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VERBRECHEN AUSSERHALB DER ORDNUNG


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 24.07.2019

Linda Castillo hat mit der Serie um Chief Kate Burkholder die religiöse Kultur der Amischen, die das Landleben von vor 100 Jahren konservieren, vielen Menschen nähergebracht. Mit Licht-und Schattenseiten, profunden Kenntnissen und sorgfältiger Recherche, obwohl es zunächst nur ein Zufall war, dass sie eine so große Rolle in ihren Büchern spielt.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 5/2019

Sie schreiben über Verbrechen, die mit Amischen zu tun haben, sind aber selbst keine Amische. Warum?
Ich wurde in Ohio geboren, ungefähr drei Meilen westlich der amischen Gegenden und war mir der Anwesenheit der Amischen immer bewusst. Zunächst schrieb ich ...

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Sie schreiben über Verbrechen, die mit Amischen zu tun haben, sind aber selbst keine Amische. Warum?
Ich wurde in Ohio geboren, ungefähr drei Meilen westlich der amischen Gegenden und war mir der Anwesenheit der Amischen immer bewusst. Zunächst schrieb ich romantische Spannung, bis ich 2005 beschloss, einen richtigen Thriller zu schreiben. Ich hatte eine finstere, wendungsreiche Plot-Idee, aber mir war klar, es braucht noch etwas wirklich Besonderes. Eine zufällige Fahrt mit meiner Schwester und meinem Schwager zu seiner Familie hat alles verändert. Mein Schwager ist in einem 200 Jahre alten Farmhaus mitten im amischen Land geboren. Ich stand im Vorgarten der Farm, es war minus elf Grad mit 25 Zentimetern Schnee, da hörte ich das Klappern von beschlagenen Hufen auf Asphalt. Als ich aufblickte, sah ich ein Pferdegespann die Straße herunterkommen. Der Fahrer war ein Amischer, schwarz gekleidet mit einem flachkrempigen Hut. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich gefunden hatte, was meinem Thriller noch fehlte. Das Buch spielte in Ohios amischen Gegenden und das funktionierte sehr gut. Die Amischen haben eine faszinierende Kultur und ich mag den Kontrast des Bukolischen mit dem Bösen.

Wenn Sie Romantik schrieben, warum dann ein Thriller?
Meine Geschichten hatten ohnehin die Tendenz, ein wenig düster zu werden. Ich schrieb damals für zwei verschiedene Verlage und hatte auch zwei Lektoren. Von beiden bekam ich das gleiche Feedback: „Das ist eine romantische Geschichte, du musst dich mehr auf die Liebesbeziehung konzentrieren.“ Sie hatten absolut recht. Und das hat mir gezeigt, dass ich im falschen Genre schreibe.

Wie haben Sie dann angefangen, zu den Amischen zu recherchieren?
Es gibt einige sehr gute Bücher über Amische, zum Beispiel John Hostetlers „Amish Society“. Ich fand heraus, dass die lokalen Bibliotheken in den amischen Gegenden ausgesprochen hilfreich sind. Ich bin jeden Sommer mit dem neu publizierten Buch dorthin gefahren und schloss immer engere Freundschaften mit den Bibliothekaren. Ich besuchte einige amische Häuser und wurde zu Essen, Gesprächen und Farmführungen eingeladen. Ein amischer Gentleman hat mich gefragt, ob ich seinen Pferde-Buggy fahren möchte und natürlich habe ich ja gesagt. Ich muss gegrinst haben wie blöd, es war eine erhellende Erfahrung! Aber auch den Ablauf der Polizeiermittlungen wollte ich korrekt abbilden und habe mich für zwei Bürger-Kurse an Polizeischulen eingeschrieben. Ich absolvierte das komplette 20-Wochen-Training, das zusätzlich zu Unterrichtsstunden auch das Fahren von Streifenwagen und Verhalten bei Schusswechseln beinhaltete. Die Officer, die ich dadurch kennenlernte, waren auch gerne bereit, meine Fragen zu beantworten.

War es nicht seltsam, über die amische Kultur zu schreiben, während man gleichzeitig weiß, wie befremdlich ihre Lebensart auf viele Leser wirken muss?
Das ist eine sehr gute Frage und wichtig auch für den Verlauf der Serie. Ich war von vornherein entschlossen, die Amischen wahrheitsgemäß und ehrlich darzustellen, während ich respektvoll mit ihrer Kultur und ihrer Ordnung dem Regelwerk umgehe. Das bedeutet auch, dass ich sie nicht immer in einem positiven Licht zeige. Sie sind Menschen wie wir alle, machen Fehler oder handeln manchmal falsch. Als Schriftsteller da authentisch zu bleiben, war mir wichtig.

Wie haben die amischen Gemeinschaften auf Ihre Bücher reagiert? Haben sie sie überhaupt wahrgenommen?
Ein amischer Mann kam zu meinem ersten öffentlichen Auftritt während einer Lesungsreise zum zweiten Buch. Hinterher sprachen wir und er sagte, das Buch habe ihn sehr gut unterhalten. Wir schreiben uns noch und ich sehe ihn und seine Familie gelegentlich in Ohio. Ich bekam aber auch einen Brief von einem amischen Mann aus Illinois, der gerade das dritte Buch gelesen hatte und der so empört war, dass er es verbrannt hat.

Lesen die Amischen sonst überhaupt populäre Literatur?
Ich habe mit meinen Freunden aus den Bibliotheken über das Thema gesprochen und viele Amische sind passionierte Leser. Es ist schwierig, den Geschmack zu generalisieren, aber mir wurde gesagt, dass die weibliche Stammkundschaft vor allem inspirierende Romantik vergnüglich findet. Es gibt keine Regel, die das Lesen oder bestimmte Lektüre verbietet.

Gibt es insgesamt einen zu romantischen Blick auf das Leben der Amischen?
Ich glaube, einige Menschen tendieren dazu. Die Schlichtheit ihres Lebens oder die Ruhe des Weitweg-von-allem-Lebensstils spricht viele Menschen an. Aber Amische leben in einem Glaubenssystem, das von der Geburt an verinnerlicht wird. Dieses Leben und die Religion sind gleichbedeutend. Die Rollen von Männern und Frauen sind klar definiert und traditionell. Das Leben wird mit vielen Stunden harter Arbeit gefüllt, was befriedigend ist und respektabel. Und nicht jeder würde das überhaupt durchhalten, ausschließlich Pferdekutschen zu benutzen und ohne Elektrizität zu leben.

Ich habe gelesen, immer mehr Amische nutzen modern Technologien für die Arbeit: Handys, Computer…
Amische Jugendliche werden mit einer Unmenge von Verlockungen der Moderne konfrontiert, vom Handy bis zum Computer, Autos oder Truck zu fahren. Weil die Amischen an die Erwachsenentaufe glauben, die etwa im Alter von 19 oder 20 vollzogen wird, schauen sie aber weg, wenn die Teenager Regeln brechen. Tatsächlich gehen die meisten Teens in den Jahren vor der Taufe durch eine Phase, die „Rumspringa“ genannt wird. Das ist die Zeit, in der sie Regeln brechen sollen, mit dem Leben in Freiheit experimentieren und Sachen machen, die ihnen nach der Taufe nicht mehr erlaubt sind. Der größere Teil, etwa 80 Prozent, bleiben dann auch Amische, wenn sie erwachsen sind. Und selbst wenn sie diese Lebensweise aufgeben, kommen sie häufig später zu ihren Familien zurück und versuchen ihr Bestes, sich doch noch anzupassen.

Sie leben ebenfalls auf einer Farm. Wie sieht Ihr tägliches Leben aus?
Etwas, das ich an den Amischen am meisten bewundere, ist ihre Arbeitsmoral. Es ist nicht einfach, Tiere zu halten, wenn man in langen kalten Wintern keinen elektrischen Enteiser für das Trinkwasser hat oder keinen Traktor für die Heuernte. Ich liebe Tiere und habe zwei Pferde und zwei Hunde. Wir haben ungefähr 32 Hektar Land und sind „Do-it-Yourselfers“, was bedeutet, dass wir gerne die Zäune instand halten, die Bäume schneiden, wenn nötig, und die Straße pflegen, die fast einen Kilometer lang ist. Und uns natürlich um die Tiere kümmern. Trotzdem verbringe ich die meiste Zeit in meinem Arbeitszimmer, arbeite an den Kate-Burkholder-Büchern oder recherchiere. Auf einer schönen kleinen Ranch zu leben, ist die beste Art, die Muse zu füttern und aufzutanken. Ich liebe es, im Freien zu sein, ziehe mir Gummistiefel und Handschuhe an, und tue, was auch immer getan werden muss.

Kate Burkholder ist auch ziemlich tough. Wie würden Sie sie beschreiben?
Sie ist faszinierend, macht mir Spaß und ist ein bisschen kompliziert. Was ich am liebsten an ihr mag, ist, dass sie nicht perfekt ist. Leser haben sie Fehler machen sehen. Anfangs hatte sie noch mehr Ecken und Kanten, doch als sie Tomasetti traf und es sich in ihrer Position als Polizeichefin eingerichtet hatte, konnte sie als Person, Polizistin und Partnerin eines teils ziemlich gebeutelten Mannes, mehr aufblühen. Was sie vor allem interessant macht, sind ihre amischen Wurzeln. Ich hole gerne aus ihr die Gefühle zu ihrem vorherigen amischen Leben hervor. Sie hat großen Respekt vor den Amischen und ihrer Kultur, aber da gibt es auch Regeln, denen sie sich nicht beugen kann. Als Teenagerin ist ihr etwas Grauenhaftes passiert und sie fühlte sich allein gelassen. Ihre Enttäuschung darüber begleitet sie ihr ganzes Leben und war der Grund, warum sie weggegangen ist. Jetzt hat sie täglich Umgang mit Amischen und ihr Verständnis für sie, der Kultur, der Religion und der Sprache, macht sie zu einer viel besseren Polizeichefin. Zumal der neue Fall ihre eigene Vergangenheit berührt.

Wie plotten Sie? Mit einem Plan oder mehr instinktiv?
Gewöhnlich beginne ich mit einer vagen Prämisse. Ein Verbrechen oder Ereignis, das den Impuls für die ganze Geschichte und ein größeres Geheimnis liefert. Dann schreibe ich eine Zusammenfassung, normalerweise rund fünf bis sechs Seiten, in der ich den Plot und die Charaktere mit ihren Motivationen umreiße. Von da an tauche ich in die Geschichte ein. Die spezifische Recherche mache ich, während ich schreibe, was manchmal etwas frustrierend ist, weil ich dann damit aufhören muss. Aber ist es auch erfrischend, weil ich genau zu der Geschichte recherchiere.

Haben Sie ein Wörterbuch für Pennsylvania Dutch?
Hab ich! Es ist eine sehr interessante Sprache. Manche bezeichnen sie als Hoch-Deutsch, aber eine deutsche Besucherin auf einer meiner Lesungen sagte, dass die Amischen sie verstünden, während sie große Schwierigkeiten habe, ihr „Deitsh“ zu verstehen.

Sind Ihre Bücher in Deutschland besonders erfolgreich?
Die Bücher haben sich tatsächlich in Deutschland sehr gut verkauft. Ich habe mich schon gefragt, ob Deutsche eine besondere Verbindung zu den europäischen Anabaptisten haben. Und ich möchte diese Gelegenheit nutzen, zu sagen, wie sehr ich mich über meine Leser in Deutschland freue und ihnen, und meinen Verlegern, danken, dass sie Kate Burkholder so populär gemacht haben. Das bedeutet mir viel!

LINDA CASTILLO: Brennendes Grab
Übersetzt von Helga Augustin Fischer TB, 352 Seiten, 10,99 Euro

Hörbuch
Gelesen von Tanja Geke Argon, 456 Min./6 CDs, 19,95 Euro

VERLOSUNG


BÜCHERmagazin verlost je fünf Bücher und Hörbücher „Brennendes Grab“ (Fischer TB/ Argon). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!


Foto: Linda Castillo © Pam Lary