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UNVOLLENDET


Basket - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 13.05.2020

Mit der Hauptstadt der Welt im Rücken schien den Knickerbockers eine große Zukunft vorherbestimmt zu sein. Doch nach den glorreichen Tagen der frühen Siebziger herrscht bei ihnen heute vor allem die Sehnsucht, dem großen Ruf vom „Mecca of Basketball“ wieder gerecht zu werden. Und damit ihre eigene sportliche Prophezeiung endlich zu erfüllen!

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Bildquelle: Basket, Ausgabe 6/2020

Gegen Wilt Chamberlain (#13) und die L.A. Lakers feierten die Knicks ihren wohl größten Erfolg, …


… von dem sie heute (hier: Forward Bobby Portis) meilenweit entfernt zu sein scheinen.


Here comes Willis … and the crowd is going wild!“

Danach hören die Menschen an ihren ...

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... Radiogeräten Marv Albert nicht mehr. Sie vernehmen nur noch eins - den ohrenbetäubenden Jubel des Madison Square Garden, der selbst die legendäre „Stimme des Basketballs“ für einen langen Moment unter sich begräbt. Er trägt die Faszination der 1970er-NBA-Finals zwischen den New York Knicks und den Los Angeles Lakers hinaus in die Wohnzimmer des Big Apple. Nach Brooklyn und Harlem, nach Downtown, in die Bronx und an all die anderen Orte der Metropole, wo das Geräusch des prellenden Basketballs gleichbedeutend ist mit dem Herzschlag seiner Menschen. Das Mekka hört diesem Moment zu, der einer seiner größten werden sollte.

Genau fünfzig Jahre ist es her, dass der humpelnde Willis Reed trotz eines Muskelrisses im Oberschenkel aus den dunklen Katakomben des Garden für das entscheidende Game Seven hinauskam. Seine Schritte, vom Schmerz schwer gezeichnet, strotzten nur so vor Willenskraft. Die bloße Anwesenheit des „Captain“ beflügelte den Mut seiner Teamkameraden und ließ die Zuversicht der Gegner schwinden. „Als Willis herauskam, sah ich hinüber zu den Lakers“, erinnert sich Point Guard Walt „ Clyde“ Frazier, der mit 36 Punkten und 19 Assists dem anschließenden Spiel seinen Stempel aufdrücken sollte. „Wilt Chamberlain, Elgin Baylor, Jerry West … sie alle hörten auf, sich aufzuwärmen, und sahen versteinert zu Willis hinüber. Da dachte ich, dass wir diese Jungs in der Tasche haben.“

„Überall kannte man mich“

Angetrieben vom frenetischen Publikum, spielten sich Frazier und die Knicks in einen Rausch auf dem Weg zum 113:99-Erfolg und der ersten NBAChampionship der stolzen Gründerfranchise. Sie überrannten ihre Kontrahenten aus Kalifornien, denen - spätestens nachdem Reed seine ersten beiden Würfe traf - jegliches Selbstvertrauen abhanden gekommen war. Es blieben die einzigen Punkte für den toughen Center aus Louisiana, doch sein sportliches Erbe war damit auf alle Zeiten gesichert, nicht nur in New York. „Ich dachte damals daran, dass ich irgendwann kein Basketballer mehr sein würde“, sagte der damalige Liga-MVP. „Hätte ich ausgesetzt, dann würde ich irgendwann mit meiner Angel an einem See sitzen und darüber nachdenken, warum ich es nicht versucht habe. Diese Frage wollte ich mir nie stellen müssen.“

Seine sportliche Antwort ist längst zur Legende geworden. So wie das gesamte Team um ihn herum, deren kultureller Einfluss auf eine nach Basketball verrückte Stadt hätte kaum größer sein können. Mit ihrer bunten Mischung aus verschiedensten Charakteren, die sich zu einer verschworenen Einheit zusammenrauften, offerierten sie jedem etwas, womit er sich identifizieren konnte. „Die Kids aus Harlem, die Taxifahrer, die Anzugträger der Madison Avenue - jeder konnte es sich leisten, ein Spiel im Garden zu schauen“, sagt Harvey Araton, Autor des Buches „When the Garden was Eden“, welches sich mit den glorreichen Zeiten der Knickerbockers befasst. „Und sie kamen aus verschiedensten Schichten. Ich glaube, die Knicks hatten eine vereinende Wirkung auf die gesamte Stadt.“ Mit uneigennützigem Team-Basketball und aufopferungsvoller Verteidigung spielte sich die Mannschaft von Coach Red Holzman in die Herzen ihrer Fans und rang sogar ganz Amerika ein Stück Bewunderung ab, nachdem die Finals erstmals im nationalen Fernsehen übertragen wurden. Doch wie New Yorker so sind: Was wirklich zählte, war der Auftrieb für ihr eigenes, sportliches Selbstverständnis.

Dieses sollte in den kommenden Jahren noch gestärkt werden. Die Knicks dominierten die frühen Siebziger und holten 1973 ihren zweiten Titel. Das „Mecca of Basketball“ hatte seine neuen Priester gefunden. Sie krönten die ruhmreiche Sportgeschichte einer Stadt, die einst das heutige Milliardengeschäft College Basketball begründete, aus mittellosen Streetballern junge Götter machte und etliche Hallof- Fame-Karrieren in ihrem mütterlichen Schoß beginnen ließ. Der Ball prellte schon unaufhörlich durch die Five Boroughs, als an eine gewisse National Basketball Association nicht mal im Traum zu denken war. Und nun schenkte diese Stadt ihre gesamte basketballerische Liebe einem Team - den Knicks.

„Egal, wo ich hinging, Uptown, Downtown, East Side, West Side, überall kannte man mich“, erinnert sich Walt Frazier, der heute als TV-Experte beim MSG Network arbeitet. „Es war damals eine besondere Zeit, für die Knicks und in der großartigsten Stadt der Welt zu spielen.“ Einer Stadt, die nichts anderes erwartet, als in allem und jedem ganz oben zu stehen. Mitte der Siebziger schienen die Knicks genau diese Vorbestimmung erfüllen zu können und nur wenige zweifelten daran, dass der Garden noch viele Meisterschaften zu Gesicht bekommen würde.

Wenn die Fans der Knicks heute allerdings an die Hallendecke des Garden schauen, hängen dort lediglich zwei Meisterschaftsbanner. Die Namen der einstigen Helden sind daneben angebracht, sie hängen wie ein dunkler Schatten über den heutigen Knicks - ein Team, dass nicht im Entferntesten an die Meister von früher erinnert. Was damals undenkbar schien, ist heute harte Realität. „Ich hätte gedacht, dass die Franchise alle fünf oder sechs Jahre mindestens einen Titel holt“, sagt Hall-of-Famer Frazier. „Wenn mir jemand damals gesagt hätte, dass die Knicks in den nächsten fast fünfzig Jahren keine Meisterschaft mehr holen, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“ Die Geschichte hinter dieser langen Durststrecke ist geprägt von Dramatik, von tragischen Ereignissen, großartigen Nächten und unvergesslichen Momenten. Man denke nur an Larry Johnsons legendäres Four-Point-Play, die Scoring-Explosionen eines Bernard King Anfang der Achtziger oder „The Dunk“ von John Starks. Die Geschichte erzählt aber gerade in den letzten zwanzig Jahren von einem immensen Selbstverschulden. Und sie sucht bis heute verzweifelt ihr Happy End.

Patrick Ewing wurde 1985 von den Knicks an Nummer eins gedraftet und spielte dort 15 Jahre.


Walt „Clyde“ Frazier spielte 13 Jahre in NY und ist seit 1987 ein Hall-of-Famer.


Der in Brooklyn geborene Bernard King war in den 80ern Franchise- Player der Knicks.


Franchise-Player gesucht

Der große Niedergang der einst so gefestigten Franchise ist für viele seiner Fans mit einem Namen verbunden - James Dolan. Der Sohn des Medienmoguls Charles Dolan, dessen Firma Cablevision 1994 zunächst Teile und dann 1997 die komplette Franchise kaufte, ist seit den späten Neunziger als Besitzer verantwortlich für der Knicks. Sportlich gesehen waren sie seit dieser Zeit meist im Keller der Liga anzufinden und stolperten von einer Seuchensaison in die nächste. Schlimmer noch, in den New Yorker Tageszeitungen wimmelte es gleichzeitig von etlichen Skandalen um das wertvollste Team der NBA. James Dolan hatte in vielen eine mehr oder minder tragende Rolle, sei es im Gerichtsverfahren wegen sexueller Belästigung gegen seinen damaligen GM und Coach Isiah Thomas, in etlichen Kleinkriegen mit ehemaligen Spielern wie Charles Oakley oder stetigen Auseinandersetzungen mit den eigenen loyalen Fans. Selbst mit Edelfan Spike Lee verscherzte es sich der unnahbare Dolan zuletzt. Jeder Vorfall war für sich ein PR-Desaster, in ihrer Kumulation sind sie in den Augen vieler ein kompletter Gesichtsverlust.

Doch das eigentliche Problem sind die sportlichen Entscheidungen unter Dolans Leitung, erst recht in einer erfolgsverwöhnten Stadt wie New York City. Egal ob Spieler, Trainer oder Offizielle, so gut wie nie bewies der 64-Jährige ein glückliches Urteilsvermögen. Zumeist fehlte es an einem stringenten Plan, einen homogenen Kader kontinuierlich aufzubauen. Das New Yorker Front Office warf lieber mit Geld um sich und pflegte ein stiefmütterliches Verhältnis zu Draft-Picks, in einer vom Salary Cap bestimmten Liga keine gute Idee. Alternde und nicht selten eindimensionale Stars wurden als Hoffnungsträger gepriesen, konnten die Erwartungen aber nur selten erfüllen. Gleiches gilt für die beiden „Heimkehrer“ Stephon Marbury und Carmelo Anthony. Ersterer wuchs auf den Freiplätzen Coney Islands zur Legende heran - ein Status, den er in der besten Basketballliga der Welt nur selten bestätigen konnte. „Melo“ wurde in Brooklyn geboren und sollte nach seinem Trade von den Denver Nuggets die Knicks als neuer Messias ins gelobte Land führen. Marbury spielte von 2004 bis 2009 in New York, Anthony von 2011 bis 2017. Gewonnene Playoffserien insgesamt? Eine.

Die Suche nach einem Franchise-Player ist eines der großen Probleme, welches seit den Tagen des großen Patrick Ewing unlösbar scheint. Damals, in den Neunzigern, als sie das letzte Mal um den Titel mitspielten. Ein gewisser Michael Jordan mit seinen Bulls, einige unglückliche Verletzungen zur falschen Zeit sowie weitere Zwischenfälle wie beispielsweise der Brawl von Miami 1997 verhinderten letztlich den ultimativen Triumph. Dennoch erinnern sich Fans wie Spieler gern an diese Zeiten zurück, so tragisch viele ihrer Niederlagen auch waren. Denn das Team und vor allem Ewing schafften etwas, das den letzten New Yorker Teams immer wieder abging - sie erfüllten die Stadt und die Menschen mit Stolz, ein Gefühl, welches auf Gegenseitigkeit beruhte. „15@81 Jahre habe ich hier gespielt und in meinem Herzen bin ich auch nie weggegangen“, so der elffache All Star, dessen Physis und körperliche Härte beispielhaft für die „’90s Knicks“ waren. „Das Trikot zu tragen erfüllte mich immer mit Stolz. Ich werde mich immer als New Yorker fühlen.“

Ewing weiß gleichzeitig besser als jeder andere, wie schwer es ist, in New York City zu gewinnen, mit all den hohen Erwartungen und dem brutalen Medienrummel. Es gibt Stimmen, die darin ein fundamentales Problem der Knicks sehen, das es ihnen nicht erlaubt, junge Spieler zu entwickeln, Teams und Trainern Zeit zu geben sowie mit Geduld zu operieren. Schneller Erfolg muss vermeintlich her, koste es, was es wolle. Nicht umsonst wird schon seit Ewigkeiten jeder große Spieler irgendwann in seiner Karriere mit einem Wechsel nach Manhattan in Verbindung gebracht, letztlich kommen aber nur die wenigsten. In den vergangenen Jahren bemühten sich die Knicks um einen Rebuild, der allerdings noch in den Kinderschuhen steckt. Ob er unter Neu-Präsident Leon Rose rigoros fortgesetzt wird, bleibt abzuwarten. „Unser Team hat junge Talente, signifikantes Kapital in Form von Draft-Picks und viel finanzielle Flexibilität“, sagt der ehemalige Super- Agent, der erst im März sein Amt antrat. „Wir werden einen Plan entwickeln, der uns kurzfristig hilft, aber auch stets den langfristigen Erfolg im Auge hat.“ Vielversprechende Youngster wie Mitchell Robinson und R.J. Barrett sind ein Anfang, mehr jedoch nicht. Die Kontakte von Rose waren ein Hauptkriterium seiner Anstellung, diese soll er mit Sicherheit in den kommenden Jahren nutzen. Beides, also Youth- Movement und gezielte Verstärkungen, können durchaus Hand in Hand gehen, noch zeichnet sich allerdings keine deutliche Vision der Zukunft.

Dabei sehnen sich vor allem die Fans im „MSG“ so sehr nach einem Winner. Einem Team, dass auch seiner legendären Spielstätte, der „World’s Most Famous Arena“, wieder gerecht wird. Einem Ort, wo einst Marylin Monroe für John F. Kennedy sang, wo Ali gegen Frazier kämpfte und selbst der Papst ehrfurchtsvoll an die Hallendecke blickte. New York ist ein besonderer Ort und besitzt in jeder Hinsicht besonderes Potenzial. Für die New York Knicks gilt es, dieses Potenzial wieder für sich zu entdecken. Schaffen sie dann die Symbiose aus Begeisterungsfähigkeit ihrer Stadt, dem Mythos ihrer Halle und aufregendem Basketball, mit dem sich die Menschen identifizieren können, ist der Griff nach den Sternen wieder möglich.

So wie es schon vor fünfzig Jahren passierte, an den besonderen Tagen der 1970er-NBA-Finals. „Was wir damals als Basketballer getan haben, hat - glaube ich - diese Stadt zu einem etwas besseren Ort gemacht“, sagt Willis Reed.

Und dieser ist die „Stadt, die niemals schläft“ immer noch.

Seit aktuell sieben Saisons warten die Knicks (hier: Elfrid Payton) nun schon auf die Playoffs.


Fotocredit: Getty Images