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Unterbesetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser: Historische Entwicklung und gegenwärtige Situation


Kinderkrankenschwester - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 10.07.2019

Einleitung

In den letzten Jahren ist die Unterbesetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser zunehmend zum Gegenstand der Medienberichterstattung geworden und die Politik hat darauf mit mehreren Maßnahmen reagiert. So wurde im Herbst letzten Jahres mit der Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) erstmals eine Rechtsverordnung erlassen, die verbindliche Vorgaben zur Personalbesetzung für die Normalstationen der Geriatrie, Unfallchirurgie und Kardiologie sowie für alle Intensivstationen enthält, so genannte ›Pflegepersonaluntergrenzen‹. Zudem wurden Ende 2018 im Rahmen des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes (PpSG) weitere Maßnahmen beschlossen, die dem Ziel dienen sollen, die personelle Besetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser insgesamt zu verbessern.

Da die Politik mittlerweile anerkennt, dass dringender Handlungsbedarf für eine umfassende Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege besteht, sowohl im Krankenhaus als auch in der ambulanten Pflege und in Pflegeheimen, wurde Mitte 2018 eine »Konzertierte Aktion Pflege« ins Leben gerufen, mit Beteiligung einer Vielzahl von Verbänden, darunter auch des Deutschen Pflegerates und der Gewerkschaft ver.di. Die Ergebnisse der Beratungen in der Konzertierten Aktion Pflege wurden Anfang Juni 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Betrachtet man diese neueren Entwicklungen im Zusammenhang und vor dem Hintergrund der letzten Jahrzehnte, so ist sicherlich festzustellen, dass die Probleme der pflegerischen Versorgung und die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals insgesamt – und insbesondere auch im Krankenhaus – heute weit mehr öffentliche und politische Aufmerksamkeit finden, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war.

Dies ist nicht nur aus Sicht der Pflege, sondern auch aus gesellschaftlicher Sicht positiv zu vermerken, denn es geht letztlich und vor allem um die Qualität der Versorgung von Krankenhauspatienten und Pflegebedürftigen. Mittlerweile wird sowohl in den Medien als auch in der politischen Diskussion gesehen und anerkannt, dass Pflege im Krankenhaus weit mehr ist als ›menschliche Zuwendung‹ und tröstende Gespräche. Unterbesetzung im Pflegedienst, gleich in welchem Bereich, birgt erhebliche Risiken für die Gesundheit der Patienten und kann letztlich sogar lebensgefährlich für Patienten sein. Dies belegen nicht zuletzt auch die Ergebnisse einer Vielzahl internationaler Forschungsprojekte (vgl. dazu u.a. die systematische Literaturübersicht von Kane et al. 2007).

Dennoch sind Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Krankenhauspflege immer noch umstritten. Insbesondere in den Reihen des Führungspersonals der Krankenkassen gibt es die Auffassung, dass die Lage eigentlich gar nicht so dramatisch sei, wie sie von Seiten der Pflege und in den Medien berichtet wird.

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, an die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte zu erinnern und einige wichtige Fakten zu nennen, die bei den angesprochenen Argumentationen gegen eine Verbesserung der Personalsituation in der Regel übersehen oder sogar bewusst verschwiegen werden.

Die Vorgeschichte der gegenwärtigen Lage im Pflegedienst

Wenn über die gegenwärtige Lage der Pflege in Krankenhäusern diskutiert wird, sollte bedacht werden, dass sie das Ergebnis einer Entwicklung ist, die vor drei Jahrzehnten ihren Anfang hatte. Will man die gegenwärtige Situation richtig einordnen, sollte man den Blick bis Ende der 1980er Jahre zurück richten. Damals gab es in der alten Bundesrepublik eine öffentliche Diskussion über einen ›Pflegenotstand in Krankenhäusern‹. Hintergrund war, dass in den 1980er Jahren die Fallzahlen und die Leistungsdichte in den Kliniken deutlich zugenommen, die Zahl des Pflegepersonals damit jedoch nicht Schritt gehalten hatte. Das führte zu einer immer weiter steigenden Arbeitsbelastung. Die daraufhin einsetzenden Protestaktionen des Pflegepersonals fanden breite öffentliche Unterstützung, und die damalige Bundesregierung sah sich veranlasst, darauf mit Rechtsvorschriften zu reagieren. 1991 wurde die Psychiatrie-Personalverordnung eingeführt und 1993 die Pflege-Personalregelung für Normalstationen der Erwachsenen- und Kinderkrankenpflege.

Die PPR verpflichtete die zugelassenen Krankenhäuser, ab dem 1. Januar 1993 alle Patienten täglich einer von neun (Erwachsene) bzw. 27 (Kinder) Patientengruppen zuzuordnen, um anhand der den Pflegestufen hinterlegten Minutenwerte den Pflege- und Personalbedarf einer Station, Fachabteilung oder eines Krankenhauses zu ermitteln. Die Daten waren an die Krankenkassen zu übermitteln und dienten als Grundlage für die Vereinbarung des Stellenplanes für das folgende Jahr. Die Anwendung der PPR lieferte dadurch erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik umfassende Daten über den Pflege- und Personalbedarf im Pflegedienst der Krankenhäuser bundesweit.

Die Krankenkassen führten auf Grundlage der ersten übermittelten Daten im Herbst 1993 Berechnungen zum Personalbedarf durch und kamen zu dem Ergebnis, dass ein Personalmehrbedarf in Höhe von mehr als 20 Prozent allein Tagdienst der Normalstationen bestand. Geht man davon aus, dass auch im Nachtdienst der Normalstationen und auf den Intensivstation ein ähnlich hoher Mehrbedarf bestand, so fehlten in den Allgemeinkrankenhäusern 1993 bei einem Bestand von ca. 290.000 Vollkräften (ohne Psychiatrie) insgesamt mehr als 60.000 Vollkräfte (Vollzeitäquivalente).1

In den Jahren 1994 und 1995 wurden ca. 15.000 Vollkräfte zusätzlich eingestellt. Da die Krankenkassen weitere Ausgabensteigerungen verhindern wollten, intervenierten sie bei der Bundesregierung und die setzte daraufhin zum 1. Januar 1996 die Anwendung der PPR aus. Zum 31. Dezember 1996 wurde die PPR schließlich vollständig aufgehoben. In der Folge setzte ein Stellenabbau im Pflegedienst ein, der im Zeitraum 1997 bis 2001 zur Streichung von insgesamt ca. 14.000 Vollzeitstellen führte. Der Zuwachs der Jahre 1994 und 1995 wurde dadurch innerhalb weniger Jahre wieder rückgängig gemacht. Nimmt man die Zahlen von 1993 als Orientierungswert, so lag die Unterbesetzung ohne Berücksichtigung der bis dahin zu verzeichnenden Leistungszunahme wieder bei ca. 60.000 Vollkräften. Da die Leistungsmenge und Leistungsdichte in der Zwischenzeit jedoch weiter angestiegen war, muss sogar von einer noch höheren Besetzungslücke ausgegangen werden. Da die PPR seit 1997 nicht mehr bundesweit von allen Krankenhäusern anzuwenden war, fehlten allerdings zuverlässige Daten über den tatsächlichen Pflege- und Personalbedarf.

Eine weitere Verschlechterung trat in Folge der Einführung des DRG-Systems ein (Simon 2019). Die Gesundheitsreform 2000 enthielt den Grundsatzbeschluss für die Umstellung der Krankenhausfinanzierung auf ein vollständiges Fallpauschalensystem. Das dazugehörige Fallpauschalengesetz trat 2002 in Kraft. Die Fallpauschalen waren ab 2003 freiwillig und ab 2004 verpflichtend bei der Abrechnung mit den Kassen anzuwenden. Ab 2005 erfolgte die sogenannte ›Scharfschaltung‹, womit gemeint war, dass ab dem 1. Januar 2005 aus der Abrechnung mit Fallpauschalen Gewinne und Verluste entstanden.

Bereits vor Anwendung der DRG-Fallpauschalen war absehbar, dass ein großer Teil der Kliniken mit ihren Kosten über den geplanten Fallpauschalen liegen würde. Insofern war es aus Sicht der Krankenhausträger und Leitungen dringend notwendig, die Kosten bereits vor der ‚Scharfschaltung’ zu senken, um Verluste zu vermeiden.

In einem so personalkostenintensiven Bereich wie den Krankenhäusern, waren nennenswerte Kostensenkungen nur durch Einsparungen bei den Personalkosten zu erreichen. Die darauf vorgenommenen Einsparungen erfolgten vor allem in zwei Bereichen: im hauswirtschaftlichen (Reinigung, Küche etc.) und technischen Dienst (Handwerker) sowie im Pflegedienst. Im Zeitraum von 2002 bis 2007 wurden im Pflegedienst der Allgemeinkrankenhäuser bundesweit ca. 33.000 Stellen gestrichen, ca. 25.000 allein in den Jahren 2003, 2004 und 2005.

Ende 2007 waren im Pflegedienst der Allgemeinkrankenhäuser (ohne Psychiatrie) bundesweit nur noch 258.000 Vollkräfte beschäftigt. Die Ist-Besetzung lag somit um ca. 92.000 Vollkräfte unter der Soll-Besetzung des Jahres 1993.

Im Jahr 2007 regte sich erstmals seit langem wieder ein öffentlich wahrnehmbarer Protest der Pflegekräfte. Es wurden bundesweit ca. 180.000 Unterschriften für eine Verbesserung der Personalbesetzung gesammelt, und im September 2008 demonstrierten mehr als 100.000 Krankenhausbeschäftigte, vor allem Pflegepersonal, in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen.

Die Bundesregierung reagierte mit einem ersten Pflege-Förderprogramm, das Mittel für die Finanzierung von bis zu 17.000 Stellen bereit stellte. Das war angesichts der tatsächlichen Unterbesetzung nicht nur vollkommen unzureichend, dieses Ziel wurde auch gar nicht erreicht. Nach drei Jahren Laufzeit des Programms stellte sich heraus, dass aus den Mitteln des Programms zwar ca. 13.000 zusätzliche Stellen geschaffen worden waren, davon jedoch nur ca. 8.000 im Pflegedienst. Die übrigen Mittel waren von den Kliniken für die Finanzierung zusätzlicher Stellen im Funktionsdienst verwendet worden. Aufgrund eines Fehlers in der gesetzlichen Vorschrift war dies vollkommen legal gewesen.

Da sich die Lage in der Krankenhauspflege nicht verbesserte, wurde 2016 ein zweites Förderprogramm beschlossen, diesmal allerdings nur für maximal 6.000 Stellen. Unabhängig von den beiden Förderprogrammen waren mittlerweile allerdings zunehmend mehr Krankenhäuser dazu übergegangen, wieder zusätzliches Pflegepersonal einzustellen. Die Zahl der Vollkräfte in Allgemeinkrankenhäusern stieg dadurch bis 2017 auf bundesweit ca. 297.000 Vollkräfte (ohne Psychiatrie).

Dies entspricht zwar ungefähr dem Bestand des Jahres 1993, aber nur dem der damaligen Ist-Besetzung. Wie oben dargelegt, galt der damals aber als zu niedrig, weshalb die PPR eingeführt worden war.

Vergleicht man die Ist-Besetzung des Jahres 2017 mit der oben erwähnten Soll- Besetzung des Jahres 1993 in Höhe von 350.000 Vollkräften, so ergibt dies eine Lücke von mehr als 50.000 Vollkräften. Bei dieser Rechnung ist jedoch die Leistungsentwicklung noch nicht berücksichtigt. Heute werden in den Krankenhäusern im Vergleich zu 1993 nicht nur deutlich mehr Fälle behandelt, sondern auch deutlich pflegeaufwändigere Patienten. So ist der Anteil der alten und vor allem auch der hochbetagten Patienten erheblich angestiegen. Insgesamt hat zudem die Zahl der vor- und nachstationären Behandlungen sowie der ambulanten Operationen massiv zugenommen. Diese nicht-vollstationären Versorgungsformen spielten 1993 noch keine Rolle.

Da zur Entwicklung des Pflegebedarfs der Patienten aufgrund der Abschaffung der PPR heute keine bundesweiten Daten mehr verfügbar sind, kann man die Bedeutung der Leistungsentwicklung für den Personalbedarf nur grob schätzen. Geht man davon aus, dass der Pflegebedarf heute ca. 10 Prozent höher ist als 1993, so bedeutet dies eine Erhöhung der Ausgangs-Sollbesetzung des Jahres 1993 (350.000) um 35.000 Vollkräfte auf insgesamt 385.000 Vollkräfte. Geht man hingegen von einem Leistungszuwachs in Höhe von 20 Prozent aus, so steigt die anzunehmende Soll-Besetzung um 70.000 Vollkräfte auf ca. 420.000 Vollkräfte. Die Unterbesetzung läge im ersten Fall grob geschätzt bei ca. 90.000 Vollkräften und im zweiten Fall bei ca. 120.000 Vollkräften.

Personalbesetzung im internationalen Vergleich

Diese Zahlen liegen weit über den Werten der beiden Pflegeförderprogramme und mögen übertrieben hoch erscheinen, zumal es nur sehr grobe Schätzungen sein können. Zu bedenken ist dabei jedoch, dass die Berichte aus Kliniken eine Lage zeichnen, die so dramatisch ist, dass sie nicht mit einem Personalfehlbestand von wenigen Prozent zu erklären ist. So kursiert beispielsweise die Zahl von gegenwärtig 10.000 unbesetzten Stellen im Pflegedienst der Krankenhäuser. Das entspricht ca. drei Prozent der IST-Besetzung. Wenn von 100 Stellen nur drei nicht besetzt sind, kann dies nicht zu den Problemen führen, wie sie in weiten Bereichen des Pflegedienstes anzutreffen sind.

Für die Annahme einer erheblich dramatischeren Unterbesetzung sprechen auch die verfügbaren Daten des internationalen Vergleichs. Vielfach zitiert und weithin bekannt sind die Ergebnisse der 2009/2010 durchgeführten großen international vergleichenden RN4CAST-Studie (vgl. u.a. Aiken et al. 2013). Im Rahmen der Studie wurden Pflegekräfte verschiedener Länder unter anderem auch nach der aktuellen Besetzung pro Schicht befragt. Die Besetzung im Pflegedienst deutscher Kliniken lag weit unter dem Durchschnitt und gehörte zu den schlechtesten der in die Untersuchung einbezogenen Länder (Tab. 1).

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Bildquelle: Kinderkrankenschwester, Ausgabe 7/2019

Tab. 1: Zahl der Patienten je Pflegefachkraft (registered nurse). Ergebnisse der RN4CAST-Studie (2009/2010)


Quelle: Aiken et al. (2012; 2013); eigene Darstellung. Gruppierung nach den Angaben für alle Schichten.

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Tab. 2: Pflegefachkräfte und ausgebildete Pflegehilfskräfte in Krankenhäusern und Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen (2015)


1 ) Ausgangswert für Deutschland2015: 342.200 Vollkräfte. Quelle: OECD; eigene Berechnungen.

Dagegen wird teilweise eingewendet, dass diese Ergebnisse wenig aussagekräftig seien, weil wir in Deutschland zu viele Krankenhäuser und Betten haben, eine überdurchschnittliche Krankenhaushäufigkeit (Fälle je Einwohner), und die Patienten in deutschen Krankenhäusern zudem länger als in anderen Ländern liegen. Insgesamt gäbe es in deutschen Kliniken dadurch viel mehr leichte Fälle als in den Krankenhäusern anderer Länder. Insofern seien die Ergebnisse der verschiedenen Länder nicht vergleichbar.

Wären diese Einwände stichhaltig, so müsste ein Vergleich der Zahl der Pflegefachkräfte in Krankenhäusern bezogen auf die Bevölkerungszahl ein vollkommen anderes Bild ergeben. Bezieht man die Zahl der Pflegekräfte auf die Bevölkerung, so ist diese Kennzahl unabhängig davon, wie hoch die Zahl der Krankenhausbetten pro Einwohner, die Schwere der Krankenhausfälle etc. ist. Die für einen solchen internationalen Vergleich erforderliche Kennzahl ist verfügbar, wenngleich nur für relativ wenige Länder, darunter aber auch Deutschland.2

Betrachtet man die verfügbaren Daten der OECD, so zeigt sich, dass der Pflegedienst in deutschen Krankenhäusern auch bezogen auf die Bevölkerung deutlich schlechter besetzt ist als in anderen vergleichbaren Ländern. Während in Deutschland 2015 nur 4,53 Pflegefachkräfte in Krankenhäusern auf 1.000 Einwohner kamen, waren es in Norwegen 8,14, in Dänemark 8,05, in der Schweiz 6,92 etc. (Tab. 2). In diesen anderen Ländern gibt es zum Teil deutlich weniger Krankenhäuser und Betten und auch weniger Krankenhausfälle je Einwohner, aber dennoch zum Teil erheblich mehr Pflegepersonal in den Kliniken. Die unter anderem auch vom GKV-Spitzenverband vertretene Auffassung, die gegenwärtige Besetzung im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser wäre vollkommen ausreichend, ja sogar zu viel, @8 wenn man die Versorgungsstrukturen von Dänemark zugrunde legen würde, steht im Widerspruch zu den verfügbaren Daten. Selbst wenn die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland von gegenwärtig ca. 2.400 auf 300 reduziert würde, eine Zahl die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, wäre mit der gegenwärtigen Personalbesetzung bei weitem nicht die Zahl an Pflegefachkräften je 1.000 Einwohner zu erreichen, wie sie Dänemark für seine Bürger bereitstellt.3

Die Differenz zwischen Deutschland und anderen Ländern ist auch nicht durch die Zahl der Hilfskräfte zu erklären. Im Gegenteil: Wie RN4CAST ergab, liegt der Anteil der Pflegehilfskräfte in deutschen Krankenhäusern deutlich niedriger als in anderen Staaten. In deutschen Krankenhäusern arbeiten im internationalen Vergleich somit nicht nur erheblich weniger Pflegefachkräfte, sondern auch erheblich weniger Hilfskräfte. Oder anders formuliert: In deutschen Kliniken sind die Pflegefachkräfte erheblich stärker belastet als in anderen vergleichbaren Staaten und werden noch dazu von weniger Hilfskräften unterstützt als in anderen Ländern.

Wollte man in Deutschland eine Versorgungsdichte mit Pflegefachkräften in Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen erreichen, wie sie Norwegen oder Dänemark ihrer Bevölkerung bieten, müssten in Deutschland in diesen Einrichtungen weit mehr als 200.000 Vollkräfte zusätzlich beschäftigt werden. Um das Versorgungsniveau der Schweiz zu erreichen, wären mehr als 150.000 zusätzliche Vollkräfte erforderlich. Angesichts dieser Zahlen erscheint die Annahme einer Unterbesetzung im Pflegedienst der Allgemeinkrankenhäuser in Höhe von 90.000 bis 120.000 Vollkräften keineswegs zu hoch gegriffen.

Die bisherigen Maßnahmen: überwiegend unzureichend – aber mit Lichtblicken

Angesichts dieser Situation besteht dringender Handlungsbedarf für die Politik, und dies seit sehr langer Zeit. Ohne Zweifel ist es zu begrüßen, dass die gegenwärtige große Koalition das Thema Pflege weit oben auf ihrer Agenda platziert hat. Die bislang ergriffenen Maßnahmen sind jedoch überwiegend unzureichend und wenig geeignet, die Lage des Pflegepersonal durchgreifend und nachhaltig zu verbessern. Exemplarisch sei hier auf die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung verwiesen. Entgegen der langjährigen Forderung des Deutschen Pflegerates und der Gewerkschaft ver.di war diese Koalition nicht bereit, Untergrenzen festzulegen, die für den gesamten Pflegedienst eine bedarfsgerechte Personalbesetzung gewährleisten können. Stattdessen hat das Gesundheitsministerium Pflegekraft-Patienten- Verhältniszahlen nur für wenige Bereiche festgelegt und für die Normalstationen zudem nur in einer Höhe, die lediglich eine ›Minimalbesetzung‹ verlangt. Die Verordnung gibt vor, dass eine Pflegekraft in der Tagschicht (Früh- und Spätschicht) nicht mehr als 10 bzw. 12 Patienten pro Schicht zu versorgen haben darf. Der Blick in andere Länder zeigt, wie niedrig diese Anforderungen sind. So verlangt der US-Bundesstaat Kalifornien seit 2004 die Einhaltung einer Nurse-to-Patient Ratio zu jeder Zeit (also auch in der Nacht) von 1:4 oder 1:5 für Normalstationen. ln den meisten australischen Bundesstaaten gelten ähnliche Werte.

Die niedrigen Anforderungen der PpUGV sind nicht nur im Hinblick auf die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals inakzeptabel, sondern vor allem auch wegen ihrer Auswirkungen auf die Gesundheit der Patienten. Unterbesetzung im Pflegedienst eines Krankenhauses ist ein erhebliches Gesundheitsrisiko für die Patienten. Insofern kommt diese Bundesregierung ihrer Verantwortung für die vielen Millionen Menschen nicht nach, die jedes Jahr vollstationär in ein Krankenhaus aufgenommen werden.

Bei aller Kritik an bislang unzureichenden Maßnahmen ist allerdings festzuhalten, dass es unter den bereits beschlossenen oder angekündigten Maßnahmen auch positive Entscheidungen gibt. Die wichtigste unter den positiv zu bewertenden Entscheidungen dürfte sein, dass die Personalkosten des Pflegepersonals auf Station ab 2020 aus den DRG-Fallpauschalen ausgegliedert und über ein eigenes ›Pflegebudget‹ sowie eine gesonderte ›Pflegepersonalkostenvergütung‹ finanziert werden. Pflegebudget und Pflegepersonalkostenvergütung sollen mit den Krankenkassen auf Grundlage der Personalkosten des tatsächlich beschäftigten Pflegepersonals auf Station vereinbart werden. Diese Entscheidung war Bestandteil des Ende 2018 beschlossenen Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes, die dazu erforderlichen Vorbereitungen laufen gegenwärtig.

Eine weitere potenziell positive Entwicklung brachten die Beratungen in der Konzertierten Aktion Pflege. Dort wurde in fünf Arbeitsgruppen über verschiedene Maßnahmen beraten, mit denen die Lage in den Pflegeberufen sowohl im Krankenhaus als auch der ambulanten Pflege und Pflegeheimen verbessert werden kann. Unter den zahlreichen in diesen Arbeitsgruppen vereinbarten Vorhaben und Maßnahmen ist auch eine Vereinbarung, dass ein neues Verfahren für die Ermittlung einerbedarfsgerechten Personalbesetzung im Pflegedienst entwickelt und eingeführt werden soll.

Würde dieses Vorhaben in den nächsten Jahren tatsächlich und sachgerecht umgesetzt, könnte ein bundesweit von allen Krankenhäusern verbindlich anzuwendendes Verfahren, möglicherweise eine modernisierte PPR, die Pflegepersonaluntergrenzen ersetzen und Grundlage für die seit langem von Pflegeverbänden und Gewerkschaft geforderte bedarfsgerechte Personalbesetzung werden.

Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg, nicht zuletzt auch weil sowohl die beiden Spitzenverbände GKV-SV und DKG als auch das Gesundheitsministerium bislang die Einführung eines solchen Verfahrens abgelehnt haben. Allerdings scheint der öffentliche und auch politische Druck mittlerweile so groß geworden zu sein, dass eine gewisse ›Bewegung‹ in die Angelegenheit gekommen ist. So haben laut Ergebnispapier der Konzertierten Aktion Pflege sowohl DKG als auch GKV-SV der Entwicklung und Einführung eines solchen Verfahrens grundsätzlich zugestimmt.

Fazit

Angesichts der bisherigen Erfahrungen wird die Pflege gut beraten sein, wenn sie gegenüber Ankündigungen, wie sie in den Ergebnissen der Konzertierten Aktion Pflege enthalten sind, vorsichtig und skeptisch bleibt. Dass tatsächlich Verbesserungen zugestanden und umgesetzt werden, wird letztlich vor allem davon abhängen, ob die Angehörigen der Pflegeberufe und ihre Vertretungen den öffentlichen Druck auf Politik und Spitzenverbände weiterhin hoch halten und sich nicht durch politische Tricks täuschen und von der Verfolgung ihrer Ziele abhalten lassen.

Literatur

Aiken, Linda H.; Sermeus, Walter; Van den Heede, Koen; Sloane, Douglas M.; Busse, Reinhard; Mc- Kee, Marin; Bruyneel, Luk; Rafferty, Anne Marie; Griffiths, Peter; Moreno-Casbas, Maria Teresa; Tishelman, Carol; Scott, Ann; Brzostek, Tomasz; Kinnunen, Juha; Schwendimann, Rene; Heinen, Maud; Zikos, Dimitris; Sjetne, Ingeborg Strømseng; Smith, Herbert L.; Kutney-Lee, Ann (2012): Patient safety, satisfaction, and quality of hospital care: cross sectional surveys of nurses and patients in 12 countries in Europe and the United States. Online verfügbar unter: http://www.bmj.com/content/344/bmj.e1717 (16.12.2016).

Aiken, Linda H.; Sloane, Douglas M.; Bruyneel, Luk; Van den Heede, Koen; Sermeus, Walter (2013): Nurses’ reports of working conditions and hospital quality of care in 12 countries in Europe. In: International Journal of Nursing Studies, Jg. 50, S. 143–153.

Kane, Robert L.; Shamliyan, Tatyana; Mueller, Christine; Duval, Sue; Wilt, Timothy J. (2007): Nurse Staffing and Quality of Patient Care. Evidence Report/Technology Assessment Number 151. Prepared for: Agency for Healthcare Research and Quality, U.S. Department of Health and Human Services. Online verfügbar unter: https://archive.ahrq.gov/downloads/pub/evidence/pdf/nursestaff/nursestaff.pdf (22.06.2017).

Simon, Michael (2019): Die Bedeutung des DRGSystems für Stellenabbau und Unterbesetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser. In: Dieterich, Anja; Braun, Bernard; Gerlinger, Thomas; Simon, Michael (Hrsg.): Geld im Krankenhaus. Eine kritische Bestandsaufnahme des DRG-Systems. Wiesbaden: Springer VS, S. 219-251.

AUTOR

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Prof. Dr. Michael Simon Hochschullehrer im Ruhestand Hochschule Hannover Fakultät V – Diakonie, Gesundheit und Soziales Email: michael.simon@hs-hannover.de

1 Bei der Frage der Personalbesetzung ist zu unterscheiden zwischen der Zahl der Beschäftigten (Köpfe) und der Vollzeitäquivalente (in Deutschland als ‚Vollkräfte’ bezeichnet). Wegen der hohen und in den letzten beiden Jahrzehnten stark angestiegenen Quote an Teilzeitbeschäftigung bietet nur die Zahl der Vollkräfte einen verlässlichen Eindruck von der Beschäftigungsentwicklung.

2 Die Kennzahl der OECD liegt nur als Gesamtzahl für Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen vor. Auf Rehabilitationseinrichtungen entfällt in Deutschland allerdings nur 6 Prozent der Gesamtzahl der Vollkräfte im Pflegedienst der Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen. Der Einfluss der Besetzung von Reha-Einrichtungen kann insofern vernachlässigt werden, da sie das Ergebnis nicht wesentlich beeinflussen.

3 Dazu ist wichtig zu wissen, dass Dänemark seine Krankenhausversorgung in den letzten Jahrzehnten sehr stark auf wenige große Kliniken reduziert und konzentriert hat, in denen dann auch sehr viele Pflegekräfte tätig sind. In Deutschland wird die Krankenhausversorgung hingegen zu einem großen Teil durch kleine Kliniken mit bis zu 200 Betten und weniger geleistet.

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