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UNTERNEHMEN GRÜNES GIFT: BAYER


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 26.10.2018

BAYER Der Kauf von Monsanto offenbart seine Risiken und Nebenwirkungen. Die US-Klageindustrie rüstet sich für einen gigantischen Feldzug, die Investoren werden unruhig, und Vorstandschef Werner Baumann findet kein Gegenmittel.


Artikelbild für den Artikel "UNTERNEHMEN GRÜNES GIFT: BAYER" aus der Ausgabe 11/2018 von manager magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 11/2018

IM SCHATTEN DES BÖSEN Bayer-ChefWerner Baumann


Der Auftritt der Hippielegende stand ganz im Dienst der Gerechtigkeit. Mit grimmiger Miene, die Augen hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille verborgen, betrat Neil Young (72) den Gerichtssaal des Superior Court for the County of San Francisco. Um die Hüften etwas fülliger, das Haar ergraut, aber im Auftritt immer noch so ...

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... wirkungsvoll wie auf der Bühne von Woodstock. An seiner Seite Daryl Hannah (57; „Kill Bill“), das blonde Hollywood-Gift der späten 80er und frühen 90er Jahre.

„Wir sind zur Unterstützung von Dewayne Johnson (46) und der vielen Kinder hier, die auf den Schulhöfen spielen, auf denen er Unkrautvernichter gesprüht hat“, erklärte das Glamourduo. Der vermeintliche Übeltäter: Monsanto, der US-Pestizid- und -Saatgutgigant. Das Opfer: der frühere Hausmeister Johnson, der seine Krebserkrankung auf das Herbizid Roundup und den Wirkstoff Glyphosat zurückführt.

Young steht ganz vorn in der Front gegen den Konzern des Bösen. 2015 machte er seinem Ärger über die Länge von vier Schallplattenseiten Luft („The Monsanto Years“). Seit Bayer im August die Kontrolle bei der US-Firma übernommen hat, hat der „Godfather of Grunge“ den deutschen Traditionskonzern im Visier. „Bei Bayer und Monsanto werden finanzielle Interessen über die Gesundheit von Menschen und wichtige Lebensgrundlagen gestellt“, sagte er am Rande des Johnson-Verfahrens in San Francisco.

Der Prominenteneinsatz zeigt: Die Glyphosatproteste haben auch in den USA die Zirkel der Politaktivisten verlassen und sind zum breiten Publikumsthema geworden. Damit befindet sich Bayer auf bestem Weg in die Liga der bösen Buben unter den internationalen Großkonzernen. Dort, wo BP seit der Explosion seiner Bohrplattform im Golf von Mexiko spielt, die Deutsche Bank seit ihren juristischen Fehl tritten in Serie oder Volkswagen seit Dieselgate. Die Folgen könnten verheerend sein: Dauerclinch mit den Behörden, Misstrauen bei Kunden, Aktionären und Talenten.

Der spektakuläre Spruch der kalifornischen Jury hat das Bild der guten Deutschen schwer beschädigt, das sie in Leverkusen so gern vor sich hertragen. 250 Millionen Euro Straf- und 39 Millionen Dollar Schadensersatzzahlungen standen zunächst im Raum. Und auch wenn die Richterin Suzanne Ramos Bolanos (54) den Strafbescheid inzwischen in kleinste Stücke gehackt hat und den Prozess womöglich neu aufrollen wird, ist das erst der Beginn einer langen Leidensphase für Bayer.

ANGRY COUPLE
SuperstarNeil Young („The Godfather of Grunge“) marschiert und musiziert seit Jahren gegen den Monsanto-Konzern. Hier zusammen mit seiner PartnerinDaryl Hannah („Kill Bill“).


Die US-Klage industrie wird nicht mehr von den Deutschen ablassen. Für die Jäger in Anwaltsroben ist Roundup ein Geschäft, das so groß werden kann wie der Kampf gegen Asbest oder die Zigarettenindustrie. Glyphosat ist das weltweit meistgenutzte Pestizid. Millionen Bauern versprühen es auf ihren Feldern. Monsanto hat einen globalen Marktanteil von 40 Prozent und erzielte damit im vergangenen Jahr 3,7 Milliarden Dollar Umsatz.

In Scharen marschieren die Anwälte großer und kleiner Kanzleien auf, darunter schräge Gestalten, wie sie sonst nur in den Romanen von John Grisham („The King of Torts“, „The Litigators“) auftauchen. Mit Anzeigenkampagnen über lokale TV-Networks und das Internet kobern sie Mandanten. Einige Firmen haben sich gar darauf spezialisiert, Klagewillige nur einzusammeln, um sie gewinnbringend an die Kanzleien weiterzuverkaufen.

Anwälte in Schlachtordnung

Bislang sind rund 9000 Schadensersatzklagen gegen Monsanto und damit gegen Bayer vor den US-Gerichten anhängig. Das amerikanische Rechtssystem macht es den Beschwerdeführern leicht. Eine Klage kostet sie nichts; der Anwalt sieht nur im Erfolgsfall Geld. Für die Beweiserhebung müssen die Beklagten Archive und Server öffnen. Auch wenn die Kläger allesamt verlieren, muss Bayer – anders als etwa in Deutschland – seine Rechtsberatungskosten selbst tragen. Die Kosten der Beweiserhebung und Beweissicherung bleiben ebenfalls vollständig in Leverkusen hängen.

Bayer-Chef Werner Baumann (56) weist alle Anschuldigungen von sich; so wie vor ihm Ex-Monsanto-CEO Hugh Grant (60). Rund 800 wissenschaftliche Studien, lautet die Standardformel, hätten bislang keinen Beweis erbracht, dass es zwischen Glyphosat und Krebs auch nur den geringsten Zusammenhang gebe. Nahezu stoisch verweist der Deutsche auf die Resultate der Agricultural Health Study (AHS), einer Langzeitbeobachtung von rund 55.000 Pestizidnutzern in Iowa und North Carolina, in der keine statistisch erkennbare Verbindung zwischen Krebserkrankungen und Glyphosatverwendung sichtbar wurde.

Trotzdem wird Baumann nicht in jedem Prozess obsiegen. „In einem Massenverfahren gibt es gute und schlechte Tage. Mal gewinnt man, mal verliert man“, sagt Mark Behrens von der Washingtoner Kanzlei Shook, Hardy & Bacon, der sich seit 25 Jahren mit Mass-Tort-Litigation-Verfahren beschäftigt und viele Asbestfälle durchgefochten hat.

Baumann droht ein langer und zermürbender juristischer Stellungskrieg. Einschließlich Berufungsinstanzen können sich die Verfahren leicht drei oder vier Jahre hinziehen. Bei vergleichbaren Produkthaftungsklagen in der Pharmaindustrie belaufen sich allein die Rechtskosten in Massenverfahren auf eine Milliarde Dollar pro Jahr. Dazu werden Entschädigungen aus Vergleichen oder Urteilen kommen – unklar ist nur, in welcher Höhe.

Die Unwägbarkeiten des Glyphosatkriegs verunsichern die Agrarchemiebranche, die sich in den vergangenen beiden Jahren in einem rasanten Konsolidierungsprozess neu sortiert hat. „Die Auseinandersetzung hat Auswirkungen auf die gesamte Pflanzenschutzindustrie“, weiß ein Topmanager eines Konkurrenten, „was Bayer trifft, trifft alle anderen auch.“ Allerdings wird Bayer am meisten leiden müssen – seit der Übernahme von Monsanto sind die Leverkusener die Nummer eins in der Agrarindustrie.

Für die Aktionäre steckt die juristische Feldschlacht voller Risiken und Nebenwirkungen. Durch das Johnson-Urteil wurde der Börsenwert zwischenzeitlich um 23,8 Milliarden Euro dezimiert. Die Analysten haben ihre Kursziele radikal gekappt. Selbst nachdem Richterin Bolanos angekündigt hatte, Straf- und Schadensersatzzahlungen im Fall Johnson einzudampfen, ist der Kurs weit von den Notierungen Anfang August entfernt, ganz zu schweigen von Höchstständen vor dem Start der Monsanto-Übernahme (siehe Grafik „The Monsanto Years“).

INSTANZ 1
RichterinBolanos leitete den Prozess Johnson vs. Monsanto. Sie will den 290-Millionen-Dollar Spruch der Jury gegen Monsanto korrigieren.


INSTANZ 2
JudgeVince Chhabria verantwortet das erste Massenverfahren. Er hätte den Johnson-Anwalt samt Kanzlei und Klienten beinahe ausgesperrt.


JUNGER WILDER
Brent Wisner (u. r.) agitiert vor Gericht gegen Monsanto. Er ist ein klassischer Vertreter der US-Klageindustrie, die über Internet und TV (u. l.) die Kunden kobert.

Erst Siemens, dann Daimler, die Deutsche Bank, VW, Bilfinger – und jetzt Bayer. Die deutsche Industrie gerät immer tiefer in die Fänge der US-Gerichte. Bayer drohen nicht nur Schadensersatzzahlungen in Mil liardenhöhe. Setzt sich die Gegenseite durch, wankt das gesamte Geschäftsmodell im Agrarsektor. Schon spielen Researchhäuser die Zerschlagung durch. Für Bayer geht es um Sein oder Nichtsein.

Der Deal des Hugh Grant

Werner Baumann, der den Konzern mit seinem Ziehvater und Aufsichtsratschef Werner Wenning (71) in diese Gefechtslage führte, könnte sich theoretisch mit einem harten Schnitt befreien und Glyphosat einfach vom Markt nehmen. So wie er es jüngst im Fall des Verhütungsmittels Essure tat, nachdem sich Klagen über Nebenwirkungen gehäuft hatten. Bei Glyphosat ist dieser Weg aber versperrt. Denn der Stoff, aus dem die Albträume sind, ist auf Jahre hinaus unverzichtbar. Ohne Glyphosat wären auch große Teile der Saatgutpalette wertlos, die durch Modifikation der DNA gegen das Herbizid resistent gemacht wurde.

Baumann braucht Glyphosat für Monsanto, und er braucht Monsanto für Bayer. Er hat auch deshalb zugeschlagen, um Bayer samt seiner Pharmasparte vor Giganten wie Pfizer oder Novartis zu schützen.

Die Gelegenheit kam, als Monsanto-Chef Grant im Sommer 2015 ein atemberaubendes Deal-Domino in Gang setzte. Er bot für den Schweizer Agrarchemiekonzern Syngenta, der sich daraufhin in die Arme des chinesischen Riesen ChemChina rettete. Anschließend wurde Grant in Leverkusen vorstellig. Aufsichtsratschef Wenning und sein damaliger Kronprinz Baumann wollten Grants Avancen entweder mit einem Übernahmeangebot kontern oder sich den US-Konkurrenten DuPont sichern.

Nachdem sich DuPont aber Mitte Dezember 2015 mit Dow Chemical zusammengetan hatte, war das attraktivere Ziel außer Reichweite. Wenning und Baumann nahmen Monsanto ins Visier – trotz des toxischen Rufs der Amerikaner. Als ein langjähriger Aufsichtsrat im Herbst 2018 Baumann die Frage stellt, ob Bayer das falsche Unternehmen gekauft habe, antwortet der: „Welche Firma hätten wir denn sonst kaufen sollen?“

Gleichzeitig ist es für viele auf den Kapitalmärkten offensichtlich, dass Baumann die Unwägbarkeiten dieses Deals unterschätzt hat.

Sicher, strategisch passen gentechnisch verändertes Saatgut und Pflanzenschutzchemie ideal zusammen. Mit diesem Argument hatte Grant massiv für den Zusammenschluss geworben, von dem er, auch und gerade persönlich spektakulär profitierte. Denn binnen wenigen Wochen waren Aktien und Optionen des damals schon kurz vor der Pensionsgrenze stehenden Grant ein Drittel mehr wert als vor der Übernahmeofferte. Als er seine Unterschrift unter den Deal setzte, waren diese Gewinne auch festgeschrieben. Im Sommer 2018 ging er mit 142 Millionen Dollar nach Hause.

MUSTERFÄLLE
Massenklagen in den USA können sehr teuer werden – besonders hart traf es die Tabakindustrie und die Asbesthersteller (im Bild unten eine Angehörige)


Nach dem Juryspruch vom August drängt sich allerdings auch der Eindruck auf, dass es Grant und seinen Juristen gelungen war, den Deutschen die Rechtsrisiken als überaus beherrschbar darzustellen.

Wie gewagt diese Einschätzung war, zeigte sich Mitte August. Das Urteil erwischte das Bayer-Management in einem Moment der Wehr- und Hilflosigkeit. Elf lange Tage musste Baumann mitansehen, wie die Gegenseite ihren Sieg auskostete und die eigene Aktie in den Sturzflug überging. Er musste schweigen, weil noch eine letzte Genehmigung zum Vollzug der Übernahme fehlte. Weitere dreieinhalb Wochen vergingen, bis der Widerspruch beim Superior Court in San Francisco einging.

Johnsons Anwalt Brent Wisner (34) von der Kanzlei Baum, Hedlund, Aristei & Goldman hatte die Bühne für sich. Er tat alles, um die Stimmung aufzuheizen. Im SPIEGEL und in der „FAZ“ kündigte er „böse Überraschungen“ für Baumann an. Es gebe weiteres Belastungsmaterial, das er allein aus verfahrenstechnischen Gründen noch nicht verwendet habe. Die Deutschen hätten wohl unterschätzt, „wie viel Gift“ in der Geschichte stecke. Wenn alle Klagen vor Gericht gehen würden, drohte er, „könnte das Bayer leicht pleitegehen lassen“. Es war die kaum kaschierte Aufforderung, sich in den restlichen Fällen auf einen schnellen Vergleich einzulassen.

Der junge Wilde Wisner ist die Hauptfigur aufseiten der Monsanto-Kläger. Er und seine Kanzlei haben mehr als 1000 Mandate in der Causa Roundup eingesammelt und sind an allen wichtigen Verfahren führend beteiligt. Wisner ist ein klassischer Vertreter der schillernden US-Klageindustrie. Er lotet mit Vorliebe die Grenze des Zulässigen aus, ist aber bislang längst nicht so weit gegangen wie frühere Stars der Branche.

Die Gier der Anwälte

Ed Fagan (66) etwa tauchte einst vor den Türmen der Deutschen Bank auf, stellte sich auf eine Holzkiste und forderte mit einem Megafon in der Hand die Herausgabe von in der Nazizeit konfiszierten jüdischen Vermögen. Kurz vor der Jahrtausendwende dann trat er eine Welle von Holocaust-Klagen gegen die Schweizer Bankenwelt los.

Fagan war ein Medienereignis, bis er es bei einer Raubkunstklage gegen die Bank Austria übertrieb. Im Rahmen dieses Verfahrens wurde er des Betrugs überführt. Er hatte bei Gericht „schlampige, absolut unprofessionelle und wissentlich irreführende Schriftsätze“ eingereicht, um die Bank anzuschwärzen. Wegen seines persönlichen Interesses am Ausgang des Restitutionsprozesses bekam er zudem eine satte Geldstrafe aufgebrummt. Zahlen konnte er nicht. 2008 wurde ihm in den USA die Anwaltslizenz entzogen.

206MRD. DOLLAR , zahlbar über 25 Jahre, bekamen 46 US-Staaten im Vergleich mit der Tabakindustrie zugesprochen.

120MRD. DOLLAR flossen geschätzt allein in den USA bis heute in Schadensersatzzahlungen für Asbestgeschädigte.

BAYERKILLER?
Roundup soll das nächste große Ding der US-Klageindustrie werden.

Ebenso spektakulär verliefen Aufstieg und Fall einer der ganz großen Adressen für Aktionärsklagen: der US-Kanzlei Milberg, Weiss, Bershad, Hynes & Lerach. In den 90er Jahren galt die Firma bei AT&T, Microsoft oder Prudential Insurance als Public Enemy. Bis 2007 erstritten sie Urteile und Vergleiche im Volumen von 45 Milliarden Dollar. 2008 schließlich wurden Lerach und Weiss wegen des Ankaufs von Mandanten für ihre Aktionärssammelklagen zu Freiheitsstrafen und Geldbußen in Millionenhöhe verurteilt.

So weit ist die Schlacht um Glyphosat längst nicht fortgeschritten. Aber Wisner hat bereits einiges dafür getan, seinen gerade errungenen Erfolg wieder aufs Spiel zu setzen. Die für den Johnson-Fall zuständige Richterin Bolanos brachte er massiv gegen sich auf. Obwohl sie ihn während seines Abschlussplädoyers verwarnt und aufgefordert hatte, bei den Fakten zu bleiben und die Jury nicht mit theatralischen Einlagen zu beeinflussen, griff Wisner ganz tief in die rhetorische Trickkiste.

Mit ausholender Geste deutete er auf eine im Gerichtssaal sitzende Monsanto-Mitarbeiterin und begann – schauspielerisch durchaus eindrucksvoll –, sein Juristengarn zu spinnen: „Auf ihrem Handy ist eine Kurzwahl zu einem Konferenzraum in St. Louis gespeichert. Und in diesem Raum sitzt gerade ein Haufen Topmanager vor einem Telefon und wartet darauf, dass der Apparat klingelt. Hinter ihnen liegen Champagnerflaschen auf Eis. Und wenn die Strafe hier zu niedrig ausfällt, dann werden dort die Korken knallen.

“ Obwohl Judge Bolanos dem Einspruch des Monsanto-Anwalts stattgab, packte Wisner die Nummer mit dem Champagner ein zweites Mal aus. Nun muss er möglicherweise damit leben, dass sein Triumph im Gerichtssaal annulliert und der Prozess neu aufgerollt wird.

Eine ähnliche Grenzüberschreitung hatte sich Wisner bereits im bislang einzig anhängigen Massenverfahren geleistet. Im März 2017 veröffentlichte er zahlreiche im Rahmen des Beweiserhebungsverfahrens gesicherte Mails und Dokumente aus dem tiefsten Innern von Monsanto.

Die Monsanto Papers lassen den Konzern in einem denkbar schlechten Licht erscheinen. Wissenschaftler und Manager der neuen Bayer-Tochter stehen als Teil einer rücksichtslosen Propagandamaschine da, die glyphosatkritische Stimmen zum Schweigen bringt und Wissenschaftler einkauft. Die, so der Eindruck, geben ihren Namen für die Autorenzeilen von Studien her, die tatsächlich von Monsanto-Leuten geschrieben wurden. Der Konzern diskreditierte die Dokumente pauschal mit der Bemerkung, dass die Schriftstücke „aus dem Zusammenhang gerissen“ seien. Eine Auffassung, der sich mittlerweile auch Bayer-Chef Baumann anschloss.

Der für das Massenverfahren verantwortliche Distriktrichter Vince Chhabria (48) wertete die Aktion als unzulässige Beeinflussung der Jury. Die könnten die Beweise nun nicht mehr unbeeindruckt von den zahlreichen Kommentierungen in Medien und Internet bewerten. Wisner habe sich nicht wie ein Anwalt, sondern wie ein PR-Mann verhalten, zürnte Chhabria. Viel fehlte nicht, und Wisner wäre samt Kanzleioberhaupt Michael Baum ganz von dem Verfahren ausgeschlossen worden. Dass die Lawfirm überhaupt noch im Spiel ist, verdankt sie der ausdrücklichen Fürsprache anderer Klägeranwälte.

Stets stützen sich die Klageschriften auf eine Studie der Krebsorganisation der Weltgesundheitsbehörde WHO aus dem Jahr 2015. Damals begutachteten renommierte Experten alle verfügbaren Untersuchungen über die Risiken von Pestiziden und klassifizierten Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend bei Menschen“.

Sofort warfen spezialisierte Kanzleien ihre Werbemaschinerie an. Inzwischen bieten die Anwälte umfangreiche Webseiten zum Fall Roundup, schalten Anzeigen und lassen TV-Spots senden. Es ist der übliche Aufschlag der US-Klageindustrie, die allein im zweiten Quartal dieses Jahres für Fernsehwerbung rund 190 Millionen Dollar ausgab. Zu den größten Anzeigenkunden des Landes gehört dabei die New Yorker Kanzlei Weitz & Luxenberg, die auch bei allen wichtigen Monsanto-Klagen dabei ist.

Selbstverständlich auch bei der Voruntersuchung von rund 600 Klagen beim Bundesgericht in San Francisco. Hier klärt Richter Chhabria in einer Art Sammelprozess, ob die Beweise für einen generellen Zusammenhang zwischen Glyphosat und einer speziellen Krebserkrankung stark genug sind, um sie einer Jury vorlegen zu können. Dazu hört der Richter Experten und Zeugen. Er bewertet den Stand der Wissenschaft. Sollte er einen Prozess zulassen und die Jury feststellen, dass Glyphosat bestimmte Formen von Krebs auslösen kann, gingen die Fälle an die lokalen Gerichte zurück. Dort würde für jeden Case geprüft, ob der Krebs tatsächlich auf den Gebrauch von Glyphosat zurückzuführen ist.

Der zweistufige Nachweis ist schwer zu führen. Und Chhabria hat klargestellt, dass die WHO-Studie als Beleg für den allgemeinen Kausalzusammenhang nicht ausreicht.

Bayer bleibt bei der harten Linie

Allerdings verpasste er auch Bayer einen Dämpfer. Die epidemiologische Langzeitstudie mit Daten aus North Carolina und Iowa, die Baumann gern als Sicherheitsnachweis für Glyphosat anführt, sei „offen für verschiedenste Interpretationen“. Die Experten der Klägerseite hätten gute Gründe angeführt, weshalb die Resultate infrage gestellt werden könnten. Deswegen hat er die Klagen nicht abgewiesen, wie die Monsanto-Anwälte gefordert hatten.

Trotzdem wird Bayer die harte Linie strikt weiterverfolgen, sollte es tatsächlich zu dem großen Sammelprozess in Kalifornien kommen. Dies gilt auch für die Einzelverfahren, die in Kalifornien und St. Louis, Missouri, anhängig sind sowie für eine Verbrauchersammelklage, in der Monsanto vorgeworfen wird, gegen Handels- und Unternehmensgesetze verstoßen zu haben.

Frühzeitige Vergleiche scheut Bayer-Chef Baumann. Denn er fürchtet, dass die Anwälte trotzdem keine Ruhe geben. So kommt es etwa in der Pharmaindustrie immer wieder vor, dass nach einem Vergleich noch weitere Kläger aufspringen.

Seit Ende August haben die Bayer-Juristen nun endlich Zugriff auf die vom Monsanto-Management errichteten Verteidigungsanlagen. Eine eigene Handschrift im Umgang mit den Klagen ist bisher jedoch kaum erkennbar. Selbst die neu engagierte Kanzlei Arnold & Porter trat bereits in der Übernahmeschlacht auf der Monsanto-Seite auf. Allenfalls deuten die Gedanken-spiele Baumanns darauf hin, Bayer auf Topniveau juristisch aufzurüsten. Dafür könnte ein renommierter Justizexperte von außen sorgen, der indessen – anders als bei Volkswagen oder Daimler – nicht un bedingt Vorstandsrang haben müsste.

Es wäre ein Signal an die Aktionäre, dass Bayer die juristischen Risiken deutlich ernster nimmt als zuvor Monsanto. Eine solche Personalie könnte helfen, falls der Fall eskalieren und Staatsanwälte die Zivilprozesse zum Anlass für Ermittlungen gegen Bayer und Monsanto nehmen sollten. Oder wenn Politiker auf die Idee kämen, Bayer-Manager zu Anhörungen nach Washington zu zitieren, weil sie in Glyphosat eine ähnliche Gefahr für die Bevölkerung sehen wie in manipulierten Dieselmotoren.

Harte Linie, schlechtes Image

Da Bayer auf die engen Verbindungen der früheren Monsanto-Manager zu den Republikanern in Senat und Repräsentantenhaus zurückgreifen kann, droht von dieser Seite keine akute Gefahr. Sollte die Grand Old Party allerdings eines oder beide Häuser verlieren, ändert sich die Risikolage.

Offiziell verweist Bayer auf seinen reichen Erfahrungen im Umgang mit Produkthaftungsklagen und lässt durchklingen, dass das helfen werde. Tatsächlich ist die Bilanz gemischt. Bei der von Schering übernommenen Antibabypille Yaz musste Bayer eine Vergleichssumme von 2,1 Milliarden Dollar akzeptieren. Zuletzt ging es jedoch vergleichsweise glimpflich ab bei den Verfahren rund um den Blutverdünner Xarelto und die beiden Verhütungsmittel Mirena und Essure. Lediglich im Fall von Mirena fielen 2017 Vergleichszahlungen von zwölf Millionen Dollar an. Anfang 2018 waren aber immer noch insgesamt 41.000 Klagen im Pharmabereich anhängig.


IN EINEM MASSENVERFAHREN GIBT ES GUTE UND SCHLECHTE TAGE. MAL GEWINNT MAN, MAL VERLIERT MAN.
Mark Behrens, US-Spezialist für Massenklagen


Der Glyphosatkrieg jedoch könnte ganz andere Dimensionen erreichen. Viele erinnern sich in Leverkusen noch an den Skandal um den Blutfettsenker Lipobay, der Bayer fast die Existenz gekostet hätte. Damals rettete man sich in einen 1,1 Milliarden Dollar schweren Vergleich.

Aus dem Blickwinkel der Anwälte hat Baumann vermutlich keine Alternative, als hart zu bleiben. Zugleich aber verhindert diese Taktik den eigentlichen Plan: das Bild des Corporate Evils Monsanto abzustreifen und durch das freundlichere eigene Image zu ersetzen. Solange die Klagen laufen, werden immer wieder Menschen wie der todkranke Hausmeister Johnson an die Öffentlichkeit treten und so alle Goodwillkampagnen für Glyphosat und die industrielle Landwirtschaft konterkarieren.

Baumann („dank Glyphosat werden die Menschen satt“) muss daher alles tun, um den Prozessmarathon so schnell wie möglich zu bewältigen. Je länger die Auseinandersetzung dauert, desto länger lastet die Unsicherheit der Kapitalmärkte auf der Bewertung von Bayer (siehe Grafik „Gewaltfantasie“).

Ohnehin gilt die Konzernspitze vielen an der Börse wegen des Monsanto-Deals als überstrapaziert. Crop-Science-Vorstand Liam Condon (50) konnte eine Gewinnwarnung in seinem Bereich nicht verhindern. Und Baumann steckt abseits des juristischen Großkampfs viel Zeit in die Integration, er hat bislang an 19 von 20 Sitzungen der zentralen Steering Committees teilgenommen.

Gleichzeitig hinterlässt Bayer an anderer Stelle einen unaufgeräumten Eindruck: Das Geschäft mit den patentfreien Markenmedikamenten (Aspirin, Bepanthen, Claritin) gilt als Sanierungsfall, der Vorstand musste gehen. Auch die Pharmapipeline lässt viele Wünsche offen und hält keinen Nachfolger parat, wenn die Hauptumsatzbringer Xarelto und Eylea Ende 2024 und 2027 den Patentschutz verlieren; auch hier tauschte Bayer den zuständigen Kopf aus.

Das US-Researchhaus Bernstein legte dem Konzern bereits die Abspaltung und den separaten Börsengang des Pharmageschäfts nahe. Auf diese Weise sollte die Bayer-Aktie den Konglomeratsmalus loswerden, der auf der Bewertung lastet. Befreit von der Schuldenlast der MonsantoÜbernahme könnten dann in rascher Folge entweder Biotechfirmen gekauft oder neue Wirkstoffe einlizenziert werden, um die Produktpipeline wieder zu stärken.

Andernfalls, so die Befürchtung der Bernstein-Analysten, wären sinnvolle Zukäufe in einer Größenordnung von über zwei Milliarden Dollar erst wieder ab 2020 möglich. Alternativ bringen sie den Spinoff der Tiermedizinsparte ins Spiel, den der Konzern derzeit trotz aller bislang anderslautenden Statements tatsächlich sondiert.

Klar ist: Bayer muss die Kapitalmärkte schnell wieder überzeugen. Wenn der Kurs weiter drastisch fällt und sich auf Dauer nicht erholt, könnte ein Finanz investor zuschlagen und die radikalste aller Möglichkeiten angehen: die Zerschlagung.

Dann würde Crop Science samt Monsanto zurück an die US-Börse gehen, die Pharmasparte an einen strategischen Spieler wie Novartis oder Pfizer, Tiermedizin sowie Consumer Health an Konkurrenten oder Finanzinvestoren.

Noch ist es ein reines Worst-Case-Szenario. Es wäre aber eine geradezu tragische Wendung. Bayer würde genau das Schicksal ereilen, das Baumann dem Konzern mit der Monsanto-Übernahme eigentlich ersparen wollte.


Foto: Gene Glover für mm

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Fotos: Josh Edelson / AFP / Getty Images, United States District Court for the Northern District of California (Public Domain), Josh Edelson / AP / picture alliance

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