Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

VEREIN HIRSCHMANN: QUALITÄT STATT QUANTITÄT


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 80/2018 vom 20.07.2018

Der Verein Hirschmann züchtet seit fast 125 Jahren Hannoversche Schweißhunde.Bernd Krewererläutert, was die Zucht, den Verein und den Hund so einzigartig macht.


Artikelbild für den Artikel "VEREIN HIRSCHMANN: QUALITÄT STATT QUANTITÄT" aus der Ausgabe 80/2018 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Hannoverscher Schweißhund: nach erfolgreicher Nachsuche. Etwa 4.000 Sauen kamen im Jagdjahr 2016/17 durch diese Hunderasse zur Strecke, so die Statistik. Und die erfasst nur erschwerte Suchen.


FOTO: INGRID LAMOUR

In wenigen Monaten – im Jahr 2019 – feiert der Verein Hirschmann in Springe bei Hannover seinen 125. Geburtstag. Zwölf Männer, bekannte und weniger bekannte Jagdkynologen und gestandene Jäger, gründeten den Verein Hirschmann im Jahre ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von JÄGER. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 80/2018 von ROTWILDSYMPOSIUM: Reduktion – Ja, aber nicht um jeden Preis!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ROTWILDSYMPOSIUM: Reduktion – Ja, aber nicht um jeden Preis!
Titelbild der Ausgabe 80/2018 von BUNDESLÄNDER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BUNDESLÄNDER
Titelbild der Ausgabe 80/2018 von DIE FRAGE: Sollten invasive Tierarten ganzjährig bejagt werden dürfen?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE FRAGE: Sollten invasive Tierarten ganzjährig bejagt werden dürfen?
Titelbild der Ausgabe 80/2018 von WER MIT DEM WOLF RANZT – ISEGRIM IM WILDEN WESTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WER MIT DEM WOLF RANZT – ISEGRIM IM WILDEN WESTEN
Titelbild der Ausgabe 80/2018 von AUSLAND AKTUELL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUSLAND AKTUELL
Titelbild der Ausgabe 80/2018 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Vorheriger Artikel
JAGDRECHT: FOLGEN BEI FEHLABSCHÜSSEN (TEIL 1): IM NAMEN DES …
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel JAGENDE FRAUEN: Jägerinnen DER KLEINE UNTERSCHIED
aus dieser Ausgabe

... 1894 in Erfurt. 125 Jahre bemüht sich der Verein Hirschmann durch konsequente Zucht, die Leistungsfähigkeit des Hannoverschen Schweißhunds als unverzichtbaren Helfer im Sinne waidgerechter Hochwildjagd zu erhalten und stetig zu verbessern. Dass dies gelungen ist, ist insbesondere den Zuchtwarten des Vereins Hirschmann zu verdanken. Das größte Verdienst hat zweifellos Konrad Andreas, der das Hirschmann-Zuchtbuch von 1923 bis 1969, also 46 Jahre führte. Nach zwei Weltkriegen hat er die Reste der Rasse, von denen er Kenntnis erhielt, zusammengebracht und die Zucht wieder aufgebaut. Er hatte ein enormes kynologisches Wissen, ohne das ihm dieses Lebenswerk wohl kaum gelungen wäre. Eine glückliche Hand hatte der Verein Hirschmann auch bei der Wahl seiner beiden Nachfolger Karl Bergien und Wilhelm Puchmüller, die die Arbeit von Konrad Andreas in seinem Sinne fortsetzten. Insgesamt hat es in der 125-jährigen Hirschmann-Geschichte nur sechs Zuchtwarte gegeben (Karl Brand, Konrad Andreas, Karl Bergien, Wilhelm Puchmüller, Udo Peters und Winfried Wagner). Ein Verein kann alle paar Jahre seinen Vorsitzenden auswechseln, das hat keinen Einfluss auf die züchterische Entwicklung der betreuten Rasse. Der Zuchtwart aber braucht einen langen Zeitraum, um „seine“ Rasse erfolgreich betreuen zu können.

GENETISCHER FLASCHENHALS

Die gesamte Zucht des Vereins Hirschmann basiert auf dem Blut eines einzigen Rüden und dem von fünf Hündinnen. Diese ohnehin enge Zuchtbasis wurde noch schmaler, weil sich nach dem Ersten Weltkrieg die Notwendigkeit ergab, auf eine ebenso gute wie schöne Hündin stark einzuzüchten: „Isolde Hahnenklee“. Eine ähnliche Situation ergab sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Ohne eine ebenso intensive Inzucht auf die Hündin „Britta vom Iserforst“ wäre die gesamte Zucht des Hannoverschen Schweißhunds wahrscheinlich zusammengebrochen. Dass die Rasse „Hannoverscher Schweißhund“ trotz dieser beiden genetischen Flaschenhälse nach 1918 und nach 1945 nicht erodiert ist, spricht für eine genetisch, in der gesamten Rassenbreite fixierte, stabile Erbgesundheit. Bis heute wurden aus diesem Urstamm weit mehr als 3.000 Welpen im züchterischen Verantwortungsbereich des Vereins Hirschmann gezüchtet und in das Zuchtbuch eingetragen. Hinzurechnen muss man noch eine mindestens ebenso große Zahl an Hannoverschen Schweißhund-Welpen in den Zuchtbüchern der übrigen Zuchtvereine im Bereich des Internationalen Schweißhundverbands. 1930 wurde dieser in Leipzig gegründet, dem heute neben den Gründungsmitgliedern (die HS-Zuchtvereine aus Deutschland, Österreich, Ungarn und der Klub für Bayerische Gebirgsschweißhunde) viele jüngere Schweißhund-Zuchtvereine aus süd- und osteuropäischen Ländern angehören. Alle haben sich verpflichtet, streng nach den von den Gründungsmitgliedern erarbeiteten und erfolgreich praktizierten Regeln zu züchten.

DIE PRÜFUNGEN

Auf zwei Prüfungen muss (oder soll) sich der Hannoversche Schweißhund im Verein Hirschmann für die Zucht empfehlen und qualifizieren: Auf der Vorprüfung (heute „Schweißhundeprüfung“) soll der junge Hannoversche Schweißhund den Gebrauch seiner Nase, seine Fähigkeit zur Eigenkorrektur, das Verweisen von im Fährtenverlauf gefundener Pirschzeichen und seine Wesensstabilität zeigen. Die Prüfungsfährte ist entweder eine ausreichend weit beobachtete gesunde Fährte eines einzeln gezogenen Stück Hochwilds oder eine mit dem Fährtenschuh getretene, schweißlose Fährte oder die Fährte einer zahmen Sau oder eines Stück Muffelwilds.

Barth-Heiseke, einer der wichtigsten Zuchtrüden in der Hirschmann-Geschichte.


REGELN DER ZUCHT

Die Zucht des Hannoverschen Schweißhunds basiert auf folgenden Pfeilern:
1. Gesundheit (insbesondere frei von Erbkrankheiten).
2. Intaktes Wesen (das es dem Hund erlaubt, auch nach außergewöhnlichen äußeren Einwirkungen wieder schnell in den Zustand innerer Ausgeglichenheit zurückzufinden).
3. Erfolgreich abgelegte Vorprüfung (heute „Schweißhundeprüfung“), Nachweis der mindestens sichtlauten Hetze. Der fährtenlaute Hund ist züchterisch zu bevorzugen.
4. Nachweis des druckvollen und ausreichend scharfen Stellens.
5. Ein mindestens mit „gut“ bewerteter Formwert gemäß dem bei der FCI hinterlegten Rassestandard.

„Recht, recht vorhin danach“, so die Aufforderung an seinen Hannoverschen Schweißhund, der Fährte zu folgen. Die Hirschmänner haben ihren eigenen Wortschatz.


„DIE HAUPTPRÜFUNGEN WERDEN FAST AUSNAHMSLOS AUF NATÜRLICHEN WUNDFÄHRTEN DURCHGEFÜHRT.“


Die Hauptprüfungen werden fast ausnahmslos im Anschluss an Bewegungsjagden, also (heute wie vor hundert Jahren) auf natürlichen Wundfährten durchgeführt. Krankschüsse sind bei solchen Bewegungsjagden ja nicht zu vermeiden – und wenn man diese dann für qualifizierende Prüfungen nutzt, dann dient das dem Tierschutz und der Jagdkultur gleichermaßen. Weil aber nur ein Bruchteil der Nachsuchen mit Hetze und Stellen endet (die meisten sind Totsuchen), ist der Zuchtwart für die Feststellung dieser für die Zuchtzulassung sehr wichtigen Eigenschaften des geprüften Hundes auf eine gutachterliche Bewertung durch kompetente Zeugen im jagdpraktischen Nachsucheneinsatz angewiesen.

RÜDEN AUS DEM SÜDEN

Noch ein paar Sätze zur Zucht des Hannoverschen Schweißhunds. Durch den Zweiten Weltkrieg und der Teilung Deutschlands war die gesamte in der DDR lebende Hannoversche Schweißhund-Population für den Verein Hirschmann verloren und züchterisch nicht nutzbar. Der Zuchtwart Konrad Andreas war auf eine hochgradige Inzucht angewiesen, wollte er überhaupt die Zucht aufrechterhalten. Zunächst war es die starke Einzüchtung auf Clito Hödickes Hündin „Britta vom Iserforst“, spatter dann auf deren Enkel „Barth-Heiseke“. Er hatte sogar offenbar keine Bedenken, Halbgeschwisterpaarungen zu veranlassen oder zu genehmigen. Unstrittig ist, dass eine enorm starke Einzüchtung auf den in Form und Leistung zweifellos großartigen „Barth-Heiseke“ stattfand und dass es schon bald für Andreas schwierig wurde, für die vielen Barth-Heiseke-Töchter blutsfremde Partner zu finden. Durch seine Vermittlung kamen aus Österreich zwei „V“-Rüden in den Zuchtbereich des Vereins Hirschmann: der hirschrote „Dietl vom Gesäuse“ und der dunkel-gestromte „Baldo vom Kraßtal“, mit denen intensiv gezüchtet wurde. Es gibt im Zuchtbereich des Vereins Hirschmann heute keinen Hannoverschen Schweißhund mehr, der nicht das Blut wenigstens eines dieser beiden Rüden führt. Nach dem Ende der DDR kamen auch die meisten der dort gezüchteten Hannoverschen Schweißhunde in den züchterischen Verantwortungsbereich des Vereins Hirschmann. Züchterische Granaten waren aber nicht darunter.

Hannoverscher Schweißhund: seine kräftige Statur, die kirschrote Decke, eine deutliche Maske und die faltige Stirn sprechen für ein hervorragendes Zuchtergebnis.


FOTOS: INGRID LAMOUR

Kam Konrad Andreas noch mit einer Zuchtordnung von wenigen Sätzen sehr gut zurecht, so haben wir heute ein auf drei DIN A4-Seiten eng beschriebenes züchterisches Regelwerk. Unsere Hannoverschen Schweißhunde sind dadurch weder besser noch schöner geworden. Aber es gibt auch keine Zuchtwarte mehr mit dem unfassbar großen genetischen Fachwissen eines Konrad Andreas. Und er hat den Züchtern ihren notwendigen Freiraum gelassen und nur eingegriffen, wenn er durch eine geplante Verbindung für die Rasse unkalkulierbare Risiken sah.

BEWEISE DER LEISTUNG

Als ich vor nahezu 60 Jahren dem Verein Hirschmann als Mitglied beitrat, war Rotwild das Nachsuchenwild Nummer 1. Die Sauen rangierten eindeutig und weit abgeschlagen auf Platz 2. Das hat sich bis heute sehr geändert. Im letzten abgerechneten Jagdjahr 2016/17 kamen unter erschwerten Umständen 900 Stücke Rotwild und rund 4.000 Sauen durch Hannoversche Schweißhunde zur Strecke. Von diesen knapp 5.000 erfolgreichen erschwerten Nachsuchen erforderten rund 2.260 eine Hetze (das sind 45 %). In etwa 2.130 Fällen brachten Hannoversche Schweißhunde nach vorherigem erfolglosem Einsatz anderer Jagdhunde die kranken Stücke doch noch zur Strecke (das sind immerhin auch etwa 43 %). Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass auch Vertreter anderer Jagdhundrassen sehr erfolgreich auf den Wundfährten kranken Schalenwilds eingesetzt werden. Die obigen Zahlen beweisen aber auch die Leistungsfähigkeit der Hannoverschen Schweißhunde im züchterischen Verantwortungsbereich des Vereins Hirschmann. Einerseits sind Sie damit ein wichtiger Bestandteil unserer Jagdkultur – und eines richtig verstandenen Tierschutzes andererseits.

FÜR ALLE OFFEN

Daraus erklärt sich auch die häufig missverstandene Philosophie im Verein Hirschmann, Welpen nur in Hände zu geben, von denen man erwarten kann, dass unsere Hannoverschen Schweißhunde dort gerecht abgeführt und auch in ihrem „Beruf “ eingesetzt werden. Das hat mit Arroganz und Überheblichkeit nichts zu tun – für die Couch oder den Beifahrersitz eines teuren Geländewagens sind unsere Hunde einfach zu schade. Das hat dazu geführt, dass sich Schwarzzüchter fanden, die die Wünsche solcher Jäger gerne bedienen. Heute bekommt auch der übergewichtige und kurzatmige Jäger einen Schweißhundwelpen, der überhaupt nicht beabsichtigt, sich einmal eine Schwarzdornhecke oder ein Rapsfeld von innen anzusehen oder einen steilen Hang zu erklimmen, wenn eine Wundfährte dort hinauf führt. Der Verein Hirschmann – ein elitärer Verein, ein jagdlicher Rotary-Club sozusagen? Ganz sicher nicht. Wer sich der gerechten Nachsuchenarbeit mit Haut und Haaren verschreiben will, der wird gerne in den Verein Hirschmann als Mitglied aufgenommen und bekommt auch einen Welpen. Solange wir jagen, werden Nachsuchen passieren. Und es sind nicht die schlechtesten Jäger, die zugeben, dass bei ihnen auch der Anblick der begehrten Trophäe den Puls hochtreibt und damit den Schuss negativ beeinflusst. Dann sitzt der Schuss schon einmal nicht dort, wo er sitzen sollte. Das ist nicht ehrenrührig, solange der Nachsuchenverursacher alles tut, um mit dem besten erreichbaren Hund seinen Fehler zu korrigieren.


FOTO: BERND KREWER