dort für die punktgenaue Ankopplung an die Laufwerkszarge sorgt. Wer einmal erlebt hat, was die „Kugellagerung“ an anderen Stellen bewirkt, kennt den Stellenwert dieser nur vermeintlich nebensächlichen Maßnahme.

Kein Wunder also, dass Oregons „Song For A Friend“ vom genialen „Distant Hills“-Album mit stringentem Zug und stupender Prägnanz kommt. Glen Moores Bass hat Fülle wie schnalzende Kontur – man meint, die Saiten vibrieren zu sehen –, was ebenso für Ralph Towners Gitarre gilt. Beide Musiker erscheinen plastisch umrissen, sind einfach „da“! Hörerlebnisse in dieser Schönheit und Perfektion sind selten. Das weiß auch Helmut Thiele, der dieses Meisterstück umso lieber unter eigener Flagge abliefert. ■

Thiele TT 01/TA 01

Preis: um 19.500 € (ohne Tonabnehmer, TA 01 solo um 9500€)

Maße: 51 x20 x42 cm (BxHxT)

Garantie: 2 Jahre

Kontakt: ATR – Audio Trade Tel.: +49 208 882660 www.audiotra.de

Als Ergebnis seiner jahrzehntelangen Erfahrung präsentiert Helmut Thiele einen Plattenspieler der Top-Liga, der vor raffinierten Detaillösungen nur so strotzt. Unter diesen sticht natürlich die innovative Tonarmaufhängung insbesondere hervor, die durch Verschwenkung Spurfehlwinkel vermeidet und in der Praxis absolut zuverlässig arbeitet.

Klanglich besticht der Dreher mit überragender, hochmusikalischer Performance, die das Potenzial des Vinylmediums auslotet.

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