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VENUS DER STEINZEIT


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National Geographic History - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 17.06.2022

Üppige Schönheit

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Bildquelle: National Geographic History, Ausgabe 5/2022

Im französischen Laugerie-Basse entdeckte der Amateurarchäologe Paul Hurault, Marquis de Vibraye, um 1864 die kleine Statuette einer nackten Frau. Er verlieh ihr die Bezeichnung Vénus impudique („unanständige Venus“), da anders als bei den nackten Göttinnen der klassischen Antike Geschlecht und Brüste offen sichtbar waren. Damit hatte er einen Gattungsbegriff für weitere, ähnliche Funde geschaffen.

Mit den eleganten, wohlproportionierten Venusskulpturen der römischen bzw. griechischen Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit besitzen die prähistorischen Venusfigurinen nämlich kaum Ähnlichkeit.

Göttinnen, Fetische, Spielzeug …?

Unter den künstlerischen Artefakten aus dem Paläolithikum sind Frauendarstellungen selten, kommen allerdings häufiger vor als Abbildungen von Männern. Die bekanntesten und durch ihren anatomischen Realismus auffallendsten zählen zum Typus der ...

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... Venusfigurinen, die im 19. Jahrhundert auch die im kolonialen Kontext geprägte Bezeichnung „steatopygische Venus“ erhielten. Steatopygie bezeichnet eine auffallende Ansammlung von Fettgewebe im Bereich von Gesäß und Becken.

Bei ihrer Entdeckung hielt man die Statuetten in der archäologischen Forschung für Darstellungen eines weiblichen Ideals, Prototypen der schönen Frau des ersten Homo sapiens (s. Kasten S. 96).

Welche Bedeutung die Figurinen, zu denen die berühmte „Venus von Willendorf “ zählt, tatsächlich einst gehabt haben, ist bis heute nicht restlos geklärt. Es gibt weder schriftliche noch bildliche Quellen, die uns helfen, ihren ursprünglichen Zweck zu erkennen. Unter anderem vermutete man, dass es sich bei den Figuren um mehr oder weniger porträtähnliche Darstellungen von Personen handelte, vielleicht auch um Ahnenbilder – in dem Fall hätten die Figuren einen zeremoniellen oder Gedenkcharakter gehabt und als Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten gedient. Laut einer anderen These stellten sie Priesterinnen oder Schamaninnen mit religiösen Funktionen dar, die als Verbindung zur Welt der Geister oder Götter fungierten. Möglicherweise sprach man den kleinen Figuren einst übernatürliche Kräfte zu; vielleicht sollten sie helfen, Geister zu beschwören, zu heilen oder zu weissagen. Oder sie könnten als Fetische gedient haben.

Die heute verbreitetste Interpretation stützt sich auf ethnografische Vergleiche und bringt die Statuetten mit Fruchtbarkeits- und Reproduktionsgöttinnen in Verbindung, die als mythologische Darstellungen in individuellen oder kollektiven Ritualen verwendet wurden und denen man die Fähigkeit zuschrieb, die weibliche Fruchtbarkeit zu fördern.

Völlig auszuschließen ist natürlich nicht, dass es sich um – aus männlicher Sicht – erotische Objekte gehandelt haben könnte oder gar um Kinderspielzeug, also eine Art Puppen. Solche höchst unterschiedlichen Interpretationen könnten sogar bedeuten, dass es schon zur Entstehungszeit der Figurinen während des Jungpaläolithikums (vor rund 45 000 bis 11 700 Jahren) kein einheitliches Motiv für ihre Herstellung gab.

Von den Pyrenäen bis in den Ural

Bei den Venusfigurinen handelt es sich überwiegend um kleine Skulpturen. Ihre Höhe liegt bei etwa fünf bis 25 Zentimetern; sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien; häufig sind Schnitzarbeiten aus Stein, Knochen oder Elfenbein sowie aus Lehm oder Ton modellierte, teilweise gebrannte Exemplare. Die meisten zeichnen sich durch stark ausgeprägte weibliche Merkmale aus, sie haben riesige Brüste und eine ausgeprägte Bauch- und Gesäßregion; meist fehlen die Gesichtszüge. Rund 200 Exemplare sind bekannt. Die meisten Fundorte verteilen sich über West- und Mitteleuropa.

IM FOKUS: DAS LEBEN

VIELE DER PALÄOLITHISCHEN Frauenfiguren weisen Merkmale auf, die auf den Geburtsvorgang hinweisen, darunter die sogenannte „Polichinella“ und die „Venus von Losange“ (beide aus Grimaldi, Italien) sowie die Venus von Monpazier. Ihre vortretenden Bäuche könnten auf eine fortgeschrittene Schwangerschaft hinweisen oder auf eine – bevorstehende oder vollendete – Geburt.

GEBÄRENDE?

Bei den Figuren ist die Scheide weit geöffnet, was auf starke sexuelle Erregung hinweisen könnte. Doch die Öffnung, weniger weit als bei der Venus von Monpazier (r.), und vor allem der geschwollene Bauch deuten eher auf eine Gebärende hin.

NACH DER GEBURT?

Die besonders weite Öffnung der Scheide hat zu der Vermutung geführt, dass der Künstler den Zustand unmittelbar vor dem Austritt eines Kindes darstellen wollte (worauf der geschwollene Bauch hinweist) – oder den darauffolgenden.

ZEITALTER DER VENUS

Die Frauenstatuetten sind Werke der ersten eurasischen Vertreter von Homo sapiens, Jägern und Sammlern, die Afrika vor etwa 100 000 Jahren verließen und Europa vor etwa 43 000

Jahren besiedelten. Kulturell stehen sie in Verbindung mit dem Jungpaläolithikum, das vor rund 12 000 Jahren endete. In dieser frühen Zeit der Menschheitsgeschichte entwickelte sich eine flächige Schnitzerei. Man stellte Werkzeuge wie Harpunen, Nadeln und Speerspitzen, aber auch Schmuckgegenstände aus organischem Material wie Knochen, Elfenbein, Horn her. Menschen stabilisierten ihr Zusammenleben. Sie begannen, ihre Ressourcen planvoll zu nutzen, und intensivierten soziale Fernbeziehungen. In sozialem Kontext kam es zur Verwendung von Symbolen, und auch das künstlerische Empfinden prägte sich aus.

Vier bedeutende Kulturstufen prägten das Jungpaläolithikum in Europa.

AURIGNACIEN

(vor etwa 40 000 bis 31 000 Jahren)

Frühere Kulturen wie die des Neandertalers werden in Europa durch Homo sapiens verdrängt. Funde weisen auf zeitweilige Koexistenz und biologische Vermischung von Homo sapiens und neandertalensis hin.

Künstlerische Manifestationen finden sich in Höhlen in Form von Felsenmalerei sowie in Form bearbeiteter Objekte aus Knochen, Geweihen, Zähnen oder Stein. Es entstehen erste figürliche Kunstwerke, die Tiere und Menschen darstellen.

SOLUTRÉEN

(vor etwa 22 000 bis 18 000 Jahren)

Die relativ kurze Epoche fällt in das letzte Kältemaximum der Weichseleiszeit.

Menschengruppen besiedelten vorzugsweise die gemäßigteren Regionen

Südwesteuropas sowie Südrusslands und der Ukraine.

Auf Kalksteinblöcken an der Fundstelle Roc-de-Sers in der Charente finden sich meisterhafte Darstellungen von Tieren, Menschen und Mischwesen.

GRAVETTIEN

(vor etwa 32 000 bis 24 000 Jahren)

Phase der größten europäischen Ausbreitung von Homo sapiens, Besetzung verschiedener ökologischer Nischen.

Die Steinwerkzeuge aus dieser Zeit weisen europaweit große Ähnlichkeiten auf, weshalb das Gravettien als die erste große archäologische Kultur in Europa angesehen wird.

Die meisten Frauenstatuetten stammen aus dieser Zeit. Es entsteht eine große Vielfalt an Zeichen; Tierdarstellungen zeichnen sich durch grobe Umrisse und anatomische Missverhältnisse aus.

MAGDALÉNIEN

(vor etwa 18 000 bis 12 000 Jahren)

Die Verbesserung des Klimas begünstigt die Besiedlung neuer Gebiete. Die Periode ist gekennzeichnet durch eine fortschreitende Verkleinerung der Werkzeuge und durch eine Vielfalt und Fülle von Werkzeugen aus organischem Material.

In dieser Zeit sind besonders künstlerische Objekte und die Höhlenmalerei stark vertreten.

Viele Werke sind sehr realitätsnah; besonders Tierdarstellungen lassen auf genaue Beobachtung und Wiedergabe der Natur schließen.

EIN AFRIKANISCHES SCHÖNHEITSIDEAL?

IM DEUTSCHEN wurde der Begriff der „Steatopygie“ zur Zeit des Kolonialismus geprägt. Man wandte ihn vor allem auf Frauen mit ausgeprä gten Fettdepots im Gesäßbereich an. Der Begriff der sogenannten „steatopygischen Venus“ bezog sich auf weibliche Angehörige der Khoikhoi („Hottentotten“), einer teils nomadisch lebenden Volksgruppe Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden einige Angehörige dieser Völker in Europa ausgestellt, unter ihnen Sarah Baartman. Sie trat auf Messen und in sogenannten Menschenschauen auf; ihr Skelett sowie ein Abguss ihres Körpers waren bis in die 1970er-Jahre im Musée de l’Homme in Paris zu sehen. So wurde noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen einer fast ausschließlich von Männern betriebenen Archäologie behauptet, dass Frauen dieses Typs in ihren Herkunftsdörfern als Schönheits- ideal galten. Aufgrund der großen Ähnlichkeit dieser körperlichen Merkmale mit denen vie- ler Venusstatuetten wurde die – inzwischen nicht mehr gebräuchliche – Theorie aufgestellt, dass diese Steinzeitfigurinen den Prototyp der schönen Frau unter den ersten Homo sapiens wiedergeben.

SARAH BAARTMAN. DER STICH ERSCHIEN IN EINEM WERK DER NATURFORSCHER ÉTIENNE GEOFFROY SAINT-HILAIRE UND GEORGES CUVIER (1815).

Sie liegen vor allem in den Pyrenäen und im Südwesten Frankreichs, in Italien sowie im Rhein- und Donaubecken. Auch in der Ukraine und in Russland gab es Funde, dort vor allem im Süden der Region und in Sibirien.

Die Entstehung der Venusfigurinen erstreckt sich über einen langen Zeitraum: Der älteste Fund, die sogenannte „Venus vom Hohle Fels“, istetwa 40 000 Jahre alt, ungefähr sieben Zentimeter groß und weist die charakteristischen übertriebenen Geschlechtsmerkmale auf. Die jüngsten Figurinen stammen aus der Zeit vor etwa 17 000 Jahren.

Die überwiegende Zahl der Funde in Westund Mitteleuropa stammt aus dem Zeitraum vor 30 000 bis 24 000 Jahren, wobei die Figuren aus dem heute russischen Raum tendenziell jüngeren Datums sind. Die meisten tragen keine individuellen Gesichtszüge – zu den wenigen Ausnahmen zählt das Köpfchen der „Dame mit der Haube“, ein Fragment, das mit weiteren Statuetten im französischen Brassempouy gefunden wurde.

Alle Funde zeichnen sich durch die Nacktheit der weiblichen Figuren aus. In wenigen Fällen sind schmückende Elemente wie Halsketten, Kopfbedeckungen, Gürtel oder Armbänder vorhanden, nicht aber Kleidung, die den Körper verhüllt. Ein besonderes Interesse scheint der Darstellung von Brüsten, Bauch, Scham, Gesäß gegolten zu haben – diese anatomischen Details sind in vielen Fällen auffallend wulstig gearbeitet. Wiederum einen Sonderfall stellen viele der im sibirischen Raum gefundenen Figurinen dar: Sie sind schlanker, feingliedriger und scheinen häufig einen Perlenschmuck zu tragen.

Allen gemeinsam ist das offenkundige Interesse der Künstler daran, die primären Geschlechtsmerkmale, Brüste und Scham, herauszuarbeiten.

Weibliche Sexualität

Ein Detail, das das Interesse an der weiblichen Sexualität und insbesondere den Genitalien noch stärker zum Ausdruck bringt, ist die Darstellung des Scheideneingangs. Bei einer stehenden Frau ist dieser Teil ihrer Anatomie, der sich im unteren Schambereich befindet, kaum sichtbar. Auf einigen paläolithischen Statuetten ist der Scheideneingang jedoch in Form einer langen Linie dargestellt – manche der kleinen Skulpturen zeigen Frauen also aus zwei Blickwinkeln. Die Künstler legten anscheinend nicht nur Wert auf dieses Detail der Anatomie, sondern auch darauf, dass ein Betrachter diese Region bemerkte.

Wenn wir annehmen, dass prähistorische Kunst ebenso wie die heutige eine universelle Form der visuellen Kommunikation darstellte, so liegt nahe, dass die Hauptbotschaft, die die Frauenfiguren vermitteln sollten, mit der Genitalregion verknüpft ist. Auffallend ist die Körperfülle der meisten Figuren. Der französische Gynäkologe und Anthropologe Jean-Pierre Duhard hat errechnet, dass etwa ein Drittel der Statuetten eine geringe oder erhöhte Adipositas aufweist, weitere zwei Drittel sogar eine starke Adipositas. Diese Fülle geht in vielen Fällen mit eindeutigen Anzeichen einer Schwangerschaft einher – Wölbungen, die die sonstigen voluminösen Körpermerkmale ergänzen.

VENUS VON WILLENDORF

SIE IST DIE WOHL BERÜHMTESTE unter den paläolithischen Frauenstatuetten. Gefunden am 7. August 1908 in Willendorf in Niederösterreich, wird sie heute im Naturhistorischen Museum in Wien ausgestellt. Die rhombusförmige Skulptur ist mit rotem Ocker gefärbt. Der Kopf zeigt womöglich eine Frisur oder eine Art Kopfbedeckung, jedoch keine Gesichtszüge. Die Figur stützt ihre Arme auf ihre üppigen Brüste und zeigt dem Betrachter, wie viele Figuren dieser Art, deutlich ihre Vulva. Mit ihrer fülligen Anatomie wurde sie zu einer Art Prototyp der paläolithischen Venus; der Skulpturentyp wird gemeinhin mit dieser Abbildung identifiziert. Die Figur entstand vor knapp 30 000 Jahren.

VENUS VOM HOHLE FELS

Die auf einer deutschen Fundstelle entdeckte Figur ist die älteste bekannte Venus; man schätzt, dass sie etwa 40 000 Jahre alt ist.

Sie wurde aus Elfenbein geschnitzt und ist nur sieben Zentimeter hoch – eine echte Miniatur. Bemerkenswert sind die enormen Brüste und die auffallend dargestellte Vulva, aber auch die breiten Hüften und der Bauch.

Die überdimensioniert dargestellten Geschlechtsmerkmale lassen vermuten, dass die Person, die sie geschaffen hat, diesem Teil der Anatomie besonderen Wert beimaß. Die verbreitetste Deutung bringt sie mit Fruchtbarkeit in Verbindung. Das kleine Objekt sollte womöglich die Fruchtbarkeit darstellen oder fördern. Auf einen möglichen Alltagsgebrauch lässt die Tatsache schließen, dass der fehlende Teil des Kopfes einer kleinen Perforation entspricht, sodass die Figur als Anhänger verwendet worden sein könnte.

VENUS VON LAUSSEL

Einige der Venusfiguren sind in Stein geschnittene Flachreliefs. An der französischen Fundstelle Laussel wurde die sogenannte „Dame mit dem Horn“ entdeckt, deren Physiognomie an eine ältere Frau erinnert.

Ihre Einzigartigkeit rührt von dem Horn her, das sie in der rechten Hand hält und das wahrscheinlich ein Wisenthorn mit 13 Einkerbungen ist. Manche deuten das Horn als Symbol für Männlichkeit – demnach stellt das Kunstwerk die Frau-Mann-Komplementarität dar.

Das Horn könnte jedoch auch für Überfluss und Wohlstand stehen. Ein weiterer Vorschlag bringt die 13 Linien mit den Vollmonden eines Jahres in Verbindung, was auf den Menstruationszyklus verweisen könnte (traditionell sind die Linien mit dem Vollmond verbunden und markieren die Menstruationszyklen eines Jahres). Jede dieser Interpretationen lässt sich jedoch mit der Fruchtbarkeitsthematik verknüpfen.

RELIGIÖSE IKONEN?

DIE ERSTEN VERTRETER von Homo sapiens in Europa waren die Schöpfer der weiblichen Statuetten aus dem Paläolithikum. Manche Forscher vertraten die – heute nicht mehr gebräuchliche – These, dass es sich bei den Figuren um Göttinnen, vielleicht Fruchtbarkeitsgöttinnen handelte. Die religiöse Vorstellung von den sogenannten Muttergöttinnen war in späteren Kulturen wie der mesopotamischen tief verwurzelt. Die Forscher sahen in den paläolithischen Gesellschaften den Ursprung dieser Mythologie. Die Figuren wären demnach als Ikonen verehrt, gar angebetet worden, weil man sie als göttliche Wesen betrachtete.

VON NACKTHEIT BIS KÖRPERSCHMUCK

DIE FRAUENSTATUEN zeigen, dass sich bereits die Menschen des Paläolithikums schmückten. Die Figuren von Willendorf, Brassempouy, Laussel oder Grimaldi scheinen aufwendigen Haar- oder Kopfschmuck zu tragen; auch die Gürtel der Skulpturen von Kostenki 1 und Pavlov sowie die Armbänder an den Handgelenken der Venus von Kostenki 1 lassen darauf schließen, dass wir uns seit mindestens 30 000 Jahren mit unserem Aussehen befassen. Offen ist, ob die Ornamente allein ästhetische Zwecke hatten oder ob sie dazu dienten, eine soziale Differenzierung zu markieren.

So weisen die grundlegenden und auffallenden kompositorischen Merkmale der Venusfigurinen darauf hin, dass es in Europa in der Zeit vor 40 000 bis 24 000 Jahren ein wiederkehrendes Muster weiblicher Darstellung gab, das vor etwa 30 000 Jahren gehäuft auftrat. Ein üppiger Körper dürfte in den Gesellschaften des Jungpaläolithikums ein Zeichen für Überfluss an Nahrung gewesen sein; Schwangerschaft steht für Fruchtbarkeit. Welche Erklärung wäre für den offenkundigen Wunsch nach der Darstellung von Fülle und Fruchtbarkeit am plausibelsten?

Die besten Mütter

Studien zur Geburtenrate und Demografie heutiger Jäger- und Sammlergesellschaften legen nahe, dass eine Frau im Alter von 40 Jahren bei optimaler Gesundheit durchschnittlich sechs bis sieben Kinder haben kann. Die Kindersterblichkeitsrate kann ihren Nachwuchs verringern. Schätzungen zufolge könnten etwa 30 Prozent der Kinder innerhalb der ersten fünf Jahre sterben, weitere 22 Prozent zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr und etwa fünf Prozent zwischen dem elften und 15. Lebensjahr. Hinzu kommt die Gefahr der Frauensterblichkeit während oder nach der Entbindung. Das Bevölkerungswachstum solcher Gemeinschaften wird daher häufig gebremst, sodass eine hohe Geburtenrate erforderlich ist, um die Zahl der Mitglieder stabil zu halten.

Es ist recht wahrscheinlich, dass das Überleben und der Erhalt der Gruppe ein wichtiges Ziel jungpaläolithischer Gemeinschaften war. Frauen mit einer üppigen Anatomie, bei denen sowohl die primären als auch die sekundären Geschlechtsmerkmale ausgeprägt waren, wurden daher möglicherweise als „soziale Prototypen“ von Müttern betrachtet. Ihr körperlich guter Zustand stellte die beste Chance für den Fortbestand einer Gruppe dar. Eine erkennbar gut ernährte Frau wäre in der Lage, die Ernährung des Neugeborenen sicherzustellen, was dessen Sterberisiko verringern würde.

Diese Hypothese über den Zweck der Statuetten wird durch die offensichtliche und wiederholte Darstellung der Vulva und des Scheideneingangs bekräftigt. Einige der Figurinen werden sogar mit einer geöffneten Vulva dargestellt. Dieser Zustand der Dilatation (oder Ausdehnung) könnte mit sexueller Erregung zusammenhängen – oder aber mit der Dehnung während des Geburtsvorgangs bzw. unmittelbar danach. Unter den Venusfigurinen aus den Balzi-Rossi-Höhlen bei Grimaldi (Italien) scheint die „Polichinella“, eine Figur mit weit offener Vulva und ausgeprägtem Bauch, den Moment unmittelbar vor der Geburt darzustellen. Die Venus von Monpazier (Frankreich) könnte den Zustand unmittelbar nach einer Geburt wiedergeben.

RUSSISCHE VENUS

IM JAHR 1983 wurde diese 10,3 Zentimeter große Figur in der russischen Fundstätte Kostenki 1 am Ufer des Don gefunden. Sie stammt aus der Zeit vor 23 000 bis 21 000 Jahren. Körperform und Details des Kopfes oder der Frisur ähneln der Venus von Willendorf. Deren Arme liegen auf den Brüsten, während die Arme dieser Figur auf ihrem Bauch ruhen; beide wurden mit rotem Ocker bemalt. Die Figur trägt verschiedene Ornamente – Bänder am Oberkörper sowie Armbänder. Ein solcher Körperschmuck könnte einst aus Leder, Fell oder Pflanzenfasern bestanden haben. An Gesäß und Hüften befinden sich Gruppen von Linien, die Kleidung darstellen könnten – Fadengeflechte, Schnüre oder Lederbänder (Eremitage, St. Petersburg).

EIN ANDERER BLICK: DER TEIL FÜR DAS GANZE

IN DER PALÄOLITHISCHEN KUNST sind Darstellungen der Schamgegend in Form dreieckiger, konischer oder runder Linien mit einer zentralen Linie im Inneren üblich. Sie sind mindestens 24 000 Jahre alt und kommen vor allem in Frankreich und auf der Iberischen Halbinsel vor – in Gebieten, in denen Funde weiblicher Statuetten weniger häufig sind als in Mitteleuropa. Ihre Botschaft ist jedoch dieselbe: Die Konturen markieren die Leisten- und Unterleibsfalten von Menschen, die in diesem Bereich Fett ansammeln, wie etwa übergewichtiger oder schwangerer Frauen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein üppiger Körperbau, Schwangerschaft, große Brüste, ein ausgeprägter Schambereich und eine erkennbare Vulva die grundlegenden Merkmale eines großen Teils der paläolithischen Frauenstatuetten in Europa sind. Ihren wahren kulturellen Zweck werden wir zwar nie mit letzter Sicherheit kennen, doch die Merkmale legen nahe, dass sie symbolisch die Fähigkeit zur (und womöglich den Wunsch nach) Fortpflanzung verkörpern. Vielleicht stellten sie eine Art sozialen Fetisch dar, da ihre Schöpfer Frauen mit ähnlichen Merkmalen wie die Statuetten als Modelle oder Fruchtbarkeitsideale betrachteten.

Allerdings gibt es einige Ausnahmen oder Abweichungen von diesem Typus, auch abhängig von Entstehungszeit und -ort der Venusfigurinen.

Vor allem aus der sibirischen Region und aus einer jüngeren Entstehungszeit (vor etwa 17 000 Jahren) stammt ein etwas anderes Modell der Frauendarstellung. Die Geschlechtsmerkmale sind hier weniger ausgeprägt oder gar übertrieben dargestellt, obwohl auch diese Statuetten nackte Frauen ohne individuelle Gesichtszüge zeigen.

Was mag der Grund für diese Abweichung sein?

Hier kommen wir vollends auf das Gebiet der Spekulation. Eine Möglichkeit wären soziale Ursachen, die mit einem besseren demografischen Gleichgewicht zusammenhängen – womöglich standen die Gemeinschaften, in denen die „schlanken“ Venusfigurinen entstanden, unter einem geringeren Fortpflanzungsdruck.

Die Rolle der Frauen

Die vergleichsweise zahlreichen Funde jungpaläolithischer weiblicher Statuetten und das Überwiegen weiblicher gegenüber männlichen Darstellungen scheinen die soziale Bedeutung der Frauen in den Jäger- und Sammlergesellschaften jener Zeit zu verdeutlichen. In Anbetracht der ständigen Notwendigkeit, das demografische Niveau der menschlichen Gruppen aufrechtzuerhalten, dürften Frauen eine bedeutende soziale Rolle gespielt haben, die sich im Bereich der Ideologie und Symbolik widerspiegelte. Demnach idealisierten die Statuetten die Fruchtbarkeit; vielleicht standen sie in einem rituellen Kontext.

Das Vorhandensein dieser Frauenstatuetten über einen Zeitraum von 20 000 Jahren und in einem Gebiet, das sich über mindestens 6500 Kilometer erstreckte, von Südfrankreich bis in den sibirischen Raum, legt nahe, dass ihre Bedeutung über einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit hinausreichte und als Tradition über Jahrtausende lebendig gehalten wurde.

Dies ist nur durch Kontakte zwischen verschiedenen menschlichen Gemeinschaften erklärbar.

Eine Tradition, die alle natürlichen Grenzen überschreitet und die in der Vorgeschichte der Menschen unseres Kontinents ein breites und tiefes gemeinsames ideologisches Substrat hervorgebracht hat.

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BÜCHER

Die Frau von W. Die Venus von Willendorf und ihre Zeit

Walpurga Antl-Weiser. Naturhistor. Museum Wien, 2008

Welt Kult-Ur-Sprung. World Origin of Culture

Urgeschichtliches Museum Blaubeuren (Hrsg.).

Thorbecke, 2019

Das Gravettien in Österreich. Eine Kulturstufe der Altsteinzeit

Ernst Probst. Independently published, 2016