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Vergangenheit in FARBEN


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 21.07.2022
Artikelbild für den Artikel "Vergangenheit in FARBEN" aus der Ausgabe 4/2022 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 4/2022

1900

MULBERRY STREET, NEW YORK

Die Mulberry Street war die Lebensader von Little Italy. „Es wimmelt von Details und Gesichtern, die uns beobachten“, so Expertin Aude Goeminne. „Die Kinder wirken glücklich und fasziniert. Die Männer tragen fast alle Melone oder Borsalino. Als wäre man selbst auf der Straße neben italienischen Einwanderern, mit Banditen und Händlern aus ‚Der Pate‘.

Die Magie der Fotografie und Farbe offenbart, dass die Straßen noch schöner und lebendiger waren als im Film.“ Little Italy war berüchtigt als Arme-Leute-Viertel von New York, dem damals größten Warenumschlagplatz der USA.

1900

BADMINTON-PARTIE IN DEUTSCHLAND

Wer hat’s erfunden? Die Briten! Aus Indien brachten englische Offiziere ein Spiel namens Poona mit Schlägern und einem leichten Ball mit. Der neunte Duke von Beaufort war so begeistert, dass er es 1873 Gästen in Badminton House vorstellte. Der nach seinem Landsitz benannte ...

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... Sport mit einem Ball mit Federn wurde schnell populär. 1877 entwickelte der neu gegründete Bath Badminton Club das erste schriftliche Regelwerk, das sich vor allem durch das gespannte Netz vom indischen Vorläufer unterscheidet. Das Foto zeigt zwei deutsche adelige Paare bei einer standesgemäßen Partie in ihrem Schloss: Die Spielerin im Hintergrund trägt Hut.

1910

BRUCHLANDUNG, FRANKREICH

Kaum in der Luft, stürzte Jacques de Lesseps bei Issy-les-Moulineaux mit seinem Eindecker ab, der nach Plänen von Leonardo da Vinci gebaut worden war. Zu sehen sind Schaulustige, die dem Sohn des Gründers der Suezkanal-Gesellschaft zu Hilfe eilen. Luftfahrtpioniere begeisterten in jener Zeit die Massen: Ein Jahr zuvor hatte Louis Blériot als Erster im Flugzeug den Ärmelkanal von Calais bis Dover überquert – in 37 Minuten.

1931

RENNKREISEL AUS ITALIEN

Schnell eine Runde drehen? Bei dem motorisierten Monowheel, erfunden 1904, befanden sich Fahrer und Motor im Inneren des Rads. Das Bild zeigt eine in Norditalien entwickelte Renn-Variante, die es auf über 100 Stundenkilometer brachte. Der Entstehungsort des Fotos ist unbekannt.

1911

DIE TITANIC KURZ VOR DEM STAPELLAUF, IRLAND

Schon die gigantische Baustelle schlug sämtliche Rekorde. In der Werft Harland & Wolff in Belfast hatten 3000 irische Arbeiter das weltweit größte Baudock für ein Schiff errichtet. Die Titanic sollte neue Maßstäbe setzen bei Größe, Service, Sicherheit und Komfort. Sie war für den Liniendienst auf der Transatlantikroute vorgesehen, die wegen der zahlreichen Auswanderer boomte. Auftraggeber war die britische Reederei White Star Line.

Zum Stapellauf am 31. Mai 1911 kamen 100.000 Schaulustige. Das Schiff glitt in 62 Sekunden über eine Rampe ins Wasser.

Erst danach wurde die luxuriöse Innenausstattung fertiggestellt. Im April 1912 nahm die Jungfernfahrt der angeblich unsinkbaren Titanic für 1500 Passagiere dann ein tragisches Ende – und erschütterte den Fortschrittsglauben der Menschen.

1918

MASKENPFLICHT, USA

Das Coronavirus hat uns kalt erwischt, die Maskenpflicht erschien als neuer wirkungsvoller Schutz. Doch schon vor über 100 Jahren gab es eine Pflicht zur Bedeckung von Mund und Nase. 1918/19 forderte die Spanische Grippe weltweit 20 bis 50 Millionen Todesopfer. Die Epidemie trug ihren Namen zu Unrecht, da sie ursprünglich in den USA ausbrach.

Viele Staaten verheimlichten die Spanische Grippe, um die durch den Ersten Weltkrieg erschöpfte Bevölkerung nicht weiter zu entmutigen. Das kriegsneutrale Spanien veröffentlichte als einziges Land Zahlen zur Pandemie. Nach einer Virusmutation gab es dann in den USA einen so heftigen Ausbruch, dass die Amerikaner zu drastischen Mitteln griffen. Das Foto zeigt, wie ein Straßenbahnfahrer in Seattle, im Staat Washington im Westen, einen Fahrgast ohne Maske abweist.

1905

FRAU AUF EINEM MOTORRAD, DEUTSCHLAND

Schick und schnell: Diese Berlinerin war und ist ein Hingucker – mit ihrem eng anliegenden Lederanzug mit Kapuze, der pilzförmigen Kappe und der sportiven Schutzbrille. Motorräder waren damals der Elite vorbehalten, für die Eleganz obligatorisch war. Zwei Franzosen, die Gebrüder Werner, hatten das Motocyclette, ein motorisiertes Fahrrad, 1897 zum Patent angemeldet. Es schaffte mit etwa einem PS 35 Stundenkilometer.

1925

KALTES KLASSENZIMMER, USA

Viele Schüler dürften bei diesem Bild nach zwei Corona-Wintern innerlich vor Kälte schlottern. Tatsächlich war das Durchlüften des Klassenzimmers Teil eines Programms, das der Gesundheitskommissar von New York ins Leben gerufen hatte. Seiner Überzeugung nach war Frischluft gut für die Gesundheit der Kinder. Außerdem setzte er auf gesunde Ernährung, Schlaf und viel Bewegung.

193 6

MERCURY-DAMPFZUG, USA

Liebe Deutsche Bahn, bitte hier genau hinschauen und sich inspirieren lassen, Nachahmen ausdrücklich erwünscht:

Am 15. Juli 1936 wurde der stromlinienförmige Mercury in den USA eingeweiht.

Der Zug verkehrte zwischen Cleveland und Detroit im Mittleren Westen. Der von Henry Dreyfuss entworfene Dampfzug war ein Riesenerfolg, der es in sich hatte.

Der renommierte Industriedesigner hatte das ultramoderne Interieur dem Ambiente eines privaten Clubs nachempfunden, mit gedämpfter, vornehmer Atmosphäre. Es gab eine Lounge, einen Raucher-Salon, einen Speisewagen mit bequemen Sofas und Sessel in den Abteilen. Die Werbung pries das Gefährt als „Zug der Zukunft“.

1938

PICKNICK AUF DER PYRAMIDE, ÄGYPTEN

Heute unter Strafe verboten, damals ein gutes Geschäft: Zu sehen sind Touristen, die sich auf der 139 Meter hohen Cheops-Pyramide Tee servieren lassen, sich sonnen und den Blick von einem der sieben Weltwunder der Antike genießen.

1918

ZWEI EISTRÄGERINNEN, USA

Seit der Mensch Vorräte anlegt, will er Lebensmittel kühlen. Unsere Vorfahren suchten natürliche Kühlstellen wie Höhlen, Nischen oder Gewässer, bauten später Eiskeller oder Eishäuser zur Lagerung von Eis.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts nutzte ein großer Teil der Wirtschaft Natureis zur Kühlung. Dafür holte man Tausende Tonnen Eis aus zugefrorenen Seen und Flüssen. Die größten Eisexporteure waren die USA und Norwegen, die das Gefrorene sogar über die Meere verschifften. Ab den 1910er-Jahren setzten sich mechanische Kühlsysteme, die mit Kühlmittel und Kompressor arbeiteten, langsam durch. Doch dann beanspruchte im Ersten Weltkrieg die Rüstungsproduktion dieselben Materialien wie die Kühlindustrie.

Deshalb erlebte Natureis ein kurzes Comeback. In dieser Zeit des Mangels entstand das Foto mit zwei Eisträgerinnen in New York. Kurz nach Kriegsende wurden in den USA die ersten Kühlschränke an Privatleute verkauft, zunächst Luxusgut. In den 1930ern wurden Kühlschränke erschwinglich – und Standard.

Die Sonne lacht, doch die Lage ist ernst. Polizist Bill Norton zückt sein Maßband und geht vor zwei leicht bekleideten Damen auf die Knie. Er ist nicht etwa in einem Amüsierviertel unterwegs. Der Ordnungshüter patrouilliert am Strand von Tidal Basin, einem Stausee im Westen Washingtons. Sein Job: Baywatch für Beine. Der Sittenwächter prüft 1922 von Amts wegen, ob die Kleidung der Frauen auch züchtig ist. Der Beachcop für Badeanzüge, rechts oben bei der Arbeit zu sehen, nahm es vor 100 Jahren genau – und selbst Maß.

Sein Chef, Oberst Sherrell, hatte für den örtlichen Badebetrieb verfügt, dass zwischen Knie und unterem Ende des Badekleids nicht mehr als sechs Zoll, also gut 15 Zentimeter, liegen durften. Eine Bleistiftlänge. Ähnliche Regeln gab es im prüden Amerika in den 1920er-Jahren in vielen Bädern. Wer 16 Zentimeter oder mehr Oberschenkel zeigte, konnte des Platzes verwiesen, zur Verhüllung verdonnert oder abgeführt werden. Was zuweilen auch geschah. Was wir heute als kurios belächeln, ist in Wahrheit ein interessantes Zeitdokument. Die Momentaufnahme offenbart viel über die Moralvorstellungen, die Rolle der Frau und die Staatsmacht jener Zeit. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau war damals so weit entfernt wie die erste Landung auf dem Mond, die dann viel eher Wirklichkeit werden sollte.

1940

BIBLIOTHEK NACH EINER BOMBENNACHT, ENGLAND

Drei korrekt gekleidete Männer mit Hüten stehen an den Regalen des Holland House im Londoner Bezirk Kensington. Die Bücher sind ordentlich aufgereiht, die Männer scheinbar ungerührt vertieft in die Betrachtung der Buchrücken, einer greift einen Band heraus, einer liest. Dabei herrscht um sie herum Chaos. Das Dach ist weg, Balken sind herabgestürzt, der Boden liegt voller Trümmer. 22 deutsche Brandbomben hatten den Stadtpalast aus dem 17. Jahrhundert im September 1940 fast vollständig zerstört. Nur die kostbare Bibliothek und Teile des Ostflügels überstanden den Feuersturm. Hier befanden sich Werke von unschätzbarem Wert, etwa der Boxer Codex aus dem 16. Jahrhundert mit Illustrationen aus Asien. Das Foto wurde in vielen angelsächsischen Zeitungen gedruckt – zur Hebung der Moral.

Farbe bringt Emotion

Das Strand-Foto und die anderen Aufnahmen auf diesen Seiten entstanden zwischen 1838 und 1945, der Ära der Schwarz-Weiß-Fotografie. Aus jener Zeit existieren normalerweise Bilder in Graustufen, selten Farbfotos oder per Hand kolorierte Aufnahmen, die dann oft künstlich aussehen. Auch wenn die Entwicklung der Farbfotografie bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, brauchte es noch lange, bis sie sich f ür Normalverbraucher und bei Profi-Fotografen durchsetzte. Der erste Dreischichtenfarbfilm wurde 1935 von Kodak vorgestellt und ein Jahr später von Agfa auf den Markt gebracht. Bis es aber in den 1970ern mit Pocketkameras massenhaft „Ritsch-Ratsch-Klick“ machte, vergingen weitere Jahrzehnte.

Jetzt versammelt der opulente Bildband „100 Jahre Leben in Farbe“ 250 nachträglich kolorierte Fotos. Die subtil eingesetzte Farbe rückt die Geschichte in ein neues Licht, macht das sorgfältig betextete und strukturierte Sachbuch bunt wie das Leben. „Die Kolorierung beseitigt die Barriere, die uns unbewusst von der Vergangenheit trennt“, sagt Autorin Aude Goeminne. Das Buch ist das Herzensprojekt der französischen Lehrerin für Geschichts- und Geopolitik.

Ihre erhellenden Texte erklären Hintergründe, soziale Zusammenhänge, die Arbeit der Fotografen und ordnen die Bilder in den Zeitkontext ein. Was bringt die Kolorierung nach so langer Zeit? „Die Leser tauchen ohne mentale Bremse direkter in die Geschichte ein“, so Goeminne. „Sie können das Bild besser verstehen, das Wesentliche erfassen und Emotionen besser spüren. So erreichen wir auch die jüngere Generation, die Schwarz-Weiß sonst oft abschreckt.“

BUCHTIPP

„100 Jahre Leben in Farbe“, authentisch kolorierte historische Fotos. Aude Goeminne, Frederking und Thaler, 320 Seiten, 39,99 Euro

Das Einfärben geschieht am Computer. Der langwierige Prozess erfordert Sachkenntnis, Geduld und Fingerspitzengefühl. Interessant: „Um ein Foto gut zu kolorieren, ist die eigentliche Farbe zunächst gar nicht so wichtig“, erklärt Goeminne. „Man muss zuerst wissen, welche Beschaffenheit, welche Oberflächenstruktur das Bildelement hat, das eingefärbt werden soll.“ Ein zarter Seidenstoff muss anders behandelt werden als rauer Beton. „Zuerst bestimmen Sie das Material, dann färben Sie es in der richtigen Farbe in mehreren Schichten – ein wenig wie bei einem Gemälde.“

Die Zeitreise umfasst Themen wie Arbeit, Alltag, Kindheit, Schule, Sport, Städte, Erotik, Kunst, Mode, Freizeit, aber auch erschütternde Szenen von Kriegen und anderen Katastrophen. So stammt das Bild der zerstörten Bibliothek oben aus dem Zweiten Weltkrieg.

Realität schlägt Fiktion

Eines der Lieblingsbilder von Aude Goeminne eröffnet diesen Artikel, es ist das Gewimmel auf der Mulberry Street in Little Italy, New York, im Jahr 1900. Es erinnert sie an das Mafia-Epos „Der Pate“: „Das ist mein Lieblingsfilm. Aber die Realität übersteigt bei Weitem die Fiktion.

Es ist sehr schön, all dieses Leben zu sehen, das wir vergessen haben, weil die Straßen heute im Vergleich dazu extrem leer erscheinen.“ Doch die nachträgliche Bearbeitung gelingt nicht immer. „Manchmal war es unmöglich, die wahre Farbe eines Gebäudes, eines Kleides oder eines Hutes zu erkennen. Also mussten wir Entscheidungen treffen“, erklärt Goeminne. „Einige Historiker betrachten dies als Verrat an der Wahrheit der Geschichte. Natürlich respektiere ich ihre Position, aber wir dachten, der Nutzen würde überwiegen.“

1922

BADEANZUG-KONTROLLEUR, USA

Ein Polizist legt Hand an: Heute undenkbar, aber in den 1920ern ließen sich Badenixen von Sittenwächtern anfassen und vermessen. Die Ordnungsmacht verstand damals keinen Spaß, hier ein Bild aus Washington D.C. Wenn der Badeanzug zu weit oberhalb des Knies endete, drohte eine Verwarnung wegen Verstoßes gegen die guten Sitten. Die Frau musste sich bedecken, wurde vom Strand eskortiert oder zur Wache gebracht.

Die sorgfältige Überarbeitung geschah mit Augenmaß und ohne grelles Farb-Make-up, sodass ein spannender Mix aus Geschichtsbuch und Fotoband entstand. War ein Bild zu unscharf und die Kolorierung damit unmöglich, verzichtete Goeminne lieber: „Das war das Schwierigste für mich: ein schönes Stück Geschichte aufzugeben, weil die Farbgebung nicht meinem Anspruch an Authentizität entsprach.“

DAGO WEYCHARDT