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UNTERNEHMEN: EINSTURZ -GEFAHR


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 22.11.2019

WIRECARD Der Zahlungsdienstleister steckt in einer Vertrauenskrise – Vorstandschef Markus Braun hat die Kontrolle über den Dax-Konzern verloren. Die mangelnde Corporate Governance macht das Unternehmen anfällig für Betrugsvorwürfe.


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LICHTSPIELHAUS
Niemand würde vermuten, dass im Gewerbegebiet von Aschheim (nahe München) ein Dax-Konzern residiert: keine teure Kunst an den Wänden, enge Büros. Der Bildeffekt entstand durch ein Spezialobjektiv und Langzeitbelichtung.


Foto: Sebastian Arlt für manager magazin

EIGENSINNIGER TECHNOKRAT
Markus Braun ist Vorstandschef und größter Aktionär zugleich – einmalig im ...

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EIGENSINNIGER TECHNOKRAT
Markus Braun ist Vorstandschef und größter Aktionär zugleich – einmalig im Leitindex Dax. Zeit und Ressourcen steckt der Technikfreak in die Expansion des Geschäfts. Finanzreporting, Kommunikation und Compliance sah er bis vor Kurzem hauptsächlich als Kostentreiber.


Markus Braun (50) lehnt sich entspannt in seinen Bürostuhl zurück, die langgliedrigen Finger ruhen ausgestreckt auf dem Besprechungstisch. Kein Anzeichen von Nervosität, kein Nesteln am dunkelblauen Rolli oder am Revers des schwarzen Jacketts. Es ist eine Demonstration der Selbstgewissheit an diesem grauen Oktobertag.

Brauns Ansicht nach läuft alles bestens. Der Zahlungsdienstleister Wirecard, über den er seit 18 Jahren herrscht, ist 2018 in den Dax aufgestiegen, die Umsätze wachsen mit Raten jenseits der 35 Prozent, der Gewinn vor Abschreibungen, Zinsen und Steuern (Ebitda) ist zuletzt um fast 30 Prozent geklettert. Sonst noch Fragen?

Um mal mit der naheliegendsten zu beginnen: Warum verweigern ihm seine Aktionäre die Gefolgschaft? Im August 2018 stand der Wirecard-Kurs noch bei 190 Euro, nun krebst er bei 120 Euro herum (Stand: Mitte November). „Ein kurzfristiger Effekt, die Aktie wird sich schnell wieder erholen“, sagt Braun, sein Lächeln wirkt jetzt aufgesetzt.

Tatsächlich steckt Wirecard trotz herausragender Zahlen in einer Vertrauenskrise, ähnlich wie Thyssenkrupp oder die Deutsche Bank, die um ihre Existenz ringen. Der Verdacht lautet auf Bilanzfälschung. Vor allem die britische „Financial Times“ (FT) behauptet seit Langem, dass Erlöse und Gewinne aufgebläht sind, selbst Geldwäsche und Korruption schließt sie nicht aus. Braun dementiert alles.

Es hat sich ein Stellungskrieg entfaltet, der selbst in der an Dramen nicht armen deutschen Wirtschaft seinesgleichen sucht. Die Behörden durchwühlten im vergangenen Februar die Wirecard-Niederlassung in Singapur und flöhen seitdem ihre Fundstücke. Anleger werfen ihre Papiere schaufelweise auf den Markt oder sammeln sie palettenweise ein – je nachdem, wohin das Wirecard-Schicksal sich zu neigen scheint.

Braun beschuldigt „FT“-Journalisten, mit Spekulanten zusammenzu -arbeiten, und hat Anzeige erstattet. Die BaFin verhängte ein zweimonatiges Verbot von Leerverkäufen, die Münchener Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Shortseller und Medien. Die „FT“ hat die Vorwürfe durch externe Anwälte prüfen lassen und weist sie zurück.

Inzwischen versucht Braun die epische Schlacht in einen Showdown zu zwingen. Er stimmte einer Sonderprüfung seiner Bilanzen zu, im Oktober erhielt KPMG-Vorstand Sven-Olaf Leitz (47) den Auftrag, im Januar sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Braun freilich meint das Ergebnis schon jetzt zu kennen: Alle Buchungen seien „einwandfrei“, postulierte er Anfang November in einem Interview – dabei sind Konzernvorstände schon häufiger von der Realität in ihren Unternehmen überrascht worden.

So ist es denn auch die absolutis -tische Attitüde Brauns, die zum Kernproblem des deutschen Techaufsteigers führt. Was immer die Untersuchung der KPMG-Wirtschaftsprüfer ergibt – die Schwierigkeiten von Wirecard gehen über möglicherweise unsaubere Bu-chungen meilenweit hinaus. Die gesamte Governance des Konzerns ist mangelhaft, angefangen von der Kontrolle des Vorstands bis hin zum Umgang mit Aktionären und der Öffentlichkeit. Die Führungsmethoden haben sich seit Start-up- Zeiten kaum weiterentwickelt und einen immensen Kontrollverlust verursacht. manager magazin deckt die Schwachstellen des Unternehmens auf.

SPEZL
Aufsichtsratsvize Stefan Klestil ist ein langjähriger Weggefährte von CEO Braun. Nach den Regeln des Corporate Governance Kodex gilt er damit als abhängig und sollte nicht im Kontrollgremium sitzen.


OBERSTER WEGSEHER

Wulf Matthias , ein Buddy von Vorstandschef Braun, führt seit elf Jahren den Aufsichtsrat. Zur Hauptversammlung im Juli will er abtreten. Ein Nachfolger wird bereits gesucht.

KEINE GLAUBWÜRDIGKEIT

Gemessen am Gewinn ist Wirecard stark unterbewertet, verglichen mit dem europäischen Hauptkonkurrenten Adyen

Verantwortlich für die Mängelliste ist letztlich Markus Braun. Der technikaffine Manager katapultierte Wirecard zwar mit innovativen Lösungen für elektronisches Bezahlen per Kreditkarte oder mit dem Handy in die Spitzengruppe der weltweiten Anbieter. Doch die innere Verfassung des Konzerns vernachlässigte er.

Die Folge: Braun regiert den Dax-Konzern nahezu unumschränkt; unzufriedene Mitarbeiter, die in der Firma kein Gehör fanden, gehören jetzt zu denen, die Hinweise auf mög -liche Missstände nach außen tragen.

So wie Wirecard der Auf -arbeitung von Rechtsfällen und der Pflege einer guten Unternehmenskultur zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, so spärlich sind bis heute die Kommunikationsabteilung und das Ressort Investor Relations besetzt. Dem überlasteten Personal gelingt es nicht, das komplexe Geschäftsmodell einleuchtend darzustellen. Anlegerschützer klagen über mangelnde Informationen, die inhaltsarmen Finanzberichte können selbst Fachleute kaum entschlüsseln.

Eine regelkonforme Corporate Governance existiert nur in Ansätzen. Braun ist Vorstandsvorsitzender und mit einem Anteil von 7,05 Prozent zugleich größter Wirecard-Aktionär – eine Konstellation, die man sonst in Dax-Konzernen nicht kennt.

Der Chef dirigiert das Unternehmen mit zwei Milliarden Euro Umsatz und 5154 Mitar -beitern wie einen mittelständischen Familienbetrieb, in dem auch seine Ehefrau Sylvia lange wirkte. Sie betreute die Partnerfirmen von Wirecard. Jetzt ist sie in Elternzeit, aber laut Insidern nach wie vor die wichtigste Beraterin ihres Mannes –was der bestreitet.

Im Aschheimer Stammhaus in der Nähe von München, das ist unbestritten, gibt nur einer den Ton an: Markus Braun. Einen offiziellen Stellvertreter hat er nicht. Im Notfall würde Finanzvorstand Alexander von Knoop (47) einspringen.

Im Aufsichtsrat saßen bis vor drei Jahren nur ein paar Buddys von Braun. Der Vorstandschef kontrollierte sich quasi selbst – so wie es auch viele Silicon-Valley-Unternehmer vom Schlage Mark Zuckerbergs tun. Tatsächlich verdankt Wirecard dem Vormann Braun die Existenz: 2000 stieg der promovierte Wirtschaftsinformatiker als Krisenmanager ein, damals drohte dem Start-up die Pleite.

2002 übernahm Braun den Vorstandsvorsitz. Er besorgte Kapital, erwarb eine Vollbank -lizenz und brachte das Unternehmen an die Börse. Schritt für Schritt löste sich der Zahlungsabwickler aus der Abhängigkeit von Firmen, die Glücksspielund Pornoseiten betreiben. Das imageschädliche Geschäft trägt heute weniger als 6 Prozent zu den Erlösen bei.

Anfangs akquirierte Braun, dem man in der Branche intellektuelle Brillanz bescheinigt, eher kleine Onlineanbieter. Mittlerweile kommen dauernd bedeutende Luftfahrt- und Bahnkonzerne oder Lebensmitteldiscounter dazu – wie im Juli die Filialen von Aldi Süd und Nord in Deutschland. Inzwischen kooperiert Wirecard weltweit mit mehr als 300.000 Kunden.

Hoffen auf den Uber-Vater

Zeitgleich mit dem Aldi-Deal verhandelte Braun einen noch viel bedeutenderen Pakt: eine strategische Verbindung mit der japanischen Beteiligungsgesellschaft Softbank, dem international größten Investor in digitale Wachstumsunternehmen. Im September unterzeichneten die Parteien die Verträge. Ein Softbank-Fonds steckte 900 Millionen Euro in eine eigens aufgelegte Wandel -anleihe. Die Deutschen sehen in der Partnerschaft hohes Potenzial. Softbank könnte ihnen den Zugang zu Südkorea und Japan ebnen. Zudem hoffen sie, einen Großteil der mehr als 80 Firmen aus dem Softbank-Portfolio als Kunden zu gewinnen.

Brauns Leute zeigen vollen Einsatz; Mitglieder des Vorstands erscheinen gelegentlich be-reits um 3 Uhr morgens zur Videokonferenz, damit sowohl die Softbank-Zentrale in Tokio als auch deren Beteiligungen in Kalifornien zugeschaltet werden können.

BIG IN JAPAN
Ein Fonds von Softbank-Gründer Masayoshi Son besitzt Wirecard-Aktien. Er will den Aufsichtsrat um zwei hochkarätige Re -präsentanten erweitern.


LONDON CALLING
Die „Financial Times“ weckt seit 2015 Zweifel an den Finanzzahlen von Wirecard und torpediert damit den Aktienkurs. 2019 berichtete sie über dubiose Geschäftspartner in Asien.


Erste Erfolge sind bereits sichtbar: Die deutsche Gebrauchtwagen-Plattform AUTO 1, der amerikanische Mobilfunkdienstleister Brightstar und die indische Hotelkette OYO wickeln ihre Zahlungsströme künftig über die Wirecard-Plattform ab. Mit mehr als einem Dutzend weiteren Softbank-Unternehmen seien die Gespräche, so Braun, „schon sehr weit gediehen“. Auch der Taxivermittler Uber liebäugelt mit einem Wechsel vom Hauptkonkurrenten Adyen zu den Aschheimern.

Ein Softbank-Fonds hält rund 2,4 Prozent der Wirecard-Aktien. Durch ein komplexes Finanzkonstrukt wettet der neue Partner auf einen deut -lichen Kursanstieg. Insgesamt entsprechen die Positionen des neuen Investors rund 6 Prozent des Eigenkapitals. Es könnte noch mehr werden.

Allerdings hat das Renommee der Techinvestoren gehörig gelitten, seit sie nach dem verpatzten Börsengang des Immobilienanbieters WeWork 4,2 Milliarden Euro abschreiben mussten. Deshalb konnte Softbank-Gründer Masayoshi Son (62) bislang auch nicht dazu beitragen, die Glaubwürdigkeit von Wirecard zu verbessern.

Das Image der Deutschen ist beschädigt, seit die „FT“ 2015 erstmals über dubiose Praktiken schrieb und ihre Vorwürfe in diversen Artikeln konkretisierte. Stets brach der Aktienkurs nach der Berichterstattung ein, Shortseller verdienten hervorragend.

Braun weist die Anschul -digungen als „falsch“ zurück. „Die Darstellungen der ‚FT‘ sind nicht authentisch, wir sehen die Artikel eher im Zusammenhang mit einer kurzfristigen Kapitalmarktspekulation.“

Bei fallenden Kursen hat sich Braun häufig mit Wirecard-Papieren eingedeckt – für ihn ein Beleg dafür, dass er fest an das Unternehmen glaubt. Er beruft sich auf die uneingeschränkten Testate der EY-Wirtschaftsprüfer und die eigenen intensiven Reviews. Im Detail ausräumen kann er die Vorhaltungen bislang jedoch nicht.

Mit Zitaten aus internen Finanzdokumenten nährt die „FT“ den Verdacht, dass Erlöse im wichtigen Asien-Geschäft erfunden sind. So erzielten 2018 zwei Tochterbetriebe in Dubai ein Drittel des Konzernumsatzes und mehr als die Hälfte des Gewinns. Die Steueroase ist neben Irland, den USA und Deutschland eines von vier Abwicklungszentren für die glo -balen Transaktionen.

Die „FT“ zweifelt an der Existenz mancher Dubai-Ge-schäftspartner, weil in der Buchhaltung mehrere Firmen auftauchten, die Insolvenz angemeldet oder ihre Aktivitäten eingestellt hätten. Wirecard erklärt, die Namen seien Platzhalter für reale Kunden, die Umsätze echt.

ENTKOPPELT

Die Anleger trauen den Wachstumszahlen von Wirecard nicht

Befremden ruft hervor, dass Wirecard fast die Hälfte der Erlöse über Drittvermittler hereinholt, deren Existenz teilweise fragwürdig erscheint. Die „FT“ veröffentlichte im März ein Foto des Firmensitzes eines Partners auf den Philippinen: Zu sehen ist ein einstöckiges Wohnhaus mit Wäscheleine und Motorrad vor der Tür. Ein weiterer Vermittler in Manila, so geht aus Wirecard-Papieren hervor, gab als Büroadresse einen Busbahnhof an.

Zungenbrecher statt Transparenz

Wie blickdicht die Bilanz der Bayern ist, belegt auch eine Studie der Finanzkommunikation deutscher Dax-, MDax- und SDax-Konzerne von manager magazin und der Handelshochschule Leipzig. Unter den 160 durchleuchteten Firmen liegt Wirecard lediglich auf Platz 107. „Ich verstehe Investoren und Analysten, die sich von dem Geschäftsbericht schlecht informiert fühlen“, sagt Ökonom Henning Zülch – er erstellt das Ranking seit 2014.

Der Bilanzexperte möchte zum Beispiel wissen, warum das Asiengeschäft so rasant ansteigt. Das Beratungshaus Capgemini errechnet für 2018 einen Zuwachs des Transaktionsvolumens in Asien von 29 Prozent; Wirecard schaffte das Doppelte. Im Konzernbericht erweckt das Unternehmen den Eindruck, selbst nicht so recht zu wissen, was da vor sich geht: Lediglich ein Absatz ist dem boomenden Hauptmarkt gewidmet; er besteht weitgehend aus aneinandergereihten Namen von Tochterfirmen in Fernost, ohne jede Erläuterung.

„Bei diesem Wachstum irritiert es sehr, dass Wirecard so wenig über das Ergebnis der Region offenlegt“, kritisiert Zülch. „Gerade in der jetzigen Situation müsste das Unternehmen doch ein Interesse an maximaler Transparenz haben.“

Braun hält dagegen, dass Wirecard mehr Finanzkennziffern preisgibt als manche Wettbewerber. Gleichzeitig kündigt er an, künftig zusätzliche Details auszuweisen. Zudem will er die Ausstattung und Leistungskraft seiner Serviceeinheiten auf das Niveau eines Dax-Konzerns heben. Allein die Compliance-Mannschaft soll von 150 auf 230 Mitarbeiter anwachsen.

Auch die zwei Ansprechpartner für Medien in der Zentrale – bei anderen Großunternehmen sind das oft Dut -zende – werden Verstärkung erhalten. Die Personalberatung Spencer Stuart sucht nach Kandidaten für einen Kommunikationschef, der oberhalb der Pressesprecherin und der Investorenbetreuerin rangieren soll. Die Aufgabe verspricht Nervenkitzel: Braun ist öffentlichkeitsscheu und weitgehend beratungsresistent.

Kein besseres Bild gibt der Aufsichtsratsvorsitzende Wulf Matthias (74) ab, ein gelernter Privatbanker ohne einschlägige Kontrollerfahrung. Als manager magazin am Freitag, den 18.Oktober, exklusiv berichtete, dass Wirecard am Wochenende einen Wirtschaftsprüfer für ein Sondergutachten mandatieren werde, dementierte Matthias am selben Abend in der „FT“.

Drei Tage später zeigte sich, dass Matthias entweder schlecht informiert war oder mit der Wahrheit nicht herausrücken wollte. Das Management hatte die Entscheidung längst vorbereitet, am Montagmorgen verkündete Wirecard, dass KPMG das Gutachten er -stellen wird, offiziell im Auftrag des Aufsichtsrats.

Das Gremium ähnelte lange eher einem Stammtisch als einer scharfsinnigen Runde von Kontrolleuren. Braun hatte drei Weggefährten um sich geschart, von denen er keine Widerworte erwarten musste. Ab 2016 wuchs der Aufsichtsrat schrittweise auf sechs Mitglieder an. Belegschaftsvertreter gibt es keine, weil die Zahl der inländischen Mitarbeiter noch niedrig ist. Ausschüsse existieren erst seit Anfang des Jahres.

Governance nach eigenem Gusto

Als zur Hauptversammlung 2019 Alfons Henseler (75) aus Altersgründen ausschied, kam es zu Reibereien. Anastassia Lauterbach (47) und Vuyiswa M’Cwa -beni (41) rangelten auf einer Sitzung des Aufsichtsrats lautstark um die Nach -folge des stellvertretenden Vorsitzenden. Oberkontrolleur Matthias, wie immer auf Ausgleich und gute Stimmung bedacht, versuchte den Streit durch eine Einladung zu einem gemeinsamen Ausflug in den Biergarten zu entschärfen – der dann allerdings mangels Resonanz doch ausfiel.

Schließlich griff Braun zum Telefon. Diplomatisch verbrämt, aber in der Ansage klar, vermittelte der Vorstandschef seinen Kontrolleuren, dass er sich Stefan Klestil (52), Sohn des früheren österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil, als neuen Vize vorstellen könne. So geschah es dann auch.

Eine heikle Personalie: Klestil ist Österreicher wie Braun, beide sind befreundet. Im Sinne des Corporate Governance Kodex gilt Klestil nicht als unabhängig und sollte nicht im Aufsichtsrat sitzen – was er seit zehn Jahren tut – und schon gar nicht den Vize mimen.

Wirecard folgt den Kodexregeln nur, wenn es gerade passt. So heißt es im Geschäftsbericht 2018, dass Wirecard seine Finanzinformationen nicht innerhalb der vom Kodex vorgesehenen Fristen veröffentlicht, sondern die weiter gefassten Vorgaben des Gesetzgebers ausnutzt, „da der Vorstand diese Fristen für angemessen hält“.

Im Herbst zahlte Wirecard 1,5 Millionen Euro Strafe, weil der Halbjahresbericht 2018 teilweise der Öffentlichkeit nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt wurde. Zur Hauptversammlung im Juli tritt Matthias wohl ab, ein Jahr vor Ende seines Turnus. Sein Nachfolger soll von außen kommen.

Softbank will zwei eigene Repräsentanten in das Gremium entsenden. Damit würde die Zahl der Mitglieder auf acht steigen. Auf der Vorschlagsliste steht unter anderen Michel Combes (57), Chef des amerikanischen Telekommunikationsunternehmens Sprint. Der Franzose wäre der erste Kontrolleur mit hohem internationalen Ansehen.

Auch der vierköpfige Vorstand könnte demnächst erweitert werden – um einen externen Manager. Die jetzige Crew ist seit mehr als einem Jahrzehnt im Haus und mit Ausnahme des Finanzchefs hauptsächlich auf Technik spe zialisiert. Die neue Führungskraft soll Erfahrung in Marketing und Vertrieb mitbringen.

Braun, der so lange in seiner eigenen Welt lebte, hat verstanden, dass er etwas ändern muss, um Wirecard neben SAP wirklich zum zweiten deutschen Techunternehmen von Weltruf zu entwickeln. Bis 2025 soll sich der Umsatz auf zwölf Milliarden Euro mehr als verfünffachen und das Ebitda auf knapp vier Milliarden Euro steigen – auch weil der Konzern im Milliardenmarkt China mittlerweile eine Lizenz für grenzüberschreitende Zahlungen erworben hat.

Bei sauberer Governance wäre noch viel mehr drin. Gemessen am Profit und am Wachstumstempo sei das Papier um mehr als 50 Prozent unterbewertet, urteilen die Analysten der Großbank J.P. Morgan. Sie gehen davon aus, dass der Kurs erst wieder anzieht, wenn Wirecard mehr Auskünfte über Tochterfirmen und Vermittler liefert. Dies hätten Großanleger als Bedingung für Aktienkäufe genannt.

„Wirecards Management hat ein Glaubwürdigkeitsproblem“, konstatiert Baki Irmak, Co-Gründer des auf Techaktien fokussierten Digital Leaders Fund in Frankfurt. „Solange dies nicht behoben ist, helfen auch wirtschaftliche Erfolge nicht.“

Für den Zahlungsdienstleister hängt nun vieles von den Ergebnissen des Sondergutachtens ab. Findet KPMG gravierende Unregelmäßigkeiten, ist Braun kaum zu halten. Dann müssen andere das Unternehmen dahin führen, wo es eigentlich hingehört: in die erste Liga.


Foto: Thomas Dashuber

Fotos: Klaus Vyhnalek, Isa Foltin / Getty Images

Foto: Kiyoshi Ota / Bloomberg