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VERHALTEN UND KOMMUNIKATION: Die Psyche des Pferdes


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 50/2019 vom 12.04.2019

Pferde sprechen überwiegenddurch ihr Verhalten – nicht nur mit Artgenossen, sondern auch mit Menschen. Wir sollten deshalb bemüht sein, diePsyche des Pferdes zuverstehen , und uns damit beschäftigen, wie unser Verhalten von unseren Vierbeinern gedeutet wird


Artikelbild für den Artikel "VERHALTEN UND KOMMUNIKATION: Die Psyche des Pferdes" aus der Ausgabe 50/2019 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 50/2019

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ – an diese Grundregel von Paul Watzlawick sollten Sie auch im Umgang mit Ihrem Pferd denken


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Wenn Sie verstehen, wie Ihr Pferd seine Umwelt wahrnimmt, können Sie auch seine Reaktionen besser ...

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Seit Jahrtausenden sind Mensch und Pferd auf einzigartige Weise verbunden. Kunstwerke, Mythen, Heldenepen – im Laufe der Zeit sind Partnerschaften und Bindungen entstanden, von denen der Mensch auch in emotionaler und kultureller Hinsicht profitiert hat. Das Pferd als kraftvolles Fluchttier auf der einen und als soziales Wesen auf der anderen Seite ermöglicht uns etwas ganz Besonderes: uns selbst besser kennen und verstehen zu lernen. Dazu ist es unerlässlich, sich mit der Psyche des Pferdes zu beschäftigen, um so neue Möglichkeiten in der Verständigung erleben zu können und die Beziehung zu vertiefen. Das Pferd hat von Natur aus eine gewisse Bereitschaft, sich auf den Menschen einzulassen. Doch ebenso ist es in der Lage, sich an Gegebenheiten anzupassen, die nicht seiner Natur entsprechen, was zu Missverständnissen führen kann, bei denen meist das Pferd das Nachsehen hat. „Gelingt es uns, das Pferd in seinem Wesen zu akzeptieren und das, was es uns mitteilen will, zu verstehen, dann können wir solche Missverständnisse vermeiden, wie sie in den Haltungsbedingungen, der Aufzucht, dem Umgang, der Ausbildung und dem Training des Pferdes bestehen“, schreibt Ulrike Thiel in ihrem Buch „Die Psyche des Pferdes“.

Vom Nutztier zum Sportpferd

Es ist schon beeindruckend, wie Pferde mit Menschen zusammenleben und -arbeiten. Ein so kraftvolles, wildes Tier, das den härtesten Bedingungen in freier Wildbahn trotzen kann, stellt nicht nur seine Kraft und seine Instinkte, sondern auch sein ausgeprägtes Sozialverhalten in den Dienst des Menschen. Zugegebenermaßen war die Zusammenarbeit des Pferdes mit dem Menschen nicht immer ganz freiwillig. Wir sollten uns deshalb immer vor Augen halten, welche Vergangenheit uns verbindet, und bemüht sein, dem Vierbeiner ein entsprechend artgerechtes Leben zu ermöglichen. Pferde waren früher vor allem Arbeitstiere oder Transportmittel – sie wurden beispielsweise auf den Feldern oder im Kampf eingesetzt. In Deutschland haben Pferde heute keinen natürlichen Lebensraum mehr. Wir kennen fast nur noch Freizeit- und Sportpferde. Leider führen Geld, Macht und Konkurrenz immer wieder dazu, dass Ethik und Verantwortungsbewusstsein des Menschen in den Hintergrund rücken, auch im Umgang mit Tieren. Fehler werden oft aber auch einfach aufgrund von mangelndem Wissen, fehlender Erfahrung oder aus Unsicherheit gemacht.

Hilfe ist nicht immer hilfreich

Wenn Sie Pferdebesitzer sind, erinnern Sie sich bestimmt noch an Ihr erstes Pferd. Inwieweit hat damals die Vorstellung vom eigenen Pferd mit der Realität übereingestimmt? Wahrscheinlich gab es Momente, in denen Sie mit dem Latein am Ende waren und sich Hilfe gesucht haben. Aber nicht immer führt diese auch wirklich zum Ziel: So werden alle möglichen vermeintlichen Hilfsmittel von der Industrie angeboten, vom Schlaufzügel bis zum Sattel mit speziellen Pauschen, die das Bein in der richtigen Position halten sollen. Sie verbessern aber nicht das Reiten und richten meist eher Schaden an. Zudem tummeln sich einige selbsternannte Trainer in Reiterkreisen, die eben nicht artgerecht ausbilden. Das heißt natürlich nicht, dass Sie keine Hilfe in Anspruch nehmen dürfen. Doch dieser Artikel sollte Sie motivieren, sich auch eigenständig mit der Psyche des Pferdes auseinanderzusetzen, Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen und Ihr eigenes Handeln immer wieder zu reflektieren. Nur so können Sie gemeinsam mit Ihrem Pferd wachsen und ein harmonisches Miteinander erreichen. Überlegen Sie sich auch, inwieweit Sie sich in Zukunft von allen Menschen in Ihrem Umfeld Ratschläge zu Herzen nehmen. Damit Ihr Pferd Vertrauen aufbaut und die Beziehung stetig gestärkt wird, sollten Sie eine klare Linie verfolgen und lernen, sich nicht sofort verunsichern zu lassen. Möglicherweise ist Ihr Weg schon genau der richtige, aber immer wieder kommen Ihnen Stimmen zu Ohren, die Sie davon abbringen. Nutzen Sie die folgenden Informationen, um Ihren Rahmen zu erweitern, Ihr Wissen aufzufrischen, Ihr Pferd besser zu verstehen und den Weg zu einer motivierten, fairen Partnerschaft zu finden.

Eine Nachricht, vier Ebenen

„Trotz ihrer großen Anziehungskraft sind Pferde auf Anhieb nicht so leicht zu verstehen“, sagt Isabelle von Neumann-Cosel. „Hunde bellen oder knurren, Katzen schnurren oder miauen, Pferde sind leise Tiere.“ Ihre natürliche, alltägliche Verständigung geschieht überwiegend lautlos durch Körpersprache, Mimik, Gestik und Bewegung. Menschen sind Meister im Reden. Doch wir sind eher selten klar in unserer Kommunikation. Zudem haben Nachrichten, die wir senden, nicht nur eine Ebene. Das Vier-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun ist ein Modell der Kommunikationspsychologie. Es beschreibt eine Nachricht unter den vier Ebenen (oder Aspekten) Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen als Beifahrer mit einem Freund im Auto und sagen: „Du, die Ampel ist grün.“ Sie sind der Sender, Ihr Freund der Empfänger. Der Sachinhalt ist klar: Die Ampel ist grün. Doch die Nachricht hat noch weitere drei Seiten (Aspekte). So offenbart sie unter anderem, wozu Sie Ihr Gegenüber veranlassen möchten. Ihr Appell könnte also sein: „Gib Gas!“ Gleichzeitig geben Sie auch etwas von sich selbst preis. Im Beispielfall haben Sie es wahrscheinlich eilig. Sie wissen aber auch, wie man Auto fährt und was „grün“ bedeutet. Die Beziehungsebene gibt Aufschluss, was Sie von dem Empfänger halten und wie sie beide zueinander stehen. Es könnte sein, dass Sie den Fahrer über die grüne Ampel informieren, da Sie vermuten, dass er Ihrer Hilfe bedarf, um nicht noch länger stehen zu bleiben. Probieren Sie anhand dieses Modells einmal aus, wie Sie mit Ihrem Pferd kommunizieren und welche Ebenen bei der verbalen Kommunikation beteiligt sind beziehungsweise was Sie über diese erreichen wollen.

Wir können mehr als nur reden

Kinder, die sich noch nicht sprachlich differenziert ausdrücken können, kommunizieren ganz anders als Erwachsene. Sie reagieren auch sensibler auf nonverbale Kommunikation. Kein Wunder, dass Kinder meist schneller einen instinktiven Zugang zur Körpersprache der Pferde finden. „Mit zunehmender Beherrschung der Sprache, vor allem mit der Entwicklung des logischen Denkens und der Fähigkeit, zielgerichtet zu argumentieren, geht erwachsenen Zweibeinern die Fähigkeit zur feinen Wahrnehmung der Körpersprache oft verloren“, gibt Isabelle von Neumann-Cosel zu bedenken. Doch mit ein bisschen Übung können Sie Ihre Kommunikationsgewohnheiten durchbrechen, Ihre Intuition schulen und verlernte Fähigkeiten wieder zurückgewinnen. Gleichzeitig sollten Sie sich mit den Vokabeln der Pferdesprache vertraut machen (siehe Kasten links). „Wer Pferden nur in einer geschlossenen Box, einer geschützten Stallgasse und einer abgeschirmten Reithalle begegnet, hat wenig Chancen, die Pferdesprache ganz nebenbei und selbstverständlich verstehen zu lernen“, betont unsere Expertin. Egal ob Reitanfänger oder erfolgreicher Turnierreiter, Kommunikation ist eine tragende Säule der Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Missverständnisse, die hier entstehen, können sich nicht nur auf den Umgang, sondern auch auf das Training, das Vertrauen und sogar auf die Gesundheit auswirken.

Die Perspektive wechseln

„Die größten Missverständnisse zwischen uns und dem Pferd an sich kommen daher, dass beide Wesen sich in vielen Grundstrukturen ihrer Entwicklung, Instinkte und Funktionalität stark unterscheiden“, schreibt Ulrike Thiel und fügt hinzu: „Wir Menschen machen häufig den Fehler, das Pferd und seine Reaktionen aus unserer Denk- und Sichtweise zu betrachten und zu interpretieren.“ Ein Beispiel dazu: Ihr Pferd erschreckt sich vor einem Blatt Papier, das auf dem Boden in der Reithalle liegt. Aus Ihrer Sicht kein Grund zur Besorgnis, doch haben Sie das fremde Objekt einmal durch die Augen des Pferdes betrachtet? Wenn wir eine neue Perspektive einnehmen, fällt es uns leichter, Situationen nicht direkt zu bewerten, sondern die Reaktionen darauf zu verstehen. Anschließend können wir daran arbeiten, dem Pferd die Angst oder die Unsicherheit zu nehmen. Doch ohne Verständnis für die natürlichen Reaktionen wird das schwer.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie groß das Harmoniebedürfnis eines Pferdes ist? Wie sich diese starken Tiere den vom Menschen geschaffenen Umständen anpassen und wie oft sie stumm leiden? Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Pferde uns auf Ihrem Rücken tragen und so kooperativ im Training sind. Das sollten wir wertschätzen.

Pferde sehen die Welt mit anderen Augen als wir Menschen


Mit allen Sinnen

Für das Urpferd waren leistungsfähige, hellwache Sinnesorgane überlebenswichtig. Wir Zweibeiner schneiden im Vergleich dazu eher schwach ab. „Der schlichte Grund für so manche scheinbar unverständliche Reaktionen eines Pferdes liegt einfach darin, dass Pferde auf eine Wahrnehmung reagieren, die wir Menschen nicht teilen können“, erklärt Isabelle von Neumann-Cosel. Betrachten wir das Sichtfeld des Pferdes (Abb. oben): Wenn Pferde eine Annäherung übersehen, weil diese im toten Winkel erfolgt ist, dann können Sie mit einem starken Abwehrreflex reagieren, vor allem bei einer plötzlichen, unerwarteten Berührung. Möglicherweise schlagen dann selbst höchst verträgliche Pferde heftig aus. Zudem sind Pferdeaugen anders konstruiert als die des Menschen. Aus unserer Sicht liefern sie horizontal verzerrte Bilder.

In puncto Hören haben Pferde eine individuell unterschiedliche Reizschwelle. Was der eine Vierbeiner gelassen hinnimmt, veranlasst seinen Artgenossen womöglich zur Flucht. Genau wie Hunde hören Pferde Töne im Ultraschallbereich, die dem menschlichen Gehör verborgen bleiben. „Laute, hohe, schrille Geräusche und Stimmen sind Pferden unangenehm“, sagt die Expertin.

Auch die Haut ist ein leistungsfähiges Sinnesorgan des Pferdes. Sie ist berührungsempfindlich, wobei die Sensibilität differieren kann. Manche Vierbeiner sind in bestimmten Körperregionen regelrecht kitzelig. Beim Einsatz von Hilfsmitteln wie Gerten, Sporen sowie generell bei der Einwirkung auf das Pferd durch den Reiter sollten diese Faktoren immer bedacht werden. Im Folgenden haben wir wichtige Fakten über die Sinne des Pferdes zusammengestellt, die Ihnen helfen sollen, Ihren Vierbeiner besser zu verstehen.

DIE SINNE DES PFERDES: SEHSINN: TEIL 1

• Die Augen sind seitlich am Kopf angeordnet und erlauben eine fast komplette Rundumsicht, allerdings sehen Pferde nicht die gesamte Umgebung gleich gut.
• Scharf können sie nur mit beiden Augen gleichzeitig sehen. Was ein Auge allein erfasst, bleibt unscharf. Ein schnelles Heben, Senken oder Drehen des Kopfes kann den Mangel in Sekundenbruchteilen ausgleichen.
• Wenn Pferde durch die Wahrnehmung im unscharfen Bereich verunsichert sind, ist es meist sinnvoll, sie mit beiden Augen schauen zu lassen.
• Pferde nehmen mit beiden Augen gleichzeitig verschiedene Dinge wahr und verarbeiten die visuellen Reize in unterschiedlichen Gehirnhälften. Derselbe Gegenstand, den sie mit dem rechten Auge gesehen haben, kann aus der Gegenrichtung mit dem linken Auge gesehen also völlig neu sein.
• Unterschiede in der Perspektive, dem Lichteinfall oder dem Hintergrund können zudem dazu führen, dass Pferde auf der einen Hand eher scheuen, als auf der anderen.
• Pferde können Farben zwar erkennen und unterscheiden, jedoch nicht in unserer Vielfalt und Ausprägung. Menschen besitzen drei Zapfentypen, die für das Farbsehen verantwortlich sind – Pferde nur deren zwei, die für Blau und Grün, aber nicht für Rot. Schwarze beziehungsweise dunkle Gegenstände wirken auf unsere Vierbeiner meist bedrohlicher als weiße. Helle, leuchtende Oberflächen können Pferde regelrecht blenden, vor allem bei starkem Sonnenlicht.
• Auch im Hinblick auf Dinge in weiter Ferne ist die Bewegungssehschärfe unserer Vierbeiner enorm. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihr Pferd etwas entdeckt, das Sie noch längst nicht wahrgenommen haben.
• Ebenso haben Pferde ein gutes Sehvermögen in Dämmerung und Dunkelheit. Dafür stellen sich die Augen nur langsam auf rasch wechselnde Lichtverhältnisse ein.

GEHÖRSINN: TEIL 2

Pferde nehmen die Stimmung des Menschen genau wahr. Ein ruhiger Umgang ist immer von Vorteil


• Pferde haben ein feines Gehör und können einzelne Geräusche aus den Lauten der Umgebung herausfiltern. In lauter Umgebung sind manche Vierbeiner angespannter, um im Zweifelsfall rechtzeitig flüchten zu können. Bei starkem Wind ist dieses Verhalten besonders gut wahrzunehmen: Wenn alles raschelt, knistert und klappert, fühlen sich Pferde instinktiv der möglichen Annäherung eines Feindes ausgesetzt.
• Pferde reagieren sensibel auf leise Töne. Bei verbalen Botschaften des Menschen orientieren sie sich weniger an begrifflichen Kommandos als an den unterschwelligen Botschaften der Stimme, also daran, wie etwas gesagt wurde. So können wir beispielsweise mit ein und demselben Wort auffordern, beruhigen, loben, strafen oder Vertrauen schaffen.
• Dennoch merken sich Pferde auch prägnante Kommandos. Diese sollten kurz sein und einen lautmalerischen Klang haben, so wie „Brrrr“.
• Pferde können die Stimmung ihres Reiters an der Stimme ablesen und reagieren dementsprechend. Aus diesem Grund sollten wir unsere eigene Kommunikation immer wieder reflektieren.
• Ruhiges Zureden kann auch während des Trainings helfen, das Pferd zu beruhigen, wenn es Angst hat oder scheut. Auch für angespannte Reiter ist das sinnvoll, denn wer spricht, muss ausatmen und hält die Luft nicht weiter an.

DIE VIER EBENEN DER KOMMUNIKATION

Eine faire, klare Kommunikation ist die Basis für eine gute Beziehung zwischen Mensch und Pferd


Das Kommunikationsquadrat (auch „Vier-Ohren-Modell“ genannt) ist das bekannteste Modell von Friedemann Schulz von Thun. Jede unserer Äußerungen enthält vier Botschaften gleichzeitig, ob wir wollen oder nicht. Für die Qualität der Kommunikation sind sowohl Sender als auch Empfänger verantwortlich, wobei eine unmissverständliche Kommunikation der Idealfall und nicht die Regel ist. Beobachten Sie sich selbst öfter, wenn Sie mit anderen Menschen, aber auch mit Ihrem Pferd kommunizieren, und hinterfragen Sie, ob Ihr Vierbeiner Sie wirklich verstehen kann. Bedenken Sie dabei, dass sich Pferde anders verständigen als Menschen.

1. Sachinformation (Worüber informiere ich?)
Auf der Sachebene des Gesprächs geht es um Daten, Fakten und Sachverhalte. Auf der Sachebene besteht die Herausforderung für den Sender darin, die Sachverhalte klar und verständlich auszudrücken. Der Empfänger kann auf dem Sachohr entsprechend reagieren.

2. Selbstkundgabe (Was gebe ich von mir zu erkennen?)
Jede Äußerung enthüllt gewollt oder unfreiwillig etwas von der eigenen Persönlichkeit, also von Gefühlen, Werten, Eigenarten und Bedürfnissen. Dies kann explizit (als Form der„Ich-Botschaft”) oder implizit geschehen. Der Empfänger nimmt mit dem Selbstkundgabe-Ohr zum Beispiel auf, in welcher Stimmung der Sender ist oder was dieser für ein Mensch ist.

3. Beziehungshinweis (Was halte ich von dir und wie stehe ich zu dir?)
Der Sender gibt auf der Beziehungsseite zu erkennen, wie er zum anderen steht und was er von ihm hält. Beziehungshinweise werden durch Formulierung, Tonfall, Mimik und Gestik vermittelt und implizit oder explizit transportiert. Der Empfänger kann sich zum Beispiel durch die auf dem Beziehungsohr eingehenden Informationen wertgeschätzt oder abgelehnt, missachtet oder geachtet, respektiert oder gedemütigt fühlen.

4. Appell (Was möchte ich bei dir erreichen?)
Auf der Appellseite geschieht die Einflussnahme auf den Empfänger. Wenn jemand das Wort ergreift, möchte er in aller Regel etwas erreichen. Er äußert Wünsche, Appelle, Ratschläge oder Handlungsanweisungen. Appelle können offen oder verdeckt gesendet werden. Der Empfänger fragt sich mit dem Apell-Ohr nun, was er (oder was er nicht) machen, denken oder fühlen soll.

TEIL 3: GERUCHS- UND GESCHMACKSSINN

Bestimmte Gerüche, die wir Menschen nicht unbedingt wahrnehmen, können bei Pferden Angst auslösen


• Der Geruchssinn des Pferdes ist sehr gut ausgeprägt. Die feine Wahrnehmung von Gerüchen kann Pferde etwa im Gelände zu Aufregung oder Flucht veranlassen.
• Sehr sensibel reagieren unsere Vierbeiner auch auf intensiv riechende Medikamente oder Blutgeruch. So erkennen Sie einen Tierarzt oft allein an seinem Geruch, auch wenn sie ihn vorher noch nie gesehen haben.
• Pferde verfügen über einen differenzierten Geschmackssinn. Bei der Prüfung des Futters helfen ihnen die langen Tasthaare um Maul und Nüstern. Unerwünschte Bestandteile wie kleine Steine oder Zweige, allerdings auch Medikamente können so aussortiert werden.

BUCHTIPP

Lernen Sie, das Verhalten Ihres Pferdes immer besser zu verstehen


Pferde sind leise Tiere, dennoch können sie sich durch Mimik, Gestik und Bewegung bestens verständigen. Die Sprache der Pferde lässt sich nicht von deren Verhalten trennen; wer die Pferdesprache besser verstehen will, muss lernen, das Pferdeverhalten zu beobachten und richtig zu deuten.Isabelle von Neumann-Cosel erklärt in ihrem Buch„Wenn Pferde sprechen könnten…“ die vielen Facetten des Pferdeverhaltens in der modernen Pferdehaltung und im Reitsport auf der Grundlage der arttypischen, instinktiven Reaktionen, die allen Pferden gemeinsam sind.

FN-Verlag
144 Seiten
ISBN: 978-3-88542-468-0
19,80 Euro

PFERDEVOKABELN LERNEN

Auch wenn unsere Reitpferde nicht mehr in freier Wildbahn leben, haben Sie doch Bedürfnisse und gewisse artspezifische Verhaltensweisen von ihren Vorfahren geerbt. So machen Sie sich mit der Kommunikation der Pferde vertraut.

• Beobachten Sie Pferde, die möglichst naturnah, das heißt entsprechend ihrer natürlichen Bedürfnisse, gehalten werden. Versuchen Sie zu erkennen, wie Pferde untereinander kommunizieren. Entdecken Sie Unterschiede zwischen Fohlen, jungen und erwachsenen Pferden, Hengsten, Stuten oder Wallachen?
• Filmen Sie Ihr eigenes Pferd auf der Weide im Kontakt mit anderen Pferden und analysieren Sie anschließend die Begegnungen.
• Lassen Sie sich selbst im Umgang mit Ihrem Pferd filmen. Diese Übung kann auch hilfreich sein, wenn Ihr Pferd sehr ängstlich ist, scheut oder Abwehrverhalten zeigt. Mit einem gewissen Abstand zur eigentlichen Situation können Sie besser Ursachen für bestimmte Reaktionen sowie mögliche Muster erkennen.
• Besuchen Sie Lehrgänge zum Thema Kommunikation und informieren Sie sich weiter über die Psyche und das Verhalten des Pferdes.
• Hinterfragen Sie Ihre eigene Kommunikation und ärgern Sie sich nicht, wenn Ihr Pferd einmal nicht so reagiert, wie Sie es gerne hätten. Sehen Sie diese Situationen als Möglichkeit, zu lernen und Ihren Vierbeiner besser zu verstehen.

Nehmen Sie sich Zeit und beobachten Sie, wie Pferde miteinander kommunzieren


DAS SICHTFELD: DES PFERDES

Pferde können mit starken Abwehrreflexen reagieren, wenn sie eine Annäherung übersehen, die im toten Winkel erfolgt. Unter anderem aus diesem Grund sollten Sie sich dem Pferd nicht plötzlich von hinten nähern.

UNSERE EXPERTIN

FürISABELLE VON NEUMANN-COSEL ist verhaltensgerechtes Ausbilden eine Herzensangelegenheit. Die Autorin und ehemalige Turnierrichterin FN beschäftigt sich unter anderem intensiv mit den Themen Pferdeverhalten und Kommunikation. Ihr Wissen gibt sie auf Lehrgängen und Trainerfortbildungen, sowie in Fachbüchern und -artikeln, unter anderem im Auftrag der FN, weiter.
www.fnverlag.de

EMOTIONEN – WICHTIGE VERMITTLER

In der Verhaltensbiologie tauchen immer wieder zwei wichtige Begriffe auf: „Motivation“ und „Emotionen“. Immer wieder taucht die Frage auf, ob Pferde Emotionen haben? Die Antwort ist ein klares Ja.

Grund dafür ist das limbische System, ein Teil des Gehirns, in dem Emotionen entstehen. Wir wissen, dass Pferde den emotionalen Zustand „Angst“ erfahren können, allerdings bleibt unklar, inwieweit diese der menschlichen Angst gleicht und ob sie dem Vierbeiner so bewusst wird, wie uns. Generell werden Emotionen als psycho-physiologische Prozesse bezeichnet. Bestimmte äußere und innere Signale oder Situationen lösen bestimmte physiologische Prozesse im Gehirn und Körper aus. Durch die Erregung spezieller Bereiche des Gehirns werden bestimmte Wahrnehmungen (positive oder negative) im Pferd erzeugt. Es folgt eine Bewertung des Signals oder der Situation, zum Beispiel: „Ich sollte besser davor weglaufen“ oder „Es lohnt sich für die Belohnung zu arbeiten“.

Emotionen dienen dem Pferd vor allem zum Selbstschutz und zur Selbsterhaltung. Sie sind Vermittler zwischen den Bedürfnissen eines Lebewesens und seinem Verhalten. So führt Angst unter anderem dazu, dass das Pferd flüchtet oder ein bestimmtes Verhalten seltener zeigt, Freude dazu, dass ein bestimmtes zielgerichtetes Verhalten wiederholt wird oder der Kontakt zu einzelnen Artgenossen häufiger gesucht wird.

Unabhängig davon, ob ein Pferd ein Verhalten unter dem Sattel oder im Freilauf zeigt, dem geht grundsätzlich im Bruchteil einer Sekunde vorher ein emotionaler Zustand voraus. Ohne diesen wäre der Motivationszustand zum Handeln, der das Verhalten ausgelöst hat, nicht entstanden. Diese Reaktionen im Gehirn laufen im Millisekundenbereich ab.


Fotos: slawik.com (3), Getty Images (1), IMAGO/ allOver (1), Neumann-Cosel (1), AdobeStock/ Azaliya (Elya Vatel) (1)/ happylights (1)/ Mari_art (1)