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URSPRÜNGE UNSERES BRAUCHTUMS, TEIL 1: Von Bruch, Musik und Jagdtrophäen


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 07.02.2019

Woher stammen unsere Bräuche? Und wann sind sie entstanden? Prof. Dr. Johannes Dieberger hat sich auf Spurensuche begeben und dabei interessante Entdeckungen gemacht. Im ersten Teil beleuchtet er die Herkunft der Brüche, Jagdmusik, Waidmannssprache, Schutzpatrone und Trophäen.


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Bildquelle: Wild und Hund, Ausgabe 3/2019

Der Leithund wurde nach erfolgreicher Arbeit auf der warmen Fährte mit frischen Brüchen abgeliebelt und dann abgetragen.


Viele Jäger glauben, dass die von uns praktizierten Jägerbräuche allesamt uralt seien. Tatsächlich ist aber seit der Revolution von 1848 durch die Bürgerliche Jagdkultur, dann in Folge des Ersten Weltkrieges und ...

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Viele Jäger glauben, dass die von uns praktizierten Jägerbräuche allesamt uralt seien. Tatsächlich ist aber seit der Revolution von 1848 durch die Bürgerliche Jagdkultur, dann in Folge des Ersten Weltkrieges und insbesondere während des Dritten Reiches vieles von unserer früheren Jagdkultur und unserem traditionellen Brauchtum verloren gegangen. Dafür wurde in den 1930er-Jahren ein sehr einfaches, leicht zu kontrollierendes einheitliches Deutsches Jagdliches Brauchtum bindend für alle jagdlichen Veranstaltungen vorgeschrieben, das wir heute noch – kaum verändert und völlig unkritisch – gerne vollziehen. Parallel zu diesem Kulturverlust nahm die Ablehnung des Waidwerks durch unsere nicht jagenden Mitmenschen zu, was uns Jäger doch nachdenklich machen sollte.

Brüche

In früheren Zeiten glaubten die Menschen, dass sie Gefahren von Dämonen, Kobolden und anderen gefährlichen Mächten, insbesondere nach dem Weichen des Winters, mit frisch gebrochenen grünen Zweigen abwenden könnten. Auch noch lange nach der Christianisierung von Mitteleuropa blieb dieser Aberglaube bestehen, sodass Menschen, die in den Wald hinaus mussten, grüne Brüche am Kopf oder um den Hals trugen. Daraus entstand später der Brauch, dass bei einer Gesellschaftsjagd auf Hochwild alle Teilnehmer Brüche aufsteckten. Dabei war es vorerst gleichgültig, von welchen Gehölzen die Zweige gebrochen wurden.

Im 19. Jahrhundert fand man in der Fachliteratur unterschiedliche, oft widersprüchliche Angaben über gerechte Holzarten, wobei aber meist erwähnt wurde, dass zur Not von jeder Art von Laub- und Nadelbäumen Brüche genommen werden können. Walter Frevert legte dagegen in seinem Buch über das jagdliche Brauchtum (1936) fest, dass nur Eiche, Kiefer (auch Latsche und Zirbe), Fichte, Tanne und Erle, keinesfalls aber die Buche gerecht seien.

Aus heidnischer Zeit stammt der Brauch, sich mit frischem Grün am Kopf oder um den Hals vor Unheil zu schützen, wenn es in die Natur geht.


Auf diesem Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert trägt der Jäger schützende Brüche am Hut.


In der Jagdliteratur findet man ab der Renaissance die Aufforderung, bei der Vorsuche mit dem Leithund die gefundenen Fährten des Wildes mit Brüchen zu markieren. Flemming empfiehlt in seinem „Vollkommenen Teutschen Jäger (1724)“, beim Abführen und bei der Fährtenarbeit den erfolgreichen Leithund mit einem grünen Bruch zu caresieren, das heißt abzuliebeln, und ihn dann abzutragen. Bei eingestellten Jagden markierte man die Bereiche, wo man ohne Gefährdung der Umgebung schießen konnte, mit Brüchen, die an den hohen Tüchern aufgehängt waren.

Verschiedene Hinweis- und Verständigungsbrüche, wie beispielsweise der Anschussbruch samt Markierung der Fluchtrichtung, der Standplatzbruch, der Inbesitznahmebruch und andere mehr, waren erst ab der regelmäßigen Verwendung von Schusswaffen von Interesse. Döbel, Flemming und andere barocke Autoren berichten, dass bei Parforcejagden nach dem Halali alle Teilnehmer Brüche aufsteckten.

Der Schützenbruch für den Erleger eines Stückes Hochwild war eine relativ späte Entwicklung. Er macht deutlich, dass ab der Revolution von 1848 bei den bürgerlichen Jägern die sportliche Komponente in den Vordergrund rückte. Ähnliches gilt für die Festlegung, für welche erlegten Stücke ein letzter Bissen beziehungsweise dem Schützen ein Bruch zusteht oder nicht.

jagdmusik

Die Verwendung von Standesbrüchen bei festlichen Anlässen oder bei Jägerbegräbnissen erinnert an frühere Zeiten, wo alle Teilnehmer grüne Zweige aufsteckten. Dabei gab es regional unterschiedliche Traditionen, auf welcher Seite des Hutes der Bruch zu tragen war. Die Pflege solcher Unterschiede ist gelebte Jagdkultur. Dagegen erinnern die oftmaligen Bemühungen in der modernen Jagdliteratur, um diese Tragweise zu vereinheitlichen, an die Zwangsherrschaft des Dritten Reiches.

Die Jäger tragen und spielen in dieser Darstellung Fouilloxsche Einschleifenhörner.


Das Hannoversche Jagdhorn mit nur einer Windung war im Dritten Reich unerwünscht.


Auch das Hannoversche Jagdhorn mit nur einer Windung und einem sehr bescheidenen Tonumfang war unerwünscht, weil es vermutlich vom Einschleifenhorn des Jaques du Fouilloux abstammte. Die in Österreich und früher auch in der Schweiz schon seit dem 13. Jahrhundert bei höfischen Gebirgsjagden eingesetzten Alphörner – der Büchel war ein Alphorn mit einer Rohrwindung und einer Rohrlänge von fast vier Metern, der 16 Töne ermöglichte – hat man im Dritten Reich nicht wahrgenommen.

Nur das erst seit 1863 in Gebrauch stehende schlesische Fürst-Pless-Horn sowie der etwas ältere Halbmond, beide mit nur fünf bis sechs Tönen, wurden als deutschstämmig angesehen und gefördert. Es durften darauf aber nur die vereinheitlichten Deutschen Jagdsignale geblasen werden. Für den Einsatz dieser Instrumente gab es kaum alte Traditionen. Bei Niederwildjagden wurden früher ohnehin nie Jagdhörner verwendet. Das NS-Regime bevorzugte in allen kulturellen Fragen, insbesondere der Jagdkultur, Einfalt vor Vielfalt, denn diese konnte von den unkultivierten Parteifunktionären leichter kontrolliert werden.

Das befohlene Plesshorn setzte sich vorerst kaum durch, aber der Halbmond wurde von den Brackenjägern verwendet. Erst ab den 1960er-Jahren entstanden in zunehmendem Maß Bläsergruppen mit Plesshörnern und den um eine Oktave tiefer gestimmten sogenannten Parforcehörnern, die mit der Parforcejagd aber nie etwas zu tun hatten.

Waidmannsprache

Eine sehr alte jagdliche Tradition ist der Gebrauch der Waidmannssprache, die im deutschen Sprachraum besonders umfangreich ist. Tatsächlich handelt es sich um eine reichhaltige Terminologie von Fachausdrücken und einigen Redewendungen. Es gibt dazu ja keine eigene Grammatik und keinen Satzbau. Erste Nachweise davon stammen aus dem 4. Jahrhundert.

Es war dies insbesondere eine Zunftsprache der Berufsjäger und diente als Nachweis der Zugehörigkeit. Dabei gab es zeitlich und regional große Unterschiede, und oft kamen Begriffe aus der französischen Jagdkultur, von den holländischen Berufsfalknern und anderes mehr dazu. Die Falkner, die Parforcejäger, die Windhundejäger und andere Spezialisten verwendeten zusätzliche Ausdrücke und Redewendungen, die andere Waidmänner oft kaum kannten.

Diese fachlichen und regionalen Unterschiede sind oder besser waren Kennzeichen einer hohen, lebendigen Jagdkultur. Doch dies gefiel den Funktionären des Dritten Reiches nicht. Die Parforcejagd, die Jagd mit Windhunden und anderes mehr wurden damals verboten. Zudem wurde auch im Bereich der Waidmannssprache eine weitgehende Vereinheitlichung befohlen. Die Falknerei hatte Glück, denn der Reichsjägermeister fand daran Gefallen, obwohl er davon – ähnlich wie vom ganzen übrigen Waidwerk – herzlich wenig verstand.

Göring befahl, das deutsche Jagdwesen zu vereinheitlichen. Dadurch verschwanden viele regionale Traditionen.


Im Dritten Reich wurden „nicht germanische“ Schutzpatrone der Jagd totgeschwiegen. So blieb nur Hubertus übrig.


Schutzpatrone

Schon die Jäger der Steinzeit pflegten Bräuche, mit denen den Ahnen, den Jagdgöttern oder ähnlichen Wesen für Jagderfolge gedankt beziehungsweise um weitere gebeten wurde. In der Antike wurden zahlreiche Götter, aber auch Göttinnen um Hilfe gebeten. Artemis und Diana sind noch heute bekannte Kultfiguren.

Die Christen bemühten für solche Anliegen verschiedene Heilige, die zu Schutzpatronen der Jagd erwählt wurden, obwohl sie selbst oft gar keine Jäger waren. Einige davon sind für spezielle Teilbereiche zuständig, so zum Beispiel der Heilige Venantius Fortunatus für die Parforcejagd oder die Heiligen Tryphon und Bavon für die Falknerei. Die höfischen Jäger begannen ihre Jagdtage oft mit einem kurzen Gottesdienst, wie dies erstmals über Kaiser Ferdinand I. (1558 – 1564) berichtet wurde, bei dem auch die Jagdheiligen um Fürsprache gebeten wurden.

Kirche und Religion waren im Dritten Reich unerwünscht, doch konnte man diese nicht ganz negieren. Hubertus stammte von den Merowingern ab. Daher galt er als Germane und wurde geduldet. Alle anderen europäischen Jagdheiligen wurden totgeschwiegen und vergessen, denn diese stammten aus dem Römischen Reich (Eustachius, Martin von Tours), Griechenland (Tryphon, Aegidius), Frankreich (Germanus von Auxerre), Italien (Venantius Fortunatus, Konrad von Piacenza) und Polen (Johannes von Böhmen).

Der Heilige Bavo ist der Schutzpatron der Falkner.


Vom heiligen Bavo, der aus dem Haspengau stammte, also auch ein Germane war, hatten die damaligen Machthaber zweifellos nie etwas gehört. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die mitteleuropäischen Jäger heute bestenfalls Hubertus als Jagdheiligen beziehungsweise als Kultfigur kennen und in ihr Brauchtum einbeziehen.

Trophäen

Schon unsere Vorfahren in der Steinzeit schätzten Teile des Wildes wie zum Beispiel Zähne oder Krallen als Trophäen. Es war Brauch, diese als Schmuck zu verarbeiten. Der Begriff Trophäe stammt aus dem Griechischen und wurde vorerst nur für kriegerische Siegeszeichen verwendet. Erst etwa ab 1900 wurden auch jagdliche Erinnerungsstücke als Trophäen bezeichnet.

Der abwegige Brauch, Trophäen zu bewerten, begann um 1850 in Ungarn. Ab 1880 gab es in Österreich Geweihkonkurrenzaustellungen. Der österreichische Hochadel lehnte die Bewertung von Geweihen und Gehörnen bis zum Ende der Monarchie ab, doch die neureichen Jagdherrn schätzten diese, um ihre Zugehörigkeit zur vornehmen Jagdgesellschaft unter Beweis zu stellen.

Der Deutsche Kaiser Wilhelm II. sah in Österreich kapitale Hirschgeweihe und veranstaltete ab 1895 in Berlin Trophäenausstellungen, die vom deutschen Hochadel gern angenommen wurden. Damals begann man in Preußen auch damit, den erlegten Hirschen einen Namen zu geben.

Ab 1927 verwendete man zur Bewertung die Nadlerformel, andere Formeln folgten. Im Dritten Reich war die Trophäenbewertung gesetzlich vorgeschrieben. Göring versuchte, mit seinen kapitalen Trophäen Kaiser Wilhelm II. zu übertreffen, und Walter Frevert produzierte für ihn in Rominten starke Hirsche. Diese erhielten sogar schon zu Lebzeiten einen Namen.

Gegen den Brauch, Trophäen an die Wand zu hängen und sich daran zu erfreuen, ist nichts einzuwenden, doch die Bewertung dieser Erinnerungsstücke nach menschlichen Vorstellungen hat unser Waidwerk total verändert und in eine negative Richtung gedrängt. Mit Wahlabschüssen, abenteuerlichen Hegemethoden und früheren Exotenansiedlungen haben wir lange Wild produziert und uns damit von einer aneignenden Nutzung entfernt, aber einige Jäger und Funktionäre haben das noch nicht bemerkt.

Dieser Hirsch, den Göring in der Schonzeit in Rominten erlegte, erhielt den Namen „Raufbold“.


Der 1898 von Kaiser Wilhelm II. in Nassawen (Ostpreußen) gestreckte 44-Ender. In der Kaiserzeit begann in Deutschland die Ausrichtung auf starke Trophäen.


Den zweiten Teil des Artikels lesen Sie in der nächsten WuH-Ausgabe 4/2019. Darin geht es ums Streckelegen, Jagdkleidung und den Jägerschlag.


Foto: Archiv Dieberger

Fotos: Archiv Dieberger

Fotos: Archiv Dieberger

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