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VERHALTEN: IMPULSKONTROLLE: So lernt Ihr Hund Gelassenheit


Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 05.01.2021

Sich in Zurückhaltung zu üben, dass fällt allen Hunden schwer. Warum auch sich selbst beherrschen? In ihren Augen macht es durchaus Sinn, zu jagen, zu bellen oder Futter zu stehlen. Wie das Training dennoch erfolgreich sein kann, weiß Frauke Burkhardt


Eine Rubrik von MEIN HUND & ICH

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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 2/2021

Als ich gefragt wurde, ob ich zum Th ema Impulskontrolle etwas schreiben möchte, habe ich direkt „Ja, gerne doch“ gesagt. Nun sitze ich also an einem Th ema, mit dem ich täglich konfrontiert werde, aber es nun aufzudröseln … nicht ganz leicht. Ich stelle also fest, meine eigene Impulskontrolle ist wenig bis gar nicht ...

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... vorhanden. Spontan mal „Hier“ rufen, die Hand heben und dann feststellen, dass es eventuell eine Alternative gegeben hätte, jemand anderes vielleicht auch mal nach vorne gewollt hätte – Fehlanzeige. Wer dynamisch ist, schnell im Kopf und ideenreich, dem ist das Wort Zurückhaltung eher fremd. Es endet dann damit, dass man sein „Sich nicht im Griff haben“ selbst ausbaden muss. Bringt das hektische Schnipsen in der ersten Reihe Lob und Anerkennung – super. Hat man es vergeigt, eine 4– kassiert, gibt’s Frustration und sich selbst nicht mögen fürs „Den Mund nicht halten können“.

Nun gut, wer bewahrt einen denn davor, dass man permanent übers Ziel hinausschießt, sein Talent so dermaßen zur Schau stellt, bis es negativ auff ällt und man als Nervensäge abgestempelt wird? Die Familie, Freunde, Lebenspartner*innen – Menschen, die es gut meinen, denen man vertraut und die uns aus Sorge bremsen. Zu unserem Besten. Wie komme ich jetzt aber zum Th ema Hund und Impulskontrolle? Übertragen wir es auf unsere Hunde, ist es doch ähnlich, oder? Unsere Hunde kommen mit diversen Talenten daher, die wir leider im Alltag wenig bis gar nicht mehr nutzen wollen oder können. Jagen, hüten, bewachen u.s.w. Unsere Hunde sollen sich reibungslos einfügen, wenig auff allen und uns und sich selbst nicht in Gefahr bringen. Wir tragen die Verantwortung, leiten sie, führen sie und entscheiden, wie ihr Leben an unserer Seite aussehen soll. Ohne festen Job, aber mit jeder Menge Alternativen. Diese bietet der Mensch an, oder der Hund sucht sie sich ungefragt selbst.

Es geht bei der Impulskontrolle primär darum, dem Hund beizubringen, dass er ein Verhalten unterlässt, das IHM wichtig ist, IHM natürlich erscheint und IHM Vorteile bringt. Ich gebe mal ein Beispiel, das sicher viele von Ihnen kennen: Der Mensch hat Freude daran, seinem Hund einen Ball, eine Frisbee, was auch immer zu werfen. Der Hund hüpft in freudiger Erwartung um ihn herum und wenn das Geschoss fliegt, gibt der Hund Vollgas. Verloren im „Spiel“ mit seinem Hund bemerkt der Halter viel zu spät, dass sich just in diesem Moment Radfahrer nähern und der Hund deren Weg ungebremst im Blindflug überqueren könnte. Hektisches Rufen, Pfeifen und in Richtung Hund rennen bringen dem Halter leider nicht den gewünschten Erfolg – dieser wäre nämlich, dass der Hund seine Hetzjagd abbricht und somit niemanden vom Fahrrad holt. Na? Wer kennt diese oder ähnliche Szenarien? Wäre es schön, wenn man seinen Hund auf dem Höhepunkt der Dynamik noch mal kurz ausbremsen könnte, weil es eine Planänderung gibt?

Natürlich hätten wir Hundehalter gerne alles hübsch im Griff , um unserem Hund die größtmögliche Freiheit zu ermöglichen. Spielen, toben, rennen – da, wo es schön ist. Dafür müssen wir aber die Weitblickbrille ordentlich putzen, denn Verhalten entsteht – und diverse kreative Ideen unserer Hunde haben sie direkt vor unseren Augen und durch unser Zuschauen, unser Nichthandeln als erwünscht für sich abgespeichert.

Nicht widersprechen bedeutet zustimmen!

Wie kommen wir jetzt zu einem Lösungsansatz, der Ihnen nützlich sein könnte? Ich glaube, es ist wichtig, zu verstehen, dass wir viel zu oft die Büchse der Pandora öff nen, dann viel zu lange hineinschauen und dann merken, der Deckel klemmt. Zumachen – schwierig! Ob es das Werfen von Gegenständen ist, ohne Option auf einen Abbruch, das Bewachen des Grundstücks bis zu dem Niveau, auf dem der Hund sogar seinen Halter nicht mehr ins Haus lässt, das Pöbeln an der Leine, weil es einen zu Beginn aufgewertet hat, dass der eigene Hund Stärke zeigte – all das sind Verhaltensweisen, die zum Selbstläufer werden können. Dann wird es nervig und unerwünscht. Also, bevor man etwas korrigieren muss, immer zuerst darüber nachdenken, ob man das Verhalten, das der Hund zeigt, auch wirklich in seinem Alltag gefördert wissen will. Der Weg zurück ist weitaus schwerer als der Weg dorthin. Hunde sind in ihrer Motivation und Dynamik extrem unterschiedlich.

Es gibt durchaus die Hunde, denen man täglich die Reizangel durch den Garten schwingt, die aber dann trotzdem im Außenbereich kontrollierbar bleiben, meist schon deshalb, weil die Passion am Ende doch nicht soooo hoch ist. Es gibt aber auch die, die es weniger gut kompensieren, die vehementer sind in dem, was sie tun. Die Frage ist, was will ich z. B. bei diesem Spielchen herausfinden? Dass meiner der eine unter vielen ist, der dann den totalen Wahnsinn unter meiner Aufsicht erlernt? Wie gesagt, Verhalten entsteht! Womöglich mache ich mir meinen ohnehin ambitionierten Hund mit der Reizangel nicht nur körperlich zum Supersportler, sondern obendrein mental noch zum Schnelldenker. Wer will das dann im Alltag noch handhaben?

Spiel ohne Grenzen! Warum zwischen dem Hin und Zurück nicht mal ein HALT einüben?


Vorsicht vor dem, was man beim „Training“ erweckt


Hunde sind wie Superagenten, sie entschlüsseln unsere Methoden, die Herangehensweise, und oftmals ist auch unser Puls der Grund, warum die Im-Puls-Kontrolle beim Hund nicht klappt. Hunde wissen außerdem sehr genau, wie lang eine Schleppleine ist und dass der Halter bis 3,50 Meter total gelassen bleibt und ab 4,80 Meter hektische Flecken am Hals bekommt, wenn das Eichhörnchen winkt. Souveränität adios!

Dem Hund erst etwas „Spannendes“ zeigen, das er später dann ignorieren soll – schwierig!


Ein Deal, bei dem der Einsatz stimmen muss

Was bringen wir ein als Gegenleistung, damit unser Hund für uns auf sein Ziel verzichtet? Das angestrebte Ziel des Hundes bestimmt wohl den Wert des von uns Menschen zu erbringenden Einsatzes. Hase gegen anleinen und heimgehen – ungünstig. Hase gegen Freude, Dynamik und Leberwurst – schon besser. Fragt sich nur, ob das langfristig ausreicht.

Kekse, verbales Lob, ein Spiel mit einem Gegenstand, ein Spiel mit dem Halter, körperliche Nähe, all diese Varianten sind Ihnen sicher als Belohnung geläufig und werden wohl teils schon von Ihnen genutzt. Aber oftmals werden Hunde Vorsicht vor dem, was man beim „Training“ erweckt ins Sitz oder Platz gebracht, nur weil sie z. B. nicht pöbeln sollen. Das Lösen stressiger Situationen über eine Übung, die der Hund unter ungünstigen Bedingungen abliefern muss, zu erwarten – macht es die Situation dadurch besser für Ihren Hund? Oder nur besser für Sie? Was lernt er? Sitzen und fixieren ist besser als stehen und fixieren? Zumindest scheint er unter Kontrolle und der Halter, der zumindest mal den Hund von dem abgehalten hat, was er vorhatte, glaubt das Problem in Gänze gelöst zu haben. Es ist vergleichbar mit einer Sicherheitsnadel, die mir die geplatzte Naht zusammenhält. Sie hilft für den Moment, bis der Rest der Hose nachgibt, dann klappt’s nicht mehr mit dem Provisorium. Flickwerk ist kein gutes Fundament und ohne Basis wird’s nix.

Wer nicht kommuniziert, der bleibt unverstanden

Ändern Sie, wo Ihr Hund hindenkt! Ein „Lass das!“ ist nötig, um ein „Du darfst das“ zu ermöglichen. Wir hindern den Hund z. B. daran, an der Leine einen Artgenossen anzubellen, dafür muss aber auch von unserer Seite etwas kommen. Den Hund körpersprachlich eingrenzen, klare Kante zeigen und ihn dazu bewegen, mental bei uns zu sein, statt zum Objekt der Begierde zu denken, das ist anstrengend für beide Seiten. Unsere Belohnung als Halter ist, dass der Hund kooperiert, sich an uns orientiert und wir nicht weiter mit einem kläff enden Hund durch die Umwelt wandern müssen. Das Lob für den Hund fällt meist arg mager aus. Der gestresste Halter ist zwar dankbar, dass er die Situation gemeistert hat, vergisst aber zu oft, dass zu diesem Erfolg zwei gehören. Der Hund braucht Anerkennung fürs Mitmachen, fürs Akzeptieren unserer gesetzten Grenzen und Entspannung. Schaff en wir das immer? Fragen Sie sich selbst.

Es ist kein leichter Weg, seinem Hund zu verdeutlichen, dass er z. B. ab sofort nicht mehr jeden Passanten am Zaun nach dem Personalausweis fragen soll. Sie bestimmen das Maß, Sie entscheiden, wann Schluss ist. Natürlich darf man den Charakter des Hundes nicht unter den Teppich kehren. Auch bei der Impulskontrolle gibt es Grenzen. Der wachsame Hund wird nie aufhören, ein Auge und ein Ohr auf sein Umfeld zu haben. Aber Sie können den kleinsten gemeinsamen Nenner definieren, damit es fair bleibt. Bescheid geben okay, Dauerkläff en, bis die Gaberfäden laufen – nein! Einen Artgenossen nicht mögen, okay – sich auff ühren wie ein wilder Berserker – nein! Hasen jagen wollen, verständlich. Aufgeregt, aber ansprechbar an der Leine hinter seinem Halter stehen können – ein gutes Ziel, oder? Klare Zielsetzung, was erlaube ich, was nicht. Klare Ansagen, „nein“ heißt nicht „vielleicht“! Beobachten Sie, was Ihren Hund in welcher Situation triggert. Ihr Hund macht einen langen Hals? Warten Sie nicht darauf, dass er sich auf den Weg ins Nimmerland macht, sondern erinnern Sie ihn daran, dass er keine Giraff e ist. Wie? Stimme, Körpersprache, all das sind Dinge, die wir recht schnell einbringen können, um den Hund frühzeitig zu stoppen. Ja, die Arbeit am und mit dem Hund ist sportlich – aber niemand hat gesagt, dass es mit Hund langweilig werden würde, oder?

Aufpassen ja, in Besitz nehmen nein! Sie bestimmen das Maß!


Es gibt keinen Urlaub von der Erziehung!

Es gibt, aus meiner Sicht, auch keinen Unterschied zwischen Training und Alltag. Es hängt doch alles mit allem zusammen, oder? Wer nicht führt, den nimmt man an die Hand und er bekommt den Weg gezeigt – fragen Sie Ihren Hund, denn er weiß da bestens Bescheid. Ob es um das Üben bestimmter Dinge geht oder den schnöden Alltag, Ihr Hund sollte sich an Ihnen orientieren können. Immer! Die Realität ist arg holprig, und schaut man sich selbst mal über die Schulter … oh weh, da wimmelt es von kleinen und großen Lücken im System. Zu Hause wird über den Hund hinweggeklettert, weil er doch so gerne im Türrahmen liegt.

Er kommt außerdem unaufgefordert auf die Couch, weil er das eben immer so macht. Draußen will man sich nett mit der Freundin unterhalten oder klebt am Handy, der Hund ist schnell Beiwerk anstatt Hauptdarsteller. Der Hund macht sein Ding, weil es vom Halter nicht anders signalisiert wird. Wer zu 95 Prozent die Spielregeln aus seiner Sicht bestimmt, tut es erst recht, wenn der Hase läuft. Wer bewegt wen? Eine ganz einfache Frage, um zu erkennen, wann Ihr Hund Sie wieder höchst charmant um den kleinen Finger zu wickeln versucht. In diesem Sinne, viel Erfolg beim beobachten, beim schneller werden, beim erfolgreicher sein!

Frauke Burkhardt

unterstützt seit über 20 Jahren MenschHund-Teams im Einzel- und Gruppentraining. Die Arbeit mit schwierigen Hunden gehört ebenso zu ihrem Angebot wie Hundewanderungen oder ApportierWorkshops. Weitere Infos finden Sie unter www.frauke-burkhardt.com


FOTOS: SHUTTERSTOCK (4), TRIO BILDARCHIV