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Verlorene Helden


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 34/2018 vom 17.08.2018

Legenden Jan Ullrich, Diego Maradona, Boris Becker, Franz Beckenbauer – wie der Sport seine größten Kinder frisst.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 34/2018

Radprofi Ullrich 2005: Wille gegen Schmerz, darum geht es


Der Zweite ist immer der erste Verlierer. Das ist einer dieser Sportlersprüche. Kein schöner Satz. Er ist auch der Titel einer Biografie des Rennfahrers Ayrton Senna. Senna hat diesen Satz gelebt, man muss auch sagen, dass er an diesem Satz gestorben ist, 1994 bei einem Rennen in Imola. Er wollte der Beste sein, immer und unbedingt.

Die Welt einzuteilen in Sieger und Verlierer, das passt nicht mehr zum Common Sense moderner ...

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... Gesellschaften. Siegen und Verlieren, das sind Kategorien des Krieges, des Kampfes, der Schlacht. Wir sind stolz darauf, dass unsere Idee vom Zusammenleben auf Anteilnahme und Fürsorge beruht, darauf, dass man vermeintlich Schwächeren beisteht und vermeintlich Bessere einschränkt, dass Siegen und Verlieren eben keine Kategorien sind, die unser Leben bestimmen. Frieden statt Krieg.

Wahrscheinlich ist genau das aber die Faszination des Sports und seiner Helden: Dort wird etwas gestattet, was eigentlich verboten ist und doch irgendwie in uns zu stecken scheint. Siegen oder Verlieren, das ist Sport. Wir lieben seine Helden, wir verehren sie wie Götter, die Übermenschliches leisten. Und es tut weh, ihnen beim Absturz zuzuschauen.

Es gibt ein Video über Jan Ullrich, 44, es ist fast zwei Wochen alt und vor seinem Haus auf Mallorca entstanden, als er Journalisten bedrängte. Er trägt abgeschnittene Jeans und Baseballcap, in der Rechten eine Zigarette, um seine Knie hat er sich zwei bunte Bänder geschnürt. Die Hose sitzt tief, der Gürtel ist breit, sein Oberkörper durchaus trainiert, fast so, als wäre er noch Leistungssportler. Aber das ist kein Rennradkrieger, den wir da sehen, sondern eher eine Art Kleingangster aus der Halbwelt.

Schwierige Tage. Auf Mallorca wurde Ullrich verhaftet, weil er auf das Grundstück seines Nachbarn Til Schweiger eingedrungen war, ein paar Tage später in Frankfurt ein zweites Mal, weil er eine Prostituierte in einem Hotel misshandelt haben soll. Die Rede ist von Alkohol und anderen Drogen, von einem totalen Zusammenbruch, der sich quasi in der Öffentlichkeit abgespielt hat. Er wurde zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen und soll inzwischen eine Therapie begonnen haben. Die Prostituierte, die ein paar Tage später ihre Geschichte mit Ullrich dem Boulevard erzählte, wahrscheinlich nicht nur zum Zwecke der Wahrheitsfindung, berichtet von einem manischen, unkontrollierten Monster, das nicht mehr Herr seiner Sinne sei.

Jan Ullrich ist der einzige deutsche Tourde-France-Gewinner. 21 Jahre ist das jetzt her, er ist einer der größten Sportler dieses Landes. Er hätte guten Grund, sehr stolz zu sein auf seine Lebensleistung.

Radfahren ist ein unangenehmer Sport. Es ist vor allem ein Kampf gegen den eigenen Körper und die Schmerzen, die er produziert auf dem Anstieg nach Alpe d’Huez. Wer den Schmerz am längsten hinauszögert oder die größte Pein am längsten erträgt, ist als Erster oben auf dem Pass.

Wille gegen Schmerz, darum geht es. Und manchmal muss dem Willen geholfen werden. Rennradfahrer früherer Tage schluckten Schmerz- und Aufputschmittel, um die Schmerzen zu unterdrücken; später nahmen sie Epo, um die Grenze des Erträglichen hinauszuschieben. Der ehemalige Radprofi Jörg Jaksche erzählte 2007 im SPIEGEL davon, wie dieser Sport Junkies produziert. Es liegt im Wesen des Ausdauersports, sich selbst zu medikamentieren.

Marco Pantani, ein Italiener, gewann 1998, ein Jahr nach Ullrich, die Tour de France und auch den Giro d’Italia, das haben nur wenige geschafft. Er war, wie alle Radsportler seiner Generation, zugedröhnt über alle Grenzen, ein Junkie der Hochleistung. Als man ihn wegen Doping sperrte, griff er zum Kokain, um seine Depressionen zu bekämpfen. Sechs Jahre nach seinem größten Triumph fand man ihn tot in einem Hotelzimmer, die letzten Tage hatte er in Einsamkeit verbracht. Überdosis, aus Zufall oder als geplanter Akt, die Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt.

Ullrich selbst tat lange so, als wäre er sauber, und wahrscheinlich waren die Drogen und der Alkohol und das viele Essen in den Winterpausen genauso ein Teil seiner Selbstmedikation. Sogar abends nach einer Tour-Etappe trank er Rotwein. 2007 trat er zurück, es war das Jahr, als Geschichten im SPIEGEL das systematische Doping im legendären Team Telekom enthüllt hatten.

Man könnte sagen, dass Ullrich seine Erfolge dem Doping verdankte. Aber er hatte einen anderen Blick darauf. Er wusste, dass alle anderen auch dopten. Es gab so etwas wie Waffengleichheit. Er war empört darüber, dass man ihm seine Erfolge nehmen wollte, wo er doch nur tat, was alle anderen ebenfalls taten. Unter den Gedopten war er einer der besten. Vielleicht ist es das, was Lance Armstrong, der selbst jahrelang jedes Junkietum leugnete, bis ihn staatliche Ermittler enttarnten, meinte, als er kürzlich Ullrich seine Hilfe anbot: die Gemeinschaft der Radsportler müsse zusammenhalten.

Man könnte griechische Sagenfiguren bemühen, um das Schicksal der Besten zu erfassen. Diego Maradona, Boris Becker, Franz Beckenbauer, alles verlorene Helden. Auch wenn die Geschichten ihres Scheiterns ihre jeweils eigenen Gründe und Verläufe haben, so haben sie doch ihren Kern im Sport selbst. Der Allerbeste zu sein, das muss das allergrößte Glücksgefühl sein. Wer sich unschlagbar wähnt, kann nur sich selbst verlieren.

Diego Maradona, dessen Geschichte der Jan Ullrichs ähnelt, war 25, als er in der zweiten Halbzeit des WM-Viertelfinales 1986 gegen England die größten vier Minuten der Fußballgeschichte produzierte, vier geniale und erschütternde Minuten. Erst machte er ein Tor mit der Hand, das 1:0, die Engländer hatten gesehen, dass es ein Handspiel war, auch Maradona selbst leugnete es nicht. Es war die Hand Gottes, wie er später sagte, die gerechte Rache für die Niederlage im Falklandkrieg gegen die Briten. Ein paar Minuten später schließlich dieser berühmte Sololauf über mehr als 50 Meter, er allein gegen die Engländer, es war wie ein Rausch, der in diesen wenigen Sekunden über ihn kam, niemand, der ihn stoppen konnte. Jemand, dem es gelingt, allen Widernissen der Schwerkraft zu entschweben, wird diesem Rausch wohl ewig nachhängen. Nicht Argentinien wurde 1986 Weltmeister, sondern Diego Maradona ganz allein.

Die Geschichte von Maradona ist die eines ewigen Rausches geworden: die Kokainsucht, die Fettsucht, die Ruhmsucht. Vor ein paar Wochen konnte man ihn auf der Tribüne beim WM-Spiel Argentinien gegen Nigeria live im Fernsehen bei einem Absturz erleben. Was immer es auch gewesen sein mag, Drogen, Alkohol, weiß der Teufel, der Mann, der dort manisch das Spiel verfolgte, schimpfte, jubelte, wegnickte, die Augen verdrehte, torkelte, das war ein anderer Mann, kein Genie mehr, kein Held. Sondern wie eine Figur aus der Hölle der lateinamerikanischen Narco-Kultur, in der Größenwahn, Machismus und Drogen Menschen zu Monstern machen.

Wie also muss es sich anfühlen, wenn man schon als ganz junger Fußballer der Kaiser genannt wird, weil das eigene Spiel so viel Gravität und Allmacht und Leichtigkeit ausstrahlt? Wie erst, wenn man nach dem Finale der Weltmeisterschaft 1990 als Trainer allein auf dem Platz steht, während alle jubeln? Gibt es eine andere Möglichkeit, als sich selbst für allmächtig zu halten? So allmächtig, dass eigentlich alles möglich ist? Seit der SPIEGEL vor ein paar Jahren über das gekaufte Sommermärchen von 2006 berichtete, ist der strahlende Kaiser Franz Beckenbauer verschwunden aus der Öffentlichkeit. Fast so, als wäre er beleidigt darüber, dass man ihn mit so etwas Kleinlichem wie Korruption behelligen will.

Und wie erst muss es sein, wenn man wie Boris Becker mit 17, also in der Pubertät, in Wimbledon siegt und das später auch noch wiederholen kann? Die Lektion, die Becker damals gelernt hat: Ich allein habe es geschafft, ich war es, der in allerletzter Sekunde aus Niederlagen Siege machte. Weil ich es wollte, weil ich es konnte. Aus Boris Becker hat es eine Ich-Maschine gemacht. Er glaubte, dass er alles könne, und es gab Grund genug für ihn, sich selbst zu glauben. Die Erkenntnis, dass das falsch ist, muss ziemlich hässlich sein. Verlieren und Scheitern, das ist hässlich.

Genauso wie man in den Siegen der Helden Erbauung und Inspiration findet, liegt in deren Scheitern auch eine Beruhigung für alle Normalsterblichen: Selbst die größten Gewinner können Verlierer sein. Sie verdienen Anteilnahme und Fürsorge.

»Ich lebe etwas Rock ’n’ Roll«, schrieb Jan Ullrich per WhatsApp, bevor alles zusammenkrachte, »ich lebe zurzeit meine Freiheit aus.« Gut gemeinte Ratschläge von Freunden verbitte er sich ab jetzt.

Es gibt eine andere Szene aus dem Leben des ehemaligen Weltsportlers, sie spielt vor ein paar Jahren bei einem Benefizskirennen in Kitzbühel. Andere Prominente wedelten den Hang hinunter, Ullrich fuhr verkrampft in Schneepflughaltung. Er fiel hin, immer wieder, er machte sich zum Clown. Einen Passanten bat er, ihm die verlorenen Skistöcke zu bringen. »Ich kann doch gar nicht Ski fahren «, sagte er leise.

Sportrentner Ullrich auf Mallorca: »Ich lebe etwas Rock ’n’Roll«


JOEL SAGET / AFP

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