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Verbrauchserfassung: Ohne Befund und dennoch mangelhaft


IKZ Haustechnik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 24.05.2019

Rollensprünge bei Wasserzählern können zu unberechtigten Regressforderungen gegenüber Verbrauchern führen. Es geht mitunter um viel Geld – die Versorger hüllen sich gern in Schweigen


Neu ist das Thema nicht, aber nach wie vor hochaktuell: das Phänomen der Rollensprünge durch defekte Messeinsätze bei Wasserzählern. Bereits 2015 hatten wir erstmalig darüber berichtet. Seither erreichen uns regelmäßig Anfragen von betroffenen Verbrauchern und interessierten Fachhandwerkern. Wir sprachen mit Dipl.-Ing. Georg Hofmann aus Leipzig über aktuelle Fälle, die Schwierigkeit des Nachweises, Gerichtsentscheide und ...

Artikelbild für den Artikel "Verbrauchserfassung: Ohne Befund und dennoch mangelhaft" aus der Ausgabe 10/2019 von IKZ Haustechnik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: IKZ Haustechnik, Ausgabe 10/2019

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... Möglichkeiten der Prävention. Der Sachverständige gilt als Experte in diesem Fachgebiet.

Zählerexperte Georg Hofmann, hier bei der Begutachtung von Komponenten eines Zählers.


IKZ-HAUSTECHNIK: Abgesehen von Anfragen betroffener Verbraucher, die uns weiterhin regelmäßig erreichen, scheint es in der Tagespresse ruhig geworden zu sein um das Thema Rollensprünge. Fehlt das Interesse der Medien, gibt es keine Probleme mehr oder werden sie eher durch Vergleiche gelöst?
Georg Hofmann: In der Tat ist öffentlich vermeintlich Ruhe eingekehrt. Hinter den Kulissen aber lebt das Thema weiter. Ich arbeite aktuell an neun Fällen, die noch nicht abgeschlossen sind, davon sind fünf akut. Und ja, es wird alles unternommen, um Gerichtsurteile zulasten von Wasserversorgern zu vermeiden. In sieben Fällen wurden infolge meiner Mitwirkung außergerichtliche Einigungen erzielt. Dabei wurden von Wasserversorgern auf Forderungen von insgesamt über 100 000 Euro verzichtet, obwohl die Wasserzähler die Befundprüfungen bestanden hatten. Darunter ist nur ein einziger Fall, bei dem der Wasserversorger ausnahmsweise keine Befundprüfung verlangte und den Mehrverbrauch als unplausibel dem Kunden nicht in Rechnung stellte.

IKZ-HAUSTECHNIK: Können Sie einige aktuelle Schadensfälle benennen?
Georg Hofmann: In zwei aktuellen Fällen geht es um Forderungen der Wasserversorger in Höhe von 30 000 und 32 000 Euro. Die 32 000 Euro wurden dem Kunden von dessen Konto abgebucht. Bedauerlicherweise wurde das zu spät bemerkt. Beide Fälle werden anwaltlich bearbeitet und haben die Gemeinsamkeit, dass die Zählerstände jahrelang nicht abgelesen, sondern turnusmäßig geschätzt wurden. Es bestehen daher berechtigte Zweifel, ob die Wasserzähler beim Zählerstand Null eingebaut wurden. In einem anderen Fall bin ich überzeugt, dass 1000 m³ Trinkwasser vom Wasserzähler zwar angezeigt, aber nicht geliefert wurden. Ich habe mich Vor-Ort in einem Mehrfamilienhaus mit 14 Wohnungen, alle mit Unterzählern ausgestattet, davon überzeugt. Der Wasserzähler hat die Befundprüfung bei der staatlich anerkannten Prüfstelle des Wasserversorgers, man könnte auch sagen erfahrungsgemäß, bestanden. Der Wasserzähler enthält einen Messeinsatz eines Herstellers, der in der Vergangenheit mehrmals störanfällige Bauteile geliefert hatte. Die Hinweise auf exakt 1000 m³, die lückenlose Verbrauchserfassung durch Unterzähler sowie der wahrscheinlich störanfällige Mess einsatz bleiben unberücksichtigt.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten in dem Fall?
Georg Hofmann: Erfolgsaussichten im Streitfall vor Gericht kann ich nicht bewerten. Ob meine fachlichen Stellungnahmen berücksichtigt werden, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis. Gerade erst habe ich erfahren, dass die Eingabe eines geschädigten Verbrauchers vor einem Petitionssauschuss des Bayrischen Landtags keinen Erfolg hatte. Die Rechtslage wäre eindeutig. Damit wird implizit eine 100%ige Zuverlässigkeit eines Messgerätes und dessen Überprüfung vorausgesetzt, was praktischen Erfahrungen widerspricht!

IKZ-HAUSTECHNIK: Wer sich noch nicht damit befasst hat, wird kaum wissen, was genau bei einem Rollensprung passiert. Erläutern Sie bitte den Sachverhalt.
Georg Hofmann: Ein Rollensprung ist einfach ausgedrückt eine Funktionsstörung im Schaltgetriebe des Zählwerkes. Dabei wird beim Drehen der ersten Zahlenrolle eine beliebige andere Zahlenrolle durch Reibungskräft e der Drehachse, die mit der ersten sich am schnellsten drehenden Zahlenrolle fest verbunden ist, unzulässiger Weise mitgedreht. Das passiert, wenn ihre bestimmungsgemäße Blockierung gestört ist, z. B. durch Federwirkungen von eingeschlossenen Luftblasen bei Druckschwankungen im Wassernetz in Verbindung mit übermäßigem Axialspiel der Zahlenrollen. Auch defekte Bauteile im Zählwerk können Rollensprünge auslösen.


Die messtechnische Prüfung wird nie bestritten. Das Problem ist die innere Beschaff enheitsprüfung und die Funktionskontrolle des Rollenzählwerkes unter Umgebungsbedingungen…


IKZ-HAUSTECHNIK: Sind alle Arten von Zählern betroff en, also beispielsweise auch moderne Ultraschallzähler?
Georg Hofmann: Neben Flügelradzählern der Bauart Nassläufer, können in extrem seltenen Fällen vermutlich auch Trockenläufer wie z. B. Ringkolbenzähler oder Stromzähler betroff en sein. Diesen Schluss lässt ein BGH-Urteil (BGH VIII ZR 148 17) zugunsten eines Verbrauchers zu. Der betroff ene Stromzähler hatte zuvor die Befundprüfung bei einer staatlich anerkannten Prüfstelle bestanden. Bei Ultraschall-Zählern können Funktionsstörungen vergleichbar mit denen an mechanischen Rollenzählwerken nicht auft reten. Allerdings gibt es keine Langzeiterfahrungen und über die Zuverlässigkeiten bestehen bei Fachleuten unterschiedliche Auff assungen. Ultraschall-Zähler haben darüber hinaus eine Eigenschaft, die sich in einem konkreten Fall zugunsten einer Verbraucherin auswirkte.

IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Eigenschaft meinen Sie? Könnten Sie das näher erläutern?
Georg Hofmann: Ultraschall-Zähler können Verbrauchswerte für jeden einzelnen Tag über einen längeren Zeitraum abrufb ar speichern. In einem konkreten Fall bezweifelte eine Kundin, dass in ihrem Einfamilienhaus ein Mehrverbrauch aufgetreten sein könnte. Der Ultraschall-Zähler war in einem Schacht in Straßennähe angeordnet, in der umfangreiche Straßenbauarbeiten durchgeführt wurden. Die Kundin forderte die Datenaufzeichnungen vom Versorger an. Die punktuellen Mehrverbrauchswerte in einem begrenzten Zeitabschnitt ließen sich eindeutig Erschütterungen infolge von Straßenbauarbeiten zuordnen. Der Versorger ließ daraufh in den Ultraschall-Zähler beim Hersteller überprüfen, der keine Defekte feststellen konnte. Trotzdem verzichtete der Wasserversorger anschließend auf die Berechnung des Mehrverbrauchs.

Ultraschallzähler können Verbrauchswerte für jeden einzelnen Tag über einen längeren Zeitraum abrufbar speichern. Das kann von Vorteil sein. In diesem Beispiel ließen sich die punktuellen Mehrverbrauchswerte eindeutig Erschütterungen durch Bauarbeiten zuordnen. Der Zähler war in einem Schacht in Straßennähe angeordnet, in der umfangreiche Straßenbauarbeiten durchgeführt wurden.


IKZ-HAUSTECHNIK: Welche Anbieter sind von der Rollensprung-Problematik betroffen?
Georg Hofmann: Es wäre unfair, einzelne Hersteller an den Pranger zu stellen. Da die für den Rollensprung ursächlichen Messeinsätze, d. h. die Innereien des Wasserzählers, vielfach von den Herstellern zugekauft werden, sind ohnehin mehr oder weniger alle Anbieter betroffen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Sie sagen, Rollensprünge lassen sich nicht sicher nachweisen. Warum soll das nicht möglich sein?
Georg Hofmann: Nun, um einen angezweifelten Mehrverbrauch durch einen vermuteten Defekt des Messgerätes festzustellen, gibt es die gesetzlich vorgesehene Befundprüfung bei staatlich anerkannten Prüfstellen. Sie besteht aus einer messtechnischen Prüfung und den visuellen Feststellungen der äußeren und inneren Beschaffenheit. Die messtechnische Prüfung wird nie bestritten. Das Problem ist die innere Beschaffenheitsprüfung und die Funktionskontrolle des Rollenzählwerkes unter Umgebungsbedingungen, die nicht den Betriebsbedingungen am Einsatzort entsprechen. Nach meinen Erfahrungen aufgrund einer Vielzahl von unbefriedigenden Ergebnissen zulasten von Verbrauchern sind Rollensprünge im Prüflabor bisher nicht reproduzierbar. Hinzu kommt der Umstand, dass Wasserzähler nach einem Rollensprung im weiteren Verlauf wieder korrekt messen und zählen. Wie kann unter derartigen Umständen ein irgendwann aufgetretener Rollensprung im Prüflabor überzeugend feststellbar sein oder ausgeschlossen werden?

IKZ-HAUSTECHNIK: Schauen wir auf die vergangenen zwei Jahre: Wie haben die Gerichte bei diesen zugegebenermaßen nicht einfachen Streitfällen entschieden?
Georg Hofmann: Es sind mir keine Urteile zugunsten von Verbrauchern bekannt. Allerdings waren in den mir bekannten Fällen keine kompetenten Sachverständigen vom Gericht zurate gezogen und gehört worden.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie sind die grundsätzlichen Prognosen betroffener Verbraucher bei einem Streitfall?
Georg Hofmann: Wenn erst einmal der Wasserzähler ausgebaut und einer Befundprüfung zugeführt wurde und der Zähler diese bestanden hat, ist der Verbraucher zunächst in einer fast hoffnungslosen Situation. Das hat sich fast in allen mir bekannten Fällen bestätigt. Ohne anwaltliche Hilfe in Verbindung mit einer fachlichen Beratung durch einen kompetenten Sachverständigen muss der Mehrverbrauch bezahlt werden, auch wenn die Forderungen Existenz bedrohend sind. Die entstehenden finanziellen Mehrbelastungen durch einen Rechtstreit sind für die Betroffenen oft abschreckend. Je nach Schadenshöhe muss das Risiko sorgfältig abgewogen werden.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie sollten sich Betroffene verhalten, wenn sie mit einer überhöhten Rechnung vom Wasserversorger konfrontiert werden?
Georg Hofmann: Auf keinen Fall dem sofortigen Ausbau des Wasserzählers zustimmen. Der Kontakt zu einer Eichbehörde ist zu empfehlen. Es kann gemäß der Prüfvorschrift TR-W 19 evtl. eine Befundprüfung vor Ort durchgeführt werden. Es sollte unter allen Umständen plausibel und zweifelsfrei geklärt werden, wohin das angezeigte Trinkwasser-Volumen geflossen sein kann.

IKZ-HAUSTECHNIK: Abschließende Frage: Kann man gezielt vorbeugen?
Georg Hofmann: Vorbeugen kann man durch regelmäßige Kontrolle und eine Aufzeichnung der Zählerstände. Wenn Erschütterungen in der Umgebung des Wasserzählers auftreten mit denen der Zähler belastet werden kann, dann müssen die Zählerstände vor und nach den Erschütterungen unbedingt notiert werden. Bei festgestelltem unerklärbarem Mehrverbrauch sofort den Wasserversorger informieren. Nach jedem Einbau eines Wasserzählers sollte der Anfangszählerstand durch ein Foto dokumentiert werden.

Bilder: Hofmann