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VERSCHOLLEN IM UNCANNY VALLEY


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 200/2022 vom 11.02.2022

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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 200/2022

Uncanny Valley – was klingt wie ein Ausflugsziel für abenteuerlustige Naturfreunde, bezeichnet in Wahrheit einen paradoxen wahrnehmungspsychologischen Effekt, der Roboter oder animierte Figuren fremder erscheinen lässt, je menschenähnlicher sie gestaltet sind. Je realitätsnäher also das Design, desto geringer die Akzeptanz. In Philipp Winklers »Creep« sind virtuelle und außervirtuelle Wahrheit längst miteinander verschmolzen, ja, das Außervirtuelle für seine Protagonist/ innen überhaupt nur noch mit den Bezugsrahmen und Deutungsmustern des Virtuellen begreiflich.

Im Mittelpunkt stehen Fanni und Junya, die einander nie zuvor begegnet sind. Sie lebt in Deutschland, er in Japan. Beide sind Außenseiter/innen, beide führen ihr Leben fast ausschließlich im digitalen Raum. Fanni hat einen klassischen Bullshit-Job in einem hippen Start-up: Sie trainiert künstliche Intelligenz im Hinblick auf ihre ...

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... Mustererkennung. Was wir tun, wenn wir uns online durch Captchas klicken, um unser Menschsein zu beweisen, ist Fannis alltäglicher Job. Das Unternehmen namens BELL trainiert aber nicht nur KI-Systeme, es vertreibt auch Sicherheitstechnik. Fanni verschafft sich regelmäßig durch die im Haus installierten Kameras Zutritt zu einer Familie, an deren Leben sie teilnimmt, als sei sie eine verstoßene Angehörige. Sie führt eine Art By-Proxy-Leben durch die Familie, als deren unsichtbarer Teil sie sich imaginiert. Die Familie ahnt freilich nichts von der Zerstörung ihrer Privatsphäre. Ihr Zugewinn an subjektiver Sicherheit hat sie unsicherer gemacht. Aber Fanni ist nicht nur heimliche Beobachterin: Sie verkauft auch Datensätze von Kund/innen über das Darknet.

Zentral bedeutet Hypermoderne für mich die Auflösung alles Stofflichen – jeglicher Objekte und Subjekte – in ihre Attribute und Eigenschaften, in ihre Metadaten, wenn man so will. Kopierbar und nicht schreibgeschützt.

Philipp Winkler

Philipp Winkler hat mit Fanni eine Protagonistin erschaffen, deren Sozialisation stark vom aufkommenden Internet geprägt ist. Sie gehört noch zu einer Genera tion, die an der Schnittstelle von rein analoger zu digitalisierter Gesellschaft erwachsen geworden ist. Schon in Teenagerjahren sieht sie mit dem Bruder einer Freundin regelmäßig Gore-Videos im Netz und prägen Diskussionen in Imageboards und Foren ihr Selbst- und Weltverständnis. Sie hat einige Trigger in der außervirtuellen Welt, die untrennbar mit virtuellen Erfahrungen verknüpft sind: »Wann immer sie im Dezember joggen geht und an einem Laden vorbeiläuft, aus dem Weihnachtsmusik plärrt, muss sie an Happy Xmas (War is Over) von John Lennon denken. Und dann muss sie an Luka Magnotta denken. Wie er zwei Katzenbabys mit einer Plastiktüte erstickt.« Es sind alltägliche Begebenheiten, das Zooviertel, herabhängende Eiszapfen, Baustellen oder U-Bahn-Monitore, mit denen sie die online gesehene Gewalt verknüpft hat. »Einige meiner frühen Erinnerungen ans Netz sind natürlich auch in den Roman eingeflossen. Allen voran an rotten.com«, sagt Philipp Winkler selbst im Interview. »Andere Frühsterinnerungen sind z. B., im EDV-Unterricht insgeheim in den N-Joy Radio- Chat zu gehen oder sich einen eigenen Spezialagenten für ein Akte-X-E-Mail-Rollenspiel auszudenken. Musikvideos vom Wu-Tang Clan auf Napster runterladen und feststellen müssen, dass man wieder mal irgendeinem Arschloch auf den Leim gegangen ist, der die Videodatei eines Scat-Pornos umbenannt hat. Das-Schwarze-Auge-Fanseiten. Unscheinbare rosafarbene Websites mit nüchternen jpg-Dateinamen, die sich als Sailor-Moon- und anderes Hentai-Gedöns herausstellen.« Winklers eigene Erfahrungen und Erinnerungen verleihen den Schilderungen Tiefe und Plastizität, der Schrecken eines aufgezeichneten, online gestellten Suizids oder Unfalls ist immer nur einen Klick entfernt. Während Fanni selbst nahezu entkörperlicht lebt – ihr Körper nur ein »Meat Prison« (es gibt online einen Reddit-Thread mit dem Titel »I JUST WANT OUT OF THIS FUCKING MEAT PRISON«), ihre Ernährung ein Wechselspiel verschiedener vorportionierter Fertignahrung –, spielen Tod und Gewalt als durch und durch körperliche Erfahrungen in der Virtualität eine große Rolle. Aber was ist der Tod schon online, wo die Spuren eines Lebens weit über das Leben selbst hinaus präsent und abrufbar bleiben? Zynisch betrachtet nicht mehr als Content, antwortet Winkler auf diese Frage: »Im Virtuellen kann der Tod alles Mögliche sein. Weil alles Mögliche Content sein kann. In dem Sinne – und eventuell vereinfacht gedacht und etwas streitbar und zynisch formuliert – ist der Tod auch nichts wirklich anderes als der Clip einer Katze, die vor einer Gurke erschrickt.« Tod und Endlichkeit werden gewissermaßen ins Netz outgesourced und zu einem Inhalt unter anderen, während insbesondere westliche Gesellschaften die Beschäftigung mit dem Tod so lange scheuen, bis er sie selbst betrifft.

An dieser Stelle kreuzen sich Junyas und Fannis Wege, obwohl beide niemals von der Existenz des anderen erfahren. Tausende Kilometer von Fanni entfernt lebt Junya als Hikikomori. Hikikomoris werden in der japanischen Gesellschaft Menschen, vornehmlich junge Männer, genannt, die am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen und sich in ihren vier Wänden isolieren. Junya lebt seit dem plötzlichen Tod des Vaters allein mit seiner kranken Mutter. Seine Schullaufbahn war geprägt von massiven Mobbing- und Gewalterfahrungen, im Darknet aber hat er sich ein Alter Ego geschaffen, dessen Fertigkeiten bewundert und dessen Taten nachgeahmt werden. Online ist er »Hammer_Priest«. Ein User mit einem außergewöhnlichen Talent zum Schlösserknacken, einer, der außerhalb des Netzes mit nächtlichen Hammerattacken auf Schlafende Angst und Panik verbreitet. Seine Angriffe stellt er ins Darknet. Der Ohnmächtige hat zum ersten Mal in seinem Leben Macht. Weil es online keine Entfernungen, keine Grenzen und keine Barrieren gibt, finden Junyas Taten über ein Forum im Darknet auch Anklang in Deutschland. Ein User namens GermanVermin ist nicht nur begeistert von Junyas Videos, er kauft auch Fannis Datensätze von BELL-Kund/innen, um in ihre Häuser einzudringen. »Creep« buchstabiert die globalisierte, eng vernetzte Gewalt aus, die zwar alltäglich, aber allzu oft noch im Verborgenen stattfindet. Das gilt für einzelne Nachahmungstäter/innen wie für organisierte Gewaltstrukturen gleichermaßen.

Nach dem Tod seiner Mutter flieht Junya von zu Hause und gerät in organisierte Gewaltstrukturen außerhalb des Netzes – in das unmittelbare Umfeld der Yakuza, in dem sich auch einer der Mitschüler bewegt, der ihn zu Schulzeiten gequält hat. Der in Japan angesiedelte Erzählstrang bereichert den Roman um eine weitere Perspektive, ist er doch in manchen Belangen beinahe spiegelbildlich angelegt. Junyas Vorstellungswelt ist stofflicher, geprägter von folkloristischen Figuren und den Heldenerzählungen in Mangas, einer anderen Umgangsform mit dem Tod. Er agiert weit körperlicher als Fanni, tritt online vielmehr als ein imaginierter, gestalteter Charakter in Erscheinung, während sich Fanni gleichsam in ihrer Beobachterinnenposition auflöst. Beide überschreiten Grenzen, beiden fehlen Halt und Bindung in einer zunehmend bindungslosen Umwelt.

Philipp Winkler hat fraglos ein Faible für randständige Figuren und Subkulturen. Sein gefeiertes Debüt »Hool«, im Jahr 2016 für den Deutschen Buchpreis nominiert, spielte in der Hooliganszene, das 2020 erschienene »Carnival« unter Schausteller/innen.

Diese Liebe für Außenseiter/innen merkt man seiner Figurengestaltung an, sie findet aber auch sprachlichen Niederschlag. Häufig wählt Winkler Gruppen, die eigene Verhaltensregeln und eine gruppenspezifische Sprache entwickelt haben. In »Creep« ist das insbesondere die Sprache der Digital Natives, die den Stil des Romans prägt. Sie technisiert natürliche Vorgänge und digitalisiert Wahrnehmung, indem sie sie immer in Bezug zu technischen Vorgängen setzt. Wenn Fanni vor einem Jugendfreund davonläuft, wird »Grundstück für Grundstück in die Peripherie geladen«. Sie wünscht sich, »ihre Mutter auf einer zweidimensionalen Fläche – einem Monitor – sehen zu können«, um sie wie ein Fenster am Bildschirm zu schließen. Jemand hat Oberarme, »als hätte man den Regler im Character-Creation-Screen bis zum Anschlag nach rechts gezogen«. Diese Aneignung bestimmter Sprachmuster ist charakteristisch für Winkler: »Mich reizt u. a. daran, was diesen ›Sprachen‹ zugrunde liegt, wie sie Denken, Haltung und Identifikation modifizieren und wie sie sich zu dem verhalten, was auch immer die Norm ist. Dazu sind sie auch aus literarischer Sicht reizvoll, weil sie das sprachliche Spektrum erweitern, Zwischenräume vertiefen, Färbungen und Schattierungen diversifizieren und sowohl Klüfte als auch Schwellen schaffen können.«

Winkler schafft eine Sprache, die nicht nur Spiegel seiner Protagonist/innen ist, sondern auch die Wahrnehmung von Leser/innen formt. Sie spiegelt auf gelungene Weise, wovon sie erzählt: Digitalisierung, Vernetzung, Entkörperlichung, Vereinzelung. Und nicht zuletzt schafft sie, gerade im in Japan angesiedelten Teil des Romans, eine greifbare Atmosphäre, eine lebendige Welt. Sie erzwingt, so man nicht stoisch über alle unbekannten Begriffe hinweglesen will, eine Auseinandersetzung mit der Sphäre und der Szene, in der sie gebräuchlich sind. War das in »Hool« manchmal noch etwas ungelenk, ist es in »Creep« eine bereichernde Ebene.

»Creep« erzählt von Grenzüberschreitungen in einer grenzenlosen, fragmentarisierten Welt. Der Verlag bewirbt den Roman mit dem Schlagwort der »Hypermoderne«, für die Winkler selbst eine klare, wenn auch beängstigende Definition hat: »Zentral bedeutet Hypermoderne für mich die Auflösung alles Stofflichen – jeglicher Objekte und Subjekte – in ihre Attribute und Eigenschaften, in ihre Metadaten, wenn man so will. Kopierbar und nicht schreibgeschützt. Und im Grunde (und gruseligerweise) noch mehr als nur [die Auflösung] alles Stofflichen: Ebenso die Auflösung vieler bis womöglich aller psychischen Vorgänge – Furcht, Wut, Zweifel, Freude, Mitgefühl, Hass etc. pp.« Diesem Konzept bleibt der Roman weitgehend treu, auch indem er die Befindlichkeiten und Bedürfnisse seiner Protagonist/innen ins Digitale auslagert. Fannis Wunsch nach einer Familie und der Verbindung zu anderen Menschen findet keine Entsprechung mehr in der Wirklichkeit. Das Netz und das virtuelle Erleben ist ihr Substitut, etwa wenn sie sich zur Entspannung in ihrer Wohnung via Beamer eine Seelandschaft an die Zimmerwände wirft. Junya verwirklicht seinen Wunsch nach Anerkennung und Liebe nur noch in einer in digitalen Sphären erschaffenen Schreckensfigur, die bei Tageslicht zwingend in sich zusammenfallen muss. Als er sich bei der Polizei stellen will, wird er für einen Trittbrettfahrer gehalten. Als er seine neu gewonnenen »Freunde« aus den Fängen eines Yakuza-Bosses retten will, sagt einer von ihnen bloß: »Du warst zu lange in deinem Kinderzimmer eingesperrt.«

Was machen das Netz und eine zunehmend digitalisierte, entkörperlichte Gesellschaft mit uns? Während Mark Zuckerberg als Facebook-Chef vom Metaverse träumt, in dem digitale Repräsentationen des Lebens und wir selbst als Avatare unser Miteinander und unseren Alltag prägen, sieht Winkler seinen Roman nicht als dystopische Variante dieser Vision: »Ich denke, der Schlusspunkt ist das Durchs-All-Schweben von Flash-Speichern mit den kopierten Digital-Bewusstseinen der Bezos, Musks, Zuckerbergs und Thiels, von dem der Rest überhaupt nichts mitbekommen wird, weil wir viel zu okkupiert damit sind, unsere Mieten bezahlen zu können.« »Creep« ist somit weniger die Geschichte des Metaverse, eines digitalen Eliteprojekts, sondern vielmehr die Geschichte derer, die im Schatten digitaler Megakonzerne in immer prekärer werdenden Verhältnissen leben und arbeiten. Obwohl Winkler selbst freilich das Internet nutzt und froh darum ist, mit der Transition von analoger zu digitaler Welt groß geworden zu sein, gibt es Orte, von denen er sich aus guten Gründen fernhält: »Ich nutze es zu einem großen Teil zum Abrufen von Information, zum Kaufen gebrauchter Dinge und um nicht in direkten Kontakt mit Mitmenschen treten zu müssen. Von Social Media habe ich mich seit geraumer Zeit verabschiedet, weil die depressionsinduzierenden Aspekte die (eh nur wenigen) positiven für mich bei Weitem übersteigen.« Soziale Medien spielen folgerichtig im Roman nur eine untergeordnete Rolle, man kann auch ohne ihren Horror unglücklich sein.

Als für Fanni am Ende die »digitale und die gegenständliche Welt aufeinanderprallen«, ist das beinahe ein spirituelles Erlebnis. Sie fühlt sich, »als hätte sie eine VR-Brille auf dem Kopf, einen Haptiksuit am Körper«. Die gegenständliche Welt ist so real, dass sie sich wie eine Simulation der Realität anfühlt. »Creep« ist ein raues, ein schmerzhaftes Buch, in dem Leser/innen sich so vereinzelt fühlen wie die Protagonist/innen, von denen es erzählt. Obwohl Fanni und Junya Grausames tun, jede/r auf seine bzw. ihre Weise, kann man nicht umhin, Mitgefühl angesichts dieser Unverbundenheit zu empfinden, in der sie leben. Die Mission eines Internets, das Menschen miteinander verbindet, ist in »Creep« längst gescheitert. Obwohl man den Roman natürlich nicht als prophetisch lesen oder den Anspruch erheben sollte, er nehme reale Entwicklungen vorweg, liest man ihn nicht ohne düstere Ahnungen die digitale Zukunft betreffend. Könnte nicht auch alles positiver werden? Spricht etwas dafür? Winkler selbst sieht das pragmatisch: »Hm. Vielleicht das Wissen darum, dass irgendwann Sense ist und man spätestens dann chillen kann. Und bis dahin einfach Katzen und Hunde streicheln, so oft es geht.«