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VERGLEICHSTEST: Scharfe Klingen


Auto Bild sportscars - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 09.08.2019

LT steht bei McLaren für Longtail und meint „besonders sportlich“. Ähnliches lässt das „Pro“ hinter dem GT R des AMG durchblicken. Schlagabtausch zweier Höchstkaräter


Artikelbild für den Artikel "VERGLEICHSTEST: Scharfe Klingen" aus der Ausgabe 9/2019 von Auto Bild sportscars. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

McLaren
600LT
Mercedes-AMG
GT R Pro


Fotos: R. Sassen

Manche Tage fangen echt mies an: Du stehst extra früh auf, aber dann macht dir der Verkehr einen Strich durch die Rechnung, und du verpasst deinen Termin. Was ein Glück, wenn dein Date wartet. In diesem Fall beide Dates, denn auch nach einer Stunde Verspätung stehen McLaren 600LT und Mercedes- AMG GT R Pro noch geduldig in der Boxengasse des Lausitzrings und glitzern verheißungsvoll in ...

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... der noch verhalten strahlenden Vormittagssonne.

Es sind die beiden schärfsten Klingen, die AMG und McLaren derzeit zu bieten haben, und sie reflektieren kokett die Strahlen, als würden sie sich wohlig räkeln. Das matte Selenitgrau magno mit der grell-grünen Kriegbestreifung des GT R Pro erzeugt interessante Lichtreflexe, das saftige Luminair Grün springt weniger dezent direkt ins Auge – zwei Wege, ein Ziel: Aufmerksamkeit erzeugen. Check.

Auch sonst beschreiten die beiden gänzlich unterschiedliche Pfade, um an das einende Ziel zu gelangen: höchsten Fahrspaß zu erzeugen durch extremes Tempo längs und quer, unterfüttert mit Erfahrungen und Techniken aus dem Motorsport, dargeboten auf zwei verschiedene Arten. Ganz klassisch im Fall des AMG mit Frontmotor-Transaxle- Heckantrieb-Layout, geprägt von langer Schnauze, rundlichem Coupé- Heckabschluss und zurückversetzter Fahrgastzelle. Daneben neoklassisches Mittelmotorlayout mit weit vorgerückter Fahrgastkuppel und angedeuteter Keilform. Modern ist dagegen das Design des Engländers, das unterschiedliche Reaktionen auslöst; beliebig, sagen wenige, verspielt, meinen andere, viele empfinden es als wohltuend unaggressiv, andere sehen das Gegenteil. Der Benz triggert eher wohlmeinende Aussagen: klassischsportlich, nicht sehr mutig, Bewährtem vertrauend. Hier gehen auch die Missionen der beiden etwas auseinander, denn der eine muss primär Erwartungen erfüllen, der andere Neugierde und Erwartungen wecken. Aber geschenkt, wir setzen uns mal rein.

GTR steht für pure Performance, Pro zieht die Schraube noch ein ganzes Stück weiter an, doch sitzt man drin, umgibt einen schiere Opulenz statt karger Askese. Es blitzt und blinkt Mercedes-typisch, die sanft ansteigende, extrem breite Mittelkonsole, das Mikrofaser- Lenkrad ist ein ganz schönes Trumm – das Cockpit des AMG ist eindrucksvoll, aber auch dick aufgetragen. Der Platz nach links und rechts ist überschaubar, die Ellbogen nehmen bisweilen Kontakt zu Mitteltunnel und Türverkleidung auf. Drei Dinge wecken dagegen sofort den Sportsgeist: die schaligen Sitze, der Käfig inklusive Vierpunktgurten (die man parallel zu den Dreipunktern nutzen kann) und der auffällige gelbe Drehknopf unter den Lüftungsdüsen oberhalb der Mittelkonsole. Dahinter steckt die Traktionskontrolle, die wir schon im GTR schätzen gelernt haben.

Carbon-Keramik- Bremse, Schmiederäder und einstellbares Fahrwerk sind Serie beim GTR Pro


Beim Sound gibt es keine Pro-Extrawurst. Warum auch, der GTR klingt urgewaltig genug


Serie: Track Package mit Käfig, Vierpunktgurten (beiliegend) und Feuerlöscher


Auch die hervorragenden Carbon-Schalensitze sind Serie – und noch gut für längere Trips


Die Opulenz des McLaren 600LT liegt im Verzicht. Schon der erste Blick verrät, dass es hier nie darum ging, möglichst viele Funktionen unterzubringen. Hier gibt es ein dünneres Lenkrad mit je zwei Hebeln links und rechts dahinter sowie eine Schaltwippe, ein TFT-Display für Fahrdaten, einen Zentralmonitor für Navi, Radio, Klima und Heizung sowie vier Drehregler zwischen den Sitzen für Fahrdynamik und Start. Das sind im Großen und Ganzen alle Bedienelemente des McLaren – und gerade das hat seinen besonderen Reiz. Der sich auch sofort offenbart, sobald man sich durch die neckisch öffnende Tür über die breiten Schweller gewuchtet hat, kurz jedes Mal mit immer der gleichen Stelle des linken Oberschenkels am Carbonrand der Sitzschale hängen bleibt und endlich hinter dem Lenkrad sitzt. Denn abgesehen davon, dass man nichts vermisst, ist die Sitzposition sehr sportlich tief, weit vorn und auf Anhieb perfekt. Umgeben von viel nacktem Carbon, den Blick nach vorn auf Lenkrad und den dahinter einladend wartenden Horizont gerichtet, will man einfach endlich nur losfahren.

Der AMG GTR Pro ist sehr gut ausbalanciert und angenehm neutral. Untersteuern? Fehlanzeige


Cool: Blick über den Schweller nach innen. Bequemer Ein- und Ausstieg geht allerdings anders


Leichte Schmiederäder kosten 5290 Euro extra, Keramikbremsen und Trofeo R sind Serie


Die Top-Exit-Endrohre sind mal was anderes und blasen direkt nach oben ins Freie


Lamellen entlüften Radhäuser und kühlen Bremsen. Effektiv: 100 auf 0 km/h in 29,3 m


Schließlich steht LT für Longtail, was bei McLaren auf den F1 zurückgeht und ein verlängertes Modell bezeichnet, das die sportliche Spitze markiert. Der 600LT ist zudem rund 100 Kilo leichter als ein 570S Coupé und hat – wie alle Longtails – eine aerodynamisch besonders ausgefeilte Karosserie, die auf einen feststehenden Flügel statt der sonst üblichen Airbrake setzt. Serienmäßig kommt er auf extra klebrigen Pirelli P Zero Trofeo R-Reifen – sehr zielorientiert, sehr kompromisslos, sehr geil.

Auch der GTR Pro macht einen großen Schritt in Richtung kompromissloser Performance und entspricht mit serienmäßigem Track Package (4-Punkt-Gurte, Käfig, Feuerlöscher), serienmäßigen Sportreifen (Michelin Pilot Sport Cup 2), Keramikbremsen und rundum einstellbarem Fahrwerk der Vorstellung von einem Rennauto für die Straße. Äußerlich ist der Pro am Carbondach, den vorderen Radhausentlüftungen (Louver), dem Heckflügel und der eigenständigen Frontschürze mit den seitlichen Flics aus Carbon zu erkennen. Zwei Extremisten also. Aber wer ist jetzt der Chef im Ring?

Geht es nach der Präsenz beim und nach dem Anlassen des Motors, scheint der GTR Pro keinen Konkurrenten neben sich zu dulden. Mit unheilvollem, dunklem Grollen erwacht der langhubige Biturbo-V8 mit dem rund 0,2 Liter größeren Hubraum. Es ist, als würde ein lauerndes wildes Tier alle Muskeln anspannen und zum Sprung ansetzen.

Geringes Gewicht, tolle Bremse, gute Balance: So lässt sich sehr spät und kräftig bremsen


Mercedes-AMG | Im AMG GT sitzt man eingepackt zwischen Mittelkonsole und Türverkleidung – wenig Ellbogenfreiheit. Der Motor klingt wie ein großes, böses, wildes Tier


Auch der McLaren klingt kernig, doch kein Vergleich zu dem teutonischen Jericho-Trompeten des AMG. Wahrscheinlich hat McLaren etwas mehr darauf gebaut, dass der V8 aus den obenliegenden Top-Exit- Rohren schon klingen werde, auch ohne allzu aufwändiges Sounddesign, welches der AMG wohl genossen haben dürfte. Und der Brite klingt tatsächlich recht gut, wenngleich noch nicht beim Anlassen und unter Standgas. Der Mc lebt seine akustische Ekstase jenseits der 5000 Touren aus. Doch so richtig hört man da gar nicht hin, denn der 600LT veranstaltet noch ein ganz anderes Spektakel, das den Sound noch überstrahlt.

Kurz: Rein vom ersten akustischen Eindruck scheint der GTR Pro den McLaren längsdynamisch einfach wegzubeißen. Schnapp, schnapp, Brexit und Schluss. Der Eindruck ändert sich auch nicht, wenn man dem Pro endlich Auslauf gewährt. Der Druck schon bei niedrigen Drehzahlen ist gewaltig und spielt sich spektakulär in dem Drehzahlbereich ab, in dem der Benz auf sein maximales Drehmoment zugreifen kann: 2100 bis 5500 Touren. Hier schiebt er, hier drückt er ansatzlos und brutal voran, schaltet fast unmerklich seine kurz gestuften Gänge durch, um ab etwa 6500 Umdrehungen bis zur Grenze von 7000 Touren etwas Druck vom Kessel zu nehmen.

McLaren | Die Sitzposition im Mc ist mit zwei Worten beschrieben: absolut perfekt. Der Motor klingt erst ab 5000 richtig gut, schiebt aber schon von unten an wie die Hölle


RUNDENZEITEN LAUSITZRING
Mit dem Lausitzring kommen beide Boliden recht gut klar. Der McLaren 600LT punktet mit seinem messerscharfen Handling, kommt aber nicht ganz an die Zeit des Mercedes-AMG GTR Pro heran. Der kann auch mit seiner hervorragenden Traktionskontrolle punkten. Der Mc unterliegt auf der Runde, legt aber eine tolle Vmax vor.

Verspoilert, diffusorbewehrt, zerklüftet: Mit ihren ausgefeilten Aerodynamik-Anbauten sind McLaren 600LT und AMG GTR Pro erkennbar Rennautos für die Straße


Eindrucksvoll, aber auch gar nicht mehr so spektakulär, wenn man in den kurzhubigen McLaren umsteigt. Der dreht nicht nur höher, sondern auch williger, setzt weniger auf eine füllige Mitte, lässt sich lieber unter Hochgenuss bis zum Letzten auspressen. Dabei klingt er zwar nicht so bassig tief wie der AMG, fräst einem aber ebenfalls eine kernig-böse Speed-Melodie in die Gehörgänge. Und was sagen die Zahlen?

Wie schon mit anderen McLaren erlebt, erweist sich auch dieses Exemplar als Sprint-Ass und knackt die 100 in 2,9 Sekunden, erreicht nach 8,2 Sekunden 200 km/h – 2,2 Sekunden schneller als der GTR Pro! Einzig im Durchzug kann der kürzer übersetzte und fülliger ansprechende Benz punkten – dann aber mit großem Vorsprung auf den englischen Konkurrenten.

Schwer zu beschreiben und nicht mit Zahlen zu fassen ist das Beschleunigungserlebnis, das der Mc- Laren abliefert. Er wirkt nicht nur über 200 Kilo leichter als der GTR Pro, er ist es auch. Der 600LT hängt sehr gut am Gas, legt beim Schaltvorgang noch eine Schippe drauf und dreht höchst engagiert und mit stetig zunehmender Kraft bis zur Drehzahlgrenze – jedes Mal ein eindrucksvolles Erlebnis, das fast ein wenig Saugmotor-Feeling erzeugt. Ab 5000 Touren holt der Engländer zudem akustisch wieder auf, was er bei niedrigen Drehzahlen versäuselt. Durchgestylt wie der AMG GTR Pro klingt er aber auch dann nicht.

Nach den ersten Fotofahrten und lockerem Einrollen scheint der McLaren seinen Gewichtsvorteil auch im Handling nutzen zu können. Die perfekte Sitzposition und die besonders gefühlsintensive hydraulische Lenkung schaffen auf Anhieb großes Vertrauen. Ein kurzer Slalomtest auf dem Dekra-Gelände offenbart die extreme Natur des 600LT, der ohne spürbare Karosseriebewegungen mit sehr agressiver Vorderachse und neutralem Fahrverhalten die engen Wechselkurven durcheilt – hier blitzt der Rennwagen für die Straße durch.

Etwas weniger ausgewogen und leichtfüßig, aber subjektiv nicht langsamer, wedelt der AMG GTR Pro durch die Hütchen, schwingt, bedingt durch die weiter hinten angeordnete Sitzposition und das Gewicht des Motors auf der Vorderachse, aber nicht so behände wie der Brite.

Sachsenring-Instruktor und Rennprofi Steve Kirsch wird heute für Guido Naumann auf dem Lausitzring ins Lenkrad greifen und ballert sich gerade zwei Runden lang ein, bis es für den McLaren ernst wird. Der hat vom Start weg einen kleinen Nachteil, denn hier muss der Fahrer die Leistung über einen sensiblen Gasfuß dosieren, wo der GTR Pro auf eine sehr gut funktionierende Traktionskontrolle zurückgreift. „Am Kurvenausgang sollte man seinen Gasfuß etwas zügeln, der 600LT kommt hier schnell quer“, sagt Steve. Glücklicherweise passt in puncto Lenkung alles. Sowohl beim Anbremsen der Kurven als auch beim Entschärfen der Folgen eines zu schweren Gasfußes lässt sich der McLaren mit feinen Korrekturen am Lenkrad leicht beherrschen und spielerisch auf Kurs halten.

Der Mercedes wirkt weniger agil, aber auch weniger nervös, und lässt sich am Kurvenausgang mithilfe der stufenlos regelbaren Traktionkontrolle leichter wieder auf volles Tempo hochjubeln, ohne dass es zu Querirritationen kommt. Auch er stützt sich auf eine extrem bissige Vorderachse, die sich mit aller Macht gegen das Untersteuern stemmt. „Trotz des hohen Gewichts hat man ein sehr gutes Gefühl für das Auto“, fasst Steve seine Eindrücke zusammen.

Auch zu den Bremsen findet unser schneller Mann nur Lob: „Top-Performance und sehr gutes Gefühl, wenn man in die Kurve hineinbremst, sehr hohe Präzision auf beiden Seiten“, erklärt Steve.

Vier Zahlen stehen am Ende auf der imaginären Tafel: 1:28,39 Minuten markiert die Bestzeit des Duells – aufgestellt vom Mercedes- AMG GTR Pro. Der McLaren 600LT ist eine Sekunde langsamer und zeitet mit 1:29,40 Minuten. Mit einer anderen Zahl meldet aber auch der McLaren einen Sieg an: bis zu 253 km/h schnell war der AMG GTR Pro auf der Start-und-Ziel-Geraden, der McLaren schaffte hier 269,3 km/h.