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Veränderte Schülerschaft: Editorial


journal für schulentwicklung - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 15.03.2019
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Bildquelle: journal für schulentwicklung, Ausgabe 1/2019

Jürg Brühlmann,
bis 2017 Leiter Pädagogik im Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH. Heute tätig als Dozent, Autor, Projektleiter und Schulentwickler in verschiedenen Kontexten.


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Livia Rößler,
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.


Unsere Kinder und Jugendlichen werden statistisch immer detaillierter vermessen: Jugendkriminalität, Alkohol- und Drogenkonsum, Sexualverhalten und Medienkonsum sind Dauerbrenner in den Medien. Die Wirtschaft interessiert sich für Mode-, Musik- und Konsumtrends, die körperliche Verfassung beschäftigt die staatliche Gesundheitsprävention und die Versicherer, für die in Tests messbaren schulischen Leistungen interessieren sich Politik, Arbeitgeber und Immobilienhändler.

Auch Lehrpersonen beobachten, ob Schülerinnen und Schüler gewisse Kompetenzen bereits „mitbringen“: Im Kindergarten sollten Kinder „trocken“ sein, in der ersten Klasse sollten sie sozial einigermaßen „funktionieren“, spätestens ab der Sekundarstufe I werden für den weiteren Bildungsweg in den meisten deutschsprachigen Ländern bestimmte schulische Leistungen und die dazugehörenden persönlichen Kompetenzen wie Motivation, Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen oder Frustrationstoleranz vorausgesetzt.

Schulen und besonders auch Berufsausbildung reagieren empfindlich nicht nur auf sich wandelnde Werthaltungen, sondern auch auf Veränderungen von Kenntnissen und Fähigkeiten. Dass insbesondere die Jugend immer fauler, frecher, dümmer und bequemer werde, sind keine Zuschreibungen, die erst seit Kurzem zu hören sind – Eltern, Politikerinnen und Politiker sowie Lehrkräfte beklagen diesen Umstand seit Tausenden von Jahren: Aristoteles (384–322 v. Chr.) meinte: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Und Melanchthon (ca. 1530) fand gar: „Der grenzenlose Mutwille der Jugend ist ein Zeichen, daß der Weltuntergang nah bevorsteht.“

Waren es Ende der 1960er-Jahre die aufbegehrenden Halbwüchsigen, werden heute die lokalsprachlichen und Rechtschreibekompetenzen von Jugendlichen (u.a. hervorgerufen durch Migrationsbewegungen) heftig diskutiert. Vergessen wird manchmal, was Kinder und Jugendliche anderes oder besser können und wie sich ihre Bildungssituation im Vergleich zu früheren Generationen verändert und zu großen Teilen auch verbessert hat.

Veränderungen bei Schülerinnen und Schülern geschehen in einem systemisch-dynamischen Kontext mit sich ebenfalls verändernden Faktoren in Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Zu den veränderten Umständen gehören unter anderem breitere kulturelle Diversität, vermehrtes Aufwachsen in Ein-Eltern- und Ein-Kinder-Haushalten, enorme Automobilität im öffentlichen Raum und als Konsequenz weniger freies Spiel vor dem Haus, mehr betreute Freizeit, Medialisierung und Digitalisierung (Video, Spiele, Kommunikation), ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen und eine sich stark ändernde Arbeitswelt mit unsicheren Zukunftsaussichten.

Wenn wir davon ausgehen, dass Intelligenz und Denkvermögen trainierbar sind und dass Kinder und Jugendliche immer auch auf externe Umstände und Erwartungen von Eltern und Lehrpersonen reagieren, dann wirken gesellschaftlicher Kontext sowie Fremdund Selbsterwartungen als ein bedeutendes und komplexes Anreizsystem auf Kinder und Jugendliche; nicht nur im familiären und gesellschaftlichen Umfeld, sondern auch an Schulen. Innerhalb der Schulen können Lehrpersonen und Schulleitungen mit überlegten Erwartungen und Strategien auf die sich verändernden Umstände passgenauer eingehen. Auf fehlende Voraussetzungen oder hemmende Kontexte außerhalb ihres direkten Einflussbereichs können sie als Staatsbürger und über Berufsverbände durch Einflussnahme auf politische Entscheidungen einwirken.

Die thematischen Beiträge in diesem Heft nehmen unterschiedliche Aspekte einer sich verändernden Umwelt von Kindern und Jugendlichen in den Blick und verweisen auf Möglichkeiten, wie Schulen durch gezielte Entwicklungen darauf eingehen können:

Gabriele Böheim-Galehr undHelga Kohler-Spiegel untersuchten im Rahmen der Vorarlberger Lebensweltenstudie Ziele, Ängste, Werthaltungen und Verhaltensbereitschaften von Jugendlichen. Die Befunde ihrer Studie ermöglichen Schulen, zum einen lebensweltliche Erfahrungen besser in die Qualitätsentwicklung der Einzelschulstandorte einzubinden. Zum anderen bieten die Erkenntnisse eine fundierte Grundlage, um mit Bildungspartnern wie Eltern, weiterführenden Schulen und der Wirtschaft Entwicklungsarbeit im Sinne von gelingenden Bildungsbiographien zu gestalten.

Jürg Brühlmann hat mit einer Befragung von Stufenvertretungen aus Schulen der Pflichtschulzeit Hinweise erhalten, was sie an Veränderungen bei ihren Schülerinnen und Schülern bemerken. Es sind weitgehend die gesellschaftlichen Kontexte und nicht die Kinder, welche sich verändern – mit entsprechenden Fragen für die Schulentwicklung.

Hans-Günter Rolff undPeter Zimmermann werfen basierend auf eigenen Studien einen Blick zurück auf die Nachkriegsjahre und beschreiben die seit 1945 beobachtbaren Veränderungen in der Umwelt von Kindern und Jugendlichen. Konsumierende Aneignung, Medialisierung und Expertisierung hatten und haben Konsequenzen für die Schulentwicklung.

Jasmin Donlic setzt sich mit Mehrsprachigkeit an Schulen auseinander. Er hebt hervor, wie sprachlich-kulturelle Diversität als Chance und gesellschaftliche Ressource begriffen werden kann und welche Folgen ein solcher Zugang auch auf die Schulkultur und das familiäre Umfeld von Schülerinnen und Schülern haben kann.

Dirk Adomat zeigt an einem Beispiel aus München, wie sich Schulen mithilfe von Lernlandschaften mit ihrem Umfeld vernetzen und damit auf veränderte Bedürfnisse eingehen. Diese Vernetzung ermöglicht nicht nur ein Integrieren neuer Akteure, sondern eröffnet auch neue partizipative Möglichkeiten der Mitgestaltung, z.B. im Bereich der Stadtteilentwicklung.

Christian Gerber undJürg Brühlmann beleuchten die Folgen der Gentrifizierung von Stadtteilen auf die dort angesiedelten Schulen: Wenn der sozioökonomische Hintergrund von Familien innerhalb weniger Jahre von „benachteiligt“ auf „bevorteilt“ wechselt, hat das Folgen für die Schulentwicklung.

Renate Girmes zeigt, wie veränderte schulische Situationen neue Herangehensweisen bedingen. Zum Thema differenzierte Aufgabenstellungen gibt sie Hinweise, wie Schülerinnen und Schüler mit personalisierteren Konzepten und mit Lernangeboten, die sich an individuellen Entwicklungsprozessen orientieren, passend abgeholt werden können.

Wolfgang Beywl ermuntert Lehrpersonen mit evidenzbasierten Hinweisen, in Schulteams gemeinsame Vorstellungen zu erarbeiten, um damit die Lernerfolge von Schülerinnen und Schüler ungeachtet ihrer Herkunftsbedingungen zu verbessern. Gemeinsame Wirksamkeitserwartungen ermöglichen es, Ressourcen für die Lernfortschritte der Schülerinnen und Schülern zu mobilisieren.

Thomas von Felten kann auf eine langjährige Berufserfahrung zurückblicken. In seiner Glosse nimmt er nicht nur die Veränderung der Schülerinnen und Schüler in den Blick, sondern zeigt am Beispiel der Begrüßung auch das veränderte Verhalten der Lehrpersonen.

Anja Jungermann zeigt in ihrem Extra-Beitrag am Beispiel von Stadtteil-Kooperationen, wie Schulen ihre kooperativen Schulentwicklungsprozesse stärker auf eine Wirkungslogik ausrichten können.

Wie immer finden sich im Service-Teil Hinweise auf Neuerscheinungen und zum Themenschwerpunkt.

Kontakte:

livia.roessler@uibk.ac.at

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