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VERGLEICHSTEST: Speediteure


Auto Bild sportscars - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 12.07.2019

Über 600 PS im Bug und viel Platz im Heck: BMW Alpina B5 Touring und Mercedes-AMG E 63 S T-Modell packen gigantische Fahrleistungen in praktische Karosserien


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Bildquelle: Auto Bild sportscars, Ausgabe 8/2019

Schon klar, was Sie uns gedanklich da gerade unterstellen: Diese PS-süchtigen SPORTSCARS-Schreiber finden auch immer irgendeine Plattform, um mit über 600 PS durch die Lande zu kacheln. Jetzt schreibt der Komp bestimmt erst mal wieder, wie praktisch so ein Powerkombi doch sei, um allerhand sperrige Güter von A nach B zu transportieren. Dann erzählt er uns, dass man B5 und 63er T-Modell der gutgläubigen Ehefrau deshalb auch ganz subtil als ...

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... Familienkutsche unterjubeln kann, ohne dass die Gattin auch nur den geringsten Verdacht schöpft, welche Bestien unter der nutzwertigen Fassade lauern. Und zu guter Letzt kommt er uns dann noch damit, wie groß die Überraschung nicht nur für die Angetraute, sondern auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer sein wird, wenn Papa Bleifuß statt der Skiluke endlich das Gaspedal durchladen darf. Okay, Sie haben gewonnen: In diese oder ähnliche Richtungen geht die erste Idee für einen Powerkombi- Vergleich eigentlich immer. Bis man beim Schreiben dann plötzlich merkt, dass der Blick für das Offensichtliche eigentlich verloren gegangen ist. Wieso? Gegenfrage: Wie häufig teilen sich wohlsituierte Eheleute wohl ein gemeinsames Auto? Im Falle von BMW Alpina B5 und Mercedes-AMG E63 sprechen wir immerhin von Anschaffungen mit sechsstelligem Grundpreis. Wer diese Summen für ein Luxusautomobil lockermachen kann, der kauft seiner Frau auch noch ein trendiges SUV oder ein schickes Cabrio und genießt den Kombi-Sportwagen allein. Natürlich wollen wir hier nicht gänzlich ausschließen, dass Exemplare unserer beiden Platzhirsche irgendwo ganz harmlosen Diensten wie Kindershutteln oder Einkaufstütenchauffieren nachgehen, doch die Norm dürften derartige Transporte für die beiden Frachtboliden aus Affalterbach und Buchloe wohl eher nicht sein.

Wer kauft sich eigentlich einen 600-PS-Kombi?

Womöglich erschließt sich ihre wahre Bestimmung ja erst beim Fahren, was uns wiederum die Gelegenheit gibt, den beiden schnellen Kombis intensiv auf den Zahn zu fühlen, um die höchst unterschiedlichen Charaktere dieser beiden Kraftfrachter freizulegen.


Mercedes-AMGE63S 4Matic+ T-Modell


Nach E34, E39 und E61 bietet BMW sein Topmodell M5 nicht mehr als Touring an. Der aktuell stärkste 5er mit Kombiheck ist der M550i mit 462 PS. Ähnlich sieht es eine Klasse darunter aus, wo beim M340i Schluss ist mit der Lust am Laden. Eine Nische, die Alpina-Chef Burkhard Bovensiepen mit seinen Manufakturmodellen B3S und B5 sowie dem hochoffiziellen Segen der BMW-Werke bestens für sich zu nutzen weiß. Seit dem Jahr 1983 ist Alpina beim Kraftfahrtbundesamt als Hersteller eingetragen und differenziert sich seitdem nicht nur durch den Bau seiner Hochleistungsmotoren und die hervorragend abgestimmten Fahrwerke, sondern auch durch die gediegen-luxuriöse Gestaltung des Interieurs und Exterieurs von den BMW-Werksmodellen. Feiner Reisekomfort und distinguierte Sportlichkeit verschmelzen hier zu einem ganz eigenen Fahrgefühl von höchster Souveränität.

Die schwäbische Leistungsschmiede AMG geht den umgekehrten Weg und verhilft den für ihren Komfort bekannten Mercedes-Modellen über alle Klassen hinweg zu maximaler Fahrdynamik. Der einst unabhängige Tuningbetrieb wurde vor einigen Jahren zu vollen Teilen von der Daimler AG übernommen. Die wuchtigen V8-Motoren, die am Stammsitz im Städtchen Affalterbach von jeweils einem Mann in Handarbeit aufgebaut werden, sind schon lange das Aushängeschild von AMG. Im Großraum Stuttgart erzählt man sich das Gerücht, dass selbst die bissigen Kettenhunde in Zuffenhausen regelmäßig vor diesen Drehmomentgiganten zusammenzuckten, wenn sich ein wildernder 63er in ihre Nachbarschaft verirre. Ja selbst der bernersennige Panamera Sport Turismo wage sich dann kaum noch vor das Haupttor am Porscheplatz, um sich schützend vor sein Elfer-Rudel zu stellen.

Auf langen Strecken sind die vielfältig einstellbaren Performance-Sitze etwas zu straff, spenden dafür aber perfekten Seitenhalt


Die Menüführung über die beiden Touchflächen in den Lenkradspeichen fordert Gewöhnung


Unverändert: Auch mit Ottopartikelfilter brodeln herrlich düstere V8-Noten aus den eckigen Endrohrblenden


Der variable Allrad schaltet im Drift-Mode auf Heckantrieb um. 20-Zoll-Radsatz und Keramikbremse schlagen mit gut 10000 Euro ins Kontor


Knurren? Fletschen? Beißen? Wo der E63S aufmarschiert, macht er selbst mit gestandenen Sportwagen kurzen Prozess: Die Launch Control leint den wutschäumenden Vierliter- Biturbo-V8 mit 3500 Touren an die nasse Anfahrkupplung. Jetzt den Fuß von der Bremse, und 850 Nm hämmern ins Allradgebein. Dreivier auf hundert? Jederzeit und ganz ohne Charakterprüfung! Da muss sich der kultivierte B5 schon ganz schön sputen, um nicht gleich den Anschluss zu verlieren. Wie der AMG drückt auch er seine Kraft über alle viere in den Boden. Die Alpina-eigene Leistungskur auf Basis des M550i-V8 ist umfangreich: Speziell entwickelte Twin-Scroll- Turbolader von Garrett für schnelles Ansprechverhalten und mehr Leistung, dazu Hochleistungskolben von Mahle, NGK-Zündkerzen, eine optimierte Ansaugluftführung und Kühlung sowie eine Sportabgasanlage aus Edelstahl umfasst der Maßnahmenkatalog.

Mit angehobenem Ladedruck realisieren die Allgäuer so statt der serienmäßigen 462 pfundige 608 PS. Diese stehen den 612 PS des E63 gegenüber. Trotz seines leichten Hubraumvorteils kann der B5 den AMG aber auch beim Drehmoment nicht schlagen: 800 Nm weist das Datenblatt aus. Die formidable ZF-Achtstufen-Automatik des M550i rüstet Alpina mit eigener Hardware für hohen Schaltkomfort und gesteigerte Belastbarkeit auf. Dazu zählen unter anderem ein Drehmomentwandler mit verstärkter Radsatzbestückung und eine optimierte Kühlung.

Konservativ? Weit gefehlt: Auch der B5 kann richtig böse werden! Im Sport-Modus tuscht er die Zeigerbalken auf seinen eben noch so beruhigend blauen Tachoskalen in giftiges Grün, stemmt sich mit vollem Drehmoment gegen den Wandler und prescht derart forsch ins Dreistellige, dass es dem verdutzten Herrenfahrer die goldene Armbanduhr vom Handgelenk bis in die Armbeuge zieht. Zwar bleiben bis 200 km/h vier Zehntel auf den E63 stehen – der kann sich dank seines Neunstufengetriebes mit kürzeren Ganganschlüssen auch im Durchzug klare Vorteile verschaffen –, doch die Alpina-typische Eleganz, mit der der B5 seine brachiale Beschleunigung stets zuvorkommend und dabei völlig unaufgeregt serviert, ist ein Hochgenuss. Und während der rabiater auftretende AMG auch mit dem beim S-Modell serienmäßigen Driver’s Package bei 290 km/h noch elektronisch eingebremst wird, lässt sich der Schub des B5 Biturbo ohne jegliche Begrenzerschranke bis 322 km/h auskosten. Damit gehört der Allgäuer zu den schnellsten Kombis der Welt und kennt bis auf den Ferrari GTC4 Lusso (335 km/h) keine Gegner. Lange Autobahnreisen sind die Domäne des Alpina, Tempo 250 ist dabei eher die Regel als seltener Ausnahmefall, solange man bereit ist, die gewaltigen Leistungsreserven des V8 ohne Rücksicht auf den Verbrauch abzurufen. Mit weit über zwei Tonnen Leergewicht liegt der B5 selbst bei sehr hohem Tempo satt und spurtreu auf der Bahn. Die angenehm gewichtete und sehr intuitive Lenkung schafft großes Vertrauen beim Schnellfahren, während das Fahrwerk selbst tückische Unebenheiten jederzeit aufmerksam wegdämpft.

Unaufdringliches 5er-Cockpit, garniert mit blauen Instrumenten. Auf Wunsch gibt’s edle Hölzer und Alpina-eigenes Leder


Diskret: Drucktasten auf der Lenkradrückseite für die achtstufige Alpina-Switch-Tronic


Stilbewusst: Der Auspuff liefert sonoren Achtzylinderklang ohne künstliche Nachvertonungen und peinliche Zwischentöne


Die traditionellen Alpina-Vielspeicher vergittern eine optionale Sportbremse mit gelochten Scheiben. Neu: Pirelli-Reifen in Alpina-Kennung


Der seidig anreißende 4,4-Liter basiert auf dem BMW-M550i-Triebwerk. Das Alpina-Feintuning umfasst u. a. Turbolader, Kolben und Kühlung


Von der Motorabdeckung befreit, zeigt die V8-Dampframme stolz ihre beiden Turbolader im „heißen V“. Ausbeute: 612 PS und 850 Nm


Mit diesem Komfortniveau kann der E63 nicht ganz mithalten, was vor allem an der straffen Polsterung seiner aufpreispflichtigen Performance- Sitze liegt. Ihr zupackender Seitenhalt ist mit Blick auf die mögliche Querdynamik zwar mehr als willkommen; dennoch sitzt man im AMG nie ganz so tiefenentspannt wie im Alpina. Die Affalterbacher meinen es richtig ernst mit der Sportlichkeit, und der Fahrer darf das zu jeder Zeit spüren. Selbst im Komfort-Modus, wenn Luftfahrwerk, Gasannahme und Lenkung eigentlich mal etwas entspannen dürften, bleibt der E63 stets definiert, angriffslustig und sprungbereit. Und das wirkt keineswegs aufdringlich oder gar störend! Im direkten Vergleich mit dem geschmeidigen B5 ist die sportlichere Grundnote des E63 aber deutlich spürbar.

Höchste Zeit also, unseren beiden Muskelfrachtern ein paar Kurven zum Fraß vorzuwerfen. Neben einem heckbetonten Allradantrieb verfügen beide Kombis über aktive Stabilisatoren zur Wankreduzierung, um ihre fünf Meter Gardemaß wirkungsvoll zu kaschieren. Zusätzlich besitzt der B5 eine Hinterachslenkung, die die Agilität steigern soll. Im Vergleich zu seiner Ausgangsbasis M550i verfügt der Alpina über kürzere und straffere Federn sowie geänderte Querlenker. Der AMG setzt auf ein elektronisch geregeltes Hinterachs-Sperrdifferenzial, für den Alpina liefert Traktionsspezialist Drexler auf Wunsch eine mechanische Lösung.

Was funktioniert nun besser? Der B5 darf auf dem Sachsenring vorlegen und wirft sich am Ende von Start-Ziel mit Tacho 220 in seine riesigen Brembos. Das Einlenken auf der Bremse in die erste langsame Rechts funktioniert viel besser als beim M550i, der uns mit frühem Untersteuern aufgefallen war. Seine Vorderachse hat der B5 – auch dank der eigens für ihn abgeschmeckten Pirelli-Reifen – viel besser im Griff. Das Fahrwerk dürfte noch einen Tick straffer sein, dafür arbeitet das Heck dank der Hinterachssperre am Kurvenausgang schön mit. Auch die optionale Sportbremsanlage verzögert tadellos und ausdauernd. Bedenkt man, dass der Alpina viel mehr schneller Gleiter denn ambitionierter Rennlaster sein will, schlägt er sich beachtlich. Besonders gegenüber den kleineren Modellen B3 und B4, deren Rundenzeiten der Kombi locker pulverisiert und sich so zum schnellsten Alpina am Sachsenring krönt.

Und der E63? Bei ihm vergisst man schon nach der ersten Kurve, dass man hinter sich einen Frachtraum mit bis zu 1820 Liter Ladevolumen ums Eck wirft: Sakrament noch mal, was ist nur in diese Affalterbacher gefahren?! Wie sich der 63er schon beim Einlenken gefühlte acht Zentner von den Rippen zaubert, energisch nach dem Scheitel schnappt und dank der ausgefuchsten Kraftverteilung seines Allrads immer wieder leicht mit dem Heck zum Kurvenausgang kickt, das ist schon richtig zünftig. Nur die teure Keramikbremse dürfte im Vergleich zum Alpina-Stahl noch entschlossener zubeißen. Am Ende trennt die beiden nur eine gute Sekunde, was ganz klar für den sanfteren Alpina spricht.

Doch ein Ass hat der AMG noch: Wer keine Lust auf Ideallinie hat, aktiviert den Driftmodus und hüllt damit das ganze Omega in eine blauweiße Michelinwolke. Würden nicht ohnehin allerhand Sterne an seiner Fassade prangen, der E63 hätte die Auszeichnung allein für dieses eine Menü voll und ganz verdient. Wie gut, dass hinter den Rücksitzen stets genügend Platz für einen zweiten Satz Reifen ist.

Aber, aber, werden ein paar von Ihnen jetzt einwenden: Wer geht schon mit einem Luxuskombi auf die Rennstrecke und verspürt danach den Drang, aus purem Jux zwei 295er-Pellen zu grillen? Sicher, vermutlich nur wenige. Doch der Reiz eines Power-Kombis liegt ja gerade in der Vielfalt der Möglichkeiten und diesem Gefühl, jederzeit zu können, wenn man nur wollte. Der drängelnde 911er im Rückspiegel? München-Hamburg? Sonderverkauf bei Ikea? Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf…
Guido Komp


Fotos: E. Fleischmann, T. Kempe, R. Sassen