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Verbände: Weltweit: AUFSTIEG UND FALL


FFussball Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 28.01.2021

RUSSLANDS FRAUENFUß BALLGESCHICHTE IST EINE BESONDERE. EBENSO AUß ERGEWÖHNLICH IST DER RASANTE VERFALL IN DEN LETZTEN JAHREN…


Artikelbild für den Artikel "Verbände: Weltweit: AUFSTIEG UND FALL" aus der Ausgabe 1/2021 von FFussball Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: FFussball Magazin, Ausgabe 1/2021

Die erfolgreiche Frauenmannschaft Puškino im Jahre 1911.


Fußball entwickelte sich in Russland relativ spät und stand zunächst stark unter dem Einfluss ausländischer, meist englischer Enthusiasten, die das Spiel langsam in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machten. Auf Frauenfußball im größten Land der Erde findet sich jedoch – einer offensichtlich vorhandenen Skepsis gegenüber dem neuen Sport geschuldet – auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kaum ein Hinweis. ...

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... Auch in Russland dominierte die Anschauung, dass dieser Sport nur für Männer vorgesehen sei – die russische Öffentlichkeit akzeptierte damit den „rüpelhaften“ Charakter des Fußballs, den sie bei Männern für angemessen hielt. Der weibliche Körper aber sei für den Fußball aus eben diesen Gründen nicht geeignet. Dennoch gründeten sich in der Saison des Jahres 1911 in der Moskauer Liga erste Frauenfußballmannschaften.

Nach der Revolution von 1917 änderten sich die Rahmenbedingungen für den Fußball in Russland. Fußball wurde unter anderem als Instrument wahrgenommen, die kommunistische Lehre und die sowjetische Idee im gesamten Sowjetreich zu popularisieren. Für den Frauenfußballsport im Land bedeutete dies einen Aufschwung. Meist entstanden Frauenfußballgruppen im Arbeitsumfeld der Spielerinnen. Ihre Aktivitäten gingen konform mit der sportpolitischen Zielvorgabe Lenins: „Es ist unsere dringende Aufgabe, arbeitende Frauen in sportliche Aktivitäten einzubinden. […] Wenn wir das schaffen und sie dazu bringen, sich Sonne, Wasser und frische Luft zu Nutze zu machen, um sich zu kräftigen, werden wir eine vollständige Revolution des russischen Lebens erreichen.“

Fortan trafen die Fußballerinnen vor allem bei Turnieren aufeinander, so zum Beispiel beim Kampf um den Valentina-Tereškova-Pokal in Dnepropetrovsk im Jahre 1972. Die Heldin der Sowjetunion und Kosmonautin Valentina Tereškova war 1963 weltweit die erste Frau im All und wurde damit zu einer wichtigen Person für die sowjetische Propaganda. Durch den Namen des Turniers wurde offensichtlich eine Verbindung zwischen Frauenfußball und weiblichen Ausnahmeleistungen in einem anderen Bereich von außergewöhnlicher Bedeutung für die sowjetische Öffentlichkeit hergestellt. Damit scheint auch der sowjetische Frauenfußball, vergleichbar mit dem westeuropäischen, im Kontext des verstärkten Ringens von Frauen um politische und gesellschaftliche Partizipation, also der Frauenbewegung der 1960er Jahre, zu stehen. Das Turnier um den Valentina-Tereškova-Pokal gilt in der Rückschau als eines der bedeutendsten sowjetischen Frauenfußballereignisse der frühen 1970er Jahre.


“Es ist unsere dringende Aufgabe, arbeitende Frauen in sportliche Aktivitäten einzubinden.


Aushängeschilder in Russlands Frauenfußball-Nationalmannschaft: Anna Belomyttseva, Ksenia Kovalenko, Nadezhda Smirnova, Tatiana Shcherbak, Sofiya Shishkina und Lina Yakupova (v.l.).


Allerdings fand diese Blüte des Frauenfußballs 1973 ein jähes Ende. Die staatlicheSportkommission der Ud SSR verbot die Teilnahme von Frauen an sogenannten Männersportarten. „Physischer Stress, wie er durch Fußball erzeugt wird, kann zur Schädigung geschlechtlicher Funktionen, Krampfadern und Thrombophlebitis führen“, so die Begründung. In einer Zeit, in der in anderen Ländern Europas der Frauenfußball langsam, aber stetig Fuß fasste und in eine institutionalisierte Phase überging, wurde die Entwicklung dieser Sportart in der Sowjetunion von der internationalen Frauenfußballbewegung abgeschnitten. Das Verbot hatte zur Folge, dass zwischen 1973 und Mitte der 1980er Jahre Frauenfußball in der sowjetischen Öffentlichkeit keine Rolle spielte. Erst 1989 wurde der russische Frauenfußballsport mit einer gesamtsowjetischen Frauenfußballmeisterschaft offiziell wiederbelebt. Spät begann sich also auch in Russland der Frauenfußball zu professionalisieren um am organisierten europäischen Spielbetrieb teilnehmen zu können. Der positive Trend der Neunziger und 2000er Jahre sollte sich jedoch nicht fortsetzen. Heute befindet sich Russlands Frauenfußball geradezu in einem Auflösungszustand – im größten Land der Erde scheint die Entwicklung des Frauenfußballsports scheinbar rückwärts zu laufen. Während die Fußballerinnen in anderen europäischen Ländern zunehmend mehr Aufmerksamkeit bekommen, verschwinden Russlands Vereine plötzlich von der Bildfläche. Der russische Fußballverband ist in Alarmbereitschaft und versucht nun mit allen Mitteln, diesen Negativtrend aufzuhalten.

Das letzte prominente Beispiel ist der Topklub Ryazan VDV. Dieser ist mit vier Meistertiteln (1999, 2000, 2013 und 2018) und zwei Pokalerfolgen (1998, 2014) einer der erfolgreichsten Vereine im russischen Frauenfußball. Insgesamt nahm das Team aus der Hauptstadt des Regierungsbezirks Rjasan dreimal an der UEFA Women‘s Champions League teil. 2002 gelang gar der Sprung unter die besten acht Teams Europas. Erst der spätere Finalist Umeå IK konnte die Russinnen im Viertelfinale stoppen (4:1, 3:1). 2015 und 2019 schied Ryazan jeweils gegen den FC Rosengård im Sechzehntelfinale aus – und droht nun gar dauerhaft von der Fußballbühne zu verschwinden.

Nadezhda Koltakova, Torfrau Elvira Todua (Rossiyanka) und Conny Pohlers (VfL Wolfsburg) im Viertel-finale der UEFA Women‘s Champions League 2013.


Die Fußballerinnen von Zenit St. Petersburg (l.) und Ryazan VDV im Topspiel der russischen Liga 2020.


Am 12. Oktober 2020 wurde in den sozialen Netzwerken verkündet, dass der Verein am Ende der aktuellen Saison aufgelöst wird. Noch am Abend des gleichen Tages folgte die Begründung des Entschlusses in einer öffentlichen Pressekonferenz. So sei die Entscheidung über die Auflösung von Ryazan VDV nicht vom Verein selbst sondern vom Sportministerium der Regierung des Bezirks Ryazan getroffen worden. „Die Schließung wurde vom Sportministerium eingeleitet. Dem gingen eine Reihe von Analysepunkten voraus. Der erste betrifft die Finanzen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass der Verein gute Ergebnisse erzielt, aber wir müssen im Rahmen unserer Möglichkeiten leben. Jährlich werden 42 Millionen Rubel (ca. 460.000 Euro, Anm. d. Red.) für das Team ausgegeben. Mit demselben Geld können zwei Sport- und Erholungszentren in den Bezirken unterhalten werden“, begründet Wladislaw Frolow, Minister für Sport der Region Ryazan, die Entscheidung. Ein weiterer Grund sei die geringe Zahl der Fans, die den Spielen beiwohnen, so der Minister. Daher sei man zu dem Entschluss gekommen, den Verein, der Russlands Frauenfußball zuletzt so erfolgreich vertrat, zum Ende der Saison im Dezember 2020 aufzulösen. Während die Verträge mit den Spielerinnen mit Saisonabschluss enden, sollen die Mitarbeiter weiterhin in Ryazan arbeiten. So soll die Jugendmannschaft des Vereins auf der Basis einer Kindersportschule fortbestehen und weiterhin an Turnieren teilnehmen.

Für den russischen Fußballverband, der sich zuletzt noch stärker der Entwicklung des Frauenfußballs widmete, ist das drohende Aus seines Aushängeschildes eine mittlere Katastrophe. Laut des offiziellen Instagram Accounts der russischen Super League will der Verband alle Anstrengungen unternehmen, den Fortbestand von Ryazan VDV zu retten. Man wolle sich mit der Regierung in Ryazan an einen Tisch setzen um die Auflösung abzuwenden.

Der Fall Ryazan ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie es um den russischen Frauenfußball steht – und er ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren gab es immer wieder überraschende Auflösungen russischer Erstligisten. So wurde der FK Zorkiy Krasnogorsk aus finanziellen Gründen aufgelöst und auch der 2003 gegründete mehrfache Champions League-Teilnehmer WFC Rossiyanka verschwand von der Bildfläche. Und als wäre die nationale Misere des russischen Frauenfußballs nicht genug, ereilte dem russischen Sport auch international die Höchststrafe. Das Exekutivkomitee der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) verhängte im Rahmen des weitreichenden Dopingskandals bereits vor einem Jahr harte Sanktionen gegen Russland. So wurde der russischeSport von sämtlichen Großveranstaltungen ausgeschlossen. Das WADA-Exekutivkomitee bestätigte die Empfehlung der unabhängigen Prüf-Kommission CRC und suspendierte die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA bis 2023. Athleten des Landes dürfen in diesem Zeitraum nicht unter der russischen Fahne, sondern nur als neutraleSportler, die nicht in den Staatsdoping-Skandal verwickelt gewesen sind, starten. Dies gilt für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2021 in Tokio und 2022 in Peking, die Olympischen Jugendspiele und Weltmeisterschaften von Sportarten, die den WADA-Code unterschrieben haben, sowie sogenannten „Major Sport Events“. Dazu zählen auch die Fußball-WM 2022 und die Frauenfußball-WM 2023. Da Russlands Frauenfußball eh ein Schattendasein fristet, dürfte letzteres Event kaum Schockzustände im Land hervorrufen. Die drohende Absage und Teilnahme an der Eishockey-WM 2023, die planmäßig in St. Petersburg ausgetragen werden sollte, dürfte Russland schon deutlich härter treffen.

Marcel Hache, Dittmar Dahlmann, Anke Hilbrenner, Britta Lenz.


FOTOS: IMAGO, RFS/MIKHAIL SHAPAEV