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Versöhnung der Geschlechter


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 42/2018 vom 12.10.2018

Leitartikel Warum #MeToo auch die Männer freier gemacht hat


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 42/2018

Ein Jahr nachdem die #MeToo-Bewegung ihren Anfang genommen hat, ist die Welt, wenn man Donald Trump glauben will, eine düstere geworden für Männer – also für Menschen wie mich: »Das ist eine sehr furchterregende Zeit für junge Männer in Amerika. « Die »Unschuldsvermutung« gelte nicht mehr, klagte der Präsident, der sich einmal brüstete, dass er Frauen ungestraft an die Geschlechtsteile fassen könne, weil er berühmt sei. Für Trump ist der Skandal nicht, dass Frauen sich vor Übergriffen fürchten müssen, sondern dass Männer wie er von Frauen beschuldigt werden, übergriffig zu sein. Als Mann finde ich nur wenig ärgerlicher als Männer in Machtpositionen, die sich zu Opfern stilisieren.

Denn natürlich sind dies noch immer prächtige Zeiten für Männer, auch für Sexisten. Der konservative Richter Brett Kavanaugh, dem Frauen Übergriffe in seiner Jugend vorwerfen, wurde auf Lebenszeit an den Obersten Gerichtshof der USA gewählt, ohne dass die Vorwürfe wirklich geprüft worden wären. In Brasilien steht ein Mann vor der Wahl zum Präsidenten, Jair Bolsonaro, der einmal zu einer Abgeordneten im Parlament sagte, er werde sie nicht vergewaltigen, weil sie »zu hässlich« sei. Auch in Deutschland sind Männer ein Jahr nach #MeToo nicht die Opfer, sondern meis tens immer noch die Täter, wenn es um sexuelle Über- griffe geht.

Trotzdem: Die #MeToo-Bewegung hat vieles erreicht in diesem Jahr. Sie hat ein Bewusstsein geschaffen für die Realität von Macht und Missbrauch im Alltag, sie hat damit die Wirklichkeit ein klein wenig verändert. Es hat etwas Befreiendes, dass Männer wie Harvey Weinstein und Bill Cosby vor Gericht und im Gefängnis büßen müssen für das, was sie Frauen angetan haben.

Es wäre ein Leichtes, sich als Mann beleidigt zurückzuziehen und zu jammern, dass man sich wegen seines Geschlechts mit Nötigern, Grapschern, Vergewaltigern in einen Topf geworfen sehe. Stehen alle Männer unter Generalverdacht? Die Antwort ist natürlich nein. Es ist nun mal so, dass die Täter fast immer Männer sind, und natürlich hat das dann auch etwas mit dem Mannsein zu tun, mit Rollenbildern, überlieferten und erlernten. Im Übrigen stimmt es ja nicht, dass nicht unterschieden würde zwischen missglückten Flirts und Straftaten. Und ja: Der Fall Kachelmann hat gezeigt, dass es Falschbeschuldigungen gibt. Das aber ändert nichts an den großen und kleinen Übergriffen, die in manchen Teilen der Gesellschaft endemisch und strukturell stattfanden und stattfinden. Den Blick darauf zu lenken ist das Verdienst von #MeToo. Und damit hat diese Hashtag-Bewegung viele Männer und Frauen für etwas Größeres sensibilisiert – den Feminismus.

Die gute Nachricht ist nämlich, dass der Feminismus nicht nur etwas für Frauen ist, sondern auch die Männer freier macht. Eine Welt, in der der Wert von Frauen auf ihr Äußeres, ihre Kinder und ihre Rolle im Haushalt reduziert wird, ist auch eine Welt, in der sich der Wert von Männern an ihrem Einkommen, ihrer Karriere bemisst und in der falsch verstandene männliche Stärke vor allem Schwächen kaschiert. Wer will eine Welt, in der auf Vorstandsfotos lauter fast identisch aussehende Männer zu sehen sind? Ich nicht. Ich trauere auch den Testosteronrunden und Dinosauriermännern nicht nach, denen ich zu Beginn meines Berufslebens begegnet bin. Das Atmen fällt heute leichter.

Betrachtet man den Feminismus auf diese Weise, steht er nicht für den Kampf der Geschlechter, sondern für ihre Versöhnung. Er steht dafür, dass Macht gleich verteilt werden sollte und jeder Mensch, Frau oder Mann, sein kann, was sie oder er sein will, befreit von den Fesseln fester Zuschreibungen.

Im SPIEGEL-Sonderheft »#frauenland«, das diese Woche erschienen ist, steht eine bemerkenswerte Umfrage: Zwei Drittel der Deutschen – und auch zwei Drittel der Männer – finden demnach, dass #MeToo vor allem Posi- tives bewirkt habe. Was das zeigt? Eine Mehrheit der Frauen und Männer ist froh darüber, dass die Decke gelüftet wurde über der Welt des sexuellen Machtmissbrauchs.

Diese Mehrheit der Deutschen will auch nicht, so deute ich das, dass sich die Möglichkeiten von Menschen durch ihr Geschlecht verringern. Sie wünschen sich für ihre Töchter die gleichen Chancen wie für ihre Söhne – und sie wünschen sich ihre Söhne nicht in die Welt des »boys will be boys« zurück, in der Jungs als Jungs gesehen werden, die halt nicht anders können. Deshalb ist diese neue Zeit, in der wir seit einem Jahr leben, eine ziemlich gute für junge Frauen und für junge Männer.


CHAMUSSY / SIPA / ACTION PRESS

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