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Verlernen wir das Autofahren?


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Auto Bild Spezial TÜV Report - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 11.11.2022

INTERVIEW

MARC-PHILIPP WASCHKE

Verkehrssicherheitsexperte, TÜV-Verband

Artikelbild für den Artikel "Verlernen wir das Autofahren?" aus der Ausgabe 1/2023 von Auto Bild Spezial TÜV Report. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auto Bild Spezial TÜV Report, Ausgabe 1/2023

Herr Waschke, stimmt es, dass immer mehr Fahrschüler durch die Theorieprüfung fallen?

Ja, während im Jahr 2011 noch etwa jede dritte Theorieprüfung der Klasse B wiederholt werden musste, waren es 2020 schon 42 Prozent, und die Tendenz ist eher weiter steigend.

Woran liegt das?

Das ist schwer zu sagen. Fahrschüler scheinen möglichst schnell und kostengünstig zum Führerschein kommen zu wollen. Sie glauben, die theoretische Fahrerlaubnisprüfung bekommen sie leicht hin und bereiten sich nur unzureichend vor. Das hat zur Folge, dass viele sogar drei, vier Mal durchfallen.

Statt jedoch intensiver zu lernen, melden einige Bundesländer erhöhten Schummel-Alarm. Auf welche Art wird denn betrogen?

Die Betrugsfälle machen uns sehr zu schaffen. Wir vermuten hinter vielen Fällen sogar ein organisiertes Vorgehen. Denn es geht längst nicht mehr um den ...

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... Spickzettel, wie man ihn aus der Schule kennt, sondern um eine perfide Masche: Betrogen wird per Kamera im Knopfloch oder Brillengestell. Mit Coronapandemie und Maskenpflicht kam eine weitere Methode auf; dabei wird in die FFP2-Maske eine Minikamera eingenäht, die durch ein kleines Loch filmt. Zusätzlich haben die Prüflinge einen Knopf im Ohr, ein Informant gibt dann von außerhalb die richtigen Antworten. Wir haben Hinweise darauf, dass diese Hintermänner sich ihre Arbeit teuer bezahlen lassen und ihre kriminellen Dienste regelmäßig anbieten. Wir wünschen uns, dass diese Fälle stärker von Behörden und Polizei verfolgt werden.

Warum ist es so schwer, den Tätern auf die Spur zu kommen?

Die Hintermänner sind selbst den Prüflingen meistens unbekannt, sie tauchen unter. Die wenigsten Fälle kommen vor Gericht.

Mit welchen Sanktionen müssen ertappte Prüflinge rechnen?

Der Betrug wird weder als Ordnungswidrigkeit noch als Straftat geahndet. Es gibt leider keine Strafe bis auf eine Sperrfrist. Diese wurde im Zuge der Änderung der Fahrerlaubnisverordnung auf eine Mindestsperrfirst von zwei Wochen bis neun Monate festgelegt, je nach Schweregrad der Täuschungshandlungen. Der Ermessensspielraum liegt bei den Fahrerlaubnisbehörden in den Landkreisen und Kommunen. Wir befürchten, dass viele Prüflinge, die betrogen haben, die Prüfung nach zwei Wochen einfach wiederholen können.

Gibt es weitere Betrugsmaschen?

Ja, auch die sogenannte Stellvertreterprüfung, bei der sich jemand anders als Prüfling ausgibt, kommt vor.

Wie reagieren Prüflinge, die beim Betrug ertappt werden?

Schlimmstenfalls kann dies in Gewalt münden. Das reicht vom zerkratzten Auto des Prüfers bis zu tätlichen Angriffen, die Polizeieinsatz und ärztliche Versorgung unserer Mitarbeiter nötig machen.

Hat diese Entwicklung auch Folgen für den Straßenverkehr?

Ja, Betrügereien bei der Fahrerlaubnisprüfung sind mehr als harmlose Schummeleien, sondern stellen ein er hebliches Sicherheitsrisiko für andere Verkehrsteilnehmer dar. Wir möchten nur die Menschen in den Straßenverkehr entlassen, die sich an Regeln halten. Bei denjenigen, die derart betrügen, muss man die Eignung schon in Frage stellen. Davon abgesehen, dass sie die erforderlichen Kenntnisse gar nicht erworben haben.

Wie könnte man dem Betrug denn frühzeitig vorbeugen?

Wünschenswert wäre es, wenn in den Fahrschulen während der Ausbildung der Lernstand kontrolliert und am Ende eine Prüfungsreifefeststellung vorgenommen wird. So könnte der Fahrlehrer befördern, dass der Prüfling besteht.

Müsste man auch seitens der Fahrprüfung etwas verändern?

Im letzten Jahr haben wir die praktische Prüfung optimiert. Jeder Bewerber bekommt am Ende der Prüfung eine qualifizierte Rückmeldung, mündlich und per elektronischem Prüfungsprotokoll. Das zeigt, wo die Fahrkompetenz besonders hoch war, wo es Schwachpunkte gab. So können gezielt Schwächen in Angriff genommen werden.

Die Entwicklung geht dahin, dass der Führerschein digitaler wird. Was sind die Für und Wider beim Erlernen des Lehrstoffs?

Digitale Elemente spielen in der Fahrausbildung eine immer größere Rolle, zum Beispiel in Selbstlernphasen, in denen vieles über Apps und Onlineportale läuft. Auch den Gruppenunterricht können digitale Elemente vielfältiger gestalten. Die gesamte Ausbildung zu digitalisieren halte ich für weniger sinnvoll, da die Lernvoraussetzungen der Fahrschüler sehr verschieden sind. Vielen hilft es eher, in der Fahrschule mit anderen zu lernen und zu diskutieren.

Eine weitere Neuerung der Fahrerlaubnisverordnung betrifft den Einsatz von Fahrassistenzsystemen in der Prüfung. Was sieht diese vor?

Seit Juli 2022 ist die Ausrüstung von neuen Fahrzeugtypen mit zahlreichen Fahrerassistenzsystemen wie zum Beispiel adaptiver Geschwindigkeitsregelanlage, Spurhalteassistent mit Lenkeingriff oder aktivem Spurwechselassistent Pflicht. Diese erhöhen den Fahrkomfort und die Fahrsicherheit. Aber nur dann, wenn Fahrer die Systeme zur Unfallvermeidung richtig einsetzen. Mit der bereits erwähnten Änderung der Fahrerlaubnisverordnung hat der Bundesrat auch die Voraussetzungen geschaffen, diese Kompetenzen in die Prüfung einzubeziehen.

Auf welche Weise wird das geprüft?

Fahrerinnen und Fahrer müssen wissen, wie Fahrassistenzsysteme unterstützen, in welchen kritischen Situationen sie greifen oder wann Systeme teilweise oder vollständig übernehmen. Und sie müssen wissen, wo deren Grenzen liegen. Es gibt einen Fahraufgabenkatalog, aus dem der Prüfer je nach Streckenführung und Situation auswählt, welche Assistenzsysteme geprüft werden. So kann der Prüfer den Prüfling auffordern, das Assistenzsystem wie etwa den Parkassistenten zu deaktivieren, weil er sehen will, ob dieser die Aufgabe auch ohne bewältigen kann. Oder die Führerscheinanwärter sollen eine Zeit lang mit Abstandsregeltempomat fahren. So kann der Prüfer sehen, ob sie imstande sind, das System zu überbrücken, vielleicht auch zu übersteuern, falls es zu Fehlern kommt. Die Prüflinge müssen wissen, wie die Systeme aktiviert und deaktiviert werden, ohne dass es zu Ablenkung kommt, weil sie unsicher sind.

„Betrügereien bei der Fahrprüfung stellen ein erhebliches Sicherheitsrisiko für andere Verkehrsteilnehmer dar.“

Marc-Philipp Waschke

Sind alle Fahrschulen bereits entsprechend ausgerüstet?

Der TÜV-Verband empfiehlt, den Umgang mit Sicherheits- und Assistenzsystemen systematisch in den Fahrschulunterricht aufzunehmen. Die geänderte Fahrerlaubnisverordnung sieht aber keine verbindlichen Vorgaben für die Ausrüstung von Prüffahrzeugen mit Fahrassistenzsystemen vor. Aktuell sind die Fahrschulflotten noch sehr unterschiedlich, nicht alle Prüffahrzeuge verfügen über die neuesten Fahrassistenzsysteme. Nach Ansicht des TÜV-Verbands sollten Prüfungsfahrzeuge der Klasse B ab 2024 und Prüfungsfahrzeuge der Klassen C1, C, D1 und D ab 2028 über Systeme verfügen, welche die Längs- und Querführung des Fahrzeugs aktiv und kontinuierlich übernehmen.

Wird die Fahrprüfung leichter?

In der Transformationsphase zur Automatisierung ist eher das Gegenteil der Fall. Schülerinnen und Schüler müssen sowohl für das manuelle klassische Fahren ausgebildet sein als auch Kompetenzen für das automatisierte Fahren haben. Die Prüfungen werden also nicht leichter, weil die Technik umgänglicher wird. Prüflinge müssen weiterhin zeigen, dass sie auch in komplexen Verkehrssituationen den Überblick behalten und die Fahraufgaben sicher bewältigen können.

Interview: Sabine Franz

TÜV-STATISTIK

DIE BETRUGS-MASCHEN

→ 2019 und 2020 meldeten die Prüfgesellschaften bundesweit jeweils ungefähr 2500 Täuschungsversuche in der theoretischen Fahrerlaubnisprüfung. 2021 wurden 2640 Betrugfälle registriert.Die Dunkelziffer wird weit höher geschätzt.

→ Neben der Kamera- und Mikromasche arbeiten Betrüger laut TÜV bereits mit Impulsen, die auf Oberschenkel oder Bauch übertragen werden, sobald der Prüfling mit der Computermaus über die richtige Antwort fährt. Es gebe sogar Fälle, in denen versucht wird, die Prüf-Software zu hacken.

→ In Koblenz fiel einer TÜV-Mitarbeiterin unlängst ein Mann auf, der die theoretische Prüfung als Vertretung mit dem Ausweisdokument eines anderen Mannes ablegen wollte. Der Unbekannte flüchtete zu Fuß, ließ aber den Ausweis zurück.

→ Der TÜV nutzt Sensoren, um während der Prüfung verwendete illegale Technik aufzuspüren. Die Prüfer laufen mit Detektoren durch die Reihen, die Alarm schlagen.