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Vergangenheitsbewältigung mal anders


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 26.07.2018

»Nimmerwiedermehr« als Uraufführung in der St. Thomas Kirche Hamburg-Rothenburgsort


Artikelbild für den Artikel "Vergangenheitsbewältigung mal anders" aus der Ausgabe 4/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Die kleine Anna (Svea) erzählt zu Anfang des Musicals ihre Geschichte und leitet somit in die Thematik ein


Foto: Felix Amsel

Das Musical »Nimmerwiedermehr« von Mario Stork (Musik) und Dirk Schattner (Buch und Liedtexte) basiert auf wahren Begebenheiten, welche sich im Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1940 und 1945 zugetragen haben. Hierbei wurden Kinder mit Behinderungen ermordet, was man damals »Vernichtung lebensunwerten Lebens« nannte. Personen und konkrete Handlung ...

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... sind aber Fiktion.

Der Spielort wurde bewusst ausgesucht, da die St. Thomas Kirche in Rothenburgsort eine Tochter der St. Nicolai Kirche im Nachbarort Moorfleet ist. Sie wurde 1885 begründet und im großen Feuersturm von Hamburg im Jahre 1943 größtenteils zerstört. 1952 wurde der Wiederaufbau beschlossen, woraufhin sie 1957 neu eröffnet wurde.

Durch ihre Nähe zum Ort der Geschehnisse von damals ist sie der perfekte Spielort für dieses Musical, das am 30. Juni 2018 hier seine Uraufführung im Rahmen der ersten Rothenburgsorter Kulturwoche feierte. Von Beginn an lässt sich erahnen, welche düsteren und schrecklichen Ereignisse sich in diesem Kinderkrankenhaus zugetragen haben müssen.

»Aus so einem Stoff kann man doch kein Musical machen«, mit dieser Aussage wurden Dirk Schattner und Mario Stork häufiger konfrontiert, doch als sie im November 2017 die Readingfassung vorstellten, stand schnell fest: »Man kann nicht nur, man muss!« Gerade weil das Musical das wahrscheinlich lebendigste Musiktheatergenre ist, weil es eine Form ist, die die Menschen anspricht, und weil es vor allem in Inhalt und Musikstil die ganze Bandbreite von Klassik bis Rock, von leichtfüßiger Komödie bis zum Drama abdecken kann.

Das Stück wird in 2 Zeitebenen gespielt: In den 1940er Jahren erlebt die kleine Anna (Svea) in einem Bunker nahe Rothenburgsort den großen Feuersturm auf Hamburg (27./28. Juli 1943). Sie befindet sich zu der Zeit in besagtem Kinderkrankenhaus und fürchtet sich sehr, insbesondere da so viele Kinder nach der Verabreichung eines Medikamentes sterben. Sie selbst ist zwar nicht krank, aber ihre Mutter hat sie zur Adoption freigegeben. Glücklicherweise wird sie von der Krankenschwester Eva (Laura Saleh) gerettet. Diese Krankenschwester hat im Verlauf der Zeit von jedem Kind in der Nacht vor der Ermordung einen farbigen Fußabdruck genommen und hütet diese als Erinnerung an die Kinder wie einen Schatz. Doch die seelische Belastung wird ihr zu viel und sie rettet die kleine Anna.

In der Premiere wird die kleine Anna von Svea dargestellt, die mit ihrem schauspielerischen Talent und ihrem Ausdruck das kleine Mädchen so gut verkörpert, dass im Publikum die ersten Tränen fließen. Zugleich erleichtert sie den Einstieg in die Geschichte.

Dann wechselt die Zeit und wir befinden uns in den 1960er Jahren: Anna ist mittlerweile eine Studentin und recherchiert die wahre Geschichte des Kinderkrankenhauses in Rothenburgsort, ohne zu ahnen, dass Frida (Michaela Schober) ihre Tochter seit ca. 1955 sucht. Hierbei spielt Michaela Schober die Mutter Frida mit so einer herausragenden Klasse und identifiziert sich so stark mit der Rolle, dass ihr während des Stückes selbst die Tränen kommen. Verkörpert wird die Studentin Anna von Merle Hoch. Gestik und Mimik sind von solch einer Brillanz, dass jeder im Publikum die Schmerzen und Ängste der Kinder versteht.

Während Anna recherchiert, lernt sie einen jungen Mann kennen (Andreas), dessen Schwester Marie in dem Krankenhaus während des Krieges gestorben ist. Andreas wird hier von André Haedicke dargestellt. Eine bessere Besetzung hätte man sich nicht wünschen können, sagenhaft gut in Stimme und Schauspiel, durchlebt man im ganzen Stück Andreas’ Schmerz und das Leid. Die Leichtigkeit, mit der Haedicke das schwere Thema auf die Bühne bringt, ist einfach nur phantastisch. Andreas’ Eltern werden von Annika Bruhns und Georg Münzel gespielt, die in ihrem perfekten Zusammenspiel und einer unglaublichen Hingabe in Ausdruck und Gesang die wohl stärkste Leistung des Abends zeigen.

Andreas und Anna verlieben sich ineinander und Anna hilft Andreas schließlich dabei, das zerrüttete Verhältnis zu seinen Eltern, denen er den Tod seiner Schwester vorwirft, zu verbessern.

Durch die Geschichten über die Kindermorde setzt bei Anna eine starke Leidenschaft für dieses Thema ein. In ihrem Drang, mehr über sie herauszufinden, trifft sie auf Menschen, die persönliche Erinnerungen, Erfahrungen und Schuld mit sich tragen, und bringt diese dazu, sich nach langer Zeit mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen.

Schließlich begegnen sich Anna und Frida zum ersten Mal. Fast zeitgleich dazu sucht die ehemalige Stationsschwester Eva das Gespräch mit Frida, um Abbitte dafür zu leisten, dass sie das Geschehen im Krankenhaus zugelassen hat. Sie erzählt, dass nur ein Kind mit dem Namen »Anna« gerettet wurde – genau in diesem Moment setzt sich bei Frida wie auch beim Publikum der Gedanke fest, es könnte sich bei Anna um die verlorene Tochter handeln.

Als die Studentin Anna einen Vortrag hält, stürmt Frida auf das Podium und schreit ihr schlechtes Gewissen in alle Welt hinaus. Dem gesamten Publikum stockte an der Premiere hier der Atem!

Im Vortragssaal treffen nun alle aufeinander, und Anna muss Frida die falsche Hoffnung auf ein Happy End nehmen, das diese sich erträumt hatte. Anna ist leider nicht ihre verlorene Tochter.

Die Lieder sind so gut abgestimmt, melodisch und einfühlsam, dass spürbar wird, mit welcher Genauigkeit und Hingabe an das Thema und an die Songs herangegangen wurde. Die Umsetzung der Musik übernimmt eine 5-köpfige erprobte Live-Band (Cello: Astrid Nägele, Gitarre: Hannes Kühn, Bass: Christian Niehues, Drums & Percussion: Matthias Plewak) unter Leitung des Komponisten Mario Stork am Piano. Als Bühne dient der Altar der Kirche und die Darsteller sind in graue Lumpen gehüllt, beschmutzte Gesichter und der durchzuckende Schmerz der Erinnerung lässt die Zuschauer erschaudern. Im 2. Akt wird die Geschichte weiter erzählt und dazu werden auf einer Folienwand im Hintergrund einige Namen von den damals ermordeten Kindern projiziert: Einige von ihnen sind nicht einmal 2 Monate alt geworden, andere 4-5 Jahre. Zurückhaltend eingesetzte Lichttechnik unterstreicht die Stimmung und lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Darsteller. Diesen gelingt es, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und die Tragik dieses schweren Stoffes zu vermitteln. Das Musical rüttelt wach, regt einen über Tage zum Nachdenken an und offenbart einmal mehr, dass es im Krieg noch viel mehr Schreckliches gab als die Judenverfolgung.

Insgesamt ist »Nimmerwiedermehr« ein gelungenes Musical, was sich an Hand von einem regionalen Beispiel mit einer sehr schweren Thematik beschäftigt. Es ist ohne Zweifel empfehlenswert und trägt zur Weiterbildung bei.

1. Erinnerungsbewältigung, Siegfried (Georg Münzel, 4.v.l.) verbrennt das Foto seiner verstorbenen Tochter Marie


2. Trübsinn und Schockzustand, die Vermischung von Gefühlen und Erlebtem – (v.l.): Studentin Anna (Merle Hoch), Frida (Michaela Schober), Andreas (André Haedicke), Eva (Laura Saleh), Herma (Annika Bruhns)


3. Erkennen und verlieben! Zwei Menschen mit gleicher Geschichte: Andreas (André Haedicke) und die erwachsene Anna (Merle Hoch)


4. Erlebnisse verarbeiten, ›Die Kälte der Gefühle‹ – (v.l.): Frida (Michaela Schober), Herma (Annika Bruhns), erwachsene Anna (Merle Hoch), Astrid Naegele (Cello), Siegfried (Georg Münzel), Andreas (André Haedicke), Hannes Kühn (Gitarre)


Fotos (4): Felix Amsel