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Verschleppt und in Ketten – 33 Tage Todesangst im Keller verlies!


die aktuelle Krimi - epaper ⋅ Ausgabe 16/2021 vom 08.08.2021

Kidnapping

Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Durch das Klebeband um seinen Kopf konnte Jan Philipp Reemtsma von seiner Umgebung nichts erkennen. Höllische Schmerzen durchströmten seinen Körper. Seine Nase war durch die brutalen Schläge so zugeschwollen, dass er nach Luft schnappte. Er krümmte sich gefesselt im Kofferraum eines Lieferwagens. Und während das Blut an ihm herunterlief, schoss ihm immer wieder nur eine einzige Frage durch den Kopf: Werde ich das überleben?

Nur eine halbe Stunde zuvor war die Welt von Tabak-Erbe Jan Philipp Reemtsma, damals 43, noch völlig in Ordnung. Der 25. März 1996 war ein herrlicher Frühlingstag. Am Abend verließ der leidenschaftliche Sozialforscher sein Wohnhaus im Hamburger Viertel Blankenese, um sich aus seinem nur 50 Meter entfernten Arbeitsgebäude ein Buch zu holen. Plötzlich hörte er ein Rascheln in den Rhododendron-Sträuchern. Und er dachte sich noch: „Das ...

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Bildquelle: die aktuelle Krimi, Ausgabe 16/2021

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... ist lauter als eine Katze.“ Doch bevor er die Gefahr begriff, sprang schon ein maskierter Mann auf ihn zu. Reemtsma begann sofort, sich mit allen Mitteln zu wehren. Denn auch wenn er nicht im Geringsten ahnte, was er bald durchleiden müsste, wollte er nicht kampflos aufgeben. Er drückte dem Unbekannten seine Daumen in die Augen. Doch plötzlich kam ein zweiter Täter aus dem Gebüsch hervor. Der packte ihn am Hals und schlug seinen Kopf an die Mauer. Für einen kurzen Moment glaubte Reemtsma, man hätte ihm den Schädel zertrümmert. Einer der Männer riss ihn hoch und stammelte ihm mit gebrochenen Deutsch ins Ohr: „Du nicht wehren, nichts passiert!“ Seine Hände wurden mit Handschellen auf seinem Rücken gefesselt. Man führte ihn durch seinen eigenen Garten zur nächsten Straße. Dann stießen die bewaffneten Kerle ihn in einen Lieferwagen. Und während sie mit ihrem Opfer davonbrausten, packte Jan Philipp Reemtsma panische Angst. Denn er realisierte, dass er gerade entführt wurde …

30 Millionen Mark retteten sein Leben –aber: „Die Angst ist immer noch da ...“

Auf dem Erpresserbrief lag eine Handgranate!

Seine Frau Ann Kathrin ging ebenfalls – wenn auch auf andere Art – durch die Hölle! Die Angst um ihren Mann brachte sie fast um den Verstand. Drei Stunden nach seiner Verschleppung (von der sie noch nichts ahnte) versuchte die Gattin, ihn in seinem Arbeitshaus zu erreichen. Doch er meldete sich nicht. Ann Kathrin ging rüber, um nachzuschauen. Vor der Villa fiel ihr Blick sofort auf eine Plastikhülle. Darin lag ein Zettel mit wenigen maschinengeschriebenen Zeilen: „Wir haben Herrn Reemtsma entführt!“ Der Erpesserbrief war mit einer Handgranate beschwert! Die Erpresser wollten 20 Millionen Mark für seine Freilassung. Sie forderten: Alles müsse geheim bleiben. Das Einschalten von Polizei und Presse bedeute den Tod für Herrn Reemtsma. Seine Frau hatte diesen Schock noch nicht verdaut, da entdeckte sie ein paar Meter weiter eine Blutlache auf dem Boden. Es war das Blut ihres Mannes. In ihrer Verzweiflung rief sie einen befreundeten Therapeuten an. Der informierte gegen 0.30 Uhr eine Vertrauensperson bei der Polizei in Frankfurt – trotz der Drohung der Entführer! Wenig später erschienen Fahnder daheim bei Reemtsma. Alles unter strengster Geheimhaltung. Dann flatterte ein zweiter Erpesserbrief ins Haus. Mit dabei das Polaroid-Foto von Reemtsma. Sein Gesicht trug deutlich die Spuren des Überfalls. In dem Brief verlangten die Entführer, dass getarnte Botschaften der Familie unter der Rubrik „Grußpost“ in der „Hamburger Morgenpost“ geschaltet werden sollten. Das Kennwort in den Anzeigen, die fortan täglich erschienen, lautete immer gleich: „Ann Kathrin“. Dahinter standen dann Sätze wie: „Melde Dich mal persönlich“ oder „Wir beide machen alles, was Du willst“. Es waren versteckte Hinweise an Thomas Drach und seine Komplizen.

Neun Tage nach der Entführung sollte es dann endlich so weit sein: Die Geld-Übergabe stand an. Für die Reemtsma-Familie war es kein Problem, die 20 Millionen zu organisieren. Schließlich war Jan Philipp der Spross einer reichen Tabak-Dynastie. Genau aus diesem Grund wurde er zum perfekten Opfer für die Entführer. Doch bei der Lösegeldübergabe lief dann etwas schief. Die Täter witterten, dass die Polizei informiert worden war. Niemand holte die Millionen ab. Reemtsma blieb gefangen und die Gangster schickten einen weiteren Erpresserbrief. In dem stand: „Sollte die nächste Übergabe aus polizeilichen Gründen scheitern, schneiden wir Herrn Reemtsma einen Finger ab. Eine gebrochene Nase hat er schon.“ Die Situation spitzte sich dramatisch zu. Das merkte auch das Opfer im Kellerverlies. Reemtsma fing an, sich Gedanken über seinen Tod zu machen. Immer wieder stellte er sich vor, wie man ihn irgendwo im Wald erschießen würde. Er verfasste mehrere Abschiedsbriefe an seine Lieben und rechnete mit dem Schlimmsten …

Als auch die zweite Übergabe scheiterte, erhöhten die Entführer das Lösegeld auf 30 Millionen Mark. Familie Reemtsma hatte das Vertrauen in die Polizei verloren. Hinter dem Rücken der Beamten schmiedeten sie einen waghalsigen Plan: Mithilfe des Hamburger Pastors Christian Arndt und des Kieler Soziologen Lars Clausen sollte die dritte Geldübergabe ohne Polizei über die Bühne gehen. Über ein Mobiltelefon wurden die beiden Männer von den Kidnappern nach Krefeld gelotst. Dort erhielten sie die Anweisung, das Auto zu verlassen und sich zu entfernen. Zwischenzeitlich holten sich die Verbrecher das Geld aus dem Wagen und fuhren das Fahrzeug auf einen Abhang. So wollten die Täter eine Verfolgung verhindern. Danach begannen unerträgliche Stunden des Wartens. Würden die Entführer ihr Versprechen halten und Jan Philipp freilassen? Inzwischen war es schon der 26. April. Seit 33 Tagen saß er angekettet wie ein Tier im dunklen Keller. Seine Qualen und Ängste müssen fürchterlich gewesen sein. Am späten Abend packten die Täter ihren Gefangenen und holten ihn nach oben. Als sie ihn in den Kofferraum ihres Wagens zwängten, war sich Reemtsma ganz sicher, dass sie ihn jetzt töten würden. Sie fuhren mit ihm los. Nach einiger Zeit stoppte der Pkw. Er sollte aussteigen. Reemtsmas Handfesseln wurden durchgeschnitten, die Augenbinde abgenommen. Und dann sollte er einfach loslaufen. Immer geradeaus. Da spürte er zum ersten Mal Erleichterung. Der Moment, den er 33 zermürbende Tage lang herbeigesehnt hatte, war plötzlich gekommen. Noch heute kann Reemtsma sich an jedes Detail seiner Freilassung erinnern: „Dann war da das Dorf gewesen, das erste Haus, in dem noch Licht brannte, und der darin wohnte, hat mich ohne Wenn und Aber hereinkommen lassen, obwohl ich ihm wie ein sonderbarer Strolch vorgekommen sein muss. Ich habe meine Frau angerufen, gesagt: ‚Ich bin’s. Ich bin frei.“ Es war das glückliche Ende einer der spektakulärsten Entführungsfälle Deutschlands!

25 Jahre später schlug der Verbrecher nochmal erbarmungslos zu!

Die Ermittler verfolgten den Täter bis ans Ende der Welt…

Einen Monat darauf gingen der Polizei in Spanien zwei Komplizen von Thomas Drach ins Netz. Die Ermittler hatten das Haus, in dem Reemtsma gefangen gehalten wurde, ausfindig gemacht. Über den Mietvertrag stießen sie auf die beiden Männer. Die wurden zu fünf und zehneinhalb Jahren Haft verknackt. Ein dritter Komplize stellte sich 1998 und kassierte sechs Jahre Gefängnis. Die Fahndung nach dem Kopf der Entführerbande verlief zunächst erfolglos. Drach flüchtete nach Südamerika, bewohnte unter falschem Namen eine teure Luxusvilla im uruguayischen Jetset-Badeort Punta del Este. Dort verprasste er auch das meiste Lösegeld. Der Rest blieb bis heute verschwunden. Im März 1998 gelang den Beamten ein großer Coup: Sie schnappten Drach in einem Hotel in Buenos Aires, als er gerade ein Konzert der Rolling Stones besuchen wollte. Zwei Jahre später lieferte ihn Argentinien nach Deutschland aus. 2001 folgte ein aufsehenerregender Prozess vor dem Hamburger Landgericht. Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte Drach in den Verhandlungssaal und blickte gelassen in die Kameras der Reporter. Von Reue keine Spur. 14 Jahre und sechs Monate Haft wegen erpresserischen Menschenraubs – so lautete das Urteil des Richters. Reemtsma forderte als Nebenkläger eine Sicherheitsverwahrung, die jedoch abgelehnt wurde.

Im Oktober 2013 kam Thomas Drach auf freien Fuß. Er zog zu einem Kumpel auf die Balearen. „Der Spiegel“ berichtete von Kontakten zu Drogenhändlern, die in großem Stil mit Kokain dealten. 2018 dann der große Knall: Drach wurde in den Niederlanden festgenommen. Grund: Zusammen mit Komplizen soll er mehrere Geldtransporter in Köln und Frankfurt überfallen haben. Zwei Wachmänner wurden durch Schüsse schwer verletzt. Nun sitzt Drach wieder in Untersuchungshaft und wartet auf seinen nächsten Prozess …

Sein einstiges Kidnapping-Opfer Jan Philipp Reemtsma wird bis heute von den dramatischen Ereignissen der Entführung verfolgt. Sein Sohn schildert dazu eine Szene am Flughafen. Vor dem Einsteigen der Familie in ein Taxi, äußerte Reemtsmas Frau Ann Kathrin Bedenken, ob denn alle Platz im Wagen hätten. Der Taxifahrer antwortete im Scherz: „Ansonsten muss halt einer in den Kofferraum ...“ Daraufhin Jan Philipp Reemtsma: „Das kann ich nicht empfehlen. Das ist sehr unbequem!“

Juliane Strobl