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VERFÜHRER vor dem Herrn


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 37/2021 vom 12.09.2021

Es ist ein einfaches Weltbild, das in den kurzen Internetvideos des islamistischen Predigers Ahmed Abul Baraa zum Ausdruck kommt. Vollkasko-Versicherung? Verboten! Wählen gehen? Verboten! Oft dockt der palästinensische Deutsch-Libanese an die Lebenswelt junger Leute an. Darf man rauchen? Sex haben? Und wie ist das mit der Gesellschaft überhaupt?

Allein auf dem Portal TikTok haben Abul Baraas Clips in den vergangenen Wochen mehrere Millionen Aufrufe gesammelt. Als Salafist will der radikale Muslim, der eigentlich Ahmad Armih heißt, die Lebensweise von Mohammed aus dem 7. ins 21. Jahrhundert übertragen. Ihn interessiert nicht, dass es auch in der islamischen Rechtstradition Interpretationen gibt, die nicht alle Gebote wortwörtlich auslegen.

Salafisten wie Abul Baraa teilen die Welt in Gut und Böse ein. In ihrer Weltsicht müssen Muslime die ...

Artikelbild für den Artikel "VERFÜHRER vor dem Herrn" aus der Ausgabe 37/2021 von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 37/2021

Aus Sicht von Abul Baraa ist klar: Vollkasko ist ?haram?, also verboten
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... allumfassenden Regeln des Islam rigide befolgen. „Abul Baraa propagiert ein einschüchterndes Islamverständnis, das dem Individuum einen legitimen Entscheidungsspielraum abspricht“, stellt Lino Klevesath vom Göttinger Institut für Demokratieforschung fest.

Zwar hat sich in der salafistischen Szene nach dem Zusammenbruch des Islamischen Staats eine gewisse Desillusionierung breitgemacht. Doch die vielen Videoaufrufe im Internet zeigen, welch großes Publikum die Akteure nach wie vor haben. „Wenn sich die salafistische Bewegung nach den Corona-Beschränkungen wieder besser vernetzen kann, ist durchaus ein Auftrieb möglich“, sagt Orhon. Dazu könne auch der Triumph der Taliban beitragen, befürchtet Schröter: „Die Kapitulation des Westens ist eine Steilvorlage für salafistische Prediger.“ Sie könnten die Entwicklung als Überlegenheit des Islam deuten, der selbst die amerikanischen Truppen aus dem Feld geräumt habe. „Viele junge Muslime, die auf der Gewinnerseite stehen wollen, spricht das an.“

Diesen wird von Abul Baraa auch ein zutiefst frauenfeindliches Weltbild vermittelt. Die „größte Pflicht“ einer Muslimin sei das Zufriedenstellen ihres Ehemannes, verbreitet er. Sex dürfe sie ihrem Mann nur unter bestimmten Bedingungen verwehren: „Ein Mann hat Rechte.“ Im kleineren Kreis spricht der Salafist zuweilen noch schärfer. Eine verdeckt gefilmte ZDF-Reportage zeigte ihn 2018 bei einer Predigt in der Berliner As-Sahaba-Moschee. „Die Ungläubigen sind unter unseren Füßen. Weil sie Islamhasser sind. Möge Allah sie vernichten. Allesamt“, sagte er dort.

Die Moschee im Stadtteil Wedding und seine Wohnung wurden kurz darauf durchsucht – wegen des Verdachts der Terrorismusfinanzierung. Abul Baraa soll einem dschihadistischen Kämpfer in Syrien Geld zur Verfügung gestellt haben. Dazu dauerten die Ermittlungen noch an, teilte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft auf Anfrage dieser Zeitung mit. Im April wurde indes in einer anderen Geldsache Anklage erhoben. Abul Baraa und seiner Ehefrau wird vorgeworfen, jeweils 9000 Euro Corona-Soforthilfe betrügerisch bezogen zu haben.

Wie sollte auf die salafistische Herausforderung reagiert werden? Radikalisierungsberater Orhon hält wenig vom Löschen der Videos. Er fordert „Gegennarrative“, die zeigten, dass es kein Widerspruch sei, als Muslim andere Lebensentwürfe zu akzeptieren. Orhon setzt dabei nicht auf den organisierten Islam: Der hänge hinterher, „was Angebote auf Deutsch sowie jugendgerechte Inhalte angeht“. Auch Politologe Klevesath bedauert, dass es die konservativ-orthodoxen Islamverbände und auch die wenigen organisierten Liberalen bislang verpasst hätten, anschlussfähig an die Jugendkultur zu sein. „Salafisten können das immer noch am besten.“