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UNTERNEHMERTUM: Die Alternativen


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 26.11.2019

Arbeiten? Und etwa auch noch selbst? In der Theorie war schon der Gedanke für Aristokraten eine Zumutung. Tatsächlich aber wurden zahlreiche Blaublüter zu erfolgreichenUnternehmern.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 6/2019

Fernverkehr
Im ganzen Habs -burger Reich, bis hin nach Granada, beför derten die Postkutschen der Thurn und Taxis Depeschen, Waren und auch Menschen.


Als sich Königin Victoria von England für Januar 1845 zu Besuch in Stowe House ansagt, will sich der Herzog von Buckingham nicht lumpen lassen. Auf eigene Kosten lässt er ein Regiment aufmarschieren, 400 seiner Pächter stehen zum standesgemäßen Empfang der Queen zu Pferd ...

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... sauber aufgereiht Spalier. Hunderte Landarbeiter sind angetreten, Blaskapellen spielen, Artilleriesalven werden abgefeuert. Der Herzog hat seine riesige Landvilla für diesen royalen Anlass komplett neu einrichten lassen. Im königlichen Badezimmer sollen Tigerfelle gelegen haben. »Ich habe in keinem meiner beiden Paläste solche Pracht«, merkt die Queen an.

Der Besuch der jungen Königin und ihres Gemahls war der Höhepunkt des extravaganten Lebensstils des Herzogs – und sein Endpunkt. Richard Plantagenet Temple-Nugent-Brydges-Chandos-Grenville der Zweite Herzog von Buckingham erfüllte das klassische Ideal des Adels: Er lebte von den Einkünften seiner Güter, war als Politiker im Oberhaus tätig und ein Agrarlobbyist, der von sich behauptete, »jeder Maßnahme Widerstand zu leisten, die den Interessen der Landwirtschaft schaden würde«. Doch damit verfolgte er eine Strategie, die schon an ihr Ende kam, bevor die Korngesetze 1846 abgeschafft wurden; sie hatten den Preis für britisches Getreide mit hohen Einfuhrzöllen abgesichert.

Sein luxuriöses Leben mit Affären und unehelichen Kindern hatte den Herzog schon zuvor dem Bankrott nahegebracht. Um den Ruin der Familie aufzuhalten, musste sein Sohn Richard kurz nach dem königlichen Besuch die gesamte Inneneinrichtung wieder versteigern. Mit Sparsamkeit und einem geradezu bürgerlichen Erwerbseinkommen in der Leitung der London and North-Western Railroad konnte dieser Dritte Herzog von Buckingham schließlich einen Teil des Familienvermögens, das Stowe House und manch anderes im Familienbesitz halten.

Das Bild von Adeligen, die allein von Pachten und Erträgen ihrer Ländereien leben und ihr Vermögen in die aufwendige Repräsentation ihres gesellschaftlichen Status investieren, ist ein Klischee, immer wieder aufgekocht in Romanen und Serien wie »Downton Abbey«. Es entsprach aber auch dem Selbstbild der europäischen Fürsten, Grafen, Herren und ihrer Familien bis ins späte 19. Jahrhundert.

Fleiß und Sparsamkeit galten als bürgerlich, Arbeit wurde im Adel traditionell eher verachtet. So schrieb das »Deutsche Adelsblatt« noch 1887: »Uns will eine kaufmännische, fabrik -atomische Ausbeutung des größeren Grundbesitzes nicht angemessen erscheinen … Der adelige Majoratsherr scheint uns aber vor allem die Pflicht zu haben, den Familienbesitz, den er von den Vorfahren überkommen, zu erhalten, auf das Beste zu bewirtschaften, ohne deshalb mit aller seiner Thätigkeit in der materiellen Beschäftigung auf zu gehen.«

Als der Text erschien, hatte sich dieses adelige Selbstbild faktisch längst überlebt: Die Industrialisierung wirbelte die Wirtschaft durcheinander, die Agrargesellschaft früherer Zeiten, auf deren Grundlage der Adel gewachsen war, löste sich auf. Doch das Ideal hatte auch vorher nie ganz der Realität entsprochen. Zu allen Zeiten waren einzelne Aristokraten mehr als bloße Verwalter ihres ererbten Vermögens, sie versuchten, mit Innovationen und Investitionen ihr Vermögen zu sichern oder zu mehren.

Wie hoch der Anteil der Unternehmer in Adelskreisen in den verschiedenen Epochen war, können Historiker heute allerdings schwer einschätzen. Weil der Schriftverkehr über wirtschaftliche Belange in den adeligen Familienarchiven seltener aufbewahrt wurde als jener zu juristischen Vorgängen, gibt es nur wenige Dokumente. Insgesamt sei die Forschung über adelige Unternehmer noch höchst lückenhaft, schreibt Manfred Rasch, Professor für Technik- und Umweltgeschichte an der Ruhr-Universität. Vor allem die Frage nach den Besonderheiten des adeligen Unternehmertums sei noch nicht erforscht.

Doch herausragende Figuren repräsentieren in der Art, wie sie ihre Unternehmungen führten, ihre Zeit. Sie zeigen, dass weitsichtige Adelige sich schon früh nicht mehr allein auf die Tradition und ihre Ländereien verließen – und auf welche Ideen sie kamen, um mit eigener Arbeit Geld zu verdienen.

Der Kriegsunternehmer

Das Kriegshandwerk ist die Wurzel vieler alter Adelshäuser in Europa. Oft bekamen treue Kämpfer Titel und Ländereien als Belohnung für ihre Dienste auf dem Feld verliehen. Der Dreißigjährige Krieg ab 1618 brachte einen neuen Typus des Kriegsunternehmers hervor: Unabhängige Heeresführer, nach dem Vorbild der mittelalterlichen Söldnerführer »Condottiere « genannt, oft aus niederem Adel, stellten sich gegen Sold in den Dienst eines oder wechselnder Herren. Keiner betrieb dieses Kriegsgeschäft so ehrgeizig, konsequent und erfolgreich wie der böhmische Landadelige Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, genannt Wallenstein. Er wurde – auch dank des Dramas, das Friedrich Schiller über ihn schrieb – zum berühmtesten Söldnerführer seiner Zeit. Und er war Rüstungsunternehmer und Kriegsfinanzier.

Wallenstein, geboren 1583, stammte aus einem alten, aber wenig begüterten böhmischen Adelsgeschlecht. Das Start -kapital für seinen Aufstieg verschaffte er sich in jungen Jahren durch die Heirat mit einer enorm vermögenden Witwe. Zu weiteren Ländereien kam er nach der böhmischen Stände -revolution, die vom protestantischen Adel angeführt wurde: Wallenstein stellte sich an die Seite des katholischen Kaisers in Wien und wurde dafür mit gewaltigen Gütern belohnt. Als Herzog von Friedland, wie er sich nun nennen durfte, führte er seine landwirtschaftlichen Betriebe nach damals noch wenig verbreiteten betriebswirtschaftlich anmutenden Grundsätzen. Als der Dreißigjährige Krieg ausbrach, trat er, wie viele andere Adelige, mit eigenen Soldaten in den Dienst des Kaisers.

Aber Wallenstein stellte nicht nur einzelne Regimenter auf, wie der Kaiser das von seinen Fürsten erwartete. Er bot 1625 an, auf eigene Kosten eine ganze Armee von 24000 Mann aufzustellen. Eine solch riesige Armee konnte der notorisch klamme Kaiser nicht auf Dauer finanziell unterhalten. Wallenstein entwickelte deshalb sein Kontributionssystem: Territorien, in denen seine Armee stationiert war, mussten den gesamten Unterhalt der Soldaten bezahlen, egal ob sie Freund, Feind oder neutral waren. So wurde Wallenstein unabhängig von der Zahlungsfähigkeit und -willigkeit des Habsburger Hofs.

Sein eigenes Herzogtum Friedland im nordöstlichen Böhmen stellte er ganz in den Dienst seiner Armee und baute eine eigene Rüstungswirtschaft auf: Er ließ im ganzen Herzogtum Kornspeicher zur Versorgung der Soldaten anlegen. Schuster produzierten in anderthalb Jahren 26700 Paar Schuhe, Schneider nähten Tausende Landsknechtskleider. Die Rüstungswerkstätten von Raspenava im heutigen Tschechien produzierten allein von Mai bis September 1627 rund 4000 gro -ße Artilleriekugeln, 3000 Äxte und Beile, 10000 Schaufeln und Zehntausende Hufeisen.

Für die Arbeiter »am Hammer« gab es, um die Moral zu heben, gelegentlich Freibier aus den eigenen Brauereien. Schon bald reichte die Rüstungskammer Friedland nicht mehr aus, um Güter für die kaiserliche Armee zu liefern. Während die zivile Wirtschaft durch den verheerenden Krieg in ganz Europa zerstört wurde, baute Wallenstein mithilfe seines Finanziers Hans de Witte europaweit ein effizientes Handelsnetzwerk für Rüstungsgüter aller Art auf, das sich vom Krieg nährte.

Das funktionierte jedoch nur so lange, wie Wallenstein Generalissimus des Kaisers war. Und solange es ihm möglich war, immer weiter Kontributionen aus den besetzten Gegenden zu pressen. Das wurde mit jedem Jahr des grausamen Krieges schwieriger. Als Wallenstein 1630 das erste Mal auf Druck des Kurfürstentags vom Kaiser als Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee entlassen wurde, beging sein Kreditgeber de Witte Selbstmord: auch weil er wusste, dass Wallenstein ohne Heer seine Kredite nicht mehr bedienen konnte. Wallenstein kehrte noch einmal als Feldherr zurück. Doch als er 1634 endgültig abgesetzt wurde, brach das Wirtschaftssystem Wallenstein zusammen. Der Kaiser verdächtigte seinen Feldherren des Hochverrats, fünf Wochen später wurde der Kriegsunternehmer von Offizieren liquidiert. Tatsache war aber auch, dass der Monarch sich mit Wallensteins Tod aus einer enormen Abhängigkeit befreit hatte. Das Vermögen des Kriegsunternehmers fiel an den Kaiser und seine Anhänger.

Die Dienstleister

Bereits lange vor Wallensteins Aufstieg legten lombardische Adelige den Grundstein für eine der größten und wichtigsten Unternehmungen im Europa der Neuzeit: die Post. Das Know-how für das harte Geschäft der berittenen Boten pflegte die Familie wohl schon seit dem 12. Jahrhundert. Damals soll Amadeo Tasso mit 32 seiner Verwandten ein Kurier -system zwischen Venedig und Rom eingerichtet haben. Später waren die Tassis Postmeister des Papstes. 1489 trat Janetto de Tassis seinen Dienst beim späteren Kaiser Maximilian I. von Habsburg an. Ein Bote mit einem Brief des Fürsten schaffte zu dieser Zeit zwischen 20 und 50 Kilometer pro Tag – zu langsam für wichtige Korrespondenzen.

Um die Zeit zu verkürzen, brachte Janettos Bruder Francesco, der sich auch Franz von Taxis nannte, eine innovative Idee an den Hof von Innsbruck: eine Poststrecke mit Relaisstationen zwischen dem Hof und den Städten Mailand und Brüssel. Nun hatte ein Bote nicht mehr die ganze Strecke zu bewältigen. Stattdessen wurde die Nachricht etwa alle 40 Kilometer einem neuen Boten mit frischem Pferd übergeben. Damit schaffte es eine Depesche aus Innsbruck 1505 innerhalb von fünf oder sechs Tagen nach Brüssel.

Postadel
Franz von Taxis schuf ein Imperium aus einer Idee: Statt nur eines Kuriers nutzte er für lange Strecken mehrere Boten mit jeweils frischen Pferden.


Der Unterhalt der Relaisstationen aber kostete, und auch die Taxis mussten die Erfahrung machen, dass der Kaiser in Wien ein säumiger Zahler war. Das zwang die kaiserlichen Postmeister, sich nach solventeren Kunden umzusehen. Die süddeutschen Handelshäuser der Fugger und Welser wurden zu wichti -gen Kunden der Post. Damit wurde sie, wenigstens teil -weise, von einer staatlichen Einrichtung zu einem Unternehmen.

1505 gelang Franz von Taxis der nächste Schritt zum freien Dienstleistungsunternehmer. Er schloss mit dem kastilischen König Philipp I., dem Sohn Maximilians, den spanisch-niederländischen Postvertrag. Die Taxis hatten nun innerhalb ihres Unternehmens gewisse staatliche Hoheitsrechte, wie sie ein Landesfürst besaß. Sie konnten jeden, der die Beförderung der Post behinderte, zur Unterstützung zwingen und über Postangestellte Gerichtsurteile fällen.

Die von den Taxis organisierte Post war höchst erfolgreich: Ab dem 17. Jahrhundert gab es Postrouten im ganzen Habsburger Reich, bis nach Granada reichte das Netzwerk. Die schnellen Nachrichten ließen Europa enger zusammenrücken. Bald wurden nicht mehr nur Nachrichten, sondern auch Waren und Wertgegenstände in Postsäcken und später auch Personen in Post -kutschen transportiert. Doch der Versuch, die Taxis’sche Post als Monopol im Kaiserreich zu etablieren, gelang nie ganz. Vor allem die protestantischen Fürsten unterhielten aus Misstrauen gegenüber dem katholischen Kaiser weiter ihre eigenen Post- und Botensysteme. Erst 1615 erhielt Lamoral von Taxis das kaiserliche Postregal – das Recht zur alleinigen Postbeförderung – als erbliches Lehen. Nun gehörte die kaiserliche Post den Taxis, die sich ab 1650 Thurn und Taxis nannten und später zu Reichsgrafen aufstiegen.

Den Dreißigjährigen Krieg, die Französische Revolution, weitere Kriege und Veränderungen überstand die Post der Thurn und Taxis. Erst der Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 läutete das Ende der Post als Privatunternehmen ein. Aus dem Kaiserreich wurden Kleinstaaten, etliche führten eine eigene staatliche Post ein.

Im Konflikt zwischen Habsburg und Preußen um die Vormachtstellung hatten die Thurn und Taxis in Otto von Bismarck einen mächtigen Gegner, er nahm ihnen die Nähe zum Haus Habsburg übel. Als Preußen im Deutschen Krieg 1866 Österreich besiegte, erzwang das Haus Hohenzollern die Abtretung sämtlicher Postrechte an Preußen. Es war der Beginn der staatlichen Post in Deutschland – und das Ende eines Familienunternehmens, das fast 600 Jahre lang existierte.

Der Fabrikant

Mit der Industrialisierung gewann die bürgerliche Gesellschaft gegenüber dem Adel an Bedeutung. Die Aristokratie kämpfte nun zunehmend mit vermeintlich bürgerlichen Mitteln ums »Obenbleiben«, wie es Adelsforscher Rasch formuliert. In England investierten Lords und Peers zur Sicherung ihres Wohlstands in Aktien. In Deutschland war man in dieser Hinsicht, gemessen am Vermögen, das zur Verfügung stand, zurückhaltender. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der adeligen Unternehmer allmählich. Das lässt sich anhand der Mitgliederlisten von Industrieverbänden feststellen. Besonders viele Adelige fanden sich danach in Vorständen und Verbänden der Chemieindustrie.

Die Industrialisierung gab nicht nur dem Bürgertum neue Aufstiegschancen. Auch die adeligen Unternehmer hatten nun mehr Möglichkeiten, waren immer weniger abhängig von Obrigkeit und höfischen Konventionen. So brauchte der westfälische Landadlige Johann Ignaz Franz Reichsfreiherr von Landsberg-Velen nicht mehr die Gunst des preußischen Königs, um 1822 seine Chemiefabrik zu gründen. Die notwendigen Konzessionen konnte er als Adeliger, der auch regionale Ämter innehatte, leicht selbst besorgen.

Als einer der wohlhabendsten Männer Westfalens brachte Landsberg-Velen bessere Voraussetzungen mit als die meisten bürgerlichen Gründer: Über Kapital und Produktionsmittel verfügte er bereits. Aber die Motivation und der Stil, mit der er sein Unternehmen zum Erfolg führte, waren von der eines Bürgerlichen kaum zu unterscheiden. Landsberg-Velen formulierte seinen eigenen Anspruch 1851 so: »Es genügt nicht, das Verfahren selbst zu kennen, sondern es bedarf auch einer Beurtheilung in seiner Wirkung, um ein klares und richtiges Urtheil über den Verlauf der Sache zu faßen und, im Falle Schattenseiten sich ergeben, zu erwägen, wie diese zu beseitigen seyn möchten.«

Dass ein westfälischer Landadeliger überhaupt auf die Idee kam, eine Chemiefabrik zu gründen, hatte einen für die Zeit typischen Grund: Rohstoffknappheit. Zu Landsberg-Velens Vermögen gehörte seit je die Wocklumer Eisenhütte im Sauerland, südöstlich von Iserlohn. Sie verschlang große Mengen Holzkohle, die damals in offenen Meilern hergestellt wurde. Landsberg-Velen konnte den Holzbedarf dafür nicht aus dem eigenen Waldbestand decken. Und weil in der Region viele weitere Hochöfen standen, stiegen die Holzpreise immer weiter an.

In dieser Situation wurde der Freiherr vom Münsteraner Apotheker Ferdinand Herold mit einem neuen Verfahren zur Holzkohlegewinnung bekannt gemacht: Das Holz sollte in geschlossenen Öfen verkohlt werden. Dabei entstehende Nebenprodukte wurden unter anderem zu Teer, Gips und Bleiweiß weiterverarbeitet, die im Baugewerbe, in der Glasveredelung und der Farbproduktion gebraucht wurden.

1822 eröffnete die Chemische Fabrik Wocklum. Landsberg-Velen ging dabei ein hohes unternehmerisches Risiko ein: Die Verkohlung in geschlossenen Öfen war noch nicht praktisch erprobt. Er verließ sich auf den Fachmann; der Apotheker Herold wurde als »Dirigent« der Fabrik sein Geschäftspartner. Landsberg-Velen stellte den Hauptteil des Kapitals und ließ die notwendigen Produktionsgebäude bauen, ein Labor wurde in einer ehemaligen Kapelle untergebracht. Fast alle Rohstoffe für die chemische Produktion kamen von den Gütern der Landsberg-Velens. So war die Wocklumer Chemiefabrik nie auf Bankkredite angewiesen.

Bald produzierte die Chemiefabrik neben Holzkohle bis zu 38 Produkte aus organischen und anorganischen chemischen Prozessen, etwa Schwefel- und Salpetersäure oder Soda.

Der Reichsfreiherr fungierte zunächst als stiller Teilhaber: Er tat alles für den Erfolg seines Unternehmens, hielt sich aber aus den operativen Prozessen heraus. Er sorgte sich um den Ausbau von Straßen in der Region und richtete für die Mitarbeiter eine Krankenkasse ein, damit sie kostenlos medizinisch behandelt wurden. Doch nachdem Herold ausgestiegen und ein Nachfolger gescheitert war, musste der Freiherr nach 17 Jahren selbst eingreifen.

Um seine Investitionen, aber auch die Arbeitsplätze zu retten, entschloss sich Landsberg-Velen 1839, für Produktion und Finanzen jeweils einen Geschäftsführer anzustellen.

Er selbst trieb von nun an als chemischer Laie Innovationen voran. Als »wissenschaftlicher Koordinator«, wie er es nannte, wertete er in seinem Schloss in Münster systematisch chemische Zeitschriften, Hand- und Lehrbücher aus, übermittelte den Chemikern im Betrieb fast täglich seine Notizen mit Anregungen für Verbesserungen und neue Produkte. So entstand zwischen den Experten und dem chemischen Autodidakten Landsberg-Velen eine rege schriftliche Diskussion über Fabrikationsmethoden und Reaktionsabläufe, die die Firma vorantrieb.

Als Landsberg-Velen 1863 starb, führte sein Sohn Friedrich die Geschäfte erfolgreich weiter. Ihn hatte der Vater nicht mehr auf die im Adel traditionelle Kavaliersreise durch Europa geschickt, sondern mit Studienreisen an Standorte der englischen Chemieindustrie auf die Nachfolge vorbereitet. Mit der Weltwirtschaftskrise allerdings gingen 1930 Teile des freiherrlichen Unternehmens in Konkurs. Ein Prokurist der Landsberg-Velens übernahm die Chemiefabrik und führte sie nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Die Chemie Wocklum existiert bis heute.