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VERLOREN IN DEN STRAßEN VON NEW YORK CITY


GAIN Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 18/2021 vom 14.11.2021

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Bildquelle: GAIN Magazin, Ausgabe 18/2021

Als Zahnarzt Alan Johnson (gespielt von Don Cheadle) nach Jahren seinem früheren Freund und College-Zimmergenossen Charlie Fineman (Adam Sandler) über den Weg läuft, kann er seinen Augen kaum trauen. Wer ist dieser Mann, der Nacht von Giacomo für Nacht Maihofer mit einem Roller durch die Straßen von New York City fährt, geistesabwesend und verlottert wirkt, und sich nach eigener Aussage nicht an Alan erinnert? Alan lässt nicht locker und verbringt bald mehr Zeit mit Charlie als mit seiner Frau Janeane (Jada Pinkett Smith). Zunehmend keimt die alte Freundschaft wieder auf und Alan realisiert, was Charlie verdrängt: bei den Terrorangriffen vom 11. September 2001 kamen seine Frau und Töchter ums Leben. Gemeinsam mit der Psychiaterin Dr. Angela Oakhurst (Liv Tyler) versucht Alan, Charlie aus seiner Traumwelt herauszuholen. Sollte es Hoffnung auf einen Neuanfang geben, muss Charlie sich seinen Dämonen ...

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LIVE ON AIR: MIKE BINDER UND 9/11

Wie wahrscheinlich es ist, dass jemand wie Charlie Fineman in der Realität ansatzweise wieder auf die Beine käme? Ich wage es nicht zu beurteilen. Dass Regisseur und Drehbuchautor Mike Binder die Hoffnung in den Raum stellt, kann ich ihm nicht verdenken. Anderenfalls wäre »Reign Over Me« wohl nur schwer zu ertragen. Bei meiner Recherche stelle ich fest, dass der Kopf hinter »Reign Over Me« selbst am 11. September 2001 in NYC gewesen ist. In einem Skype- Gespräch teilt der 1958 in Detroit geborene Mike Binder seine Erinnerungen mit mir: »Ich bin damals aus L.A. nach NYC gekommen, um meine HBO-Serie ›The Mind of the Married Man‹ zu promoten. Ich saß live in der ABC-Show ›Good Morning America‹. Im direkten Anschluss an mein Interview wurde eine Breaking News durchgegeben. Es hieß, ein Flugzeug sei ins World Trade Center eingeschlagen. Neben mir saß Sarah Ferguson, die Herzogin von York, die ebenfalls zu Gast war. Irritiert sagte sie zu mir, dass sie vor der Sendung selbst im World Trade Center gewesen ist. Wir waren allesamt durcheinander, wussten zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, dass es sich um einen Terrorangriff handelte.«

“Es fühlte sich an wie der Beginn des Dritten Weltkriegs

»Mit meinem Manager und Agenten machte ich mich auf den Weg zu einem weiteren Interview beim ›Time Magazine‹«, fährt Mike Binder fort. »Wir mussten die Straße runter und konnten das World Trade Center von hier aus nicht sehen. Als wir zum Gebäude vom ›Time Magazine‹ kamen, ließ man uns nicht rein und teilte uns mit, dass es einen Anschlag gegeben habe. Kurz darauf erfuhren wir auf der Straße, dass ein zweites Flugzeug eingeschlagen sei. Keines unserer Handys funktionierte. Überall redeten aufgeregt Menschen miteinander. Autofahrer ließen ihre Fenster runter und stellten ihre Radios laut. Immer neue Geschichten machten die Runde. Es hieß, das Pentagon und das Weiße Haus seien angegriffen worden. Es fühlte sich an wie der Beginn des Dritten Weltkriegs. Irgendwann schaffte ich es, meine Frau in L.A. übers Telefon zu erreichen. Dort war es früh am Morgen. Sie schlief noch und hatte nichts mitbekommen. Ich sagte ihr, dass etwas Schreckliches geschehen war, woraufhin sie mich fragte: ›Hast du den Auftritt bei ›Good Morning America‹ versaut?‹ Ich bat sie, wach zu werden und den Fernseher anzuschalten. Meine Frau berichtete uns, was im Fernsehen gemeldet wurde. Sie war unser Orientierungspunkt.«

DER URSPRUNG VON »REIGN OVER ME«

Mike Binder schildert Einschneidendes vom Abend des 11. Septembers. »Wir durften wieder ins Hotel. Unmittelbar davor sahen wir Menschen auf der Straße, die von Staub bedeckt waren, einige davon blutverschmiert. Die Verzweiflung war allgegenwärtig. Menschen weinten, waren völlig paralysiert. Auch am nächsten Tag liefen Leute in diesem Zustand durch die Straßen. Was sagst du diesen Menschen? Es fühlte sich grauenhaft an. Sie taten mir unendlich leid.« Der Filmemacher springt ins Jahr 2004 und berichtet von seiner Rückkehr nach New York. »Meine Frau, meine Kinder und ich waren in New York City. Ich musste an die traumatisierten Personen denken, die ich 2001 gesehen hatte. Ich fragte mich, wie viele davon wohl immer noch durch die Straßen liefen, ohne ihren Schock verarbeitet zu haben – Menschen, für die die Uhr am 11.9.2001 stehengeblieben war. Dieser Gedanke war der Ausgangspunkt für meinen Film.«

»SHADOW OF THE COLOSSUS« UND TOM CRUISE

Auf die Frage, wie der Videospieldarling »Shadow of the Colossus« im Film landete, erfahre ich: »Unser Schnitt-Spezialist Jeremy Roush zeigte uns das Spiel. Es hatte etwas Poetisches. Der Fluss, in dem man sich durch diese Welt bewegt, war perfekt für Charlie, der abseits des Spiels allein in einer bedrohlichen Welt mit dem Roller durch die Nächte fährt. Was ihn in der Welt von ›Shadow of the Colossus‹ hält und ihn Tag für Tag Monster bekämpfen lässt, ist die Hürde, nicht mit der Außenwelt kommunizieren zu können. Als er zunehmend mehr Zeit mit Alan verbringt, ist das sein erstes Tor in die reale Welt seit Langem.« Auf der Suche nach geeigneten Darstellern sprach Binder unter anderem mit Javier Bardem und Tom Cruise, an dessen Seite Mike Binder eine Gastrolle in Steven Spielbergs »Minority Report« gespielt hatte. Als mit den ursprünglichen Kandidaten keine Einigung erzielt werden konnte, landete auch Adam Sandler in der Verlosung, dessen Rolle in Paul Thomas Andersons »Punch Drunk Love« Eindruck bei Mike Binder hinterließ. Von Zweifeln geplagt, sagte Sandler zunächst ab, ließ sich aber doch noch davon überzeugen, die Rolle des Charlie Fineman zu übernehmen. Dass die Realisierung des Projekts relativ hürdenlos möglich war, begründet Binder mit gut gelaufenen Vorgängerprojekten und den Darstellern, die er für das Drehbuch begeistern konnte.

KEINE SZENEN VOM 11. SEPTEMBER

Der Regisseur, der eine kleine Rolle als Charlies Anwalt Bryan Sugarman spielt, bezeichnet die Stimmung am Set als angespannt, da die Darsteller*innen und er selbst dem Thema unbedingt gerecht werden wollten. »Adam hat sehr intensiv für die Rolle recherchiert«, erfahre ich in diesem Zusammenhang, »er hat sich mit Hinterbliebenen von 9/11 getroffen und weitere Menschen aufgesucht, die schlimme Verluste erlitten. Diese Treffen sind ihm sehr nahe gegangen. Als diese Leute den Film zu sehen bekamen, waren wir sehr froh über ihre positive Resonanz. Du möchtest aus jedem Projekt das Beste herausholen, aber bei diesem war es besonders wichtig.« Dass in der Spielzeit von knapp zwei Stunden keine Bilder vom 11. September zu sehen sind und 9/11 nur wenige Male erwähnt wird, ist kein Zufall. Laut Binder sollte der Film genauso für Menschen mit anderen Traumata funktionieren und nennt Hurrikan Katrina als Beispiel.

Wer ihn in einer weiteren ernsten Rolle sehen möchte, sollte sich unbedingt den Netflix-Film ›Der Schwarze Diamant‹ (2019) ansehen. Ich habe ihn circa vier Mal gesehen. Was für ein Film!«

“Ich bin nicht auf all meine Filme stolz, auf diesen bin ich es

Auf die Resonanz angesprochen, offenbart der Filmemacher: »Ich habe nie erwartet, dass der Film ein kommerzieller Hit werden würde« und ergänzt: »Ein Kritikerliebling bin ich auch nie wirklich gewesen. Zudem scheint das Interesse der Zuschauer, Adam Sandler in Dramarollen zu sehen, überschaubar zu sein. Bedenkt man, dass der Film nicht besonders teuer war, hat er finanziell durchaus funktioniert. Ich habe das Gefühl, sein Status ist über die Jahre gestiegen. Ein Netflix-Verantwortlicher sagte mir mal, dass der Film sehr gute Abrufzahlen hat. Sandler erzählt mir immer noch, dass er häufiger auf ›Reign Over Me‹ angesprochen wird. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute, die den Film gesehen haben, ihn sehr mögen. Es gibt auch Gegenbeispiele, aber du kannst einen solchen Film nicht drehen und erwarten, dass alle ihn lieben. Ich bin nicht auf all meine Filme stolz, auf diesen bin ich es. Es hat mich sehr gefreut, dass er bei der Premiere in New York City Standing Ovations bekam. Er ist mit den richtigen Absichten entstanden. Außerdem war Adam brillant!

Stand-Up-Comedian, Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler, Produzent, Buchautor: Mike Binder hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Talente bewiesen. Aktuell arbeitet er an der Realisierung eines Films mit »The-Americans«- Hauptdarstellerin Keri Russell, die schon in seinem Film »An deiner Schulter« (2005) neben Kevin Costner, Joan Ellen und Evan Rachel Wood zu sehen war. In den letzten Jahren drehte und schrieb Binder u.a. drei Episoden der Serie »Ray Donovan«, führte beim Netflix-Comedy- Special »Bill Burr: Paper Tiger« Regie und verantwortete eine fünfteilige Showtime-Doku über den legendären Stand-Up-Club »Comedy Store«. Als Darsteller war er beispielsweise in »Curb Your Enthusiasm« und »Boston Legal« zu sehen. 2016 wurde Mike Binders erster Roman veröffentlicht, der Thriller »Keep Calm«.

/ MIKEBINDERJOKES