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VERSCHOLLEN: Wie man auf einer einsamen Insel überlebt


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 09.07.2019

Sechs Tage und fünf Nächte auf einem Eiland mitten im Indischen Ozean. Kein Zelt, kein Survival-Handbuch, keine Ahnung. Unsere Autorin hat sich der Wildnis, einem Taifun und sich selbst gestellt, um zu erkennen: Das Wecken deines Urinstinkts hat nichts mit Mordlust zu tun.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 9/2019

Ratlosigkeit unter der schützenden Plastikplane: Ist der Taifun vorbei, oder kommt er wieder?


Einsame Insel bedeutet: Du musst an Land schwimmen, kein Boot kann direkt ankern. Das Salzwasser brennt in den Augen, die Kleidung ist vollgesogen, der Energieakku nach 28 Stunden Indonesien-Anreise leer. Helfer ...

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... befördern das Equipment schwimmend ans Ufer, bevor sie abhauen.


Das Meer rauscht nicht, es brüllt mich an. Der Wind pfeift durch die Dunkelheit, Regen peitscht mir ins Gesicht. Ich zittere am ganzen Körper, meine Haut ist kalt und nass, und was von meinen Haaren übrig blieb, ist zu einem heillos verfilzten Biberschwanz auf meinem Hinterkopf verkommen. Als Schutz gegen das Unwetter liege ich eingewickelt in eine schwarze Plastikplane. Aus der Vogelperspektive muss ich wie eine schlecht verpackte Leiche aussehen, an den Strand gespült. Aber ich bin nicht tot.

Dafür bin ich gerade viel zu wütend aufs Leben. Und auf mich selbst. Warum zum Teufel wollte ich unbedingt auf diese einsame Insel mitten im Indischen Ozean – ohne Zelt und vor allem ohne die geringste Ahnung, wie man einen 120-km/h-Tropen-sturm überlebt? Da können noch so viele Selbsthilfebücher behaupten, einmal im Leben müsse man wimmernd in Embryonalstellung am Boden liegen, weil das angeblich so heilsam sei. Ich weiß nur: Wenn ich hier weiter in Embryonalstellung verharre, stehen die Chancen gut, dass mich noch eine Palme erschlägt.

Rückblende. Es waren vier Flieger, ein Speedboot und zwei Tabletten gegen Seekrankheit erforderlich, um auf dieses Archipel vor Indonesien zu kommen. Genauere Koordinaten darf ich nicht nennen. Sowohl der Name der einsamen Insel als auch die Region sind geheim. Alvaro Cerezo, ein 38-jähriger Spanier und Kopf der Zwei-Mann-Abenteuer-Reiseagentur Docastaway.com, hat mich und unseren Fotografen Philipp sogar eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben lassen. Mit Docastaway (frei übersetzt: „Schiffbruch zum Nachmachen“) bietet der studierte Betriebswirt tropische Inselaufenthalte mit Einsamkeitsgarantie an. In einer Zeit, in der man immer erreichbar sein muss und jeder Quadratmillimeter Land verbaut scheint, ist er besessen davon, den höchsten Grad an Isolation zu finden und diesen auch zu bewahren.

Für Alvaro sind einsame Inseln wie eine Zeitreise, mit einer Flora und Fauna wie vor hunderten von Jahren. Tut sich ein passendes Eiland auf, beginnt die Überzeugungsarbeit. Denn jedes Stück Land dieser Welt gehört irgendjemandem: Privatbesitzern, Regierungen, dem Militär. Bei erfolgreich verhandelter Betretungserlaubnis lotst Docastaway dann Möchtegern-Robinson-Crusoes wie mich ab zirka 1000 Euro pro Woche auf die jeweilige Insel und stellt nur das Nötigste zum Überleben zur Verfügung: Macheten, eine Harpune, ein Feuerzeug, zwei Kochtöpfe, Angelleine und Angelhaken und einen 12-Liter-Kanister Trinkwasser. Das nennt sich das „Abenteuer-Paket“. Der Deal lautet: sechs Tage und fünf Nächte Survival, Fotograf Philipp und ich mutterseelenallein auf einer unbewohnten indonesischen Insel – nur mit dem genannten Equipment, ohne Zelt oder festen Unterschlupf. Dazu: zwei Hängematten, Sonnenschutz, Moskitospray, Stirnlampen, ein Kilogramm Reis, ein halbes Kilo Quinoa, Zahnbürste, Decken, ein bisschen Kleidung. Alvaro legte uns Ressourcenknappheit ans Herz: „Je weniger ihr mitbringt, desto prägender wird euer Erlebnis sein.“

ANFÄNGERFEHLER:
ICH HABE MIR LIEBER GEDANKEN ÜBER WIRKSAME DEOS ALS ÜBER REGENSCHUTZ GEMACHT.

Früher Morgen auf einer unbewohnten indonesischen Insel: Taifun überlebt. Kleidung nass. Körper völlig ausgekühlt. Ich fühle mich gestrandet.


Das Inselreich aus der Drohnenperspektive: tosende Brandung, viel Sand, Treibholz, gefühlt drei Milliarden Krebse (und ich).


Das rund vier Meter lange Bambusrohr ist ein Glücksfund. Mit ihm schlägt man die Kokosnüsse von den Palmen – oder versucht es zumindest.


Selbstporträt mit Schattenspiel. Auf der einsamen Insel gibt es kein elektrisches Licht. Dunkel wird es gegen 19 Uhr, das bleibt dann auch so für die nächsten zwölf Stunden.


Während der Wind mannshohe Palmwedel von den Bäumen reißt, verfluche ich den Kerl. Dabei trifft Alvaro keine Schuld. Ich habe nur einmal im Garten unseres Ferienhauses eine Nacht gezeltet, ich habe keine Ahnung, wie man das Wetter liest, geschweige denn, wie man einen Unterstand baut oder gar jagt. Aber warum ich wirklich in diesem Schlamassel stecke, ist: Ich bin zu blöd zum Zuhören. Alvaro hatte nämlich im Vorfeld vor Regen gewarnt: „Auf der Insel wird es gegen 19 Uhr dunkel und erst zwölf Stunden später wieder hell. So ein nächtlicher Sturm kann eine gefühlte Ewigkeit dauern und vor allem ziemlich kalt werden.“ Ich wiegelte ab mit „Jajaja, wir nehmen eh zwei Plastikplanen und warme Pullis mit – alles kein Problem“ und machte mir dann Gedanken über die wichtigen Dinge im Leben. Zum Beispiel Deos und wie man knapp eine Woche ohne Dusche und ohne Geruchsbelästigung übersteht.(Dass Philipps Nase nach einer Polypen-Entfernung noch nicht wieder feinjustiert war, kam mir sehr gelegen.) Oder Sandflöhe! Laut Google höchst heimtückische Biester: Bevorzugt legen sie ihre Eier in menschlichen Fußsohlen ab(klingt unheimlich, ist aber mit einer Pinzette und Antibiotika zu kurieren).

Mittlerweile kann ich sagen: Die schlimmste Bedrohung in freier Natur sind nicht wilde Tiere oder bissige Insekten. Was du wirklich fürchten musst, das ist der Regen. Regen ist brutal. Denn wenn du bis auf die letzte Faser nass bist und nicht weißt, ob der nächtliche Sturm noch Stunden oder vielleicht sogar Tage dauern wird, dann kommen Körper und Psyche an ihre Grenzen – zumal es von Survival-Inseln keinen einfachen Exit gibt. Alvaro hat mir und dem Fotografen zwar ein Notfallhandy mitgegeben, aber eine Schnellevakuierung garantiert das nicht. Denn einsame Inseln sind vor allem deshalb einsam, weil kein Boot direkt andocken kann. Diese Lektion offenbarte sich mir gleich bei der Ankunft. „Wir müssen ans Ufer schwimmen“, wurden wir angewiesen, als der Motor 200 Meter vor der Insel plötzlich verstummte. Ein Postkartenidyll mit Palmen, schroffen Felsen und Sandstrand, geschätzt einen Kilometer lang und 300 Meter breit, lag vor uns. Irgendwo hinter dem Horizont, 1500 Seemeilen weiter westlich, sollten die Malediven beginnen. „Und: unser Gepäck? Die Kameras?“ – „Die schwimmen wir für euch rüber.“ Unser Bootsführer war bereits mit einer überladenen Plastikbox in die Fluten gesprungen. Die Kiste taumelte durch den Wellengang gefährlich hin und her. Würde sie kippen, Reisepässe, Gepäck, alles wäre verloren.

Der unfreiwillige Schwimmgang scheint ewig her, obwohl seitdem gerade mal 48 Stunden vergangen sind. Die Bucht, an der uns Alvaro unserem Schicksal überlassen hat, besteht aus einem Strandabschnitt mit hoher Brandung und gefühlt drei Milliarden Einsiedlerkrebsen. Das Meer ist so laut, dass man das eigene Wort nicht versteht. Dahinter beginnt die Dschungel-Version von „Blair Witch Project“: Spinnweben, Palmen, Agaven, leere Kokosnussschalen, die Unterschlupf für Tausendfüßer, Zikaden, Schlangen und Echsen bieten. Solange man Kokosnüsse hat, stirbt man nicht, heißt es. Grüne, unreife Nüsse enthalten bis zu 500 Milliliter Wasser mit wichtigen Elektrolyten. Ob man aber auch immer die Kraft findet, die Dinger mit einem Bambusrohr von der Palme zu schlagen, ist eine andere Frage. In einen Baumstamm ist „Mikelo“ eingeritzt. So heißt ein ehemaliger Survival-Kandidat, der hier die Asche seiner toten Mutter verstreut haben soll. Wir sind also nicht allein, auch wenn es die Indonesier beim Gedanken daran schaudern würde. In dem Inselstaat glaubt man an Geister. Dass man sich freiwillig auf einem einsamen Eiland verschanzt, ist für viele unheimlich.


Solange du Kokosnüsse hast, überlebst du. Eine Nuss spendet bis zu einen halben Liter Flüssigkeit.


der Lagerplatz. Zwei Hängematten, eine Wäscheleine, Kokospalmen, Schatten. Raue Brandung. Die Strömungen hier sind gefährlich. Unten: Einsiedlerkrebse machen sich im Dutzend über eine von mir aufgeschlagene Kokosnuss her.


DAS SURVIVAL-EQUIPMENT

1 Agavenblatt. Natürlicher Trichter zum verschüttfreien Umfüllen von Flüssigkeiten. 2 Wasserkanister für sechs Tage. Inhalt: 12 Liter. 3 Leatherman mit Messer und Minisäge für Schneidearbeiten. 4 Macheten, wegen der hohen Luftfeuchtigkeit täglich eine Spur rostiger. 5 Kokosnüsse mit Trieben. Wachsen am Boden, bei Energielosigkeit leichte Beute. Innen süßlich – und schaumig wie Styropor. 6 Kochtöpfe, Streichhölzer, Kaminanzünder (für den Fall, dass alles nass ist) und zwei Esslöffel. 7 Harpune ohne Sicherung, Marke indonesischer Eigenbau. Mehr Gefahr für einen selbst als für die Fische. 8 Plastikplane aus dem Baumarkt. Lebensretter. Schützt bei einem Sturm vor Nässe und hält notfalls die Körpertemperatur halbwegs stabil.


ICH DACHTE, ICH WÜRDE IN JEDEM LEBEWESEN EINE POTENZIELLE WANDELNDE MAHLZEIT SEHEN.


„Bist du okay?“ Philipp, der Fotograf, hat ein paar Meter weiter dem nächtlichen Sturm getrotzt. Durchweicht und erschöpft lässt er sich neben mich in den Sand fallen. Wir haben seit zwei Tagen kaum gegessen, abends ein paar Löffel Reis, zum Frühstück eine Kokosnuss, mehr gibt es nicht. Bei tropischen 35 Grad kein Problem, da brauchst du wenig Energie. Doch nach dem Taifun fehlt uns für so ziemlich alles die Kraft. Fischen ist wegen des hohen Wellengangs in unserer Bucht und dank der Talentfreiheit meinerseits sinnlos. Die Köder – Algen oder Krebse – rutschen sofort vom Haken, die Schnur verfängt sich in versteinerten Korallen und reißt. Und Einsiedlerkrebse über dem Feuer zu rösten, dazu konnten wir uns bis dato nicht durchringen. Die spinnenartigen Beine sind haarig, die Körper unter den Schneckenhäusern mager. „Denkst du, das war’s? Oder geht das jetzt die restlichen Tage so weiter?“, frage ich Philipp leise. „Ich weiß es nicht.“ – „Noch so eine Horrornacht überstehe ich nicht.“ – „Wir müssen positiv denken. Die Anreise war zu lang, um aufzugeben.“

Als zu Mittag die Sonne durch die Wolken blinzelt, lebt auch mein Kampfgeist wieder auf. Wir spannen eine Schnur, um unsere Hängematten zu trocknen, und planen eine – zumindest in der Theorie – sturmfeste Behausung aus Plastikplanen, Seilen und Steinen. Der Wind hat sich gelegt, der Himmel wird mit jeder Minute blauer. Das, was vor ein paar Stunden noch Apokalypse war, mutiert jetzt zu einem kitschigen Werbetraum.Plopp . Eine Kokosnuss fällt zu Boden. Schwindelig von der Unterzuckerung trabe ich los, um sie aufzulesen, und säble dann durch die Fasern der Frucht. Meine Armmuskulatur brennt, ich bin am Ende. Die hohe Luftfeuchtigkeit und das Salzwasser haben die Klingen der Macheten rostig werden lassen, meine Handflächen entwickeln braunrote Schwielen. „Mit dem Sturm hat dieses Abenteuer erst begonnen“, sinniert Philipp. Ich weiß, er hat recht. Aber mir ist nicht nach Reden zumute. In meinem Kopf ist es zu laut. Ich dachte, dieses Survival-Abenteuer würde meine Urinstinkte wecken, jedes Lebewesen zu einer potenziellen wandelnden Mahlzeit machen. Mein Vater ist von Beruf Metzger, die Sache wäre also gar nicht mal so abwegig. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ich will nichts töten. Ich will verstehen und fühle mich plötzlich seltsam mit der Erde verbunden. Stundenlang studiere ich das Chaos des Dschungels. Die schiefen Stämme, die vorbei an den gerade gewachsenen zum Licht drängen. Ein braun-grünes Durcheinander, das keiner menschlichen Ordnung folgt und genau deshalb so wunderschön ist. Ich atme die feucht-sandig-moosige Luft ein. Gleich hinter mir verrotten entwurzelte Bäume und, ich wette, auch tote Echsen, Vögel und Krabben. Trotzdem: Die Natur riecht taufrisch, während ich das von mir nicht mehr behaupten kann.

Der Sturm war hart, aber mir dämmert, er war keine Kampfansage der Welt an mich. Meine Wenigkeit ist der Natur vollkommen egal. Sie ist größer als ich, immerhin wird sie noch existieren, wenn ich längst nicht mehr bin. Dennoch stellt sie großzügig alles zur Verfügung, was ich zum Leben brauche. Ich muss nur lernen, die Geschenke erkennen. Da wäre zum Beispiel das Meer. Ein Schuss Ozean im Kochwasser würzt unseren Reis. Zum Reinigen des Topfs ist Sand das beste Scheuermittel. Überdies spült das Meer täglich Treibholz an, von der Sonne getrocknet, brennt es wie Zunder. Oder die Palmen, diese Universalgenies! Sie sind Kokosnuss- und Schattenspender, Hängematten-Stützen, ihre Wedel dienen als Baumaterial, und in leeren Kokosschalen kann man Regenwasser auffangen. Ein abgeschnittenes Agavenblatt wiederum lässt sich als Trichter missbrauchen. Hält man es im richtigen Winkel, geht beim Umfüllen vom Wasserkanister in unsere Trinkflaschen kein Tropfen verloren. Dass der dauer klebrige Salzfilm auf der Haut einen in den Wahnsinn treibt – Schwamm drüber! Auf einer einsamen Insel wirfst du spätestens nach der ersten Freiluft-Notdurft deine Sauberkeitsideale über Bord.


DIE NATUR STELLT GROSSZÜGIG ALLES ZUR VERFÜGUNG, WAS ICH ZUM ÜBERLEBEN BRAUCHE. ICH MUSS NUR LERNEN, IHRE GESCHENKE ZU ERKENNEN.


Lagerfeuer? Nein, meine persönliche Müllverbrennungsanlage. Der Verschmutzung der Weltmeere entkommt auch die einsamste Insel nicht.


Nachts kommen Schildkröten auf die Insel, um ihre Eier in Nistkammern im Sand abzulegen.


Das größte Badezimmer der Welt: Mit einem Kamm versuche ich, die verfilzten Haare zu entwirren. Ein paar Meter weiter rauscht das Meer: meine Badewanne und Waschmaschine.


Wenn ich nicht gerade über das große Ganze nachdenke, schreite ich durch mein sandiges Königreich und räume auf. Mit 120-Liter-Müllsäcken, die ich zum Schutz für die Kameras mitgebracht habe, sammle ich angespültes Plastik ein. Die Insel mag zwar fern von allem liegen, der Verschmutzung der Weltmeere entkommt sie nicht. Allein in „meiner“ Bucht stoße ich auf hunderte leere Plastikflaschen, bei 246 habe ich aufgehört zu zählen. Ölkanister. Sonnenmilchtuben. Flip-Flops – 56 Einzelexemplare, keine zwei passen zusammen. Dazu: Zahnbürsten. Shiva-Spielzeugfiguren, vermutlich aus Indien. Joghurtbecher. Alte Bojen, Taue, Styropor. Plastikstrohhalme, die infolge Salz- und Sonneneinwirkung zwischen meinen Fingern zerbröseln. Es bricht mir fast das Herz, als ich sehe, wie Krabben die Mikroteile zwischen ihre Scheren nehmen und davon kosten. Also starte ich eine Müllverbrennungsanlage. Sechs volle Säcke, 720 Liter Unrat, gehen dramatisch in schwarzem Rauch auf, es stinkt nach Chemie, das Treibgas in einer Spraydose knallt. Am Festland würde man mit dem Plastik dasselbe machen, das Feuer mag zwar die Luft verpesten, stellt aber sicher, dass die Babyschildkröten, die hier bald schlüpfen, in eine sauberere und für sie weniger gefährliche Welt krabbeln können. Die Spuren im Sand verraten, wo eine Schildkröte Nistkammern angelegt haben muss. Irgendwann dämmert mir, dass auch unter meiner Feuerstelle Eier liegen werden. Verdammt! Der Kreislauf des Lebens scheint zu vielschichtig für mein klein dimensioniertes Hirn. Kein YouTube-Survival-Videomarathon kann dich darauf vorbereiten.

Zur Beruhigung beobachte ich die Krebse und die Krabben. So ereignislos das Leben auf einer einsamen Insel scheint – du schläfst, du versuchst, jeden Tag ein bisschen kraftloser, Kokosnüsse zu ernten, machst Feuer, schwimmst, sammelst Müll ein –, am Boden geht’s geschäftig zu wie in einer Megametropole. Flächendeckend wuseln die Viecher hin und her. Ich beginne, sie nach Größe und Farben zu differenzieren. Es gibt Tiere mit grünen Schneckenhäusern am Rücken. Manche sind babyrosa, andere gepunktet oder rot-braun-weiß. Zwei Arten und zwei Zonen mache ich aus. Die Einsiedlerkrebse – von fingernagelklein bis handtellergroß – halten sich in Dschungelnähe auf. Sie sind Junkies, insgeheim nenne ich sie Kokossüchtler. Kaum fällt ein Schnipsel Kokosfleisch zu Boden, stürzen sie sich zu Dutzenden darauf. Exkremente und Plastik verspeisen sie im Übrigen auch. Und dann gibt es die Albino-Krabben. Ihren korrekten biologischen Namen kenne ich nicht. Sie leben vorwiegend in Löchern am Strand, haben einen lustigen Seitwärtsgang und aufmerksame schwarze Stielaugen. Nahrungstechnisch würden sie mehr hergeben als die Kokossüchtler. Aber ich kann sie trotzdem nicht mit einem Stein erschlagen. Denn die Albinos sind Hardcore-Romantiker. Wenn abends der Himmel rot und pink zu glühen beginnt, dann unterbrechen auch sie ihr Treiben. Plötzlich erscheinen sie für mich menschlich.


DIE EINSIEDLERKREBSE SIND JUNKIES, INSGEHEIM NENNE ICH SIE KOKOSSÜCHTLER.


ICH FINDE PLASTIKFLASCHEN. FLIP-FLOPS, 56 EINZEL-EXEMPLARE, KEINE ZWEI SANDALEN PASSEN ZUSAMMEN. EINSAME INSEL HEISST NICHT, DASS MAN DER VERSCHMUTZUNG DER MEERE ENTKOMMT, IM GEGENTEIL.


Als Alvaro am sechsten Tag wie aus dem Nichts auftaucht, um uns durch den Dschungel zurück zum Boot zu führen, freue ich mich auf 3000 Kalorien Nasi Goreng, eine lange Dusche und Jod für das an Korallen aufgeschürfte Knie, das Herz aber sagt:Hmmm. „Ich habe am Festland oft an euch denken müssen, der Sturm in der dritten Nacht war schlimm“, schnattert Alvaro. Ja, stimmt. Aber der Taifun hat nicht nur das Meer aufgewühlt. Sondern auch mich. Ich werfe einen letzten Blick auf „meine“ Insel, lasse mich unwillig zurück in die Zivilisation führen. Als wir Stunden später im Flughafentaxi sitzen, gefangen im Feierabendstau, sage ich zu Philipp: „Das saugt mir gerade enorm viel Energie ab. Die vielen Menschen! Ich habe das Gefühl, ich spüre jede einzelne ihrer Stimmungen, ihren Ärger über die Autokolonnen, ihre Unruhe. Mit den Krabben und den Palmen war das Leben irgendwie einfacher.“ – „Ich weiß, was du meinst.“ Ich schaue auf meine geschundenen Finger, die Hautrisse, die durch Rostspuren der Machete dunkel gefärbt sind, nach dreimal waschen werden sie nicht mehr zu sehen sein. „Ich will zurück“, sagt das Herz. „Das geht nicht“, sagt der Verstand. Flüstert das Herz: „Dann musst du wohl ab jetzt deine eigene Insel sein.“


Fotos PHILIPP HORAK