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Verklärung (Transfiguration): Raffael


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 01.08.2019
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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 3/2019

Régis Burnet ist Professor für Neues Testament an der Universität Louvainla-Neuve (Belgien).


In diesem Werk, das der italienische Kunsthistoriker Giorgio Vasari (1511–1574) als das schönste und berühmteste aller Gemälde bezeichnete, wirft Raffael die Frage nach dem geistigen Schauen auf. Was also sieht man, wenn man die Welt im Blick des Glaubens, auf einer geistigen Ebene betrachtet? Giulio de Medici, der gerade zum Kardinal und Bischof von Narbonne ernannt worden war (später wird er Papst Clemens VII.), beauftragte Raffael, ein Gemälde mit einer „Verklärung“ zu schaffen. Doch im Gegensatz zu allen bis ...

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... dahin üblichen Darstellungen malte Raffael die Verklärung zusammen mit der Begebenheit, die im Markus-, Matthäus- und Lukasevangelium der Verklärungserzählung folgt: Ein Vater bittet die Jünger darum, seinen Sohn zu heilen, der von einem Dämon besessen ist – doch die Jünger haben nicht die Kraft dazu.


Raffaels Idee ist absolut einzigartig: Niemals hat ein Maler die Verklärung mit dem vom Dämon gequälten Jungen verbunden


In der ersten Szene, im oberen Register, gibt es zu viel zu sehen: Die Apostel sind niedergefallen und bedecken ihre Augen, um nicht von der göttlichen Herrlichkeit geblendet zu werden. Jesus schaut sie nicht an: Er befreit sich von den Gesetzen der Schwerkraft und von allem Irdischen und richtet seinen Blick auf den Himmel. Er zeigt, dass die Veränderung, die sein Körper erfährt, nur die Verkündung der himmlischen Herrlichkeit ist, in die er bald einkehren wird. Das untere Register ist in Helldunkel(chiaroscuro) gehalten, weil das göttliche Licht die Jünger noch nicht erleuchtet hat. Sie können den Jungen nicht heilen und nehmen ganz unterschiedliche Körperhaltungen ein – hierhin und dorthin zeigend, herumschauend. Doch keiner von ihnen hat den Blick des Glaubens: Sie bleiben in der alltäglichen Realität und wenden sich von der wunderschönen Vision ab, die auf dem Berg Tabor stattfindet, auch wenn zwei Männer darauf verweisen – als hätten sie sie zwar wahrgenommen, ohne sie wirklich zusehen .Schaut auf das Wesentliche, schaut anders, schaut neu! , verkündet die weibliche Figur im Vordergrund, deren verdrehte Haltung der Ausdruck der Umkehr ist, die die Jünger vollziehen müssen.

Die Geschichte der Darstellung

Raffaels Idee ist absolut einzigartig: Niemals hat ein Maler die Szene der Verklärung mit dem vom Dämon gequälten Jungen verbunden. Seit der frühesten bekannten Verklärungsszene in der Apsis des Katharinen-Klosters im Sinai aus dem Jahr 565 ist die Ikonografie der Verklärung bemerkenswert gleichbleibend. Jesus, oft dargestellt mit einem Heiligenschein, der auf eine Veränderung seines Aussehens hinweist, ist von Mose und Elias flankiert. Die drei Personen stehen meist auf einer Erhöhung, die den Berg Tabor anzeigt, oder, wie auf orthodoxen Ikonen, auf drei Bergen. Zu ihren Füßen liegen oder knien die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes wie vom Blitz getroffen: Oft halten sie einen Arm über die Augen, um zu zeigen, wie geblendet sie von der göttlichen Herrlichkeit sind. Die Darstellung des verklärten Körpers macht bisweilen Schwierigkeiten: In Ravenna wird Jesus durch ein mit Juwelen geschmücktes Kreuz ersetzt; in der Ikonenmalerei zeigen manchmal angeordnete Dreiecke und Rauten die Strahlen der Herrlichkeit an; ein sehr helles Weiß oder eine goldene Mandorla werden von westlichen Malern verwendet. Die Heilung des besessenen Jungen ist dagegen viel ungewöhnlicher: Die Perikope wird in der Kunst nur selten durch Miniaturen und durch wenige Maler repräsentiert, die Raffael nachahmen.

Das Gemälde
Raffaello Sanzio, genannt Raffael, Verklärung, 1516–1520, Öl auf Holz, 410 x 278 cm. Rom, Vatikanische Museen.

Der historische Kontext

Die Frage der Vision, des Schauens, ist ein zentrales Thema der italienischen Renaissance. Zuerst das physische Sehen, die Forschung über Perspektive und Harmonie der Formen und Körper, aber ebenso das spirituelle Schauen. So widmet das repräsentativste Buch dieser Zeit, dasBuch vom Hofmann von Baldassare Castiglione (1528), eine lange Passage einer wundersamen Vision durch Schönheit. Denn die Renaissance kehrte mit den Werken des florentinischen Humanisten Marsilio Ficino (1433–1499) zum griechischen Denken und zum Platonismus zurück, dessen zentrale Frage die Vision des Guten ist. Man knüpft an Augustinus an, der die göttliche Vision im Innern seiner Seele dachte, aber auch an die Frage der prophetischen Vision. Jérome Savonarola, der Dominikaner, der Ende des 15. Jh. in Florenz einen Gottesstaat etablieren wollte, hielt eine Reihe von Predigten über Ezechiels Visionen.

Der Künstler

Raffaello Sanzio (1483–1520), der schon bei seinem frühen Tod als der größte Maler seiner Zeit angesehen wurde, schuf eine Vielzahl von Meisterwerken: die Hochzeit der Jungfrau (1504), die Schöne Gärtnerin (1505), die Madonna auf dem Stuhl (1513–1514), das Porträt des Baldassare Castiglione (1515) sowie die großen Fresken in den Stanzen des Apostolischen Palastes (1508–1514), insbesondere die Schule von Athen, die Disputa des allerheiligsten Sakraments und dieStanza dell’incendio di Borgo . Er liebte die warmen Farben – fast Pastelltöne – und suchte die Weichheit und Schönheit der Gesichter. Damit ist er auch heute noch ein sehr beliebter Maler, unzählige Male reproduziert – denken wir nur an die kleinen Engel am Fuß der Sixtinischen Madonna!

1Die seltsame Frauenfigur

Giorgio Vasari sagte um 1550, die Frau im Vordergrund sei das Hauptthema des Werkes. Und ihre Schönheit, der zentrale Raum, den sie einnimmt, und ihre seltsame Haltung machen sie tatsächlich zu einer zentralen Figur. Vom göttlichen Licht beleuchtet, steht sie in einer geschwungenen Kontrapost-Haltung. Genauer gesagt nimmt sie die „Schlangenhaltung“ einer Kehrtwende ein, die durch Leonardo da Vincis Leda berühmt wurde. Für Raffael hat jede Körperhaltung eine symbolische Aussagekraft, wie die berühmte Spannung zwischen Platon und Aristoteles in der Athener Schule zeigt, die durch ihre Körperhaltungen entsteht. Die Frau im Vordergrund – die in den Evangelien überhaupt nicht vorkommt – hat daher eine aufschlussreiche Funktion: Sie ist eine rhetorische Figur. Die Umkehr, die sie in ihrem Körper vollzieht, ist in der Tat ein Anspruch an die Jünger: Eindringlich fordert sie auf, Kontinuität zu durchbrechen, eine Einstellung zu ändern. Sie schlägt eine andere Richtung vor. Sie lädt die Jünger zur Bekehrung ein. Aber gleichzeitig stellt ihre Bewegung die Betrachtenden vor eine Frage: Wohin sollen wir schauen? Zur spektakulären Szene der Verklärung oder zum unansehnlichen Jungen mit dem Dämon, in dem die Betrachtenden sich vielleicht selbst erkennen können?

2Zwei gegnerische Gruppen

Auf der rechten Seite eilt eine erste Gruppe den Weg entlang, der zum Berg Tabor führt: Die Menge drückt den Jungen nach vorne, damit er geheilt werde. Der Mann (sein Vater?), der ihn unterstützt, hat das gleiche vorstehende Auge wie der Junge, so massiv ist seine fordernde, verzweifelte Bitte. Angesichts der Erregung der Eltern, die den Jungen führen, antwortet die Gruppe der Apostel auf der linken Seite mit einer Erregung, die aber nicht sehr produktiv ist: Sie wissen nicht, wo sie hinschauen sollen, und schaffen es nicht, den Raum zu durchqueren, der sie vom Jugendlichen trennt. Paradoxerweise schaut derjenige, der auf den Jungen zeigt, ihn nicht an, und ebenso paradoxerweise zeigt derjenige, der den Jungen betrachtet, mit der Hand auf die Szene auf dem Berg Tabor. Der Junge im Vordergrund hält ein dickes Buch in der Hand, hat es aber aufgegeben, darin zu lesen: Die Wissenschaft ist nutzlos, bis man seine Sicht der Dinge umgekehrt hat, meint der Maler.

3Die raffaelitische Interpretation der Verklärung

Wie kann man einen verklärten Körper darstellen? Während die meisten Gemälde der Verklärung Jesus auf dem Tabor stehend zeigen und mit der weißen Helligkeit seines Gewandes gemäß dem biblischen Text spielen, beschließt Raffael, den göttlichen Charakter der Vision zu betonen: Er lässt Jesus vom Boden abheben und spielt mithilfe der Hintergrundwolke mit dem Kontrast des gleißenden Lichts. Neben ihm stehen die beiden vom Evangelium genannten Gestalten: links Mose, zu erkennen an den Gesetzestafeln, und Elija, der ein Buch trägt, traditionelles Attribut der Propheten.

Die beiden Figuren auf der linken Seite sind ein kleines Rätsel. Zweifellos stellen sie einen Schlüssel zur Interpretation des Gemäldes dar: Kniend in einer respektvollen Position haben sie die beste Haltung eingenommen, um Jesus zu sehen – im Gegensatz zu Petrus, Jakobus und Johannes, deren Haltung Angst und den Wunsch verrät, der Vision zu entkommen, und im Gegensatz zu den ziellos erregten Jüngern unten. Aber wer sind sie? Da sie die Dalmatika der Diakone tragen, wurden mehrere Interpretationen vorgeschlagen. Für einige sind es Laurent und Julien d’Orta, zwei Schutzheilige der Familie Medici. Es wäre eine Art, dem Sponsor zu schmeicheln, der gerade zur Würde eines Kardinalbischofs erhoben worden war. Für andere sind es Felicissimus und Agapit, die beiden Diakone, deren Festtag gleichzeitig mit der Verklärung gefeiert wurde. Wieder andere sehen in ihnen die heiligen Märtyrer Justus und Pastor, deren Reliquien in der Kathedrale von Narbonne aufbewahrt werden.

4Eine symbolische Besessenheit

Raffaels Darstellung des Jungen zeigt realistische Züge eines Krampfanfalls. Aber sie hat auch eine symbolische Funktion: Ein Auge ist dem Himmel zugewandt und ein Auge auf die Erde gerichtet – die Gestalt verkörpert eine Art spirituelle Schizophrenie, die sich im verdrehten Körper spiegelt.

Es ist nicht unmöglich, dass es auch eine Art künstlerisch-ästhetisches Manifest ist: Erinnert der Junge mit seinem muskulösen Körper nicht an eine der Figuren seines Zeitgenossen Michelangelo, denen die anmutigen Gestalten Raffaels gegenüberstehen?

DER BIBELTEXT: DIE VERKLÄRUNG JESU UND DIE ERFOLGLOSEN JÜNGER

„Es geschah aber: Etwa acht Tage nach diesen Worten nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus mit sich und stieg auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und siehe, es redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in Herrlichkeit und sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte. Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. Und es geschah, als diese sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. Während er noch redete, kam eine Wolke und überschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als sie in die Wolke hineingerieten. Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Während die Stimme erscholl, fanden sie Jesus allein. Und sie schwiegen und erzählten in jenen Tagen niemandem von dem, was sie gesehen hatten.

Es geschah aber am folgenden Tag: Als sie vom Berg hinabstiegen, kam ihm eine große Menschenmenge entgegen. Und siehe, ein Mann aus der Menge schrie: Meister, ich bitte dich, schau auf meinen Sohn! Es ist mein einziger. Siehe, ein Geist packt ihn, dass er plötzlich aufschreit, zerrt ihn hin und her und lässt ihn schäumen und der Geist quält ihn fast unaufhörlich. Ich habe schon deine Jünger gebeten, ihn auszutreiben, aber sie konnten es nicht. Da antwortete Jesus: O du ungläubige und verkehrte Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein und euch ertragen? Bring deinen Sohn her!

Als der Sohn herkam, warf der Dämon ihn zu Boden und zerrte ihn hin und her. Jesus aber drohte dem unreinen Geist, heilte den Knaben und gab ihn seinem Vater zurück.“ (Lk 9,28-42)


© Luisa Ricciarini/Leemage

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