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VERHALTEN: Knurren erlaubt!


Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 05.06.2019

Angst, Schmerzen, Grenzsetzung – die Gründe sind vielfältig. Halter nehmen das wichtige Warnsignal jedoch oft nicht als solches wahr. Hunde-ExpertinKristina Ziemer-Falke erklärt, warum es unabdingbar ist, Ursachen zu erkennen und richtig zu reagieren


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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 7/2019

Bleib mir bloß vom Leib! Knurren ist für Hunde ein wichtiges Abgrenzungssignal


Kristina Ziemer-Falke

Ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin. Sie verfügt über viele Zusatzausbildungen, insbesondere in den Bereichen Tierheilpraxis, Hundeverhalten und Ernährung. Mit ihrem Mann Jörg gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, Info: ...

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Ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin. Sie verfügt über viele Zusatzausbildungen, insbesondere in den Bereichen Tierheilpraxis, Hundeverhalten und Ernährung. Mit ihrem Mann Jörg gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, Info:www.ziemer-falke.de

Knurren gehört zum normalen kommunikativen Repertoire eines Hundes. Er teilt seiner Umwelt dadurch meistens mit, dass er in einer bestimmten Situation mehr Abstand benötigt, etwa zu einer anderen Person oder einem anderen Hund. Was für viele Hundehalter jedoch auf den ersten Blick erschreckend klingt, ist eine Vorstufe – eine Warnung –, um einen Konflikt mit Körpereinsatz zu vermeiden. Hunde, die eine gute Sozialisation hinter sich haben, setzen in jeder Situation (und so auch in jedem Konflikt) immer nur so viel Energie ein, wie es die Situation verlangt. Eines der obersten Ziele ist die Unversehrtheit des eigenen Individuums. Folglich schätzen Hunde genau ein, wie sie sich rüsten müssen, um das Ziel einer Distanzvergrößerung zu erlangen.

Knurren als Stresssignal

Sicher haben Sie schon einmal beobachtet, dass Hunde nicht immer sofort zuschnappen, sondern auch andere Anzeichen auf einen möglichen bevorstehenden Konflikt hinweisen. Die Nackenhaare werden aufgestellt, der Hund wirkt in sich angespannt. Er versucht, die Situation zu vermeiden oder aber bewusst hinzugelangen usw. Somit ist das Knurren auch erst einmal so zu deuten, dass der Hund gerade Stress hat und die jeweilige Situation verändern möchte, um wieder in Balance zu kommen. Biologisch betrachtet also ganz schön clever!

Ihr großer Vorteil liegt darin, dass Sie als Hundehalter eingreifen können in diesen Verlauf. Es muss nämlich keineswegs in einem körperlichen Konflikt enden. Können Sie die Stressanzeichen und Strategien Ihres Hundes frühzeitig erkennen, haben Sie die Möglichkeit, ihn aus dem Konflikt zu nehmen und ihn seinem Schicksal nicht allein zu überlassen. Erkennen Sie sein Knurren nicht, würde Ihr Hund auch weitere Drohstufen nutzen und sich, wenn nötig, auch verteidigen bzw. angreifen.

Hunde, die knurren können, sind also in der Lage zu kommunizieren. Auch, wenn es laut oder unangenehm klingt, so scheint es aber auch bei uns Wirkung zu zeigen. Wir reagieren auf das Knurren und handeln. Das ist wichtig für den Hund, dass er uns als zuverlässigen Partner an der Seite hat. Nehmen Sie seine Vokalisation wahr und reagieren Sie frühzeitig, desto geringer ist der Stresspegel für Sie beide und umso geringer die Aggressionsbereitschaft. Folgendes könnten Sie stattdessen akut tun, wenn Ihr Hund einen Reiz gezielt anknurrt:

▷ Vergrößern Sie die Distanz zum Reiz. Laufen Sie mit Ihrem Hund in einem größeren Abstand am Reiz vorbei – oder, wenn es möglich ist, gehen Sie in eine andere Richtung. Achtung: Das Wechseln einer Straßenseite hat nichts damit zu tun, dass Sie einer Situation feige aus dem Weg gehen. Sie entlasten Ihren Hund, denn wenn Sie nicht reagieren, erkennt Ihr Hund, dass Sie sein Knurren nicht erkennen und wird die Strategie wechseln. Schnappen würde dann vielleicht folgen …
▷ Begegnen Sie dem Reiz in einem Bogen und nicht frontal. Hunde begrüßen sich auch nicht frontal, sondern über einen respektvollen Bogen. Auch das kann helfen, um die Situation zu entspannen – und das Knurren lässt nach. Ist die Gefahr nämlich gebannt, besteht auch für den Hund kein Grund mehr zu knurren.
▷ Nehmen Sie den Stressor (Gegenstand) einfach weg. In einer Akutmaßnahme ist dies eine gute Idee, um die Situation zu entspannen und schnell zu handeln. Auf Dauer sollte ein Training stattfinden, sodass der Hund nicht dauernd, beispielsweise vor Mülltonnen, die aus unserem Alltag nicht wegzudenken sind, ins Knurren verfallen muss.

Sie merken also, Knurren ist ein wichtiger kommunikativer Bestandteil. Es hat aber auch mit der richtigen Interpretation unserseits zu tun. Schließlich richtet sich die Konsequenz des Knurrens oft danach, wie wir als Hundehalter darauf reagiert haben.

Weg da, das ist meiner! Spielzeuge können für manche Hunde so wichtig sein, dass sie diese lautstark verteidigen


Kein Knurren ohne Grund. Ignoriert man die Warnung, kann die Situation gefährlich werden – nicht nur für Kinder


Fangen wir mal ganz vorne an

Werden kleine Welpen geboren, so können diese alle schon knurren. Es wird ihnen in die Wiege gelegt und jeder gesunde Hund kann mit dem Knurren loslegen. Während ihrer sozial-sensiblen Phase lernen die kleinen Wilden aber bereits im Umgang mit Artgenossen, Menschen, Gegenstände usw., wie sie das Knurren einsetzen müssen, damit es die passende Wirkung auf die jeweilige Situation zeigt. Junge Hunde lernen also im besten Fall schon, wie sie „ihre Stimme heben“ müssen, um ihrem Ziel näherzukommen. Dabei lernen sie zu Beginn auch am Misserfolg, also wenn ihr Knurren in einer bestimmten Situation nicht erfolgversprechend war. Sie probieren sich aus und lernen in jeder Situation. So wird verständlich, warum Knurren nicht gleich Knurren ist und sich situativ andere Nuancen abzeichnen.

Gleichzeitig sind auch alle Hunde unterschiedlich. Sie haben alle andere Charaktere und verschiedene Reizschwellen. Der eine knurrt eher, der andere später. Der eine knurrt, weil er hungrig ist und seinen Knochen alleine für sich beanspruchen will, dem anderen ist es gleichgültig, weil er gerade satt ist. Ganz schön clever hat die Natur das eingerichtet …

Bedürfnisse des Hundes erkennen

Jeder Hund hat seine eigenen Bedürfnisse. Der eine mag Leckerchen, der andere kuschelt gerne, dem anderen wiederum sind Spiele und Tricks sehr wichtig. Finden Sie diese Bedürfnisse heraus. Liebt Ihr Hund beispielsweise seine Spielzeuge, die ihm zur freien Verfügung stehen, über alles, ist es ratsam, diese wegzuräumen, wenn sein „Hundekumpel“ zu Besuch kommt. Die Spielzeuge könnten so wichtig sein, dass er diese bewacht oder verteidigt, was sich wieder durch ein Knurren ausdrücken könnte. So umgehen Sie diesen Konflikt, wenn Sie die Spielsachen während der Zeit des Besuchs wegräumen.

Die Ursache herausfinden

Zu jedem Knurren gehört eine Ursache. Stellen Sie sich in jeder Situation die Frage, warum Ihr Hund knurrt. Wie geht es ihm gerade, welche Stimmung hat er? Hat er Angst? Fühlt er sich sicher oder unsicher? Ist er wütend? Allein schon anhand der unterschiedlichen Stimmungen lässt sich ableiten, dass Sie auch kein Patentrezept anwenden können, wenn Ihr Hund knurrt. Viele Hundehalter reagieren beispielsweise mit einem Abbruch der Situation, wie etwa mit einem „Nein“. Damit ist die Ursache aber nicht gelöst. Stellen Sie sich vor, dass Ihr Hund gerade wütend ist. Sie bringen Ihren Hund durch ein „Nein“ zum Abbruch des Knurrens. Aber was ist dann? Die Energie ist ja noch vorhanden. Höchstwahrscheinlich sucht sich Ihr Hund einen anderen Puffer, um „Dampf abzulassen“. Das könnte im schlimmsten Fall auch eine umgerichtete Aggression sein. Zeigen Sie Ihrem Hund lieber ein Alternativverhalten auf. Sagen Sie ihm, was Sie sich stattdessen von ihm wünschen. Erarbeiten Sie das gemeinsam mit Ihrem Hund. Sie werden merken, dass Sie ihn leichter lenken können durch eine Alternative, statt nur mit einem Abbruch.

Haben Sie hingegen einen Hund vor sich, der aus einer Unsicherheit heraus knurrt, ist es auch nicht gut, den Hund durch einen Abbruch zum Schweigen zu bekommen. Dieser Hund benötigt Ihre Unterstützung. Bedenken Sie, dass Angst NICHT verstärkt werden kann, wenn Sie etwas Gutes hinzufügen. Ihr Hund benötigt jetzt Ihre Unterstützung, was ein „Nein“ aber sicher nicht ist.

Ein kleiner Wegweiser für Sie:
▷ Nehmen Sie wahr, wann Ihr Hund knurrt, in welchen Situationen. Wer ist beteiligt? Was sind die Auslöser?
▷ Finden Sie heraus, was Ihr Hund in diesem Moment fühlt. Ist er ängstlich? Wütend?
▷ Prüfen Sie, was Ihr Hund in diesem Augenblick stattdessen brauchen könnte. Sie werden feststellen, dass Sie das oft sind, der ihm Halt, Orientierung und Sicherheit vermitteln kann, sodass er gar nicht knurren muss, weil Sie ohnehin alles managen.
▷ Überlegen Sie – gerne auch mit einem Hundetrainer – wie Sie das Training angehen können.

Der hat angefangen?!

Viele Hundehalter interpretieren, dass der Hund, der geknurrt hat, den Streit „angefangen“ haben muss. Dem ist jedoch meist keinesfalls so. Knurren – und auch Vokalisation allgemein – haben wir Menschen oft mit etwas Negativem verknüpft und oft nehmen wir dies als Auslöser. Aber Kommunikation hat keinen Anfang und auch kein Ende. Sie läuft auf verschiedenen Ebenen ab, wie durch Berührungen, Gerüche, Akustik, Geschmack und auch über die Optik. Viele kleine – oft für uns nicht sichtbare – Nuancen laufen oft schon vor dem Knurren ab, sodass es oft zu Missverständnissen kommt. Der, der knurrt, ist auf jeden Fall nicht immer automatisch auch der Schuldige …


FOTOS: ALAMY (2), SHUTTERSTOCK