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Vergebung – Vom Mut, offene Wunden zu schließen


Auszeit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 05.08.2021

Artikelbild für den Artikel "Vergebung – Vom Mut, offene Wunden zu schließen" aus der Ausgabe 4/2021 von Auszeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auszeit, Ausgabe 4/2021

Jede Art von Beziehung durchläuft ihre Höhen und Tiefen Egal ob in Bekanntschaften, Freundschaften, als Paar, in der Familie, zu sich selbst oder auch in Zweckbeziehungen, wie zum Beispiel am Arbeitsplatz.

Wir erleben Situationen, die uns gefühlt einander näherbringen und andere, die uns voneinander wegtreiben. Verbindende Momente werden zu bleibenden Erinnerungen, in die wir von Zeit zu Zeit wieder eintauchen. Ganz anders kann es sein, wenn etwas passiert, das uns verletzt und enttäuscht und wir es nicht schaffen, darüber hinweg zu kommen. Diese Art der Gedanken und die damit verbundenen Emotionen drängen sich uns meist viel regelmäßiger, wenn nicht sogar dauerhaft auf und beeinträchtigen unser gesamtes Gefühlserleben. Angefangen bei Wut, vergiftendem Hass, bis hin zu tiefer Trauer und einem Gefühl von Hilflosigkeit, in der wir uns verloren fühlen.

„Verbindende Momente werden zu ...

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... bleibenden Erinnerungen, in die wir von Zeit zu Zeit wieder eintauchen.“

Der Anfang

Manchmal reicht nur ein Wort oder ein Blick und schon liegt Spannung in der Luft. Ich bin aber sicher, jeder von uns hat schon einmal eine bittere Enttäuschung erlitten, die über ein unbedachtes Wort hinaus ging. Mag es sein, dass unser Partner uns betrogen hat, unsere Eltern uns nicht die nötige Wärme in der Kindheit schenkten, ein Versprechen gebrochen wurde, eine vertraute Arbeitskollegin oder ein Kollege hinter unserem Rücken unschöne Worte über uns verlor oder auch etwas ganz anderes. Vielleicht war man ja auch derjenige, der eins dieser Dinge gemacht hat und kämpft mit der Enttäuschung über sich selbst, beim Blick in die Gesichter der Betroffenen.

Die bittere Wahrheit ist, niemand kann etwas ungeschehen machen, egal wie sehr wir uns das auch wünschen. Wir können nur mit der Situation arbeiten, die sich uns bietet. Ich musste auch lernen, zu akzeptieren, dass ich sowohl meine, als auch die Fehler anderer nicht ungeschehen machen kann. Das Beste aus allem zu machen, fiel mir nicht immer leicht und hat oft Überwindung gekostet.

Der Weg

Ich habe in meinem Leben schon vielen Menschen vergeben, zum Beispiel Ex-Partnerinnen oder (ehemaligen) Freunden. Zugegeben, all diese mussten auch mir einiges nachsehen, und ja, ich mir selbst auch, denn ich bin alles andere als perfekt. Vergebung scheint im Leben wohl fast so eine Art Notwendigkeit zu sein.

Mir ist diese meist einfach so widerfahren und ich konnte nicht mal genau sagen, was sich in mir verändert hat, damit ich meinen Seelenschmerz plötzlich loslassen konnte. Doch eins hatten spürbar all diese Momente des Verzeihens gemeinsam: Es gab diesen einen Augenblick des Aufatmens. Es war, als konnte ich plötzlich eine Art Fessel von mir abstreifen und zurück blieb Leichtigkeit. Wahrscheinlich verspürt nicht jeder so ein eindeutiges Signal und es löst sich eher auf eine sanfte Art und Weise. Früher war ich sehr nachtragend und habe vermutlich aus diesem Grund so deutlich spüren können, dass sich etwas gelöst hat. Ich glaube jeder von uns hat da seine ganz persönlichen Erfahrungen. Da ich aber von

Natur aus ein Mensch bin, der die „Gesetze“ des Lebens ergründen und erfassen möchte, wollte ich nun unbedingt wissen, wie Vergebung funktioniert. Mehrere „Aufatmungen“ später und nach dem einen oder anderen guten Buch zu diesem Thema näherte ich mich dem Entschleiern dieses Mysteriums und begriff auch, dass man es aktiv tun kann, anstatt immer darauf warten zu müssen, dass es von alleine passiert.

Ein zentrales Geheimnis dabei ist, zu verstehen, dass man nicht für den anderen vergibt, sondern für sich selbst. Da ich der Mensch bin, mit dem ich das ganze Leben verbringen werde, schaue ich, dass ich diese abenteuerliche Reise so glücklich und ausgeglichen wie nur möglich erlebe. Deshalb verstehe ich es als meine Aufgabe, belastendes Gepäck über Bord zu werfen. Ohne Vergebung zu praktizieren, würde mir ein wichtiger Aspekt für ein erfülltes und somit lebenswertes Leben fehlen.

„Vergebung scheint im Leben von uns allen fast so eine Art Notwendigkeit zu sein.“

Der Blick nach vorn

Wahrscheinlich glauben viele Menschen, dass Vergebung dasselbe ist, wie etwas zu erdulden. Das dachte ich auch sehr lange, doch das ist ein scheinbar weit verbreitetes Missverständnis. Keine Tat oder jegliches verletzendes Verhalten wird damit gerechtfertigt. Man löst sich nur emotional von dem Ereignis, um endlich wieder frei nach vorne blicken zu können. Ich für meinen Teil glaubte das, weil ich Schwierigkeiten hatte mich abzugrenzen, anders ausgedrückt: Ich konnte keine Grenzen setzen. Meine Wünsche an die Verbindung, die dahinter liegenden Gefühle in den Raum zu geben und für diese einzustehen, empfand ich als schwer überwindbare Herausforderung und deshalb tat ich es oft nicht. Meine Werkzeuge der Stunde waren Wehklagen und Schuldzuweisungen. Zu verzeihen hieß für mich, dass ich eine mir wichtige Trennlinie aufgeben würde, die ich damit glaubte bereits gezogen zu haben. Als es mir langsam dämmerte, dass ich in dem Punkt falsch lag, war das für mich, wie die Offenbarung eines weiteren Geheimnisses.

Genau wie jeder andere möchte ich mit Respekt und Liebe behandelt werden. Mich schlagen, anschreien, belügen oder betrügen zu lassen, ohne eine Grenze zu ziehen, käme einem Betrug an mir selbst gleich. Manchmal muss man sich dann von Menschen verabschieden, auch wenn es schmerzt, um sich selbst die Wertschätzung entgegenzubringen, die im Außen fehlt. Natürlich ist eine solche Verabschiedung meist der letzte Weg, den ich wähle. Ich kann ja nicht alle Menschen bei jedem Fehltritt aus meinem Leben werfen, sonst hätte ich das Gefühl, zu glauben, dass ich mich immer korrekt verhalte. Außerdem bin ich sehr dankbar dafür, dass meine Mitmenschen das ebenso wenig mit mir tun. Ein offenes Gespräch, über die eigenen Gefühle zur Situation und was man sich zukünftig vom Anderen wünscht, löst oft schon viele Konflikte und die Versöhnung ist vollbracht. Doch was, wenn das nicht mehr ausreicht oder gar nicht erst möglich ist?

Man muss es wollen

Nicht mit jedem kann man eine gemeinsame Lösung finden, entweder weil jemand nicht bereit dazu ist, wir nicht wissen, wie wir denjenigen erreichen können oder eine Kontaktaufnahme in dessen oder dem eigenen Leben zu viel Staub aufwirbeln würde und wir es deshalb von uns aus lieber lassen.

Zu vergeben ist wie einen Gefangenen frei zu lassen und dann festzustellen, dass man selbst der Gefangene war. Lewis B. Smedes

Unter Umständen handelt es sich sogar um einen bereits verstorbenen Menschen. In solchen Fällen sind wir vor die Aufgabe gestellt, ohne das Einbeziehen der Beteiligten, ins Aufatmen zu kommen. Allem voran ist es eine Frage des Wollens. Wenn man nicht vergeben will, dann wird es auch nicht passieren. Ich weiß, dass es schwer sein kann, diesen Willen aufzubringen. Die Hürden und Geheimnisse des Vergebens zu kennen, hat die Hemmschwelle bei mir deutlich abgesenkt. Inzwischen ist es für mich zu einem reinigenden Ritual geworden und ich lebe dadurch bedeutend ruhiger. Seitdem ich das für mich praktiziere, habe ich mich oft gefragt, wieso ich so viele Lasten, über einen so langen Zeitraum, „freiwillig“ in meinem Seelengepäck belassen habe, anstatt einen Weg zu gehen, der mehr Leichtigkeit innehat. Die Antwort darauf ist recht simpel – ich wusste es einfach nicht besser. Dank der Vergebungsarbeit und der nun erworbenen Fähigkeit für meine Werte einzustehen, führe ich nun ein gänzlich anderes Leben und gehe mit meinen Mitmenschen ebenfalls nachsichtiger um. Jede einzelne Vergebung lehrte mich etwas, vor allem, dass nicht jede Erwartung, die ich an andere stellte, angemessen war. Wer zu viel erwartet, wird auch viel zu verzeihen haben. Den Weg finden, sich selbst und anderen zu verzeihen, dabei seine Werte zu vertreten und gleichzeitig falsche Vorstellungen zu enttarnen, ist ein Stück Arbeit aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dieser Weg lohnt sich.

„Ein zentrales Geheimnis dabei ist, zu verstehen, dass man nicht für den anderen vergibt, sondern für sich selbst.“

JENS LÜBECK

Die etwas andere To-Do-Liste

Nimm dir die Zeit und fertige eine Liste an, auf der du alle Menschen, möglicherweise auch mit dir selbst darauf, notierst, wegen derer du (noch) wütend, traurig oder enttäuscht bist.

Diese Liste soll dir nicht dazu dienen, die vielen Enttäuschungen zu beklagen, sondern sie soll dir vor Augen halten, dass du Päckchen mit dir trägst, die du durch Vergebung ablegen kannst. Die Länge der Liste ist nicht entscheidend, sondern dein Wunsch nach mehr Leichtigkeit.

Vergebungsrituale

Es gibt viele Möglichkeiten für ein solches Ritual. Welches das Richtige für dich ist und welches zu deiner Situation passt, kannst du am besten einschätzen. Ich möchte dir hier ein paar von denen, die ich kenne und auch selbst nutze, mitgeben.

1. Vergebung durch Klärung: Führe mit der betreffenden Person ein klärendes Gespräch. Teile mit, wie du dich in der Situation gefühlt hast und was dein Wunsch dahinter ist. Bleib, wenn möglich bei dir und deinen Gefühlen, anstatt es als Schuld zu formulieren. Auf diese Weise stößt du öfter auf Mitgefühl, als auf eine Abwehrhaltung. Ein kleines Beispiel dazu: anstatt „Wegen dir fühle ich mich schlecht.“, lieber „In der Situation habe ich mich wertlos gefühlt.“

2. Um Verzeihung bitten: Sollte es so sein, dass du durch etwas jemanden verletzt hast, kann eine aufrichtige Bitte um Verzeihung schon viel bewirken.

3. Schreibe einen Brief: Alles niederzuschreiben kann sehr befreiend wirken. Ist es einmal ausgesprochen oder wie in diesem Fall aufgeschrieben, ist das eine Art Akzeptieren, dass diese Gefühle überhaupt da sind. Diesen Brief musst du auch niemals abschicken, er ist vielmehr für dich, dass du einmal alles „aussprichst“, was dir auf der Seele brennt.

4. Die Position wechseln Zu all den anderen Methoden hilft es mir immer, dass ich mich frage, ob ich nicht auch Vergebung erfahren wollen würde, wenn ich einen Fehler machte. Wir alle sind Menschen und keiner von uns handelt immer richtig. Auf diese Weise fühle ich mich in die andere Person ein und frage mich, ob diese mit ihrem eigenen Fehlverhalten nicht schon genug gestraft ist, selbst wenn das auf den ersten Blick nicht immer zu erkennen ist. Der persönliche Leidensweg, welcher hinter vielen Fehlverhalten liegt, ist der eigentliche Grund der Handlung. Nur verletzte Menschen verletzen Menschen.

5. Sich Unterstützung suchen: Gleich wie gut manche Methoden auch sind, manchmal kommen wir einfach nicht weiter.

Es ist keine Schande, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn man das Gefühl hat festzustecken.

Die Geheimnisse und Tipps zusammengefasst

• Vergebung praktizierst du für dich, nicht für den anderen.

• Vergebung ist keine Duldung. Du kannst für deine Werte einstehen und den anderen dennoch aus sei-

• Vergebung muss gewollt sein. Denke dabei immer an Punkt a.

• Befreie dich selbst von der Superposition und akzeptiere, dass jeder Fehler macht.

• Das Handeln des Anderen hat nichts mit dir zu tun, es ist Ausdruck seiner nicht erfüllten Annahmen, Träume, Erwartungen, Ängste und Leiden.

• Dein Handeln und Verletzt-Sein hat nichts mit dem Anderen zu tun, es ist Ausdruck deiner nicht erfüll-ten Annahmen, Träume, Erwartungen, Ängste und Leiden.

• Hab Mut und akzeptiere deine Gefühle, anstatt sie wegzudrücken. Durchfühle jeden Schmerz dabei, denn dadurch befreist du ihn, anstatt diesen in dir zu fesseln. Deine Gefühle sind nichts Schlimmes, es passiert dir nichts, wenn du sie zulässt – hinter dem Schmerz liegt Lebensfreude.

• Sei geduldig mit dir. Lernen und Umsetzen benötigt immer eine gewisse Zeit. Vergebung ist ein Prozess.

• Deine Erfahrung kann anderen helfen, ebenfalls darüber hinweg zu kommen. Mach somit aus einer ungewollten Erfahrung eine Stärke. So kann Dankbarkeit in dir wachsen und du hast die Möglichkeit mit vielen Situationen leichter umzugehen.

Jens Lübeck

betreibt als Coach und praktischer Herzblutphilosoph sein Projekt „Leuchtkraftleben“.

Er hilft Menschen dabei zu sich und mehr Selbstliebe zu finden. Vergebungsprozesse und das Vermitteln eines tieferen Verständnisses für das eigene Leben sind essenziell bei seiner Arbeit.

Instagram: @leuchtkraftleben Website: http://leuchtkraftleben.de/