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Vergessener Held


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 43/2018 vom 19.10.2018

Terrorismus 19 Stunden im Oktober 1977 machten Ahmed Dahir aus Mogadischu zu einem Teil der deutschen Geschichte. Er half, die Entführer der »Landshut« hinzuhalten – es sind ihm die wichtigsten Stunden seines Lebens.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 43/2018

Ehemaliger Lotse Dahir im westfälischen Rheine: »Es muss das deutsche Flugzeug sein«


LARS BERG / DER SPIEGEL

Ahmed Dahir trieb eine böse Vorahnung, als er an diesem Tag im Oktober 1977 früher als sonst aufstand. Er zog ein gestreiftes Hemd an und machte sich auf den Weg zur Arbeit.

Die Sonne hatte sich draußen über dem Indischen Ozean gerade über den Horizont geschoben, als er am Flughafen ...

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... von Mogadischu ankam. Er ging hinauf in den Kontrollturm und blickte auf ein paar Baracken und die löchrige Rollbahn. Es war kurz vor sechs, für die nächsten Stunden waren keine Landungen geplant.

Dahir, damals 31 Jahre alt, war zuständig für die Flugsicherung am Flughafen der Hauptstadt Somalias. Seit Tagen verfolgte er über Funk und Radio die Entführung der Lufthansa-Maschine »Landshut« durch ein palästinensisches Terrorkommando. Rom, Larnaka auf Zypern, Bahrain, Dubai, Aden im Südjemen. Er ahnte: mit dieser Flugroute, angesichts einer palästinenserfreundlichen Regierung in Somalia – gut möglich, dass die »Landshut« auf dem Weg zu ihm war.

Gegen halb sieben tauchte ein Flugzeug auf. Es sendete kein Transpondersignal, der Pilot meldete sich nicht per Funk, wie ein Geisterschiff erschien es aus dem Nichts. Die Maschine flog eine Schleife über der Stadt, dann landete sie. »Da erst haben wir gesehen: Aha, es ist ein deutsches Flugzeug«, sagt Dahir. »Es muss das deutsche Flugzeug sein.«

Dieser und der folgende Tag, der 18. Oktober 1977, sollten in die Geschichtsbücher eingehen. Ein Tag, von dem Helden und Legenden, Dramen und Mythen in Er - innerung blieben. Aber nicht ein Mann, der 41 Jahre später in seinem Wohnzimmer in Rheine, Nordrhein-Westfalen, sitzt. In den Regalen glitzert Bling-Bling aus Glassteinen. Den Fußboden ziert ein weißer Flokati, auf der Fensterbank liegt der Koran, daneben eine Broschüre: »Die Rolle der Frau im Islam«.

Ahmed Dahir hat für das Gespräch einen grauen Anzug gewählt und eine Krawatte umgebunden. Auf dem Glastisch vor sich hat er die Erinnerungs stücke aufgereiht: die Ehrenmedaille des somalischen Präsidenten, die Dankschreiben der Luft- hansa und des deutschen Botschafters in Somalia, ein Schreiben des dama ligen Staatsministers im Kanzleramt Hans-Jürgen Wischnewski, einen Artikel über sich aus der Mitarbeiterzeitschrift der Deutschen Flugsicherung. Die Tonbandaufnahmen des Funkverkehrs, die er damals gemacht hat, hat er sich inzwischen auf CDs brennen lassen.

Alles wirkt, als wartete Dahir täglich darauf, dass jemand kommt und ihn belohnt. Protagonisten von damals sind bis heute begehrte Gesprächspartner. Andere, wie der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt oder der GSG-9-Gründer Ulrich Wegener, sind inzwischen tot.

Ahmed Dahir lebt. Aber niemand fragt ihn. Er wohnt nahe einer Bahnlinie, in einem von der Zeit gezeichneten dreistöckigen Klinkerbau. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Er bezieht Rente, den Mindestsatz. »Ich bin mittellos. Für Ruhm könnte ich mir nichts kaufen.« Die Befreiung der »Landshut«, dieser eine Tag im Oktober 1977, das ist sein Leben. Dahir spricht einen Mischmasch aus Deutsch und Englisch. Wenn er von jenem Tag erzählt, hebt sich seine Stimme, rudert er mit den Armen, verzieht das Gesicht.

Er macht den Fernseher an, einen somalischen Sender, er schaltet weiter in ein äthiopisches Programm. Der nächste Sender zeigt einen Geparden bei der Jagd. »Normalerweise kommen um diese Zeit im Jahr andauernd Dokumentationen darüber«, sagt er, »dann kann ich mich manchmal im Fern - sehen sehen.«

Er zappt alle Kanäle durch. Es kommt nichts zur »Landshut«. Er zuckt mit den Schultern, macht den Fernseher aus. Wo war er jetzt gerade? Ach ja, die »Landshut« war gelandet und in der Nähe des Terminals zum Stehen gekommen. Funkkontakt gab es keinen. Dahir schickte einen Jungen hinüber: »Frag sie, was sie wollen.«

Im Cockpit öffnete Co-Pilot Jürgen Vietor das Fenster. Er hatte die »Landshut« bei Nacht, mit abgeschaltetem Transponder und ohne Funk, von Aden nach Mogadischu geflogen – an Bord 86 Geiseln, 4 Terroristen und die Leiche des in Aden erschossenen Kapitäns Jürgen Schumann. »Is there anything I can do for you?«, fragte der Junge – »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« Vietor antwortete: »Die Funkfrequenz wäre gut.«

»Die Funkfrequenz«, sagte der Junge zu Dahir. Der schrieb sie auf ein Blatt Papier. Der Junge ging zurück. Kurz darauf meldete sich eine Stimme. »This is Captain Martyr Mahmud speaking«, schallte es aus dem Lautsprecher im Tower, hier spricht Kapitän Märtyrer Mahmud. Dahir verstand »Walter Mahmud «, englisch ausgesprochen. Bis heute nennt er den Chef des palästinensischen Terrorkommandos so. »Dass das kein echter Flugkapitän sein konnte, war mir sofort klar.«

Die Nachricht verbreitete sich um die Welt: Die »Landshut« ist in Mogadischu gelandet. Die Entführer wollten Mitglieder der Roten Armee Fraktion freipressen, die in Deutschland inhaftiert waren. Sonst müssten die Geiseln sterben. Im Tower brach Chaos aus. Die Armee, die Polizei, alle möglichen somalischen Akteure wollten wissen, was passiert war. Der somalische Diktator Siad Barre rief an. »Was ist da los?«, fragte der Präsident. »Ich weiß es nicht«, antwortete Ahmed Dahir, »das deutsche Flugzeug ist da.«

Entführte »Landshut« in Mogadischu 1977: 86 Geiseln, 4 Terroristen


CHRIS RIEWERTS / DER SPIEGEL

Ahmed Dahir sitzt in seinem Wohnzimmer in Rheine und lacht. »Man muss sich das mal vorstellen«, sagt er, »ich sitze da im Tower, und auf einmal ruft der an.« Dahir hebt die Schultern, faltet die Hände und steckt sie zwischen seine Knie. »Der Präsident von Somalia!«, sagt er. »Und ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll.«

Es sind jene Stunden, in denen die Ereignisse außerhalb des Flugzeugs in Mogadischu schlecht dokumentiert sind. Auch in Dahirs Erinnerungen verschwimmt vieles. Bruchstücke haben sich in sein Gedächtnis gebrannt, er bekommt sie nicht immer sortiert.

Er rief seine Frau an, ziemlich früh, das weiß er noch. »Das wird lang heute. Warte nicht auf mich.« Und er ließ die »Landshut « aus ihrer Parkposition schieben, weiter nach hinten, mit der Nase zum Strand und dem Heck zum Rollfeld. »Ich dachte mir, dass sie so besser steht, wenn man sie vielleicht stürmen will«, sagt Dahir. »So konnten die aus dem Cockpit aufs Meer schauen und nicht sehen, was hinter ihnen los ist.«

Von diesem Zeitpunkt an vergingen Stunden im Tower, von denen bis heute nicht ganz klar ist, was dort passierte. Ahmed Dahir kann sie auch nicht mehr füllen. Dass die letzten Stunden des Dramas besser zu rekonstruieren sind, liegt auch an ihm. Er legte ein Tonband ein, um den Funkverkehr zwischen der »Landshut« und dem Tower aufzuzeichnen.

Es gibt von diesen Aufnahmen bislang zwei bekannte Kopien. Eine lagerte jahrelang unentdeckt im Archiv des Westdeutschen Rundfunks. Die andere erhielt der SPIEGEL-Redakteur Erich Wiedemann 1977 in Mogadischu für »ein Bündel 100- Dollar-Scheine« zugespielt, wie er erzählte. Wer in Dahirs Wohnzimmer in Rheine sitzt, erfährt dort: Auch er hat Bänder.

Man hört Piepstöne, es rauscht viel. Im Hintergrund sprechen Menschen, manches ist unverständlich. In einem der ersten Dialoge sagt Dahir: »Left side rear door«, linke Hecktür. Es geht offenbar um die Leiche des erschossenen »Landshut«-Piloten Schumann. Die Terroristen öffneten jedoch die Tür rechts hinten, ließen die Notrutsche herab und warfen die Leiche darauf. Somalische Kräfte sammelten den Körper auf und brachten ihn weg.

»Sie haben den Piloten einfach auf den Boden runtergelassen «, sagt Dahir und schüttelt den Kopf, »einfach so.« Er sagt es noch einmal. »Einfach so!«

Diese Stunden, in denen die Passagiere und die Besatzung zwischen Panik und Resignation schwankten, in denen in Bonn der Krisenstab tagte, eine deutsche Delegation nach Mogadischu reiste und die Spezialeinheit GSG9 aus Dschidda einflog – im Funkverkehr spielen sie sich wie im Zeitraffer ab. Zu hören sind der Anführer des Terrorkommandos Zohair Yousif Akache alias Captain Mahmud, der Chef der somalischen Polizei und der Vertreter des Aus wär tigen Amts in Mogadischu, Michael Libal. Zudem die Flugbegleiterin Gabi Dillmann, die in einem Hilferuf an die Politiker in Deutschland appelliert, auf die Forderungen der Entführer einzu gehen – und ihren Freund Rüdeger von Lutzau grüßt: »Bitte sagen Sie meinem Freund, dass ich ihn sehr liebe.«

Dillmann wusste nicht, dass ihr Freund, ein Pilot, nur wenige Hundert Meter von ihr entfernt im Cockpit einer zweiten Lufthansa-Maschine saß und den Funkverkehr protokollierte. Er war mit der Maschine der deutschen Delegation dorthin geflogen. Den Mann oben im Tower sah er nicht, er hörte ihn nur. »Ich kann mich an seine Stimme noch genau erinnern«, sagt Lutzau. »Er war sehr, sehr kontrolliert, ohne Emotionen.«

Lutzau hörte zwei Menschen, die mehr als 19 Stunden lang ausgesucht höflich miteinander umgingen. Dahir vergaß nie den »Captain« und sprach den Terroristen mit »Sir« an. Mahmud schloss seine Inter - ventionen mit »Thank you, Mogadischu tower«, einmal nannte er Dahir respektvoll »Mister Tower«. Der solle ihm sagen, wer jetzt mit ihm rede, und den deutschen Botschafter als »Vertreter des faschistischen Regimes« in den Tower holen.

Lutzau saß in dem Flugzeug, das auch den Staatsminister Wischnewski und den Münchner Polizeipsychologen Wolfgang Salewski nach Mogadischu gebracht hatte. Wischnewski kam mit der Mission, der somalischen Regierung die Zustimmung für die Stürmung der »Landshut« durch die deutsche GSG9 abzuringen. Salewskis Aufgabe bestand darin, gemeinsam mit Libal Zeit zu gewinnen, bis der Einsatz beginnen konnte.

In der »Landshut« übergossen die Entführer Passagiere mit Alkohol und drohten, die Maschine zu sprengen. Bis 17 Uhr Ortszeit müssten die gefangenen RAF-Mitglieder freikommen. Im Funkverkehr ist zu hören, wie sich die Situation zuspitzt. Mahmuds Stimme schwankt zwischen hysterischem Schreien und resigniertem Röcheln, er atmet schwer. »Keine Verlängerung der Deadline«, er sagt es mehrmals. Noch 27 Minuten, noch 23 Minuten, »keine Verlängerung«.

20 Minuten. Ahmed Dahir fasste sich ein Herz. »Dann geben Sie uns wenigstens eine halbe Stunde, um den Bereich um das Flugzeug zu räumen«, rief er in sein Funkgerät. Mahmud stimmte zu. »Für das somalische Volk akzeptiere ich diese halbe Stunde, aber nicht für die Deutschen«, antwortete er.

Das war vielleicht der Durchbruch. Das Ultimatum wurde einmal verlängert, dann immer wieder. In einem Lehrbeispiel an Verhandlungskunst hielt Libal mit Salewskis Unterstützung die Entführer hin. Natürlich dauerte die Räumung um das Flugzeug länger als geplant. Dann hieß es: Man sei nun bereit, die Forderung zu erfüllen, und werde die Gefangenen aus Deutschland einfliegen.

Als Mahmud herausfand, dass die Flugzeit von Deutschland nach Mogadischu kürzer war als von den Deutschen angegeben, wurde behauptet, dass die RAF-Leute ja erst einmal nach Frankfurt zum Flug - hafen gebracht werden müssten. Außerdem werde man in Kairo zwischenlanden müssen. Schließlich sagte Libal, er habe jetzt die Bestätigung: Das Flugzeug mit den RAF-Gefangenen sei um 19.20 Uhr in Deutschland gestartet. Mahmud glaubte ihm. Libal setzte noch einen drauf: Man könne dann jetzt über die Modalitäten des Gefangenenaustauschs reden.

Dahir legte nach: »If there is anything I can do for you, Sir, just let me know« – »Falls ich irgendetwas für Sie tun kann, Sir, lassen Sie es mich bitte wissen«. Artig bedankte sich Mahmud. »Thank you, Mogadischu tower.«

In Rheine klingelt es an der Haustür. Dahirs Enkel bringt einen Eintopf aus Kichererbsen und Getreide in einer Tupperdose – mit Grüßen von der Mama. Der Eintopf ist noch warm, Dahir isst ihn aus dem Plastikbehältnis und bietet dem Gast davon an. »Nehmen Sie Zucker, dann schmeckt er noch besser!«, er holt den Zucker.

Zwischen zwei Bissen lacht der 72-Jährige auf. »Natürlich haben die Deutschen gelogen und ich auch«, sagt er. »Wischnewski sagte mir: Wenn die irgendetwas wollen, sagen Sie es zu.« Er hält inne. »Ich glaube, Mahmud war dumm. Er hat mir vertraut.« Vielleicht weil Dahir ein unbeteiligter Moderator war, Repräsentant einer palästinenserfreundlichen Regierung.

»Ich war höflich zu ihm, natürlich. Aber meine Distanz wollte ich doch wahren: Ich hätte ja auch Arabisch mit ihm reden können, wollte ich aber nicht«, sagt Dahir. Er glaubt, dass er dadurch Respekt und Glaubwürdigkeit gewonnen habe. Schließlich habe der übermüdete Mahmud der Zer - mürbungstaktik nicht standgehalten. »Der wollte die Freilassung seiner Kameraden so sehr, dass er am Ende reinfallen musste.«

Die GSG 9 stürmte die »Landshut« um 2.05 Uhr Ortszeit. Auf Dahirs Funkmitschnitten ist davon nichts mehr zu hören. Kurz zuvor hatten somalische Sicherheitskräfte ein Feuer in einiger Entfernung entzündet, Mahmud sollte abgelenkt werden. »Was ist das für ein Feuer?«, fragte Mahmud. »Oh, nur ein Feuer. Vielleicht ein Fest«, antwortete Dahir.

Dann zündeten zwei britische Elite - soldaten Blendgranaten unmittelbar vor der »Landshut«. »Da habe ich auf einmal mehrere von den Entführern gehört«, sagt Dahir. »Die waren offenbar nach vorn gerannt und riefen wild durcheinander: Schau, schau, was, was?« Auch Mahmud hörte er noch schreien. Dann nicht mehr. »Da wusste ich, was los war.«

Nach sieben Minuten waren drei der vier Geiselnehmer tot und alle Geiseln frei. Irgendjemand umarmte und drückte Dahir und schenkte ihm ein Lufthansa-Abzeichen. Er blieb noch ein bisschen, dann fuhr er nach Hause und legte sich ins Bett. Die deutschen Verhandler und Polizisten und die Geiseln flogen noch am selben Morgen zurück nach Frankfurt.

Ahmed Dahir und seine Familie blieben in Mogadischu. Was hätten sie auch sonst tun sollen? Dahir hatte Arbeit, war respektiert, und der Familie ging es gut. Zehn Kinder kamen zur Welt.

Doch 1991 brach der Bürgerkrieg aus, wütete erbarmungslos. 1994 beendete die US-Armee ihren Einsatz in Somalia. Als 1995 die Uno-Mission ihr Ende fand, zog auch die Bundeswehr ab. Ahmed Dahir brachte seine Familie dorthin, wo er als junger Fluglotse an der Flugschule der Lufthansa Kurse genommen hatte. Zu jenen Menschen, an deren Seite er 1977 gestanden hatte: nach Deutschland. Er selbst ging nach Dubai, es gab dort gutes Geld zu verdienen als Fluglotse.

Doch glücklich wurde er nicht. 1997 reiste er in die Bundesrepublik ein. Wenige Tage später wurde sein Asylantrag als »offensichtlich unbegründet« abgelehnt. Er verstand es nicht. Hatte er nicht den Deutschen gegen die Terroristen beigestanden?

Dahir fand heraus, dass Wischnewski inzwischen für eine Bank in Bonn arbeitete. Er schrieb ihm: »Hello, it is me, Ahmed Dahir.« Und Wischnewski schrieb einen Brief an den Landrat des Kreises Emsland. Herr Dahir habe sich »besondere Verdienste erworben«, ließ der Ex-Staatsminister wissen. Dahir habe »eine sehr positive Rolle in unserem Interesse gespielt«. Es stehe »der Bundesrepublik gut an, wenn wir Leute nicht vergessen, die uns in schwierigster Stunde geholfen haben«.

Es klappte. Zwar hatte der Kreis Emsland Dahir bereits wenige Tage vor Wischnews - kis Brief eine Aufenthaltsbefugnis erteilt, doch Dahir ist bis heute der Ansicht, alles Gute in seinem Leben habe mit jenen 19 Stunden in Mogadischu zu tun.

Man kann ihn verstehen. Nachdem er einen Aufenthaltstitel erhalten hatte, suchte er Arbeit. Also schrieb er dem Vorstand der Lufthansa, von dem er einst einen Dankesbrief erhalten hatte. Der war zwar schon in Pension, aber es klappte wieder. Dahir bekam einen Job bei der deutschen Flugsicherung in Frankfurt.

Er schwärmt davon. »Das war toll, ich durfte in einem Gästehaus wohnen, wo man sogar Essen für mich machte«, erzählt er, »ich hatte auch ein Auto, einen Mercedes. « Am Wochenende fuhr er von Frankfurt zu seiner Familie. Doch die deutsche Realität holte Ahmed Dahir ein. Als die Deutsche Flug sicherung Personal abbaute, nahm Dahir ein Abfindungsangebot an. Danach fand er nie wieder Arbeit.

Hier könnte die Lebensgeschichte des Ahmed Dahir einen ruhigen, unspektakulären Ausklang nehmen. Zu den Wendungen seiner Biografie aber zählt, dass zu jener Zeit sein jüngster Sohn in den Islamismus abglitt, unter dem Einfluss seiner Freundin, einer deutschen Konvertitin.

2008 holte ihn die Polizei in Köln auf dem Rollfeld aus einem Flieger, er war auf dem Weg nach Afrika. Die Polizei vermutete, er wolle sich einer Terrormiliz anschließen. Fünf Jahre später schaffte er es nach Somalia. Er reiste ins Gebiet der Schabab. Doch anstatt ihn als Gotteskrieger willkommen zu heißen, verdächtigten die Milizionäre den aus Deutschland Angereisten als Spion. Sie sperrten ihn ein und folterten ihn – so erzählte er es anderen Islamisten, die ihn in Somalia trafen.

Dahirs Sohn ist Mitte dreißig. Als er an einem Tag im Herbst 2017 im Wohnzimmer sitzt, trägt er eine Armeehose. Sein Kinn ziert ein dünnes Bärtchen. Er hat einen wachen Blick, ist eloquent. Reden? Ja, vielleicht, aber mit dem SPIEGEL? Er will es sich überlegen und wird sich nicht mehr melden. »Mein Sohn ist nicht religiös«, sagt sein Vater. »Ich bin religiös. Religion kommt von innen.« Diese ganze Geschichte über Islamismus und die Schabab, das habe mit seinem Sohn nichts zu tun. »Die haben ihn da gefoltert, und nur weil er in der Gegend der Schabab war, denkt die Polizei, dass er zu denen gehört hat«, sagt Ahmed Dahir. Er sei »ein exzellenter Junge«.

Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main verurteilte den Sohn 2016 nach seiner Rückkehr ebenso wie fünf Mitreisende aus der Bonner Islamistenszene. Seine Mitstreiter erhielten Strafen von dreieinhalb und fünf Jahren. Dahir junior kam mit einer Bewährungsstrafe davon, weil er, bevor er sich der Schabab anschließen konnte, gefangen genommen und gefoltert worden sei. Für seinen Vater aber hatte auch das mit der »Landshut« zu tun. »Die Polizei war da, und ich habe denen gesagt, wer ich bin«, sagt Ahmed Dahir. »Ich habe das auch dem Gericht gesagt – bestimmt haben sie das berücksichtigt.«

Er wartet bis heute auf den Moment, in dem sein Einsatz am 17. Oktober 1977 noch einmal alles zum Guten wendet. In den Stunden der Verhandlungen, sagt Dahir, sei auch Helmut Schmidt am Te - lefon gewesen. »Er hat mir gesagt: Wir schätzen so sehr, was Sie tun. Wenn Sie nach Deutschland kommen, dann können Sie ein Haus und ein Auto haben.«

Ist es denkbar, dass ein deutscher Kanzler einem Fluglotsen in Mogadischu in einer nationalen Krise ein Haus und ein Auto verspricht? Schmidt war an diesem Tag umtriebig. Dem somalischen Botschafter in Deutschland gaukelte er vor, drei der vier Entführer seien Deutsche – um die Somalier davon zu überzeugen, einen deutschen Zugriff zu erlauben. Wieso sollte er nicht dem Mann im Tower sagen, ein Haus und ein Auto erwarteten ihn?

Ahmed Dahir steht am Flughafen von Rheine. Bis vor Kurzem wusste er gar nicht, dass dieser Flughafen existiert. Er geht nicht viel nach draußen in seiner neuen Heimat. Es gibt ein arabisches Restaurant in der Stadt, aber er isst lieber bei seiner Tochter. Der Flughafen, findet er, »ist eher ein Fußballfeld als ein Flug - hafen«.

Eine Windböe kommt. Er wickelt sich in seine Jacke ein. »Es ist zu kalt in Deutschland «, sagt er. Demnächst wird er wieder für ein paar Monate nach Afrika fliegen, er hat gespart. Er lacht. »Das Haus und das Auto – das hätte ich wirklich nehmen sollen.